Bayreuth Postkolonial

Stadtführung Ludwigstraße 20, 95444 Bayreuth, DE

Ein postkolonialer, antirassistischer Stadtrundgang durch Bayreuth, der Alternativen zu dominanten Sehenswürdigkeiten bietet. Sie lernen eine andere Seite Bayreuths kennen - eine die durch einen kritischen Blick Gegebenheiten dekonstruiert und hinterfragt. Der Rundgang ist nach wie vor in Bearbeitung - konstruktive Kritik ist jederzeit erwünscht!

Autor: Bayreuth

6 Stationen

Der Bayreuther Markgrafenbrunnen

Ludwigstraße 20, 95444 Bayreuth, DE

(English version below)
Der sogenannte Markgrafenbrunnen von Bayreuth lässt sich heutzutage vor dem neuen Schloss finden. Es ist ein 1705 fertiggestellter Reiterbrunnen des Bayreuther Bildhauers Elias Räntz, zu Ehren des Bayreuther Markgrafen Christian Ernst. Früher stand der Brunnen vor dem alten Rathaus, wurde dann jedoch versetzt.
Der Bau des Brunnens wurde zum Ende des 16. Jahrhunderts begonnen und nahm sechs Jahre in Anspruch. Der Brunnen lässt sich in der Epoche des Barocks einordnen. Ganz Oben sitzt der Markgraf in Kampfmontur auf seinem Schlachtross. Unter ihm wird ein Mann mit Turban niedergetrampelt. Auf gleicher Höhe hält ein sogenannter "Hofzwerg", wie er zur Belustigung an den Adelshöfen zu finden war, ein Banner, das sich über den Sockel der Statue erstreckt
Die Inschrift des Banners ist Latein und liest „PIETAS AD OMNIA UTILIS“ (Die Frömmigkeit ist zu allen Dingen nütze). Der Untere Teil des Brunnens besteht aus einem stark abgerundeten Becken in Kreuzform. Im Mittelpunkt steht der Sockel für das Reiterabbild des Markgrafen. Vor jeder der vier Seiten des Sockels thront jeweils eine Reiterfigur. Die Statuen/Wasserspeier unterscheiden sich in Charakteristika und Reittieren.
Der erste Reiter sitzt auf einem Pferd, dessen hintere Hufe gerade kollabieren. Er trägt einen Turban, einen Schnurrbart und ein Speer. Der zweite Reiter sitzt auf einem Greif, oder Adler und trägt einen Köcher und Pfeile, sowie Federschmuck und lange Haare. Der Dritte Reiter sitzt auf einem Löwen, trägt ein Kopftuch und geschwungene Dolche. Die Letzte Reiterin sitzt auf einem Stier, gekleidet als Hofdame. Jedes Reittier speit Wasser aus seinem Maul und jeder Reiter zeigt exemplarisch in eine der vier Himmelsrichtungen.
Die Wasserspeier, bzw. Reiter:innen, stehen für vier Flüsse, die im Fichtelgebirge entspringen und in die vier damals bekannten Kontinente zeigen. So wird die Löwenstatue und ihr Reiter mit der Naab in Verbindung gebracht, die gen Süden fließt und somit nach Afrika deutet.
Der Main, der nach Westen abläuft, zeigt Richtung Amerika, was wiederrum durch einen Greif und einen Native-American, mit Federschmuck und Bogen repräsentiert wird.
Die Hofdame, die auf dem Stier reitet, steht für Europa. Einmal für die Prinzessin aus der griechischen Mythologie und andererseits für den Kontinent selbst. Mit Europa wird die Saale in Verbindung gebracht, die sich nach Norden erstreckt.
Der damals von den Osmanen besetzte Osten wird von einem Turkstämmigen, fliehenden Reiter repräsentiert. Das Wasser, das aus dem Maul des Pferdes läuft, steht für die Eger.
Wenn man sich nach der Botschaft fragt, die dieser Brunnen im frühen 18. Jh., an die Bürger:innen Bayreuths vermitteln sollte, so kommt man schnell zu dem Schluss, dass es ein Sieges- bzw. Befreiungsdenkmal anlässig der Belagerung Wiens ist. Jedoch muss man nicht weiter als zum Banner des Hofzwergs gucken, um einen christlichen Herrschaftanspruch zu erkennen. Die Frömmigkeit ist zu allen Dingen nütze. Über diesem Schriftzug thront der kriegerische Markgraf und unter ihm wiederrum wird die ganze Welt repräsentiert. Es wirkt schon fast ein bisschen größenwahnsinnig, passt aber gut zum Missionsanspruch, der Europäische Christen dazu gebracht hat, das Evangelium - zur Not auch mit Gewalt - zu verbreiten. Denn nur wenn auch alle die christliche Botschaft gehört haben - so die damals verbreitete Vorstellung - kann es Gottes Reich auf Erden geben.
Ein weiteres Indiz für die Botschaft des Christlichen Herrschaftsanspruchs, den der Brunnen verkündet ist, dass jedes Reittier, außer das des Osmanen, einem Apostel zugewiesen werden kann.
Markus, der Löwe. Johannes, der Adler. Lukas, der Stier.

