Maly Trascjanec: Die Erinnerungskultur

Tour Minsk, BY

Dieser Walk vermittelt einen Überblick über die auf den Vernichtungsort Maly Trascjanec bezogene Erinnerungskultur.

Autor: Universität Osnabrück

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17 Stationen

Informationstafel vor der Gedenkanlage

Minsk, BY

Die Eingänge zur Gedenkanlage sind durch inhaltlich identische Informationstafeln markiert. Sie zeigen den Plan der Anlage und bieten eine erste historische Einführung auf Belarusisch, Russisch und Englisch in die NS-Vergangenheit von Maly Trascjanec. Im Text wird das Lager als Vernichtungsstätte von mehr als 206.500 Zivilist:innen aus Minsk und ganz Belarus, Widerstandskämpfer:innen und Partisan:innen sowie sowjetischen Kriegsgefangenen in den Jahren 1941 bis 1944 beschrieben. Der Holocaust bleibt unerwähnt und die Jüd:innen aus dem Minsker Ghetto sowie deportierte Jüd:innen aus Westeuropa werden unter “Zivilisten” subsumiert. Diese Vorstellung sowohl der Identität als auch der Anzahl der Opfer beruht auf den Protokollen der Außerordentlichen Staatlichen Kommission der Sowjetunion (ČGK), weitere Angaben findet man im Ausstellungsabschnitt „Todeslager Trascjanec“ im Museum für den Großen Vaterländischen Krieg in Minsk.

Gedenkstein an der Stelle der Scheune

Minsk, BY

Die Außerordentliche Staatliche Kommission der Sowjetunion (ČGK) stellte bei ihrer Untersuchung der Scheune fest, dass es sich bei den etwa 6.500 hier von den nationalsozialistischen Besatzern Ermordeten um Sowjetbürger:innen gehandelt hatte. Bereits im September 1944 hielten Mitarbeiter:innen lokaler Kolchosen und Behördenvertreter:innen eine erste Gedenkkundgebung für die Toten ab. Auch erste, vermutlich hölzerne Gedenkzeichen wurden bald angebracht. Auf ihnen stand zu lesen: “Ewiges Gedenken für sowjetische Menschen, die von der Hand deutscher Henker gestorben sind.” In den nachfolgenden Jahren wurden die Massengräber jedoch vernachlässigt, was die Angehörigen der in Maly Trascjanec Ermordeten dazu veranlasste, die Behörden schriftlich zur angemessenen Pflege der “Brudergräber” aufzufordern.

Seit 1961 errichteten und entfernten die Minsker Behörden am historischen Ort der Scheune immer wieder Gedenksteine in Erinnerung an die zivilen Opfer von Maly Trascjanec. Die Inschrift auf allen Denkmälern ist identisch geblieben: “Hier liegen sowjetische Bürger, die im Juni 1944 von deutschen Faschisten gefoltert und verbrannt worden sind.”

Die Fundamente des Lagers

Minsk, BY

Im Rahmen der postsowjetischen Gestaltung des ehemaligen Lagergeländes bei Maly Trascjanec wurden einige der aus dem Boden hervortretenden Fundamente eingeschalt und konserviert. Beschilderungen wie “Kofferlager”, “Sägemühle” und “Gruft” verweisen auf die ursprüngliche Funktion der Gebäude.

Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Bauten, die nun als Teil der Lagerinfrastruktur angesehen werden, zwar tatsächlich auf dem ehemaligen Lagergelände liegen, aber erst in der Nachkriegszeit als Kolchosbauten entstanden waren. Andere hervortretende Fundamente blieben bei diesen Arbeiten unberücksichtigt, wie beispielsweise die Überreste des Gebäudes, das dem Lagerkommandanten einst als Unterkunft gedient haben könnte.

