Ein neuer Hürtgenwaldmarsch

Tour Mestrenger Mühle 998, 52393 Hürtgenwald, DE

Über die Schlacht am Hürtgenwald gibt es verschiedene Betrachtungsweisen und Zugänge. Dies ist ein eigener Hürtgenwaldmarsch der geschichtswissenschaftlichen Ansprüchen genügt, um Interessierten neuen Möglichkeiten zu bieten. Den harten Kern bilden die Aid-Station, die Panzerkette und die Kalltalbrücke, die zwei weiteren Stationen sind alternativ.

Autor: Akteure Huertgenwald

5 Stationen

Aid-Station

Kallweg, 52393 Hürtgenwald, DE

Als Aid-Station bzw. als First Aid-Station wird eine temporäre Erste Hilfe Station der US-Army gennant. Diese bestand in den meisten Fällen aus einem oder mehreren offenen Zelten. Im Kontext der Schlacht im Hürtgenwald und der Allerseelenschlacht hatte diese aber eine besondere Bedeutung. Es ist bis heute nicht genau bestimmbar wo wirklich die Aid-Station während der Kampfhandlungen lag. Der genaue Standort konnte auch nicht aus dem vorhanden Quellenmaterial bestimmt werden. Es gibt lediglich verschiedene Orte wo die Aid-Station vermutet wird. Einer dieser vermuteten Orte ist diese Station. Allgemein und besonders während des Hürtgenwaldmarsches ist dies ein beliebter Ort für Reenactment Gruppen.
Spannend ist es zu beobachten wie solche Reenactment Gruppen mit der Geschichte umgehen und welche Intention hinter dem Reenactment stehen. Es kann von außen nicht immer klar beantwortet werden, ob das Interesse lediglich in einer Wissensvermittlung liegt. Dies bedeutet, dass durch das Reenactment versucht wird eine realistische Nachstellung zu schaffen. Andersherum spielen auch oft Ideologische Faktoren mit in eine solche Szenen Nachstellung. Für Außenstehende kann das Reenactment jedoch schnell als „Krieg spielen“ interpretiert werden. Dies trifft auch nach Recherchen in unter anderem sozialen Medien zu. Zudem kann von einigen Vertretern Verbindungen zu rechten Gruppen geschlossen werden. Trotzdem ist es hier wichtig zu differenzieren und nicht grundsätzlich alle Reenactment Betreiber in eine Ecke zu stellen. Es stellt sich aber trotzdem die Frage ob ein Reenactment der richtige Weg ist. Es kommt beim Reenactment schnell zu einer Glorifizierung von Krieg und dem Soldatenleben. Zudem kommt es gerade auch im Hürtgenwald immer wieder zu Reenactment Künstlern, welche in nationalsozialistischen Uniformen sich befinden. Davon sollte man sich grundsätzlich distanzieren. Dies glorifiziert ein menschenverachtendes Regime und ist zudem eine Straftat.

Windhund-Denkmal

Simonskaller Straße 1, 52393 Hürtgenwald, DE

Das Windhund-Denkmal befindet sich auf dem Ehrenfriedhof in Vossenack. Das Denkmal wurde von Annemarie Suckow von Heydendorff im Jahr 1966 geschaffen. Das Denkmal soll an die gefallenen Soldaten der 116. Panzer-Division erinnern und dient heute auch noch als Pilgerstätte für Veteranen und Angehörige. Die 116. Panzer-Division wird auch als Windhunddivision bezeichnet, weil dem Vorgängerverband, der 16. Infanterie-Division, angeblich in der Kalmückensteppe ein halb verhungerter Windhund zugelaufen sein soll und seit dem das Wappen der Division schmückt. Etwa zeitgleich sprach auch Adolf Hitler von dem „Neuen Menschen“ und das dieser „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ sein sollte. Dadurch ist der Windhund klar eine Identifikationsfigur in der Wehrmacht und dem Nazi-Regime. Bis zu dem Jahr 2004 wurde der Windhund auch auf dem Wappen der im nordrhein-westfälischen Augustdorf stationierten Panzergrenadierbataillon 212 gezeigt. Der Generalmajor Wolf-Joachim Clauß veranlasste das entfernen des Windhundes aus dem gleichen Grund sich von der Identifikationsfigur zu distanzieren. Trotzdem gibt es auch heute noch einen Veteranenverein, welcher den Windhund als Symbolfigur benutzt.
Besonders kritisch ist zusehen, dass die „Windhunde“ besonders in Osteuropa den nationalsozialistischen Rasse- und Vernichtungskrieg voranbrachten. Somit war die Division auch sehr wahrscheinlich in Kriegsverbrechen verwickelt gewesen. Trotzdem gibt es heute noch einen Windhund-Verein und ein dazugehöriges Denkmal. In diesem Kontext wird an eine Division erinnert, welche keineswegs für den Frieden kämpfte, sondern Vernichtung brachte und zuletzt auch im Hürtgenwald eine unnötige Schlacht führte. Der Verein diente laut dem Historiker Frank Möller der „Selbsttherapie, der Freizeitgestaltung, vor allem aber der politischen Interessenvertretung“. Letzteres ist besonders kritisch zu sehen. Durch eine solche gesellschaftliche Akzeptanz des Windhund Vereins kann es keine differenzierte Aufarbeitung der Geschehnisse in der Region geben und es werden Soldaten heroisiert, welche Vernichtung und unnötiges Leid brachten.