Es macht auch Sinn, dass ausgerechnet der Osten keinen Apostel hat. Die christliche Heilsgeschichte, kommt ja auch aus Israel. Doch die Bewohner:innen der östlichen Länder, haben sich der christlichen Botschaft verschlossen, indem sie den Islam angenommen haben. So wurde über Jahrhunderte hinweg eine Feindseligkeit gegenüber Muslimen legitimiert, die auch bis heute unkommentiert, hier im Herzen Bayreuths zu finden ist.

Beitrag von Aslihan Özcan und Louis Fabian Hilzinger



Bayreuther Markgrafenbrunnen (Margrave's Fountain of Bayreuth)

The so-called Margrave's Fountain of Bayreuth can be found today in front of the new castle. It is an equestrian fountain completed in 1705 by the Bayreuth sculptor Elias Räntz, in honor of the Bayreuth Margrave Christian Ernst. The fountain used to stand in front of the old town hall, but was then moved.
The construction of the fountain was started at the end of the 16th century and took six years. The fountain can be classified in the epoch of baroque. At the top the margrave in battle dress is sitting on his warhorse. Below him, a man wearing a turban is being trampled. At the same height, a so-called "court dwarf", as he was found for amusement at the courts of the nobility, holds a banner that stretches across the base of the statue
The inscription on the banner is in Latin and reads "PIETAS AD OMNIA UTILIS" (Piety is useful for all things). The lower part of the fountain consists of a strongly rounded basin in the shape of a cross. In the center is the pedestal for the equestrian effigy of the Margrave. In front of each of the four sides of the pedestal is enthroned an equestrian figure. The statues/spouts differ in characteristics and mounts.
The first rider sits on a horse whose rear hooves are just collapsing. He wears a turban, a mustache and a spear. The second rider sits on a griffin, or eagle, and carries a quiver and arrows, as well as feather ornaments and long hair. The Third Rider sits on a lion, wearing a headscarf and curved daggers. The Last Rider sits on a bull, dressed as a lady-in-waiting. Each mount spouts water from its mouth and each rider points exemplarily in one of the four cardinal directions.
The gargoyles, or riders, stand for four rivers that rise in the Fichtelgebirge and point to the four continents known at that time. Thus the lion statue and its rider are associated with the Naab, which flows south and thus points to Africa.
The Main, which runs off to the west, points towards America, which in turn is represented by a griffin and a Native-American, with feather ornament and bow.
The lady-in-waiting riding the bull represents Europe. On the one hand for the princess from Greek mythology and on the other hand for the continent itself. Europe is associated with the river Saale, which stretches to the north.
The East, occupied at that time by the Ottomans, is represented by a Turkic, fleeing horseman. The water running from the horse's mouth represents the river Eger.
If we ask ourselves about the message that this fountain was supposed to convey to the citizens of Bayreuth in the early 18th century, we quickly come to the conclusion that it is a victory or liberation monument on the occasion of the siege of Vienna. However, one does not have to look further than the banner of the court dwarf to recognize a Christian claim to rule. Piety is useful for all things. Above this banner the warlike margrave is enthroned and below him again the whole world is represented. It seems almost a bit megalomaniac, but it fits well with the missionary claim that led European Christians to spread the gospel - even with violence if necessary. For only when everyone has heard the Christian message - so the idea widespread at the time - can there be God's kingdom on earth.
Another indication of the message of Christian dominion that the fountain proclaims is that every mount, except that of the Ottoman, can be assigned to an apostle.
Mark, the lion. John, the eagle. Luke, the bull.

It also makes sense that the East, of all places, has no apostle. The Christian history of salvation, after all, comes from Israel. But the inhabitants of the eastern countries have closed themselves to the Christian message by accepting Islam. In this way, a hostility towards Muslims was legitimized for centuries, which can still be found here in the heart of Bayreuth without comment.