Die „Pforte der Erinnerung“

Minsk, BY

2010 wurde ein nationaler Wettbewerb für die Umsetzung eines zentralen Denkmals im Gedenkstättenprojekt Maly Trascjanec ausgeschrieben. Der Bildhauer Kanstancin Kastjučenka gewann mit seinem Entwurf „Pforte der Erinnerung“. Die zehn Meter hohe „Pforte“ ist bis heute eine der höchsten Skulpturen in Belarus. Sie bildet eine Art symbolischen Eingang zum Gelände des ehemaligen Lagers. Das Denkmal stellt Lagerinsass:innen dar, die mit Stacheldraht als Symbol für ihre Gefangenschaft umwickelt sind. Bei den so symbolisierten Opfern der deutschen Besatzer handelt es sich der Widmung nach um sowjetische Zivilist:innen. Die Dimension von Maly Trascjanec als Schauplatz des Holocaust wird ausgeblendet.

Die „Pforte“ wurde gemeinsam mit den konservierten Lagerfundamenten und Informationstafeln auf dem Gelände des ehemaligen Arbeitslagers am 22. Juni 2015 als erster von drei Abschnitten der Anlage eingeweiht.

Das "Massiv der Namen"

Minsk, BY

In Maly Trascjanec wurden über 9.000 österreichische Jüd:innen ermordet. Trotz der hohen Opferzahl kam in Österreich erst spät Interesse daran auf, die Verbrechen während des Holocausts aufzuklären und der Ermordeten öffentlich zu gedenken. Erst mit der erinnerungspolitischen Zäsur durch die sogenannte “Waldheim-Affäre” 1986 änderte sich die Stimmung im Land: Man begann nun auch in Österreich Fragen über die NS-Vergangenheit an die ältere Generation zu stellen. Mit dem steigenden Interesse von Seiten Österreichs ergaben sich nach und nach weitere Entwicklungen für das Erinnern in und an Maly Trascjanec.

Es dauerte jedoch bis ins Jahr 2018, bis in Österreich der Wettbewerb für ein Denkmal in Maly Trascjanec zum Andenken an die verfolgten und ermordeten jüdischen Österreicher:innen ausgeschrieben wurde. Der Architekt Daniel Sanwald konnte mit seinem Entwurf für das “Massiv der Namen” überzeugen. Der belarusische Bildhauer Kanstancin Kastjučenka (Autor der zentralen Komposition des Denkmals die „Pforte der Erinnerung“) setzte das Konzept in die Tat um.

Entsprechend dem Entwurf besteht das “Massiv der Namen“ aus einem riesigen Stein, der in zehn Teilspalten aufgebrochen ist. Die Teilspalten symbolisieren die Züge, in denen Menschen aus Österreich nach Maly Trascjanec gebracht wurden. Obwohl die einzelnen Fragmente frei stehen, sind sie doch so nah beieinander angeordnet, dass eine Person nicht zwischen ihnen hindurch gehen kann: Dies ist ein Symbol für das Fehlen von Fluchtmöglichkeiten aus dem Transport.

Die Säulen tragen die Vornamen der Deportierten, die dank der erhalten gebliebenen Namenslisten wiederhergestellt werden konnten. Um die Erinnerung an die Opfer aufrechtzuerhalten hat der Architekt Daniel Sanwald sorgfältig mit diesen Informationen gearbeitet. Jeder Name, der auf den Transportlisten verzeichnet war, ist heute auf dem “Massiv” zu finden. Die Vornamen, die wiederholt auftauchten, wurden auf dem Denkmal nicht dupliziert. Insgesamt befinden sich ca. 950 Namen auf dem Denkmal.

Die Einweihung des österreichischen “Massivs der Namen” fand am 28. März 2019 statt.