Kalltrail Panzerkette

Unnamed Road, 52385 Nideggen, DE

Auch in der Allerseelenschlacht waren Panzer vor Ort und an den Kämpfen beteiligt (wenn auch nicht immer und überall, wo Augenzeugen davon berichten). So verwundert es erst einmal nicht, dass eine Panzerkette als Überbleibsel der Kriegshandlungen im Hürtgenwald zu finden ist. Rätselhaft dabei ist dennoch, wie die Panzerkette dort hingekommen ist, weil alles andere an Gerätschaften weggeräumt wurde, auch ganze Panzer. Fraglich ist also, wieso gerade diese Panzerkette liegengeblieben ist. Allgemein geht man davon aus, dass es sich hierbei um die Panzerkette eines Sherman Panzers handelt. Allerdings gibt es auch hier unterschiedliche Deutungen, denen man also mit Vorsicht begegnen sollte.
Bedeutsam ist, dass man sich in der Erinnerungskultur auch beim Kalltrail davon löst, rein aus einer Perspektive des „Kriegstourismus“ zu schauen, sondern weitsichtig zu sein, denn: Krieg ist gewiss kein Spiel. Krieg bedeutet Tod und Zerstörung, hat schreckliche Schicksale zur Folge. Folgt man den Betrachtungen derjenigen, die im Panzer sitzen, stellt man schnell fest, dass man doch in einem engen Gefährt eine gute Zielscheibe. In der Allerseelenschlacht hatten es zudem Panzerfahrer in dem schwierigen Gelände besonders schwer. Außerdem waren sie Schrecken für Soldaten, Zivilisten und nicht zuletzt die eigene Besatzung. Beispielhaft dazu folgende Zeitzeugenausschnitte:

„I learned about the blind sides and the unmaneuverability of a tank and how one man could knock out a tank single-handed. In short, a tank, I learned, is an iron coffin.“¹

„He was killed instantly. His head had been severed from his body.“²

„A couple of tanks stopped right in front and began shoting down the street. I saw a house go up in flames. The fellows inside couldn’t get out. They were burned alive.“³

Der Schrecken zeigt sich in den genannten Beispielen nur allzu deutlich und zeigt richtigerweise einen vertieften Blick auf Panzer im Hürtgenwald, nicht als Spiel, sondern als Objekt der Zerstörung und was dieses dabei anrichtet.

¹ Zitiert nach: Astor, Gerald: The Bloody Forest. Battle fort he Huertgen: September 1944-Januar 1945, Novato: Presido Press 2000, S. 97.
² Ebd. S. 134.
³ Ebd. S. 284.

Pfarrkirche St. Josef in Vossenack

Mestrenger Weg 2, 52393 Hürtgenwald, DE

Kirchen, als Orte des Religiösen-Beisammen-Seins, als ein Ort der Gemeinschaft und der Vergebung von Sünden, haben immer noch einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. So ist auch in Vossenack mit der St. Josef Kirche, die 1952/53 wiederaufgebaut wurde. Sie spielt für die Schlacht am und im Hürtgenwald in der Ereignisgeschichte und der Erinnerungskultur eine bedeutende Rolle.
Auf der Gedenktafel am Eingang der Kirchentür wird die Opferzahl von 68 000 Soldaten genannt, was aber nach Erkenntnissen der Forschung nicht zutrifft, sondern zu hoch angesetzt ist (leider ist schwer zu ermitteln, wann die Zahl ihren Ursprung hat und wie genau sie ist). Letzteres ist, wie der Historiker Frank Möller betont, auf die regionale spezifische Veteranenkultur zurückzuführen, die einen sehr großen Einfluss in der örtlichen Politik und der Kirche entfaltet hat. Der Veteranenverein der Windhunde (Veteranen der 116. Panzerdivision) hat in der St. Josef Kirche in Vossenack einen großen Einfluss auf die Erinnerungskultur gehabt und hat ihn auch heute noch. Er spendete ein Kirchenfenster und eine Glocke und erhielt dafür die Möglichkeit, sein Opfergedenken in der Kirche öffentlich zu praktizieren.
Wenn auch das russische Sprichwort „er lügt wie ein Augenzeuge“ gewiss übertrieben ist, so ist doch richtig, dass Augenzeugen bzw. Zeitzeugen nicht das A und O der Wissenschaft sind und unstrittig ist auch, dass diese Eindrücke und Erlebnisse den wahren Begebenheiten nicht immer gerecht werden und dass Übertreibung und tradierte Erzählungen zu falschen Geschichtsdarstellung werden können. Dies trifft in diesem Kontext einerseits auf die zu hoch angesetzten Opferzahlen zu, führt aber andererseits auch dazu, dass Opfer und Täter vermischt werden und die notwendige Differenzierung zwischen den verschiedenen Akteuren gänzlich fehlt. Amerikanische und deutsche Soldaten sind nicht dasselbe, Ursache und Wirkung sollte nicht vertauscht werden. Die sogenannte „Friedensglocke“ und das „Gedächtnisfenster“, deren Stifter die Windhunde sind, denen man auch Kriegsverbrechen zurechnet (wenn diese auch nicht juristisch bewiesen werden konnten, weil Absprachen untereinander dies verhinderten), haben in diesem Kontext sicherlich einen faden Beigeschmack, auch in der Vereinnahmung der Kirche: Eine sehr zweifelhafte Erinnerungskultur. Dies wird noch deutlicher durch drei Gedenktafeln unter dem Fenster, die den verbrecherischen Krieg der Wehrmacht teilweise vergessen machen und so den objektiven Anspruch verliert. Die Kirche wurde zum „Sinnbringer“ für etwas, das keinen Sinn hatte.
Gerade die Kirche, der die Menschen vertrauen, die ihnen Identität und Verständigung bietet, darf sich nicht instrumentalisieren lassen, so wie es mit der St. Josef Kirche in Vossenack offensichtlich geschehen ist. Opfern kann man nur gerecht werden, wenn man ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Erlebnisse akzeptiert und kein Sammelsurium zwischen Tätern und Opfern erzeugt. Die Kirche hat dabei eine besondere Verantwortung, sie soll Opferzahlen nicht beschönigen und Differenzierungen vornehmen, wo nötig.