Contribution by Aslihan Özcan and Louis Fabian Hilzinger

Weiß-Sein und Bayreuths höfische Kultur

Sophienstraße 1, 95444 Bayreuth, DE

(English version below)
Die heutige Sophienstraße nannte sich früher “Breite Gasse” und war eine der größten Straßen in Bayreuth. Noch heute liegt sie zentral und lädt mit ihren kleinen Geschäften zu einem Stadtbummel ein. Wenn ihr euch ein wenig umschaut, wird euch sicherlich auch schnell auffallen, warum wir uns gerade für diesen Standort entschieden haben [in den Schaufenstern der Apotheke sind stereotypische und rassistische Abbildungen von Schwarzen Personen zu sehen], denn wir werden uns hier mit Abbildungen von Schwarzen Personen im 15. & 16. (und frühen 17.) Jahrhundert beschäftigen.
Der Maler Antoine Pesne malte die spätere Markgräfin von Bayreuth im Kindesalter spielend mit ihrem Bruder Prinz Friedrich in einem prachtvollen Kleid. Die beiden Kinder im Zentrum des Gemäldes sind in Bewegung und folgen ihrem kleinen Hund. Demonstrativ im Hintergrund steht ein Schwarzer Hofdiener, der den beiden Kindern einen Schirm hält. Auch er scheint im jugendlichen Alter zu sein. Doch warum wurde genau diese Szene auf einem Gemälde verewigt? In der frühneuzeitlichen Hofkultur wurde es immer beliebter, sich mit den Schwarzen Angestellten malen zu lassen. Indem Schwarze direkt neben den blassen Herrscher:innen standen, wirkten diese noch “weißer”. So wurde beim Kauf von Versklavten z.B. die möglichst dunkle Farbe zu einem wichtigen Kriterium.
Weil der Künstler Albrecht Dürer einen starken Einfluss auf das Hervorheben der adligen Blässe hatte, ist es erstaunlich, dass er zu Beginn des 16. Jahrhunderts zwei detailgetreue und realistische Portraits von Schwarzen Personen anfertigte. Der Nürnberger Künstler stellte sie als Individuen dar und baute auf seine eigene Wahrnehmung auf. Sah Dürer dabei seine Modelle sowohl als Menschen, als auch als praktische Arbeitskraft? Oder nutzte er die Portraits als Zeichen von Wohlstand? Das von Dürer angefertigte Wappen von 1523, auf welchem eine Schwarze Person abgebildet ist, deutet auf den Ausdruck von Universalität und Status hin. Die stereotypisierte Darstellung wirkt aus heutiger Sicht sehr befremdlich. Doch welche Bedeutung steckt in dieser visuellen Kultur der frühen Neuzeit?
Beim Adel war es in Mode gekommen, sich exotisierte Hofbedienstete zu erwerben, die eine gut sichtbare Zurschaustellung ihres Reichtums waren. Diese waren als Bedienstete stets sehr nobel gekleidet und zeigten, dass ihre Besitzer:innen Kontakt mit dem als “verführerisches Paradies” geltenden Afrika hatten. Vorwiegend aus dem muslimisch geprägten nordafrikanischen Bereich kommend, galten sie als “orientalisch kultiviert”.
Sie waren Angestellte am Hof und galten als Besitz der Adligen. Einerseits wurden sie am Hof als akzeptierte Mitglieder gesehen, andererseits hatten sie aber nicht die Rechte offizieller Staatsbürger:innen. Der heute “bekannteste” Schwarze Hofdiener aus Bayreuth, als Christian Ferdinand getauft, war ein Geschenk für Markgräfin Erdmuthe Sophie zur Hochzeit und wurde an ihrem Hof als Pauker beschäftigt.
Die Präsenz Schwarzer Hofdiener:innen bis ins Bayreuther Markgrafentum weist auf die bereits lange bestehende Beziehung zur westafrikanischen Küste hin. Die erste deutsche Kolonie war Großfriedrichsburg, gegründet durch den Kurfürsten von Brandenburg Friedrich Wilhelm im Jahr 1683. Der Kurfürst hatte großes Interesse an weiteren Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent und unterstützte aktiv die dortige Ausbeutung. Die Tochter des Kurfürsten, Wilhelmine wurde übrigens später durch ihre Heirat Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth. Jedoch verkaufte Wilhelmines Bruder, nach dem Tod des Vaters, die Kolonie an Holland.
Sklaverei und Kolonialismus veränderten die Wahrnehmung Schwarzer Menschen inner- und außerhalb Europas.

Beitrag von Anna Hofbeck und Valerie Dagenbach


Whiteness and Bayreuth's courtly culture

Today's Sophienstraße used to be called "Breite Gasse" and was one of the largest streets in Bayreuth. Today, it is still centrally located and invites you to take a stroll through the city with its small stores. If you look around a bit, you will surely notice why we have chosen this location [in the shop windows of the pharmacy you can see stereotypical and racist images of black persons], because we will deal with images of black persons in the 15th & 16th (and early 17th) century.
The painter Antoine Pesne painted the later Margravine of Bayreuth as a child playing with her brother Prince Frederick in a splendid dress. The two children in the center of the painting are in motion, following their little dog. Demonstratively in the background is a black court servant holding an umbrella for the two children. He, too, appears to be of youthful age. But why was this very scene immortalized in a painting? In early modern court culture, it became increasingly popular to be painted with Black servants. By having Blacks stand right next to the pale rulers, they appeared even more "white." For example, when buying enslaved people, the darkest possible color became an important criterion.
Because the artist Albrecht Dürer had a strong influence on emphasizing noble paleness, it is surprising that he produced two detailed and realistic portraits of black persons at the beginning of the 16th century. The Nuremberg artist depicted them as individuals, building on his own perception. In doing so, did Dürer see his models both as human beings and as practical workers? Or did he use the portraits as a sign of wealth? Dürer's 1523 coat of arms, which depicts a black person, suggests an expression of universality and status. From today's perspective, the stereotyped depiction seems very strange. But what is the significance of this visual culture of the early modern period?
It had become fashionable among the nobility to acquire exoticized court servants who were a highly visible display of their wealth. As servants, they were always very nobly dressed and showed that their owners had contact with Africa, which was considered a "seductive paradise. Coming mainly from the Muslim-influenced North African region, they were considered "orientally cultured".
They were employees of the court and were considered the property of the nobility. On the one hand, they were seen as accepted members of the court, but on the other hand, they did not have the rights of official citizens. Today's "best known" Black Court Servant from Bayreuth, baptized as Christian Ferdinand, was a wedding gift for Margravine Erdmuthe Sophie and was employed at her court as a timpanist.
The presence of black court servants as far as the Bayreuth margraviate indicates the long existing relationship with the West African coast. The first German colony was Großfriedrichsburg, founded by the Elector of Brandenburg Friedrich Wilhelm in 1683. The Elector had great interest in further colonies on the African continent and actively supported exploitation there. Incidentally, the daughter of the Elector, Wilhelmine later became Margravine of Brandenburg-Bayreuth through her marriage. However, Wilhelmine's brother, after the death of their father, sold the colony to Holland.
Slavery and colonialism changed the perception of black people inside and outside Europe.