Gedenkstein in Šaškoǔka

Minsk, BY

In den 1960er Jahren wuchs das Interesse an der NS-Vergangenheit von Maly Trascjanec und erste Versuche, eine Erinnerungskultur zu etablieren, wurden unternommen: 1961 wurde an der Stelle der abgebrannten Scheune ein Gedenkstein gelegt. Im Nachbardorf Vjaliki Trascjanec begann 1963 der Bau eines Obelisken für die Opfer des Lagers bei Maly Trascjanec. 1966 folgte ein Gedenkstein bei Šaškoŭka, dem Ort, an dem die deutschen Besatzer ein provisorisches Krematorium zur Verbrennung von Leichen gebaut hatten. Damit war Šaškoŭka der letzte Vernichtungsort in Maly Trascjanec, der in die sowjetische Erinnerungskultur aufgenommen wurde.

Sinngemäß besagt die Inschrift des Gedenksteins: “Dies ist der Ort, an dem die faschistischen Henker friedliche sowjetische Zivilisten verbrannt haben.” Damit folgt das Denkmal dem sowjetischen Erinnerungsnarrativ, in dem die antisemitische Dimension des deutschen Vernichtungskrieges ausgeblendet und Jüd:innen nicht als Opfergruppe berücksichtigt wurden.

Seit 2018 existieren Pläne für eine neue Gedenkskulptur. Die “Krematoriumsgrube” in Form von zwei gekreuzten, schwarzen Balken, die über einem Graben schweben, wurde bisher jedoch nicht umgesetzt.

Der "Weg der Erinnerung"

Minsk, BY

Der "Weg der Erinnerung” führt zur “Pforte der Erinnerung”, dem zentralen Element der postsowjetischen Gedenkanlage auf dem ehemaligen Lagergelände. Dieser Teil der Gedenkanlage wurde am 22. Juni 2015 feierlich eingeweiht.

Der symbolische “Weg der Erinnerung” kreuzt das frühere Lagergelände und führt weiter zur ehemaligen Verbrennungsgrube in Šaškoǔka. Entlang des Weges sind Gedenksteine aufgestellt, die über Opferzahlen in den von 1941 bis 1944 deutsch besetzten Gebieten in Belarus informieren. Dabei wird aufgeschlüsselt, wie viele Opfer es in jeder Oblast gegeben hat. Die Angaben beruhen allerdings auf den Protokollen der Außerordentlichen Staatlichen Kommission der Sowjetunion aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Genaueres zu den Opferzahlen kann man jedoch im Museum für den Großen Vaterländischen Krieg in Minsk erfahren.

Der „letzte Weg" in Blahaŭščyna

Minsk, BY

Der "letzte Weg" wurde vom Architekten Leonid Levin entworfen und umfasst drei Teile: Den “Platz des Lebens”, den “Platz des Paradoxons” und den “Platz des Todes”.

Der “Platz des Lebens” ist in Weiß als Farbe der Hoffnung gestaltet. Neben dem Platz sind Bänke aufgestellt. Die Bänke sind 47,5 cm breit - ebenso wie die Sitze in den Wagen der 3. Klasse, in denen mitteleuropäische Jüd:innen deportiert wurden. Auf dem Platz soll außerdem die Skulpturengruppe “Koffer” errichtet werden. Koffer stehen hier für Reisen und Hoffnung: Bis zuletzt wurde den deportierten Jüd:innen vorgetäuscht, sie würden in den Osten “umgesiedelt” werden.

Eine Art Verbindungselement zwischen den Plätzen stellen die nachgebildeten “Waggons” dar, die zugleich als Gedenkräume dienen. Jeder Waggon ist 20 m lang, 4 m hoch und 3,4 m breit und entspricht damit den tatsächlichen Maßen der Wagen, in denen die Deportierten nach Maly Trascjanec gebracht wurden. In der Abendzeit werden die Waggons ausgeleuchtet, rot im Inneren und weiß von außen.

Nach ursprünglicher Idee sollten die Namen der ermordeten Menschen an den Innenwänden der Waggons stehen. Die Namen der Deportierten aus Mitteleuropa sind dank der Transportlisten erhalten geblieben. Allerdings sind nur wenige Namen belarusischer Opfer bekannt, weil die Spuren der Verbrechen in Trascjanec bewusst von den nationalsozialistischen Besatzern beseitigt wurden. Um keine Hierarchien zwischen verschiedenen Opfergruppen herzustellen, wurde auf das Vorhaben verzichtet.

