Maly Trascjanec: Ort und Ereignishorizont

Tour Minsk, BY

Dieser Walk vermittelt Einblicke in die Ereignisse bei Maly Trascjanec im Kontext von Holocaust, Besatzungsherrschaft und Vernichtungskrieg 1941-1944.

Autor: Universität Osnabrück

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21 Stationen

Entlade- und Selektionsort in Maly Trascjanec

Minsk, BY

Maly Trascjanec als Mordstätte entstand im Mai 1942 in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Beginn der Deportationen von Jüd:innen aus Mitteleuropa. Aus dem Minsker Ghetto transportierten die Nationalsozialisten ihre Opfer - die aus Minsk stammenden sowie bereits ab 1941 dorthin deportierten Jüd:innen - mit LKW und Gaswagen zum Erschießungsort Blahaŭščyna. Für die Ankunft weiterer Deportationszüge aus Mitteleuropa mit tausenden Jüd:innen an Bord wurde ein eigentlich stillgelegtes Bahngleis ausgebaut. Von August bis Oktober 1942 wurden die Deportierten hier nicht nur “entladen” sondern auch direkt selektiert: Nur jene Menschen, die stark und gesund genug für die Arbeiten auf dem Gut Trascjanec waren, erreichten das Lager. Die anderen - der größte Teil der Ankommenden - wurden direkt nach Blahaŭščyna geführt, erschossen oder vergast und in Massengräbern verscharrt.

Aufgrund der Urbanisierung der Umgebung rund um Maly Trascjanec kann heute nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden, wo genau sich der Entlade- und Selektionsort befand. Ein Zeugnis seines Bestehens ist die noch immer vorhandene Bahnschiene, die restauriert wurde und heute wieder in Benutzung ist.

Der Weg zum Lager – „Strauch Allee“

Minsk, BY

Über die sogenannte “Strauch-Allee” wurden die zur Zwangsarbeit vorgesehenen Personen vom Entlade- und Selektionsort ins SD-Lager gebracht. Zu ihnen gehörten deportierte Jüd:innen aus Mitteleuropa sowie Häftlinge des Minsker Ghettos und der Minsker Gefängnisse. Die Pappeln, die bis heute die Allee säumen, wurden nach den Erinnerungen einiger Zeitzeug:innen Anfang 1942 gepflanzt, also in der Zeit, in der sich der Sicherheitsdienst mit dem Aufbau der Lagerwirtschaft beschäftigte.

Die Zeitzeug:innen nannten die Straße in ihren Berichten nach dem Kommandanten des Sicherheitsdienstes in Minsk während der Besatzungszeit “Eduard-Strauch-Allee”. Er plante, sich nach dem Kriegsende in Maly Trascjanec niederzulassen und hier ein landwirtschaftliches Anwesen unter Einsatz der am Leben gelassenen Jüd:innen zu betreiben.

Morde in der Scheune

Minsk, BY

Im Juni 1944 näherte sich die Rote Armee Minsk. Die deutschen Besatzer versuchten, die Spuren und Zeug:innen der von ihnen begangenen Massenmorde zu beseitigen. Die nach Schätzungen der Außerordentlichen Staatlichen Kommission der Sowjetunion (ČGK) etwa 6.500 Insass:innen der Minsker Gefängnisse sowie die letzten überlebenden - zumeist jüdischen - Häftlinge des Arbeitslagers wurden am 29. und 30. Juni in eine Scheune auf dem Lagergelände getrieben, erschossen und mitsamt dem Gebäude verbrannt.

Als die Rote Armee am 3. Juli Maly Trascjanec erreichte, brannte die Scheune noch immer. Am 14. Juli begann die ČGK Beweise für die massenhafte Ermordung von Zivilist:innen durch die deutschen Besatzer zu sammeln. In den Trümmern der Scheune fand sie die verkohlten Leichen der Opfer, Überreste ihrer Kleidung und Alltagsgegenstände.

Die ČGK hielt fest, dass es sich bei den Ermordeten um Sowjetbürger:innen handelte. Der Ort der niedergebrannten Scheune, an dem mehrere tausend Zivilist:innen aus Minsk und der Umgebung starben, nahm in der lokalen Erinnerungskultur eine zentrale Position ein: Viele Anwohner:innen hatten hier Verwandte oder Bekannte verloren. Deshalb erinnert auch der 1961 errichtete Gedenkstein an “sowjetische Bürger, die im Juni 1944 von deutschen Faschisten gefoltert und verbrannt worden sind”.

Stepanida Sawinskaja

Minsk, BY

Stepanida Sawinskaja war eine der wenigen Überlebenden der letzten Vernichtungsaktion bei Maly Trascjanec. Sie wurde 1915 geboren und war 29 Jahre alt, als sie und ihr Mann im Lager an der Schirokaja Straße in Minsk inhaftiert wurden.