Contributed by Anna Hofbeck and Valerie Dagenbach

In Bayreuth stand ein 'Türkenhaus'

Richard-Wagner-Straße 17, 95444 Bayreuth, DE

(English version below)
In Bayreuth steht ein „Türkenhaus“? Was ist das? Vielleicht wohnen dort nur Menschen, die aus der Türkei zugewandert sind. Vielleicht befindet sich darin ein türkisches Restaurant.
Das Haus beziehungsweise der Name ist jedoch auf einen anderen Ursprung zurückzuführen. Es geht um einen markanten Schlussstein. Ein sogenannter Schlussstein befindet sich ganz oben in der Mitte eines Torbogens. Die architektonische Charakteristik eines Schlusssteins äußert sich in dessen Verzierung, zum Beispiel mit einem Wappen. Beliebte Verzierungen sind auch die Initialen des Erbauers oder eine „Kopf-Plastik“. Eine solche Plastik war der Stein des Anstoßes beim Bayreuther „Türkenhaus“.
Es handelt sich um die Darstellung eines Männerkopfes mit einem wilden Bart und einem Kopfschmuck, der einen Turban darstellen könnte. Wenn diese Figur tatsächlich ein türkischer Mann sein soll, ist das keine wohlwollende Darstellung. Sie passt aber zu der „Turkophobie“ des Barockzeitalters. Damals herrschte im westlichen Europa große Angst vor den Osmanen. Denn ganze zwei Mal waren osmanische Heere bis zu den Toren Wiens vorgedrungen. Die Türken galten als grausam und blutrünstig, als Kindertöter und Frauenschänder.
Doch nach Folgenden Bayreuther Einschätzungen handle es sich bei dem Plastik gar nicht um türkischen Kopf. Die ehemalige Leiterin des Historischen Museums, Frau Dr. Habermann postuliert, dass es sich um eine sogenannte Schreckmaske handle. Schreckmasken wurden seit der Renaissance oft an Hausportalen oder Stadttoren angebracht. Sie sollen böse Geister vom Haus oder der Stadt fernhalten. Norbert Hübsch, Geschäftsführer des Historischen Vereins für Oberfranken, erklärt, dass der Schlussstein einen „wilden Mann“ darstellt und wahrscheinlich von Elias Räntz gefertigt wurde.
Also doch keine türkenfeindliche Plastik? Ist ein „wilder Mann“ im Allgemeinen weniger diskriminierend? Und wer ist eigentlich Elias Räntz? Räntz lebte von 1649 bis 1732 und war ein berühmter Bildhauer. Ende des 17. Jahrhunderts wurde er Hofbildhauer des Bayreuther Markgrafen Christian Ernst. Sein bekanntestes Werk in Bayreuth ist der Markgrafenbrunnen vor dem Neuen Schloss. Seinen Namen ehrt man dementsprechend heute noch mit einer nach ihm benannten Straße in Bayreuth.
Die Vermutung liegt nahe, dass das „Türkenhaus“ mit der Darstellung eines „Türkenkopf“ verziert wurde. Problematisch ist dabei die stereotypisierende Darstellung. So sieht ein Türke aus. Das vereinfachende und vereinheitlichende Plastik maßt sich damit Repräsentativität an - mit einem rassistischen Nachgeschmack.
Mit dieser barocken Architektur konnte sich die Stadt sicherlich schmücken. Doch gehört es auch zum Verzehr von Kunst, über die Wirkung dessen nachzudenken. Denn auch wenn nie die eindeutige Absicht Kunstschaffender ermittelt werden kann, hinterlassen detaillierte Verzierungen mit Sicherheit einen prägenden Eindruck. Sie sind Teil unserer Erinnerungskultur und betreffen somit unser aller Zusammenleben.
Heute ist die Fassadenverzierung einem Supermarkt gewichen. In Bayreuth stand ein Türkenhaus.