Das nächste Element ist der “Platz des Paradoxons” mit seinem zickzackförmigen Grundriss. In den Ecken der Zacken gibt es Metalleinsätze für später aufzustellende Skulpturen: ein Haus, ein Baum und ein Kreuz - alle auf den Kopf gestellt -, ein zerschlagener und umgedrehter Menora-Leuchter sowie eine durchschossene Ikone. Diese Skulpturen sollen die Tatsache symbolisieren, dass das Leben hier nicht seinen „normalen“ Gang gegangen ist. Der “Platz des Paradoxons” ist mit unebenen roten Steinen gepflastert, was die Besuchenden zum Nachdenken über die letzten Augenblicke der Opfer bewegen soll.

Der “Platz des Todes” bildet den Abschluss dieses Abschnitts der Gedenkanlage. Der in Schwarz gehaltene Platz markiert symbolisch die Linie, hinter der es kein Leben mehr gab. “Der letzte Weg” wurde ebenso wie die ganze Gedenkanlage in Blahaŭščyna am 29. Juni 2018 von den Staatspräsidenten von Belarus, Deutschland und Österreich eingeweiht.

Der "Wald der Namen" in Blahaŭščyna

Minsk, BY

Der Wald von Blahaŭščyna ist nach Auschwitz-Birkenau der Schauplatz des Holocausts, an dem die meisten österreichischen Jüd:innen ermordet wurden. Die Wienerin Waltraud Barton, die bei Recherchen zur ersten Ehefrau ihres Großvaters, Malvine Barton, auf Maly Trascjanec stieß, gründete deshalb 2009 in Österreich die Bürgerinitiative IM-MER (Abkürzung Initiative Malvine - Maly Trascjanec Erinnern). Die Vertreter:innen dieser Bürgerinitiative bringen seit 2010 gelbe Schilder mit Fotos und Namen der Ermordeten an Bäumen in direkter Nähe zum Erschießungsort in Blahaŭščyna an. Die Schule in Vjaliki Trascjanec sowie Angehörige von deportierten und ermordeten Jüd:innen aus Deutschland haben sich inzwischen der Initiative angeschlossen.

Im August 2017 begann die Arbeit am zweiten Abschnitt der Gedenkstätte, bei dem gleichzeitig zwei Projekte realisiert werden sollten: der Gedenkfriedhof Blahaŭščyna von Minskprojekt und “Der Weg des Todes” von Leonid Levin in Blahaŭščyna. Der “Wald der Namen” wurden dabei - wohl unvorhergesehenermaßen - zu einer Art Verbindungselement zwischen den beiden Projekten. Die Einbindung der gelben Schilder mit Fotos und Namen der Ermordeten im Wald Blahaŭščyna kann als Erfolg für Akteur:innen der Zivilgesellschaft in ihrem Bemühen um eine Erinnerungskultur um Maly Trascjanec bezeichnet werden.

Heute gibt es neben mehr als 500 gelben Namensschildern in Erinnerung an deportierte Jüd:innen aus Mitteleuropa, auch weiße Schilder, die die Anwohner:innen in Erinnerung an ihre verstorbenen Verwandten aus der Gegend aufgehängt haben. Die Arbeit der Initiative Malvine trug außerdem wesentlich dazu bei, dass das Denkmal „Das Massiv der Namen“ in Maly Trascjanec errichtet wurde.

Gedenkstein im „Wald der Namen“ in Blahaŭščyna

Minsk, BY

Im Jahr 2002 - knapp 60 Jahre nach der Befreiung von Minsk - wurde bei der Weggabelung, die zur Waldlichtung bei Blahaŭščyna führt, ein Gedenkstein für die Opfer von Maly Trascjanec gelegt. Die zentrale Erschießungsstätte der Nationalsozialisten bei Minsk war zuvor kaum in die Erinnerungskultur des Ortes eingebunden gewesen.