Am 30. Juni 1944 wurde sie mit 50 weiteren Frauen in einen Lastkraftwagen geführt und zum Lager bei Maly Trascjanec gebracht. Sie mussten bei einer Scheune aussteigen, in der bereits gestapelte Leichen lagen. Stepanida Sawinskaja erinnerte sich später: „Auf Kommando der deutschen Henker stiegen die gefangenen Frauen zu viert aus dem Wagen. […] Ich kam auch bald an die Reihe. Ich kletterte mit Anna Golubowitsch, Julija Semaschko und einer weiteren Frau, deren Namen ich nicht kenne, […] auf den Haufen der Leichen. […] Schüsse ertönten, ich war leicht am Kopf verletzt und fiel nieder.“

Sawinskaja blieb so lange liegen, bis sie eine Chance zur Flucht sah. Mit zwei ebenfalls nur verletzten Männern rannte sie aus der Scheune, bevor diese von den deutschen Besatzern in Brand gesteckt wurde, und versteckte sich im umliegenden Gelände. Die Männer wurden dabei erschossen. Nach ihren Angaben versteckte Sawinskaja sich mehrere Tage in einem Sumpf, bis sie von sowjetischen Truppen gefunden wurde. Nach dem Krieg arbeitete Stepanida Sawinskaja als Krankenpflegerin in der Ambulanz Nr. 3 der Stadt Minsk.

Nikolaj Walachnowitsch

Minsk, BY

Nikolaj Walachanowitsch arbeitete als Fahrdienstleiter am Bahnhof Negoreloe, 50 Kilometer von Minsk entfernt. Ab April 1943 berichtete er Verbindungsleuten der sowjetischen Aufklärung über die verkehrenden Lasttransporte. Am 20. Juni 1944 wurde Walachanowitsch zusammen mit weiteren Dorfbewohner:innen unter dem Vorwurf der Partisanentätigkeit vom deutschen Sicherheitsdienst verhaftet.

Am 29. Juni 1944 brachten die Besatzer ihn und viele andere Häftlinge auf einem LKW aus dem Minsker Gefängnis an der Wolodarskogo-Straße in das Lager Maly Trascjanec. Zu diesem Zeitpunkt stand die Rote Armee bereits kurz vor Minsk. Er wurde in eine Scheune geführt, in der bereits unzählige Leichen übereinander lagen und in der er ebenfalls erschossen werden sollte. Walachanowitsch überlebte den Mordversuch, verlor jedoch ein Auge. Über einen Tag lang lag er zwischen den Leichen, dann kroch er, während die Erschießungen noch andauerten, ins Freie und versteckte sich. Kurze Zeit später wurde die Scheune mitsamt den Leichen tausender Ermordeter von den Wachmannschaften in Brand gesteckt.

Anfang der 1960er Jahre luden ihn die sowjetischen Behörden zur Zeugenaussage nach Moskau ein, da die Sowjetunion Material für einen Prozess gegen SS-Angehörige in Koblenz sammelte. Bis ins hohe Alter nahm Walachanowitsch an Gedenkveranstaltungen in Maly Trascjanec teil, wo er Schüler:innen von seinen Erfahrungen berichtete. Er starb 1989 im Alter von 72 Jahren.

Das Gelände des Lagers

Minsk, BY

Im April 1942 beschlagnahmten die deutschen Besatzer die ehemalige „Karl-Marx“-Kolchose im Dorf Maly Trascjanec. Der gesamte Komplex lag in der Hand des „Kommandeurs der Sicherheitspolizei“ (KdS) Eduard Strauch in Minsk, der zentralen Dienststelle der deutschen Besatzungsherrschaft in Belarus. Das Gut diente unter anderem als Ausflugsziel für die Angehörigen des Sicherheitsdienstes in Minsk, aber auch als Ersatzgefängnis, um hier Minsker Zivilist:innen festzuhalten. Um die eigenen Truppen mit Nahrung zu versorgen, wurde auf dem etwa 250 Hektar großen Areal Ackerbau und Viehzucht auf Basis von Zwangsarbeit betrieben. Im Laufe der Zeit entstanden außerdem Werkstätten sowie eine Asphaltfabrik auf dem Lagergelände. Etwas abseits befanden sich die mit Stacheldraht umzäunten Baracken zur Unterbringung der zeitweise bis zu 900 Zwangsarbeiter:innen.

Facharbeiter:innen mussten in den Werkstätten arbeiten. Dabei wurden sie von „volksdeutschen“, lettischen und ukrainischen Hilfstruppen bewacht. Wer krank wurde, wurde bei den regelmäßig stattfindenden Selektionen „aussortiert“ und ermordet. Es gehörte zu den Aufgaben einiger Zwangsarbeiter:innen, die persönlichen Gegenstände der Ermordeten zu verwalten. Während die Besatzer anfänglich auch Insass:innen der Minsker Gefängnisse zur Bewirtschaftung des Guts einsetzten, waren die meisten Zwangsarbeiter:innen im Lager ab 1942 aus Mitteleuropa deportierte Jüd:innen. Ihnen war vorgetäuscht worden, bei ihrer Deportation handle es sich um eine „Umsiedlung nach Osten“, doch nur die Stärksten von ihnen erreichten überhaupt das Lager. Die meisten von ihnen starben bereits direkt nach ihrer Ankunft in Maly Trascjanec im Waldstück Blahaǔščyna.