Beitrag von Aslihan Özcan und Maen Al Darwish



There was a 'Türkenhaus' (Turkish house) in Bayreuth

There is a "Türkenhaus" in Bayreuth? What is that? Maybe only people who immigrated from Turkey live there. Maybe there is a Turkish restaurant in it.
However, the house or rather the name can be traced back to a different origin. It is about a prominent keystone. A so-called keystone is located at the very top of the center of an archway. The architectural characteristic of a keystone is expressed in its decoration, for example, with a coat of arms. Popular decorations are also the initials of the builder or a "head sculpture". Such a sculpture was the stumbling block of the Bayreuth "Türkenhaus".
It is a representation of a man's head with a wild beard and a headdress that could represent a turban. If this figure is indeed supposed to be a Turkish man, it is not a benevolent depiction. It does, however, fit the "Turkophobia" of the Baroque era. At that time, there was great fear of the Ottomans in Western Europe. For twice Ottoman armies had advanced to the gates of Vienna. The Turks were considered cruel and bloodthirsty, killers of children and abusers of women.
But according to the following Bayreuth estimates, the sculpture was not a Turkish head at all. The former director of the Historical Museum, Dr. Habermann, postulates that it is a so-called fright mask. Fright masks were often attached to house portals or city gates since the Renaissance. They were supposed to keep evil spirits away from the house or the town. Norbert Hübsch, managing director of the Historical Association for Upper Franconia, explains that the keystone depicts a "wild man" and was probably made by Elias Räntz.
So not an anti-Turkish sculpture after all? Is a "wild man" in general less discriminatory? And who is Elias Räntz, anyway? Räntz lived from 1649 to 1732 and was a famous sculptor. At the end of the 17th century, he became court sculptor to Bayreuth's Margrave Christian Ernst. His most famous work in Bayreuth is the Margrave's Fountain in front of the New Palace. Accordingly, his name is still honored today with a street named after him in Bayreuth.
The assumption is obvious that the "Türkenhaus" was decorated with the depiction of a "Turk's head". The stereotyping representation is problematic here. This is what a Turk looks like. The simplifying and unifying sculpture thus presumes representativeness - with a racist aftertaste.
The city could certainly adorn itself with this baroque architecture. But it is also part of the consumption of art to reflect on the effect of it. For even if the clear intention of art creators can never be determined, detailed decorations certainly leave a formative impression. They are part of our culture of remembrance and thus affect the way we all live together.
Today, facade ornamentation has given way to a supermarket. In Bayreuth, there was a 'Türkenhaus'.

Contribution by Aslihan Özcan and Maen Al Darwish

Parsifal

Parsifalstraße 5, 95445 Bayreuth, DE

(English version below)
Auf dem Weg den Festspielhügel hinauf, begegnen den Besucher:innen Straßennamen, die auf ganz im Namen des Auftragggebers des Festpielhauses und seiner Werke stehen. Walkürenstraße, Meistersingerstraße, Tristanstraße und die Parsifalstraße. Diese Station beschäftigt sich mit dem Hintergrund und der Symbolik Parsifals, dem jungen Helden in Wagners letztem Werk. Wie wurden mittelalterliche Darstellungen im Laufe der Zeit umgedeutet und gemäß rassistischen und nationalistischen Ideologien im 20. Jhdt. in Wagners Oper entfremdet?

Beitrag von Robin Frisch und Kerem Duymus


How Parzival Became a White Tale

Parzival is a poem about morality and religion. It is one of the oldest global historical sources from the Bayreuth area. This epic - written down by Wolfram von Eschenbach - is a creative imagination of the knightly world of the Middle Ages. Wolfram, who comes from Eschenbach in the Upper Palatinate not far from Bayreuth, imagined the journeys of the knight Parzival. The imagination of the so-called Orient occupies an important position in late medieval poetry.
On this tour station you will be accompanied by characters who will be brought to life from their historical context. The first person who will accompany us is not Parzival, who already gets enough attention, but his half-brother Feirefiz. The name Feirefiz has often been translated in reference to the Old French veir/vair and is translated in High German as "colorful son". Feirefiz is the son of the African queen Belacane and the knight Gahmuret. His skin color is named as "black and white magpie color". His person embodies the change from paganism to Christianity as well as the clash between Orient and Occident. At the end of the narrative, after Feirefiz has met his brother, he is baptized and admitted to the Round Table. Difference in the epic is not defined by skin color, but by religion. A conception of Islam was absent. Besides Christianity, there was only paganism.
Eschenbach's places and characters were set in an invented Orient. A common characteristic for many imagined journeys to the "Orient" was a "Christian-filtered default of ancient cosmology" (Helmut Brall-Tuchel; 1983:46). The faith of the Middle Ages gave more room to the inexplicable and to deviant ideas than the natural worldview of the Renaissance. In Parzival, places in Africa, in India or in the Middle and Near East are invented. Skin colors and characters in Parzival have a different connotation than in modern times.
Skin colour and origin also play a role in the late medieval Parzival, but not to mark a racial difference, but to communicate messages about morality and heroism. Some spaces in the knight novel are real, but mainly the non-European places are imagined.
Racism, which we perceive as structural today, did not exist in Eschenbach's poetry. The ideas of race were different. The notions of the Orient are anything but clear in the real and imagined travelogues. "Orientalism," the construction of a stereotypical image of the Orient that Edward Said breaks down as ruling knowledge in literature and research since the Renaissance, was not effective in the Middle Ages. Empirical and academic knowledge of geographical spaces was consolidated, especially with the creation of maps and globes.
As you can see from the different spelling of the "Parsifal Apotheke" (Picture 2), the epic also acquired a closer connection to Bayreuth in the course of the centuries. Richard Wagner invented a new stage world of Parsifal. Parsifal was a religion for Wagnerians. The Bayreuth master worked on the opera for 27 years.
Chamberlain - an enthusiastic Wagnerian with an adopted home in Bayreuth - saw in Parsifal the embodiment of the Messiah. The Wagnerians' Parsifal became a political project. The Parsifal comparison was also used among the then like-minded people - as they called themselves. Cosima Wagner became the "guardian of the Grail Staff."
During the Nazi era, Hitler was also portrayed as Parsifal with a Grail Staff. The idea of the Messiah was misused for the Nazi worldview.