Die Inschrift des von der Minsker Stadtverwaltung in Kooperation mit nichtstaatlichen belarusischen Organisationen errichteten Gedenksteins lautet: “An diesem Ort haben die national-faschistischen Eroberer in den Jahren 1941-1943 über 150.000 Menschen ermordet: sowjetische Kriegsgefangene, Untergrundkämpfer aus Minsk und Partisanen und Bürger aus verschiedenen Teilen der Republik, Juden aus dem Minsker Ghetto und vielen europäischen Ländern.” Damit war der Gedenkstein das erste erinnerungskulturelle Objekt der Gedenkanlage, das auch jüdische Menschen als Opfergruppe des Vernichtungsortes Maly Trascjanec nennt. Die genannte Opferzahl von 150.000 in Blahaŭščyna ermordeten Menschen bezieht sich auf Schätzungen der Außerordentlichen Staatlichen Kommission der Sowjetunion aus dem Jahr 1944.

Im Zuge der Arbeiten für die Errichtung der Gedenkanlage in Blahaŭščyna wurde der Gedenkstein 2018 entfernt und durch einen Neuen im „Wald der Namen“ ersetzt.

Max Starkmann

Minsk, BY

Max Starkmann wurde am 2. Oktober 1880 in Wien geboren. Er trat am 1. Dezember 1911 als Violinist und Bratschist dem Orchester der Staatsoper sowie den Wiener Philharmonikern bei; im selben Jahr heiratete er Elsa Schimmerling. Beide waren Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien.

Starkmann spielte über 27 Jahre lang Violine im Orchester der Wiener Philharmoniker, bis er am 23. März 1938, im Alter von 58 Jahren, schriftlich über seine Zwangsbeurlaubung in Kenntnis gesetzt wurde: „Die Direktion der Staatsoper teilt Ihnen hierdurch mit, dass Sie mit sofortiger Wirksamkeit bis auf Weiteres beurlaubt sind. Mit deutschem Gruß. Die Direktion der Staatsoper." Am 5. Oktober 1942 wurden Max und Elsa Starkmann gezwungen, in Wien am Aspangbahnhof, gemeinsam mit ungefähr 550 weiteren Personen, in den letzten Massentransport aus Österreich nach Maly Trascjanec zu steigen. Nur vier Tage später fand das Ehepaar hier einen gewaltsamen Tod.

Theresia Löwy/Brody

Minsk, BY

Theresia Löwy wurde am 9. Mai 1886 in eine orthodox-jüdische Familie in Wien hineingeboren. Dort heiratete sie am 5. Mai 1912 Ignaz Brody, einen hochrangigen Offizier des Ersten Weltkriegs, der bereits in den 1920ern an den Spätfolgen von Kriegsverletzungen verstarb. Sie hatten zwei Töchter, Herta und Alice „Lizzi“ Brody.

Lizzi erkannte die Zeichen der Zeit früh und floh bereits in den frühen 1930er Jahren als 22-Jährige nach Palästina. 1938 kehrte sie nach Wien zurück, um ihre Schwester und ihre Mutter zu retten, schaffte es jedoch nur, ihre Schwester Herta in einer abenteuerlichen Flucht außer Landes zu schmuggeln. Bereits wenige Monate später verlor die Familie jeglichen Kontakt mit der Mutter Theresia Brody, was große Schuldgefühle in Lizzi auslöste. Aufgrund der Schuldgefühle schwieg sie bis an ihr Lebensende über dieses Thema , weshalb sie nie Gewissheit darüber erlangte, was mit ihrer Mutter wirklich passiert war.