Kurz bevor die deutschen Besatzer Ende Juni 1944 durch die Rote Armee zurückgedrängt wurden, ermordeten sie die Zwangsarbeiter:innen, die bis dahin überlebt hatten, und brannten die Baracken nieder. Bei ihrer Untersuchung im Juli 1944 fand die Außerordentliche Staatliche Kommission der Sowjetunion nur noch Überreste der einstigen Lagerinfrastruktur.

Eduard Strauch

Minsk, BY

Geboren am 17. August 1906 in Essen befehligte Eduard Strauch seit dem Beginn des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion ein Einsatzkommando innerhalb der Einsatzgruppe A. Seine Leute waren an der Ermordung von Jüdinnen im Wald von Rumbula bei Riga mitbeteiligt.

Ab März 1942 bis Juli 1943 war Strauch der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Minsk. Unter seiner aktiven Mitwirkung entstand die Vernichtungsstätte Maly Trascjanec, aber auch der auf Basis von Zwangsarbeit betriebene landwirtschaftliche Betrieb auf dem Lagergelände. Strauch hatte vor, nach dem Krieg auf dem Gut Trascjanec zu leben und es mit den übrig gebliebenen jüdischen Zwangsarbeitern zu bewirtschaften.

Eduard Strauch veranlasste und orchestrierte zwischen 1942 und 1943 die Massenvernichtung in Maly Trascjanec. Im April 1943 erklärte Strauch über die Jüd:innen: „Ich glaube, wir können trotzdem beruhigt sein, denn vorhanden waren schätzungsweise 150.000 und es sind nun schon 130.000 verschwunden.“ Ende Juli 1943 berichtete der Generalkommissar für Weißruthenien Wilhelm Kube über den „hervorragend tüchtigen Leiter des SD, SS-Obersturmbannführer Dr. jur. Strauch“, der es geschafft habe, „allein in den letzten 10 Wochen 55.000 Juden zu liquidieren“.

1944 folgte Strauchs Beförderung und Versetzung zum Beauftragten des Chefs der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (BdS) in Belgien und Nordfrankreich. Im Rahmen des Nürnberger Einsatzgruppenprozesses wurde er 1948 zum Tode verurteilt, doch bereits 1952 begnadigte ihn ein Gericht aufgrund einer „Geisteskrankheit“ zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe. Eduard Strauch starb 1955 in Haft.

Girsch Kantor

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Girsch Kantor wurde am 24. August 1914 in Minsk geboren. Seine Eltern Mendel und Sima hatten neben Girsch noch drei Söhne und zwei Töchter und lebten in guten Verhältnissen. Nachdem Girsch Kantor 1928 die jüdische Schule abgeschlossen hatte, arbeitete er wie sein Vater als Mechaniker in der Minsker Schuhfabrik.

Bereits in den ersten Tagen des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, am 24. Juni 1941, wurde das Haus der Familie Kantor bei der Bombardierung von Minsk niedergebrannt. Girschs ältere Brüder wurden an die Front geschickt, die verbliebenen Familienmitglieder im Ghetto inhaftiert. Im Herbst 1941 wurde Girsch als Schlosser ins Lager in der Schirokaja-Straße versetzt. Aufgrund seiner Fähigkeiten wurde er im August 1943 in das Lager Trascjanec geschickt, wo er Webmaschinen zur Ausbesserung von Kleidung aufstellen musste. Er erinnerte sich an seine Zeit im Lager wie folgt:

"In diesem Lager gab es einen Kuhstall, Ställe und Werkstätten, in denen viele Arbeiter tätig waren. Es gab Gänse. Alles, um die SD [Sicherheitsdienst in Minsk] zu versorgen, wie es scheint. Man säte Roggen und pflanzte Kartoffeln […] Als ich mit den Lagerinsassen sprach, konnte ich bemerken, dass sie aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen stammten. Es waren auch viele Juden aus Minsk dabei […] Mit Transporten brachte man Menschen aus Europa. Am Bahnhof wurden diejenigen ausgewählt, die über eine Ausbildung verfügten. Den Leuten wurde gesagt, sie sollten ihre Koffer stehen lassen, sie würden später gebracht werden. Die Menschen wurden nach Blahaǔščyna gebracht und dort erschossen. Die Koffer wurden nach Trascjanec gebracht. Die besten, manchmal neuen Gegenstände (zehntausende von Taschenlampen, Uhren, Brillen usw.) wurden nach Deutschland geschickt. Es gab so große Mengen an Bettwäsche, dass wir ganz Minsk hätten abdecken können, aber wir bekamen sie nicht."

Girsch Kantor versuchte mehrmals aus dem Lager Trascjanec zu fliehen, wurde aber von den Wächtern wieder gefangen genommen und geschlagen. Am 29. Juni 1944, kurz vor der Auflösung des Lagers, gelang ihm und einer Gruppe anderer Häftlinge die Flucht. Nach Kriegsende nahm Kantor erneut eine Stelle in der Schuhfabrik in Minsk an, wo er bis zu seiner Pensionierung arbeitete.