Contribution by Robin Frisch and Kerem Duymus

Ökologisch Botanischer Garten Bayreuth

Universitätsstraße 30, 95447 Bayreuth, DE

(English version below)
Der Botanische Garten Bayreuths ist bekannt für seine großen, tropischen Gewächshäuser und weitläufigen Gartenanlagen, in denen alle Kontinente und Klimazonen botanisch vertreten sind. Doch welche Bedeutung spielten die Botanischen Gärten während der Kolonialzeit? Wie kam es, dass wir heute in unseren morgendlichen Kaffee ganz selbstverständlich Zucker rühren, Schokoladencreme auf Toast essen, Tee trinken und die exotischsten Pflanzen vor unserer Haustür kaufen können?
Was sind ihre ersten Assoziationen mit Worte „Kolonialismus“ und „Reichtum“? Bodenschätze vielleicht. Gold, Silber, Diamanten und Öl. Ganze Filme werden über die glitzernden, funkelnden und vor allem wertvollen Schätze gedreht.
Seit dem Beginn der Kolonialzeit im 17.Jhdt. kosten sie Millionen von Menschen das Leben und machen einige wenige unvorstellbar reich. Und vor allem: Sie sind Teil der Grundlage unseres Wohlstands, den sich Europa über die Jahrhunderte hinweg aufgebaut hat.
Doch bestimmt denken Sie nicht an Tee, Sisal oder Muskat. Dinge, die für uns heute zum Alltag gehören und die wir im Supermarkt für 4,99€ kaufen können.
Während der Kolonialzeit dagegen, waren diese Güter wertvoller als Gold. Spione wurden mit horrenden Summen dafür bezahlt, kostbare Setzlinge aus Plantagen zu schmuggeln. Ganze Gesellschaften wurden ausgelöscht, um an das kostbare Gut zu kommen. Und nicht wenige Kriege wurden um Handelsmonopole geführt.
Schwarzes Gold? Hier erfahren Sie mehr über die Bedeutung und Geschichte von Tee, Muskat, Sisal und Co.
Dem „Grünen Gold“!

Beitrag von Anna Walther

Unter dem Folgenden Link finden Sie die Informationen zu den Pflanzen als PDF-Datei: https://drive.google.com/drive/folders/1io2LFuYFTDkkLj0OU_P5znr96VSc9qSX?usp=sharing


Ecological Botanical Garden Bayreuth

Bayreuth's botanical gardens are known for their large, tropical greenhouses and extensive gardens, where all continents and climatic zones are botanically represented. But what was the significance of botanical gardens during colonial times?How did it come about that today we can stir sugar into our morning coffee as a matter of course, eat chocolate cream on toast, drink tea and buy the most exotic plants on our doorstep?
What are your first associations with words "colonialism" and "wealth"? Mineral resources, perhaps. Gold, silver, diamonds and oil. Whole movies are made about the glittering, sparkling and above all valuable treasures.
Since the beginning of the colonial era in the 17th century, they have cost the lives of millions of people and made a few unimaginably rich. And most importantly, they are part of the foundation of our prosperity that Europe has built over the centuries.
But surely you are not thinking of tea, sisal or nutmeg. Things that are part of everyday life for us today and that we can buy in the supermarket for €4.99.
During colonial times, however, these goods were more valuable than gold. Spies were paid horrendous sums to smuggle precious seedlings out of plantations. Whole societies were wiped out to get their hands on the precious commodity. And quite a few wars were fought over trade monopolies.
Black gold? Here you can learn more about the meaning and history of tea, nutmeg, sisal and co.
The "Green Gold"!