Dr. Edna Magder, Lizzi Brodys Tochter und Theresia Brodys Enkelin, wurde während des Zweiten Weltkriegs in Palästina geboren und wanderte als Erwachsene nach Kanada aus. Obwohl sie schon als Kind wusste, dass ihre Familie ursprünglich aus Wien stammte, erfuhr sie lange nicht, warum sie ihre Großmutter nie kennenlernen durfte. Erst nachdem ihre Mutter verstorben war, konnte Edna sich in mehreren Europareisen auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte machen. Durch verschiedene Archivrecherchen und vor allem dank der Hilfe der IM-MER-Gründerin Waltraud Barton fand sie schließlich heraus, dass ihre Großmutter am 14. September 1942 nach Maly Trascjanec deportiert und dort ermordet worden war.

Das Thema Holocaust hat bis heute eine identitätsstiftende Wirkung in der Familie von Edna, und auch Auswirkungen auf ihre Kinder und Enkelkinder. Besonders eindrucksvoll hat dies auch Ednas Tochter Ruth Abusch-Magder in einem Statement zum kanadischen Holocaust-Gedenktag beschrieben: „I grew up in a family, where everyday was Holocaust memorial day. (…) No meal happened at my parents home, where the holocaust or Nazis were not mentioned. I don’t recall a time, when I did not know about the Holocaust (…). I grew up with hording food and always having a plan of escape. I live daily in the violence of the Nazis and the many bystanders, who did not only try to kill our people but our spirit."

Leo und Fanny Körner

Minsk, BY

Die Familie Körner, bestehend aus Vater Leo, Mutter Fanny und Sohn Heinrich Sieghart lebte in der Straße Am Tabor 13 im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Dritte Reich emigrierte Sohn Heinrich im September 1938 in die USA, während seine Eltern in Wien zurück blieben. Am 6. April 1939 erreichte Heinrich Körner New York, wo er seinen Namen in Henry Koerner änderte. Der Briefverkehr mit seinen Eltern brach im Jahre 1941 ab. Leo und Fanny wurden in eine Sammelwohnung in die Rueppgasse 14/6 und als Teil der 1.006 Passagiere des Deportations-Sonderzuges Da 206 (der „Da“ stand für David, wie in Davidstern) am 9. Juni 1942 vom Wiener Aspangbahnhof über Vaǔkavysk nach Maly Trascjanec gebracht, wo sie am Nachmittag des 13. Juni im Wald von Blahauščyna erschossen wurden.

In einem Interview mit Studierenden der Universität Wien aus dem Jahr 2021 erzählt der Enkel von Leo und Fanny Körner, Joseph Koerner, dass das Schicksal seiner Großeltern immer ein großes Familiengeheimnis gewesen war. Henry Koerner selbst wählte einen künstlerischen Zugang zur Verarbeitung seiner Familiengeschichte und porträtierte seine Eltern in seinem Kunstwerk „My Parents I" in der Wohnung Am Tabor in Wien.

Das Minsker Ghetto und der ehemalige jüdische Friedhof

Minsk, BY

Bereits 1946 wurde auf Initiative von Überlebenden und Hinterbliebenen ein Gedenkstein für die Opfer des Minsker Ghettos errichtet. Er befindet sich an der Stelle der Erschießungsgrube („Jama“) auf dem ehemaligen Ghettogelände, bei der am 2. und 3. März 1943 etwa 5.000 Ghettoinsass:innen ermordet wurden.

Nach dem Fall des “Eisernen Vorhangs” wurden zwischen 1995 und 2015 insgesamt neun Gedenksteine auf dem Gebiet des ehemaligen jüdischen Friedhofs aufgestellt, die an deportierte und ermordete Jüd:innen aus Deutschland, Österreich und Tschechien erinnern. Im Juli 2000 gestalteten der Architekt Leonid Lewin und die Skulpturbildnerin Elsa Pollack eine Skulptur, die 27 symbolische Ghettoinsass:innen darstellt, die die Grube „Jama“ hinabsteigen. 2008 wurde die ebenfalls von Leonid Lewin gestaltete Skulptur des „zerbrochenen Tisches“ in Erinnerung an die Ermordung von mehr als 5.000 Jüd:innen im Minsker Ghetto am ehemaligen jüdischen Friedhof eingeweiht.