Tamara Albuch

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Tamara Albuch wurde am 21. Dezember 1918 in Minsk geboren. Nach sechs Klassen der jüdischen Schule begann sie, in einer Bürstenfabrik zu arbeiten. Später heiratete sie den Mechaniker Haim Gumanow. Am 3. Mai 1940 brachte Tamara die gemeinsame Tochter Sara und am 31. August 1941 den Sohn Gena zur Welt.

Nach dem Kriegsbeginn wurden Tamaras Vater und zwei ihrer Brüder in die Rote Armee eingezogen. Die zurückgebliebenen Familienmitglieder kamen nach Beginn der deutschen Besatzung in Minsk ins Minsker Ghetto. Über eines der größten Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung Minsks Ende Juli 1942 berichtete Tamara später: „Ich ging zur Arbeit und man ließ uns vier Tage lang dort bleiben. Man ließ uns nicht ins Ghetto zurück. Als ich aber von der Arbeit zurück ins Ghetto kam, gehörte das Haus, wo meine Mama und die Kinder gewohnt hatten, schon zum russischen Bezirk.“ Tamaras Mutter und ihre beiden Kinder Sara und Gena waren vermutlich am 28. Juni 1942 als “Arbeitsunfähige” eingestuft und vom Minsker SD in Blahaǔščyna ermordet worden.

Nach der Auflösung der Arbeitskolonne um die Jahreswende 1942/43 wurden mehrere junge Menschen, darunter auch Tamara, mit dem Lastwagen aus dem Ghetto in das 12 Kilometer entfernte Lager Maly Trascjanec gebracht. Hier wurde Tamara Zeugin von Massenmorden: „Der Wagen fuhr vor, ein Gaswagen, die Tür ging auf und sie entlud Menschen in diese Grube wie ein Kipper […] An dem Ort, wo dieses Krematorium war, steht bis heute ein Denkmal [im Waldstück Šaškoǔka]."

Ende Juni 1944 gelang Tamara und einigen anderen Häftlingen die Flucht aus dem Lager: Sie nahmen ihre Hacken und gaben vor, auf die Felder zu gehen, um dort zu arbeiten. Durch ein Wunder gerettet, erreichten die Flüchtlinge ein Feld in der Nähe des Dorfes Šabany. Sie versteckten sich dort bis sie erfuhren, dass Minsk von den sowjetischen Truppen befreit worden war. Tamara Albuch beschloss, zurück ins Lager zu gehen: „Was wir da gesehen haben?! Verbrannte Menschen […] angekohlte Menschen, man konnte keinen erkennen, keinen.“

Nach Minsk zurückgekehrt, entdeckte Tamara Albuch, dass alle, mit denen sie vor und während des Kriegs befreundet gewesen war, tot waren. Lange Zeit ging sie zum bereits 1946 errichteten Gedenkstein „Jama“, Hauptort des Gedenkens an die Opfer des Minsker Ghettos. Nach dem Tod ihres Mannes siedelte Tamara Albuch auf Einladung der Familie ihres Bruders in die USA über.

Das provisorische Krematorium Šaškoǔka

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Bereits 1942 entdeckte die Rote Armee auf ihrem Weg nach Westen Erschießungsorte der nationalsozialistischen Besatzer. Aus Furcht vor möglichen Folgen der Entdeckung weiterer Tatorte und der sowjetischen Propaganda entwickelten die Täter eine Strategie zur Vernichtung der Spuren ihrer Massenmorde.

In Maly Trascjanec wurde zu diesem Zweck im nahegelegenen Waldstück Šaškoǔka unter SS-Hauptscharführer Karl Rieder Ende 1943 eine primitive Leichenverbrennungsanlage als Ersatz für den Erschießungsort Blahaǔščyna errichtet. Dieser “Umzug” hatte zwei Vorteile für die Täter:innen: Erstens befand sich Šaškoǔka wesentlich näher am SD-Lager Maly Trascjanec und konnte deshalb besser bewacht und gegen die zunehmenden Partisanenangriffe verteidigt werden. Zweitens erlaubte die Nutzung dieses primitiven Krematoriums anstelle der Erschießungsgruben den Täter:innen in Minsk das Morden, ohne Leichen als Spuren für ihre Taten zu hinterlassen. Unter Mitwirkung von Kollaborateuren erschossen Angehörige der Dienststelle des KdS Minsk im Waldstück Šaškoǔka bis Ende Juni 1944 tausende, womöglich gar zehntausende, Insass:innen der Minsker Gefängnisse und zivile Geiseln. Ihre Leichen wurden anschließend gleich vor Ort verbrannt.

Bei ihrer Untersuchung im Sommer 1944 fand die Außerordentliche Sowjetische Kommission (ČGK) in Šaškoŭka neben Teer und Projektilhülsen die Reste von Brandgranaten, die offenbar genutzt wurden, um die Verbrennung tausender Menschen zu beschleunigen.