Article by Anna Walther

Under the following link you will find the information about the plants as a PDF file: https://drive.google.com/drive/folders/1io2LFuYFTDkkLj0OU_P5znr96VSc9qSX?usp=sharing. (German)

Chamberlain – Bayreuths Rassentheoretiker

Wahnfriedstraße 1, 95444 Bayreuth, DE

(English version below)
Das heutige Jean-Paul-Museum war früher ein Wohnhaus. Und zwar das von Houston Steward Chamberlain und seiner Frau Eva. Chamberlain lebte hier von 1909 bis zu seinem Tod 1927. Aber wer war er und was hat er gemacht, damit er eine eigene Station bei einem Bayreuther Stadtrundgang bekommt?
Houston Steward Chamberlain wurde 1855 in England geboren und wuchs zum Teil in Frankreich auf. Er selbst beschreibt sich als heimatlos, da er sich weder mit England noch mit Frankreich identifizieren konnte. Am wohlsten, fühlte er sich in Deutschland, – in Bayreuth – denn er entwickelte einen nahezu ausschweifenden Patriotismus für das Deutsche Reich. Dazu trug im Allgemeinen auch Chamberlains deutscher Privatlehrer Otto Kuntze einen großen Teil bei, der ihn in die deutsche Sprache und Kultur einführte. Chamberlain studierte in Genf, Dresden und Wien. Eigentlich hatte er Naturwissenschaften in Genf studiert, beschäftigte sich jedoch danach in seiner Dresdner Zeit intensiv mit deutscher Literatur, Kunst und dem Philosophen Kant. In den folgenden 20 Jahren in Wien wiederum, schrieb er vor allem über naturphilosophische, religiöse, geschichtliche und politische Fragen und setzte sich mit den Werken und Aufsätzen Richard Wagners auseinander. Die Begegnung mit dem Komponisten hatte auf Chamberlain die Wirkung einer religiösen Bekehrung, die seine zukünftige ideologische und philosophische Ausrichtung drastisch beeinflusste. Um deutlich zu machen, welche Rolle der sogenannte „Meister“, in Chamberlains Leben spielte zeigt sich in der Art wie Chamberlain über ihn spricht. Er vergötterte Wagner als „die Sonne [s]eines Lebens“, der seinem „Sehnen Richtung“ und seinem „Ahnen Gestalt“ gab. (Chamberlain; 1919:160) Er lernte Richard Wagner zwar nie persönlich kennen heiratete jedoch 1908, weit nach dessen Tod, seine Tochter Eva Wagner in Bayreuth. Das kam zustande, da Chamberlain und Cosima, die Witwe Richard Wagners, bereits seit 1888 ein freundschaftliches Verhältnis hatten - wobei Chamberlain sie sehr verehrte. Beide verband die Liebe zu Wagner und seiner Kunst und die geteilte völkisch-antisemitisch-nationalistische Ideologie. Cosima empfahl beispielsweise dem späteren Schwiegersohn das Buch „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“ von Arthur de Gobineau zu lesen. Das Buch, gilt als eines der Hauptwerke des Rassismus und beeinflusste auch Chamberlains eigenes Hauptwerk, in welchem er die gesamte abendländische Geschichte als sogenannten ‚Rassenkampf‘ darstellt.
Chamberlain gehörte zudem zum harten Kern des sogenannten Bayreuther Kreises, einem Netzwerk aus Wagnerianer:innen die sich als die Avantgarde Richard Wagners verstanden. (Hilmes; 2011:197) Mit Cosima an der Spitze, beschäftigten sie sich mit dessen Werken, Ideen und Ideologien, aber vor allem auch mit seinen rassistischen und antisemitischen Ideen.
Chamberlain der Rassentheoretiker
Chamberlain reiste in seinem Leben in viele europäische Länder, wodurch er seinen Werken den Anschein einer internationalen Perspektive geben konnte. Zudem benutzte er verschiedene anthropologische und biologische Argumente, mithilfe derer er seine eigenen rassistischen Sichtweisen als wissenschaftliche Erkenntnisse darstellte. Dadurch konnte er beispielsweise die angebliche Überlegenheit der sogenannten ‚germanischen Rasse‘ über alle anderen als Wahrheit verkaufen. Diese Überlegenheitsgedanken greift er in seinen Werken auf. Besonders deutlich wird das in seinem Hauptwerk ‚Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts‘. Das Buch gilt als eines der Standardwerke des theoretischen Rassenantisemitismus; darin schreibt er: „Körperlich und seelisch ragen die Arier unter allen Menschen empor; darum sind sie von Rechtswegen […] die Herren der Welt.“ (Chamberlain; 1912:597f) Die sogenannte ‚germanische Rasse‘ und die sogenannten ‚Arier‘ können hier Synonym verwendet werden. Er sah die Deutschen als die reinste Ausprägung der Arier an, wodurch diese für die Reinheit ihrer „Rasse“ kämpfen, diese gleichzeitig schützen und besser machen müssten. Der Fortschritt solle durch eine Veredelung des Menschen, also durch die „Zeugung reiner Rassen“ entstehen.