Die Geschichtswerkstatt "Leonid Lewin" Minsk

Minsk, BY

Das belarusisch-deutsche Projekt “Geschichtswerkstatt” der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte (IBB) „Johannes Rau“ in Minsk besteht seit 2003. Die Geschichtswerkstatt befindet sich in einem alten Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Minsker Ghettos. Das Haus stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert und war Zeuge der tragischen Ereignisse des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs in Belarus.

Der historische Ort und das historische Gebäude prägen die inhaltliche Ausrichtung des Projekts: Im Mittelpunkt stehen die Geschichte des Minsker Ghettos und des Vernichtungsortes Maly Trascjanec. Die Geschichtswerkstatt übernimmt die Rolle eines Forschungs- und Bildungszentrums in diesem Themenbereich. Das Haus ist unter anderem ein Begegnungsort für die letzten belarusischen Zeitzeug:innen des Zweiten Weltkriegs sowie Vertreter:innen jüngerer Generationen und bietet ihnen einen Raum für die individuelle Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Der Gedenkfriedhof in Blahaŭščyna

Minsk, BY

Im August 2017 begannen die Arbeiten im Waldstück Blahaŭščyna. An diesem Ort wurden zwischen 1942 und 1943 zehntausende einheimische Jüd:innen aus dem Minsker Ghetto, Jüd:innen aus Mitteleuropa, Partisan:innen, Widerstandskämpfer:innen und zivile Geiseln ermordet.

Während der Vorbereitung der Baumaßnahmen zur Umgestaltung wurde die Waldlichtung oberflächlich auf Fundstücke aus der Besatzungszeit untersucht. Mitarbeiter:innen des Instituts für Geschichte der belarusischen Akademie der Wissenschaften konnten dabei persönliche Gegenstände der getöteten Menschen sowie Patronenhülsen finden.

Die Konzeption des Gedenkfriedhofs folgt der Skizze, die die Außerordentliche Staatliche Kommission der Sowjetunion im Juli 1944 angelegt hat. Die Stellen, die die Außerordentliche Kommission als Erschießungsgruben identifiziert hatte, wurden in der neuen Anlage mit Betonplatten markiert. Am 29. Juni 2018 waren die Arbeiten an dem Gedenkfriedhof abgeschlossen und er wurde unter Teilnahme von Aliaksandr Lukaschenka (Präsident von Belarus), Frank-Walter Steinmeier (Bundespräsident von Deutschland) und Alexander van der Bellen (Bundespräsident von Österreich) eröffnet.

Der Obelisk in Vjalikij Trascjanec

223060 Bol'shoi Trostyanets, BY

Etwa zwei Kilometer vom ehemaligen Lagergelände in Maly Trascjanec entfernt liegt das Dorf Vjaliki Trascjanec. 1963 wurde hier ein Obelisk errichtet, der an die Opfer des Vernichtungsortes erinnern soll.

Vjaliki Trascjanec wurde von den belarusisch-sowjetischen Behörden als Standort für den Obelisken gewählt, damit dieser gut sicht- und erreichbar sei. Durch die Wahl eines vom Vernichtungsort abweichenden Erinnerungsortes und am Obelisken abgehaltener Erinnerungspraktiken, wie Gedenkveranstaltungen, verschob sich die Erinnerung: immer mehr erschien den Erinnernden Vjaliki Trascjanec als der historische Ort der nationalsozialistischen Verbrechen.

Die Inschrift des Obelisken besagt in belarusischer Sprache: „Hier, in der Umgebung des Dorfes Trascjanec, erschossen, folterten, verbrannten die deutsch-faschistischen Besatzer 201.500 Zivilisten, Partisanen und Kriegsgefangene der Sowjetarmee 1941-1944.“ Die angegebenen Zahlen repräsentieren die Deutungen der Außerordentlichen Kommission aus dem Jahr 1944. Jüdinnen und Juden werden nicht als Opfergruppe genannt.

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