Orte der Zürcher Heil- und Sonderpädagogik

Stadtführung Schaffhauserstrasse 239, 8057 Zürich, CH

Ein Stadtrundgang zu historischen Stationen der Zürcher Heil- und Sonderpädagogik

Autor: HfH

Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) - Zürich

Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) - Zürich

Die HfH ist eine Spezifische Pädagogische Hochschule. Sie legt den Fokus auf heil- und sonderpäda...

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8 Stationen

Ein Blick auf unsere Tour

Schaffhauserstrasse 239, 8057 Zürich, CH

Wir starten die Tour auf der Polyterrasse und besuchen von dort aus einige Orte, die für die Geschichte der Zürcher Heilpädagogik bedeutungsvoll waren. Wir werden ca. 2 Km zurücklegen

Polyterrasse: Blick auf die Kirchen: Die Reformation und die Folgen für die (Hei

Leonhardstrasse 36, 8001 Zürich, CH

Grosse Bedeutung der Reformation in Zürich (ab 1522)
Reformation führt zur konfessionellen Spaltung der Schweiz, die weit ins 20 Jh. spürbar war
Im Protestantismus: Einsetzende Reflexion über Bildung und Erziehung, erste Ansätze zur Volksbildung (Katholizismus weniger)
Ab 1830 liberale Wende in vielen Kantonen
1847 „Sonderbundkrieg“, kurzer Bürgerkrieg zwischen katholischen und (reformiert-) liberalen Orten, mit Sieg letzter
1848 Bundesverfassung unter grossem Zeitdruck geschrieben, die die strittigsten Punkte ausklammerte, d.h. den Kantonen überliess. Bildung gehörte dazu -> sehr heterogene Bildungssituationen in der Schweiz
-> Konfessionelle Spaltung prägt die Entwicklung der Heilpädagogik v.a. in der ersten Hälfte des 20. Jh., mit den beiden Hauptorten Zürich (liberal, reformiert) und Fribourg (katholisch)
-> Muster im 20. Jh.: Innovationen zuerst in liberalen Stadtkantonen, häufig aus Konkurrenzdenken in katholischen (Stadt-)kantonen übernommen
-> Lange Zeit starke christliche Grundlegung der Heilpädagogik

Polyterrasse: Blick in die Alpen - Alpenmythos und Heilpädagogik

Leonhardstrasse 36, 8001 Zürich, CH

Weite Verbreitung des endemischen Kretinismus in der Schweiz (Jodmangel im Wasser und Gestein, Fehlfunktion Schilddrüse, Unterentwicklung Hirn-> Kleinwuchs, Geistesschwäche, Gehörlosigkeit)
18. Jh. im Zusammenhang mit Alpen thematisiert. Gegensatz zwischen idealisiertem Hirtenbild (unverdorbene, edle, starke „Wilde“ und den sichtbaren „Kretinen“), ab 1830 versch. Initiativen.
Johann Jakob Guggenbühl gründet „Heilanstalt für Kretine auf Abendberg“ (1841 – 1863). Überzogene Selbstinszenierung, „heilt“ Kretinismus nicht im mediz. Sinn, aber Besserung sichtbar (v.a. bei nicht kretinen Kindern). Innovative heilpäd. Ansätze. Anfangs europaweite Euphorie, dann in CH: grosse Kritik, „Verdammungsurteil“
Grosse Bedeutung für Entwicklung der Heilpädagogik im Ausland (D, Ö, USA etc), Stillstand in CH
Während im Ausland die einsetzende "Geistigbehindertenpädagogik" stark pädagogisch geprägt ist, dominiert in der Schweiz ab 1870 bis weit ins 20. Jh. eine psychiatrisch-medizinische Perspektive

Turnegg

Kantonsschulstrasse 4, 8001 Zürich, CH

Vorgeschichte 1:
Dominanz der Psychiatrie für Heilpädagogik (1890-1930): „Minderwertige“, „Idioten“
Systematisierung und Aufbau des „Irrenwesens“ in Europa und CH ab 1860
Zürich (Burghölzli) nimmt führende Rolle ein: Forel, Bleuler
Psychiatrische Definitionen werden in Heilpädagogik übernommen: Idiotie als Oberbegriff, Schwachsinn leichteren und höheren Grades, Blödsinn als Unterkategorien.
Geistesschwäche wird als Gehirnkrankheit verstanden, Hirnanatomie gilt als vielversprechend

Vorgeschichte 2:
Gründung erster Berufs- und Fachverband: Schweizerische Konferenz für das Idiotenwesen (1889): Idioten - Geistesschwache
Gründung in Zürich 1889, v.a. liberal-protestantischer Kontext, aber auch katholische Beteiligung
Ab 1899 regelmässige „Konferenzen“ (2 Tage, alle 2 Jahre, mit Veröffentlichung)
Lanciert und koordiniert (v.a. 1900 – 1920) verschiedene Innovationen (Aufbau Hilfsklassenwesen, Erziehungsanstalten für Schwachsinnige, Bildungskurse, Nachgehende Fürsorge)