Haltestelle der Deportations-LKW in Blahaŭščyna

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Die Weggabelung befindet sich unmittelbar neben der Waldlichtung Blahaŭščyna, auf der die Massenerschießungen stattfanden. Nach späteren Aussagen eines Täters diente dieser Ort als “Entladeort” für die Lastkraftwagen, auf denen Opfer zum Schauplatz ihrer Ermordung transportiert wurden. Bei der größten bekannten Vernichtungsaktion am 28. Juli 1942 brachten Angehörige des Sicherheitsdienstes etwa 6.000 Jüd:innen aus dem Minsker Ghetto und am nächsten Tag weitere 3.000 aus Westeuropa deportierte Jüd:innen aus dem sogenannten “Sonderghetto” hierher. Von der Weggabelung aus wurden die Opfer in kleinen Gruppen zum Exekutionsort getrieben.

Diejenigen, die am Entladeort darauf warten mussten, ihren letzten Weg zur Lichtung in Blahaŭščyna anzutreten, konnten hören, was im Waldstück vor sich ging. Einige versuchten zu fliehen, doch Angehörige des Sicherheitsdienstes bewachten den Entladeort, die kurze Wegstrecke nach Blahaŭščyna und die gesamte Erschießungsstätte; es ist kein einziger Fall einer geglückten Flucht überliefert.

Erschießungsstätte in Blahaǔščyna

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Auf der Lichtung im Wald Blahaǔščyna wurden ab Mai 1942 jüdische Menschen, Partisan:innen und andere Personen, die nicht den Idealen der „NS-Volksgemeinschaft“ entsprachen, hingerichtet. Diese Waldlichtung war der am östlichsten gelegene Vernichtungsort der Nationalsozialisten für die deportierten westeuropäischen Jüd:innen und gleichzeitig auch einer der größten auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion.

Zwangsarbeiter:innen mussten hier große und tiefe Gruben ausheben. Nach ihrer Ankunft in Maly Trascjanec ging es für viele der deportierten Jüd:innen nicht weiter ins Lager, sondern direkt nach Blahaǔščyna. Die Besatzer zwangen sie, sich entlang der ausgehobenen Gruben aufzustellen und ermordeten sie mit einem Genickschuss.
Die Schusskommandos rotierten, es floss Alkohol. Um die Angehörigen des Sicherheitsdienstes zu “entlasten” setzten die Besatzer zusätzlich bis zu sechs Gaswagen ein.

Mindestens bis Ende Oktober 1943 mordeten die Besatzer in Blahaǔščyna auf diese Weise; insgesamt legten sie nach Angaben der Außerordentlichen Kommission der Sowjetunion, die die Waldlichtung im Juli 1944 auf Spuren der Menschheitsverbrechen untersuchte, 34 Massengräber an. Im Rahmen der “Aktion 1005” zur Spurenbeseitigung mussten sowjetische Kriegsgefangene diese Massengräber ausheben und die Leichen auf Scheiterhaufen verbrennen.

Max Starkmann

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Max Starkmann wurde am 2. Oktober 1880 in Wien geboren. Er trat am 1. Dezember 1911 als Violinist und Bratschist dem Orchester der Staatsoper sowie den Wiener Philharmonikern bei; im selben Jahr heiratete er Elsa Schimmerling. Beide waren Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien.

Starkmann spielte über 27 Jahre lang Violine im Orchester der Wiener Philharmoniker, bis er am 23. März 1938, im Alter von 58 Jahren, schriftlich über seine Zwangsbeurlaubung in Kenntnis gesetzt wurde: „Die Direktion der Staatsoper teilt Ihnen hierdurch mit, dass Sie mit sofortiger Wirksamkeit bis auf Weiteres beurlaubt sind. Mit deutschem Gruß. Die Direktion der Staatsoper." Am 5. Oktober 1942 wurden Max und Elsa Starkmann gezwungen, in Wien am Aspangbahnhof, gemeinsam mit ungefähr 550 weiteren Personen, in den letzten Massentransport aus Österreich nach Maly Trascjanec zu steigen. Nur vier Tage später fand das Ehepaar hier einen gewaltsamen Tod.

Theresia Löwy/Brody

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Theresia Löwy wurde am 9. Mai 1886 in eine orthodox-jüdische Familie in Wien hineingeboren. Dort heiratete sie am 5. Mai 1912 Ignaz Brody, einen hochrangigen Offizier des Ersten Weltkriegs, der bereits in den 1920ern an den Spätfolgen von Kriegsverletzungen verstarb. Sie hatten zwei Töchter, Herta und Alice „Lizzi“ Brody.

Lizzi erkannte die Zeichen der Zeit früh und floh bereits in den frühen 1930er Jahren als 22-Jährige nach Palästina. 1938 kehrte sie nach Wien zurück, um ihre Schwester und ihre Mutter zu retten, schaffte es jedoch nur, ihre Schwester Herta in einer abenteuerlichen Flucht außer Landes zu schmuggeln. Bereits wenige Monate später verlor die Familie jeglichen Kontakt mit der Mutter Theresia Brody, was große Schuldgefühle in Lizzi auslöste. Aufgrund der Schuldgefühle schwieg sie bis an ihr Lebensende über dieses Thema , weshalb sie nie Gewissheit darüber erlangte, was mit ihrer Mutter wirklich passiert war.