Kalltal Brücke

Kallweg, 52393 Hürtgenwald, DE

Brücken haben natürlich im Krieg als Übergang, als Verbindungsstück eine große Bedeutung, manchmal auch im doppelten Sinne als Verbindung. Der inoffizielle Waffenstillstand vom November des Jahres 1944 hat seinen bedeutenden Platz in der Erinnerung an die Allerseelenschlacht gefunden. Dieser Waffenstillstand wurde von einem deutschen Arzt und amerikanischen Soldaten an der Kalltalbrücke geschlossen, die über den Kallbach führt. Die Vereinbarung zwischen Deutschen und Amerikanern führte dazu, dass die Verletzten der beiden Parteien geborgen werden konnten, wenn auch diese Bedeutung manchmal überschätzt wird.
Dieses, nicht auf dem Militärischen fußende Ereignis, ist deshalb sehr erwähnenswert, weil es nicht technologisches, unbarmherziges Kämpfen in den Mittelpunkt stellt, sondern Verständigung. Hieran knüpft die Gedenkskulptur „A Time for Healing“ vom Bildhauer Michael Pohlmann an, gestiftet von der Konejung Stiftung, die im Jahr 2004 fertiggestellt wurde. Diese „durchbricht […] als erstes Denkmal die Entkontextualisierung des Gedenkens an die Schlacht im Hürtgenwald“¹ und kann damit stellvertretend für eine historisch sehr wünschenswerte Form der Erinnerungskultur gelten. Wie Pohlmann richtigerweise selbst sagt, handelt es sich um kein „kein Heldendenkmal […], keine theatralische Darstellung, kein Pathos“² , sondern um einen Ort von Besinnung, Vernunft und Begegnung. Das Leben-Retten steht im Vordergrund. Es löst sich damit von einer in der Geschichtskultur vorhandenen Überbetonung des Militärischen, das begeisternde Züge hatte, und schafft es darüber hinaus, in angemessener Weise mithilfe eines Begleittextes auf einer dort angebrachten Tafel den historischen Kontext plausibel darzulegen. Denn dieser Waffenstillstand steht nicht im luftleeren Raum, viel mehr ist er in die Ereignisse rund um den zweiten Weltkrieg eingebettet.

Selbstverständlich ist auch in diesem Zusammenhang zu betonen, dass es Täter und Opfer gibt, dass deutsche und amerikanische Soldaten nicht dasselbe verkörpern und es zum Krieg und Waffenstillstand ohne die deutsche Politik nicht gekommen wäre. Es ist nicht nur ratsam, sondern zwingend geboten, den Blick auch auf Einzelschicksale und Ereignisse zu legen, die über den militärischen Aspekt hinausgehen und den Blick weit machen für das, was beispielsweise über reenactment hinausgeht und dabei leider allzu oft verloren geht. So ist die Brücke und „a Time for Healing“ Ausdruck dafür, dass unterschiedliche Sichten wichtig sind als Übergang für eine neue und vertiefte Erinnerungskultur.

¹ Rass, Christoph/ Lohmeier, Jens/ Rohrkamp, Rene: Wenn ein Ort zum Schlachtfeld wird. Zur Geschichte des Hürtgenwaldes als Schauplatz massenhaften Tötens und Sterbens seit 1944. In: Geschichte in Köln / hrsg. in Verbindung mit Freunde des Kölnischen Stadtmuseums e.V. Köln. 56 (2009), S. 329.
² Ohne Angabe von Autor: Die Gedenkskulptur "A Time for Healing", ohne Ursprungsdatum, Url: http://konejung-stiftung.de/ATimeForHealingContent.htm (abgerufen am 21.03.2021).