Vorgeschichte 3:
Aufbau der schulischen Heilpädagogik (1890-1920): Anormale
Allgemeine Schulpflicht + Verbesserung der Schulqualität -> schwachbegabte Kinder werden sichtbar. Neues leitendes Kriterium: Bildungsfähigkeit, Aufkommen IQ-tests.
Doppelte Funktion der Hilfs-/Spezialklassen: Integration in Schulsystem und Segregation aus Volksschule
Gleichzeitig: mit Aufbau Hilfsklasse werden schwachbegabte Hilfsschüler sichtbar -> Erziehungsanstalt für Schwachsinnige (doppelte Funktion: Integration in Bildungs-, Erziehungssystem, Segregation aus Hilfsklasse)
Nur punktuell: Aufbau von „Asylen für Blödsinnige“ (Entlastung Erziehungsanstalten f. Schwachsinnige)
Zunehmende Nachfrage nach besonders ausgebildeten Lehrkräften: Aufbau der Bildungskurse (föderalistisch wandernd...), (6x zwischen 1900 und 1921)

Systematisierung des Arbeitsfeldes (1920-1930): „Anormale“, „Verwahrlosung“
Erster Weltkrieg und Folgen: D/Ö in Krise, Wissens- und Ausbildungstransfer versiegt,
Politische und wirtschaftliche Krise Schweiz (Landesgeneralstreik, Anstalten nahe an Bankrott)
Gründung Dachvereinigung SvfA (Schw. Vereinigung für Anormale, später Pro Infirmis) 1920 (vorher, z.T. in Konkurrenz zu Pro Juventute 1912)
Gründung Heilpädagogisches Seminar Zürich (1924): Leitung Heinrich Hanselmann. Verbunden mit Landerziehungsanstalt Albisbrunn. Verberuflichung der Ausbildung. Mischform zwischen universitärer (wie Medizin) und nichtuniversitärer (wie Lehrberufe) Ausbildung, fester Lehrauftrag Hanselmann Uni (Heilpädagogik und Jugendfürsorge), ab 1931 ausserordentliche Professur für Heilpädagogik.
Kooperation, Konkurrenz und Abgrenzung zu Psychiatrie (v.a. Kinder- und Jugendpsychiatrie) und Schulärzte

Konfessionalisierung des Arbeitsfeldes: Aufbau der katholischen Heilpädagogik (1928-1935): zunächst keine spezielle Terminologie
Kontext: katholischer Kampf gegen „Interkonfessionalismus“ in Bildung, Erziehung, Fürsorge, Gesundheit
Hanselmann aus katholischer Sicht untragbar, Caritas wird beauftragt, Gegenstruktur aufzu-bauen. 1925-35: Konfessionslogik über Professionslogik.Errichtung Institut für Heilpädagogik Luzern (1930), Leiter Josef Spieler (D), Lehrauftrag Uni Fribourg, ab 1935 Professur für Pädagogik und Heilpädagogik. Ausbildung für Lehrkräfte, Aufbau Beobachtungsstationen
Annäherung der beiden Positionen Ende dreissiger, anfangs vierziger Jahren (Krise Zwischenkriegszeit, 2. Weltkrieg)
1945-48: Ausweisung Josef Spieler (Nazisympathien? Jedenfalls Mitgliedschaft NSDAP)

Hanselmann als bestens vernetzter Macher entwickelte die Heilpädagogik als pädagogische (und nicht medizinische) Disziplin und Profession weiter
1940 übernahm Paul Moor die Leitung des Seminars und des Albisbrunns, 1950 folgte er Hanselmann auf die Professur
Nach dem zweiten Weltkrieg war Zürich (nebst Fribourg) lange Zeit die einzige funktionierende Ausbildungsstätte in Heilpädagogik mit entsprechendem Einfluss auf das deutschsprachige Ausland
Das HPS entwickelte sich zu einer Institution der Lehrer*innenbildung, während sich der Lehrstuhl der Weiterentwicklung von Disziplin und Profession widmete
Zunehmende Differenzierung der Angebote, u.a. mit der Etablierung der logopädischen Ausbildung 1973.

Umzug an den Berninaplatz 2001





Schulhaus Hirschengraben: ISP und HPS

Hirschengraben 46, 8001 Zürich, CH

Lange Zeit Sitz des Instituts für Sonderpädagogik der Universität Zürich (Prof. Hanselmann, Moor, Schneeberger)
Schulhaus Hirschengraben: Kurz Standort der Heilpädagogischen Schule Zürich
1937 von Dr. Maria Egg-Benes gegründete Sonderschule für Kinder mit kognitiver Beeinträchtigungen, die entweder von der Schule dispensiert waren oder in Internaten beschult wurden
Systematischer Aufbau solcher Angebote, vertrat die These der Bildbarkeit dieser Kinder
Ursprünglich privat finanziert, wurde das Angebot der „Heilpädagogischen Hilfsschule“ in einer Abstimmung 1956 mit überwältigender Mehrheit städtisch
Aufbau von Anschlusslösungen (Werkstätten)
Aktuell: Verschiedene Standorte: Sowohl integrierte wie auch separierte Sonderschulung