Dr. Edna Magder, Lizzi Brodys Tochter und Theresia Brodys Enkelin, wurde während des Zweiten Weltkriegs in Palästina geboren und wanderte als Erwachsene nach Kanada aus. Obwohl sie schon als Kind wusste, dass ihre Familie ursprünglich aus Wien stammte, erfuhr sie lange nicht, warum sie ihre Großmutter nie kennenlernen durfte. Erst nachdem ihre Mutter verstorben war, konnte Edna sich in mehreren Europareisen auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte machen. Durch verschiedene Archivrecherchen und vor allem dank der Hilfe der IM-MER-Gründerin Waltraud Barton fand sie schließlich heraus, dass ihre Großmutter am 14. September 1942 nach Maly Trascjanec deportiert und dort ermordet worden war.

Das Thema Holocaust hat bis heute eine identitätsstiftende Wirkung in der Familie von Edna, und auch Auswirkungen auf ihre Kinder und Enkelkinder. Besonders eindrucksvoll hat dies auch Ednas Tochter Ruth Abusch-Magder in einem Statement zum kanadischen Holocaust-Gedenktag beschrieben: „I grew up in a family, where everyday was Holocaust memorial day. (…) No meal happened at my parents home, where the holocaust or Nazis were not mentioned. I don’t recall a time, when I did not know about the Holocaust (…). I grew up with hording food and always having a plan of escape. I live daily in the violence of the Nazis and the many bystanders, who did not only try to kill our people but our spirit."

Leo und Fanny Körner

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Die Familie Körner, bestehend aus Vater Leo, Mutter Fanny und Sohn Heinrich Sieghart lebte in der Straße Am Tabor 13 im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Dritte Reich emigrierte Sohn Heinrich im September 1938 in die USA, während seine Eltern in Wien zurück blieben. Am 6. April 1939 erreichte Heinrich Körner New York, wo er seinen Namen in Henry Koerner änderte. Der Briefverkehr mit seinen Eltern brach im Jahre 1941 ab. Leo und Fanny wurden in eine Sammelwohnung in die Rueppgasse 14/6 und als Teil der 1.006 Passagiere des Deportations-Sonderzuges Da 206 (der „Da“ stand für David, wie in Davidstern) am 9. Juni 1942 vom Wiener Aspangbahnhof über Vaǔkavysk nach Maly Trascjanec gebracht, wo sie am Nachmittag des 13. Juni im Wald von Blahauščyna erschossen wurden.

In einem Interview mit Studierenden der Universität Wien aus dem Jahr 2021 erzählt der Enkel von Leo und Fanny Körner, Joseph Koerner, dass das Schicksal seiner Großeltern immer ein großes Familiengeheimnis gewesen war. Henry Koerner selbst wählte einen künstlerischen Zugang zur Verarbeitung seiner Familiengeschichte und porträtierte seine Eltern in seinem Kunstwerk „My Parents I" in der Wohnung Am Tabor in Wien.

Josef Wendl

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Joseph Wendl wurde am 3. September 1910 in Wien geboren. Der gelernte Friseur trat 1930 dem Bundesheer bei, aus dem er jedoch 1933 aufgrund seiner seit Dezember 1931 bestehenden Mitgliedschaft bei der NSDAP wieder ausgeschlossen wurde. Bis März 1938 gehörte Wendl zu den Angehörigen des sogenannten “2. Sturmbannes” der SS-Standarte 89, bei der sich viele ehemalige Bundesheerangehörige illegal betätigten. Nebenher arbeitete er immer wieder als Hilfsarbeiter oder Kraftwagenfahrer. Nach dem “Anschluss” Österreichs an das Dritte Reich trat Wendl als Kraftwagenfahrer in den Polizeidienst ein und erreichte bis 1941 den Rang eines SS-Hauptscharführers.

1942 wurde Wendl in den Osten abkommandiert, wo er als Kraftwagenfahrer einen sogenannten Gaswagen zugeteilt bekam. Diese wurden von den Nationalsozialisten als Sonderwagen (S-Wagen) bezeichnet und zur Tötung mittels Kohlenmonoxidvergiftung eingesetzt (eine Erfindung des SS-Offiziers Walter Rauff); diese Methode galt als “schonender” für die deutschen Besatzer, da die Täter nicht selbst mit ihren Waffen auf ihre Opfer schießen mussten.

Nach dem Kriegsende wurde Wendl verhaftet und in Camp Marcus in Salzburg interniert, wo er bis 1948 in Haft war. Gegen Wendl gab es zwei Gerichtsprozesse, 1948 und 1970. Die Ermittlungen für den ersten Gerichtsprozess 1948 waren bereits seit 1945 in Vorbereitung gewesen. Hierbei waren zahlreiche Dokumente gefunden worden, durch welche Wendl eine sehr frühe NSDAP- und SS-Mitgliedschaft nachgewiesen werden konnte. Am 9. März 1948 wurde Wendl wegen Hochverrats zu 15 Monaten schweren Kerker verurteilt. Seine Internierung in Salzburg wurde allerdings schon als Haft angerechnet, weswegen er die Gefängnisstrafe nicht mehr antreten musste. Der zweiten Gerichtsverhandlung 1970, die durch das Verfahren in Koblenz zum Verbrechenskomplex Maly Trascjanec ausgelöst worden war, gingen ab 1964 zwei Vernehmungen Wendls voraus, in denen er die Tötungen wie folgt beschrieb:

„Ich blieb im Führerhaus des Wagens sitzen, während vom SD-Begleitkommando mit Hilfe von russischen Zivilisten der Gasschlauch vom Auspufftopf an den Anschlussstutzen unter dem G-Wagen angeschraubt wurde. Nachdem der Schlauch angeschlossen war, habe ich den Motor laufen lassen. [...] Nach etwa 8-10 Minuten war die Vergasung abgeschlossen. Während der Motor lief, bin ich natürlich auch aus dem Wagen ausgestiegen. Ich habe gehört, dass im Inneren des Wagens sich furchtbare Szenen abgespielt haben müssen. Die Häftlinge merkten natürlich, was mit ihnen geschehen sollte, und haben entsprechend laut oder weniger laut reagiert. [...] Vom Begleitkommando wurden anschließend die Türen geöffnet, russische Zivilisten [...] mussten die Leichen aus dem Wagen zerren und in der Grube aufschichten."

Nach fünf Jahren Ermittlungen, die sich aufgrund anderer Gerichtsprozesse und der verweigerten Kooperation Wendls verzögerten, kam es am 12. Mai 1970 zur Anklage wegen Mordes vor einem Wiener Geschworenengericht. Josef Wendl wurde jedoch freigesprochen. Die Begründung der Geschworenen hierfür war, dass der Angeklagte mit einer strengen Bestrafung hätte rechnen müssen, wenn er Befehle verweigert hätte („Befehlsnotstand“). Damit war Wendl keiner der namentlich bekannten und aus Österreich stammenden 50 Täter die aufgrund ihrer Verbrechen in Maly Trascjanec bestraft wurden.

Viktar Barščėǔski

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Viktar Barščėǔski wurde 1923 im Dorf Siamionavičy im Bezirk Šarkaǔščyna geboren. Mit 20 Jahren schloss sich Barščėǔski als Freiwilliger dem 13. weißruthenischen SD-Bataillon an. Angehörige dieser Einheit beteiligten sich an der Niederbrennung von Dörfern bei Strafaktionen und im Herbst 1943 an der Auflösung des Minsker Ghettos.

Die früheren Kameraden von Barščėǔski berichteten darüber bei Verhören im Jahr 1986 folgendes: „Im Spätherbst [...] trieben die Polizisten die Ghettohäftlinge aus ihren Wohnungen, brachten sie zum Ghettotor und verluden, nachdem sich die zum Tod Verurteilten nackt ausgezogen hatten, mindestens 40 in einen Gaswagen und mindestens 20 Menschen in einen gewöhnlichen Lastwagen. Dann fuhren wir wieder nach Trostenez, wo der Gaswagen von den 20 Todesgeweihten ausgeladen wurde, dann zogen sie sich auf unseren Befehl hin nackt aus und [...] die Polizei schoss mit allen verfügbaren Waffen auf die Gefangenen, bis sie alle in einem Graben umkamen.“ Am Ende kontrollierte der deutsche Kommandeur alles und es gab Fälle, in denen noch eine Pistole benutzt wurde, um die Gefangenen zu erschießen, die noch Lebenszeichen von sich gaben. Nachdem sie diese Gruppe von Jüd:innen erschossen hatten, bestiegen Polizisten wieder den Wagen und fuhren zurück ins Ghetto, wo der ganze Vorgang von neuem begann.

Nach dem Krieg kehrte Barščėǔski nicht mehr in sein Heimatdorf zurück. Nach seiner Verhaftung wurde er und gemeinsam mit einem weiteren ehemaligen Polizisten 1986 zum Tode verurteilt.

Die „Aktion 1005“

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Als die Besatzer im Herbst 1943 die letzten noch im Minsker Ghetto verbliebenen Jüdinnen und Juden - mehrere tausend Menschen - systematisch töteten, befand sich die Rote Armee bereits auf dem Vormarsch Richtung Westen. Die Täter von Maly Trascjanec fürchteten die Entdeckung ihrer Verbrechen. SS-Standartenführer Paul Blobel stellte im Herbst 1943 östlich der ehemaligen Reichsgrenzen sogenannte „Sonderkommandos“ auf, die die Spuren der Menschheitsverbrechen vertuschen sollten. Das Unternehmen lief unter dem Decknamen “Aktion 1005”.

Ab dem 27. Oktober 1943 wurden in Maly Trascjanec etwa 100 sowjetische Kriegsgefangene gezwungen, die Massengräber im Waldstück Blahaǔščyna zu öffnen. „Enterdung“ nannten die Besatzer diesen Vorgang: Die Zwangsarbeiter:innen mussten die mitunter stark verwesten Leichen tausender Ermordeter mit Eisenhaken bergen, auf Scheiterhaufen stapeln und verbrennen. Die Asche wurde auf der Suche nach Zahngold gesiebt und dann weitläufig im Boden verteilt. Die zu dieser furchtbaren Arbeit eingesetzten Gefangenen galten als Mitwissende. Anstatt sie - wie ihnen im Vorfeld versprochen worden war - nach Ende der “Aktion 1005” freizulassen, wurden sie ebenfalls ermordet.

Die „Aktion 1005“ in Maly Trascjanec galt am 15. Dezember 1943 als abgeschlossen. Fortan diente das Krematorium im Waldstück Šaškoǔka als Haupthinrichtungsstätte, um die Ermordung tausender Menschen möglichst unsichtbar zu verrichten.

Paul Blobel

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Im März 1942 lief die „Aktion 1005“ an, die die Beseitigung von Spuren der Massenverbrechen östlich der ehemaligen Reichsgrenzen zum Ziel hatte. Der Leiter dieser „Sonderaktion“ war der SS-Standartenführer Paul Blobel.

Bevor Blobel zum Leiter des „Sonderkommandos 1005“ ernannt wurde, war er bereits für die Ermordung von bis zu 60.000 Menschen, überwiegend Jüdinnen und Juden, in der heutigen Ukraine und in Belarus verantwortlich. Als Kopf der „Aktion 1005“ war es seine Aufgabe, eine Methode zu finden, mit der die Spuren von Massenmorden vernichtet werden konnten. Im Sommer 1942 begann er im Vernichtungslager Chelmno in Polen eine Strategie zu entwickeln, die darin bestand, die Massengräber zu öffnen, die Leichen zu exhumieren, sie zu verbrennen und ihre Überreste zu zermahlen.

Im Herbst 1943 traf Blobel bei Maly Trascjanec ein, um die Spurenbeseitigung bei Blahaǔščyna zu organisieren. Als die Organisation abgeschlossen war, reiste er weiter. Anfang Mai 1945 wurde Blobel festgenommen. Im Nürnberger Einsatzgruppenprozess 1947/48 wurde er zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet.

Arthur Harder

Minsk, BY

1943 wurde Arthur Harder als Unteroffizier dem SS-Standartenführer Paul Blobel zugeteilt und war in dieser Funktion für die Durchführung der Spurenbeseitigungsaktion „1005“ mit verantwortlich. Gemeinsam organisierten Harder und Blobel die Exhumierung der Massengräber bei Blahaǔščyna.

Als Unteroffizier war Arthur Harder dafür zuständig, die Materialien und Geräte für die Spurenbeseitigung zu organisieren und das „Sonderkommando“ zusammenzustellen. Dieses Sonderkommando bestand aus Angestellten des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (BdS) sowie den Kommandeuren der Sicherheitspolizei (KdS) in Minsk. Außerdem rekrutierte Harder ungefähr 40 rumänische und ungarische Männer aus der „Volksdeutschen“-Kompanie. Sie bewachten die Exhumierungs- und Verbrennungsarbeiten, die etwa 100 sowjetische Kriegsgefangene durchführen mussten. Die Wachposten des „Sonderkommandos“ erschossen die Kriegsgefangenen, nachdem sie die Arbeiten im Dezember 1943 beendet hatten.

1962 musste sich Harder vor einem Schwurgericht in Koblenz für seine Taten in Maly Trascjanec verantworten. Hier warf man ihm unter anderem vor, an der Lebendverbrennung dreier jüdischer Häftlinge, die angeblich ein Attentat auf den BdS in Minsk verübt hatten, beteiligt gewesen zu sein. Das Gericht wertete die Verbrennung der drei Personen bei lebendigem Leibe zwar als Mord, Harder selbst wurde jedoch lediglich als “Hilfsperson” eingestuft und zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Bevor das Urteil vollstreckt werden konnte, starb Arthur Harder am 3. Februar 1964 in Frankfurt am Main.

Die Untersuchung von Blahaǔščyna

Minsk, BY

Die Außerordentliche Staatliche Kommission der Sowjetunion (ČGK) folgte der Roten Armee auf ihrem Zug nach Westen. Ihre Aufgabe war es, Spuren der durch die nationalsozialistischen Besatzer begangenen Massenmorde zu sichern. Zwei Wochen nach der Befreiung von Minsk begann die Kommission mit ihrer Arbeit in Maly Trascjanec.

Am 20. und 21. Juli 1944 untersuchten die Kommissionsmitglieder die Waldlichtung Blahaǔščyna, auf der sie mehrere auffällige Stellen mit abgesenktem Boden fanden. Diese Stellen deuteten sie als insgesamt 34 Erschießungsgruben. Einige der Gruben wurden ausgehoben und ihr Inhalt untersucht: eine Masse aus kalzinierten Knochen, aber auch Privatgegenstände der Ermordeten.

In ihrem Protokoll schrieb die Kommission, dass es sich bei den Opfern der Massenerschießungen um „friedliche Sowjetbürger“ gehandelt habe - die antisemitische Dimension des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges blendete sie aus. Nach Angaben der Kommission waren etwa 150.000 Menschen bei Blahaǔščyna ermordet worden. Aktuelle Forschungen gehen von weniger Opfern aus. Das Kommissionsmitglied M. F. Wolodko legte 1944 eine Skizze der Erschießungsgräben an, die als Vorlage für den 2017 angelegten Gedenkfriedhof bei Blahaǔščyna diente.

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