Haus zum Turm: Die erste heilpädagogische Institution in Zürich

Obere Zäune 24, 8001 Zürich, CH

Baugeschichte:
Um 1250 erbaut
Bekannt als Brunnenturm oder Lamparter- oder Kawertschenturm
1429 an Familie Escher vom Luchs
1801 vom Lehrer Kaspar David Hardmeier übernommen
Ab 1819 Blindenanstalt der Zürcher Hülfsgesellschaft
1826 Blinden- und Taubstummenanstalt
1838 Armenschule

Der Anfang: Bildung für Blinde
Napoleonische Kriege, Zürich wird zum Kriegsschauplatz. Philanthropische Kreise engagieren sich zur Linderung des Elends. Nach Abklingen der Kriegsfolgen wenden sich diese neuen Themen zu
1810 beauftragt Johann Kaspar Hirzel einen blinden Lehrer aus Bern (Gottlieb Funk) ein blindes Mädchen zu unterrichten.
Vom Erfolg überzeugt, gründet er die Blindenanstalt, mit der Idee, dass dort blinde Kinder von blinden Lehrern unterrichtet werden sollen. Nachdem Funk eine Beziehung mit einer erwachsenen Schülerin hatte, wird er zum Teufel gejagt – nun sollen nur noch Sehende unterrichten..
Internat/Externat, mit Schule, Erziehung, Werkstatt für Kinder/Jugendliche
Pockenimpfung 1826 -> Abnahme Zahl blinder Kinder -> Vereinigung mit Taubstummenbildung in Zürich

Bildung für „Taubstumme“
Privatinstitut Pfarrer Keller in Schlieren, Einfluss de l’Epée, Mittelweg zwischen Gebärde und Lautsprache, Publikation erstes Lehrmittel (1786). Bildet Ulrich/Naef aus. Ende in Wirren der Helvetik
Neuanfang in Yverdon 1811 (Unterstützung Pestalozzi) durch Naef
Taubstummenbildung in folgenden Jahrzehnten in versch. Kantonen (v.a. protestantische Stadtkantone) eingeführt. Schlecht koordiniert, Über- und Unterkapazitäten
Erstes (informelles) System der Lehrerbildung (Unterlehrer in Institution – Oberlehrer), oft Lehrkräfte aus Süddeutschland.
Nähe Taubstummenbildung und erste Ansätze Schulung Schwachbegabter (Kretinismus als Ursache von Geistesschwäche und Gehörlosigkeit)
Erste Differenzierung: Was tun mit schwachbegabten taubstummen Kinder? Ausschliessen, „mitschleppen“, neue Institution (erst 20. Jh.)
Ansätze einer heilpädagogischen Theoriebildung: Ignaz Thomas Scherr (um 1830)




Kino Radium: Eugenik, Euthanasie und die Schweizer Heilpädagogik

Mühlegasse 5, 8001 Zürich, CH

Ende 19. Jh. tauchten Befürchtungen auf, wonach die menschlichen "Rassen" bzw. die Menschheit "entarte". Es wurde angenommen, dass die meisten (negativen Körper- oder Geisteseigenschaften) stark vererbbar waren und dass sich die "minderwertigen" Menschen oder "Rassen" stärker vermehren als die "höherwertigen" -> Rassenhygiene oder Eugenik
Die aufkommende Fürsorge für Menschen mit Behinderung verstärkte bei Eugenikern diese Angst, in der Annahme, dass dieser Bevölkerungsgruppe, der es früher schlecht ging und kaum eine Chance auf Fortpflanzung hatte, sich nun stärker fortpflanzen würde. Es wurde dafür plädiert, die Nächstenliebe mit der "Fernstenliebe" zu koppeln, d.h. dass die Fürsorgebeziehenden aus Liebe für künftige Generationen auf die Fortpflanzung verzichten sollen.
Eugenikdiskurs im deutschsprachigen Raum stark auch von Schweizer Psychiatrie geprägt (Forel, Bleuler u.a.) -> Einfluss auch auf die Heilpädagogik
In Abgrenzung zu NS-Deutschland plädierte man für «freiwillige» Massnahmen, die aber häufig erzwungen wurden
Generell: In protestantischen Gegenden, wo die Psychiatrie stark war, kam es zu mehr eugenischen Massnahmen (Zürich, Basel, Bern, Lausanne)
In Deutschland wurde 1939 das als "Euthanasie" bekannte geheime Tötungsprogramm gegen Menschen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen gestartet.
Durchgehende Ablehnung der «Euthanasie» in der Schweiz. Schon früh Kenntnis davon, weil Menschen mit Beeinträchtigung in der Ostschweiz z.T. in grenznahen deutschen Institutionen waren
1941 wurde der Film «Ich klage an!» von Wolfgang Liebeneier im Kino Radium aufgeführt
Es folgten hitzige Diskussionen und ein publizistisches Gegenprogramm seitens der Heilpädagogik

Ziel: Schipfe 16

Sihlstrasse 9, 8001 Zürich, CH

Spielregeln: 2 Gänge + Getränke übernimmt die HfH