Chamberlains war der Meinung, dass eine Hierarchie zwischen Menschen gemacht werden kann, mit den arischen Germanen an der Spitze und allen, die nicht in diese Kategorie passten, darunter. Sein Rassismus und seine Hierarchisierung werden besonders in Folgendem deutlich: „Und ebenso wenig wie es nach drei Jahrhunderten gelungen ist, den [N-Wort] zum Wissen, oder den amerikanischen [I-Wort] zur Civilisation zu erziehen, ebenso wenig wird es jemals gelingen, dem Chinesen Kultur aufzupfropfen.“ (Chamberlain; 1912:887) [Anmerkung: Hinter dem N-Wort versteckt sich die rassistische Bezeichnung für Schwarze Menschen und dem I-Wort die rassistische Bezeichnung für Native Americans]. Über die hier genannten Menschen hinaus, lag Chamberlains Hauptaugenmerk auf ‚den Juden‘ da sie, seiner Meinung nach, den absoluten Gegensatz zu den heiligen, gottgewollten Ariern darstellten. Er schrieb ihnen ein dämonisches Wesen zu, dass sie den Willen des Teufels manifestieren und somit die sogenannte ‚Arische Rasse‘ verunreinigen und kontrollieren wollen. Um die unüberbrückbaren Unterschiede des Germanentums und des Judentums zu beweisen beanspruchte Chamberlain für Jesus Christus eine arische Abstammung.
Chamberlain und die Nationalsozialisten
Adolf Hitler besuchte bei seinem ersten Besuch der Bayreuther Festspiele 1923 – ein paar Monate vor seinem Putschversuch – Chamberlain in dessen Wohnhaus. Dieser sah im späteren Diktator einen großen Hoffnungsträger, ja beinahe einen Erlöser. Chamberlain starb zwar im Jahr 1927, sechs Jahre vor der Machtergreifung Hitlers, dennoch ist er ein wichtiger Vordenker und Wegbereiter der Nazis. Hitler Selbst schrieb an Sigfried Wagner, Richard Wagner und Chamberlain hätten „das geistige Schwert geschmiedet […], mit dem wir heute fechten“ (Oswald Georg Bauer; 2018).
Allgemein lässt sich sagen, dass Chamberlain eine wichtige Rolle für die Nationalsozialisten spielte. Durch die Verbreitung seiner Ideologie konnte der völkische Antisemitismus massentauglich gemacht werden. Viele seiner Ideen oder Reproduktionen fanden Anklang bei späteren Nazigrößen und in der Nazi-Ideologie
Rassismus und Wissenschaft
Chamberlain verkaufte seine Werke und rassistischen Thesen und Behauptungen als Tatsachen, ja gar als seine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Doch Chamberlain selbst geht von bereits bestehenden Meinungen aus, oft jedoch auch nur von Vorurteilen. Diese nimmt er in seine Werke auf und stellt sie als wissenschaftlich bewiesene Tatsachen dar. Er „verwendet Quellen willkürlich, vergleicht Unvergleichbares miteinander und verwickelt sich in Widersprüche, die er nicht sehen will.“ (Stolberg-Wernigerode; 1957:187-90) Trotz seiner Belesenheit reicht diese nicht aus, um den Geist der Antike und der jüdischen Religion richtig zu verstehen. Er vereinfacht komplexe kausale Zusammenhänge teilweise auf naive Art und konnte mit Hilfe verschiedener Mittel erfolgreich seine Meinungen verbreiten. Durch Exkurse in die Anthropologie, Biologie, Religion, Kunst, Politik und Geschichte konnte er beispielsweise seinem Hauptwerk den Anschein eines ganzheitlichen Werkes geben.
Schlussendlich starb Chamberlain am 09. Januar 1927 in Bayreuth. Dass er für die Stadt bzw. für das kollektive Gedächtnis Bayreuths eine wichtige Person darstellte, wird deutlich indem zweimal eine Straßen nach ihm benannt wurde und indem ihm erst 2013 der Ehrenbürgertitel aberkannt wurde. Chamberlain war ein Rassentheoretiker mit einer antisemitischen, nationalistischen, völkischen und rassistischen Ideologie. Er gilt als Wegbereiter der Nationalsozialisten und war maßgeblich verantwortlich für die Verbreitung antisemitischer Schriften. Darüber hinaus kann Chamberlain nicht ohne den Einfluss von Richard bzw. der Familie Wagner gesehen werden.

Beitrag von Tobias Schanderl


Chamberlain - Bayreuth's race theorist

Today's Jean-Paul-Museum used to be a residential house. It was the home of Houston Steward Chamberlain and his wife Eva. Chamberlain lived here from 1909 until his death in 1927, but who was he and what did he do to get his own stop on a Bayreuth walking tour?
Houston Steward Chamberlain was born in England in 1855 and grew up partly in France. He describes himself as homeless, as he could not identify with either England or France. He felt most at home in Germany - in Bayreuth - because he developed an almost dissolute patriotism for the German Reich. In general, Chamberlain's German private tutor Otto Kuntze, who introduced him to the German language and culture, also contributed greatly to this. Chamberlain studied in Geneva, Dresden and Vienna. Actually, he had studied natural sciences in Geneva, but afterwards, during his time in Dresden, he became intensively involved with German literature, art, and the philosopher Kant. In turn, during the following 20 years in Vienna, he wrote mainly on natural philosophical, religious, historical and political questions and dealt with the works and essays of Richard Wagner. The encounter with the composer had on Chamberlain the effect of a religious conversion, which drastically influenced his future ideological and philosophical orientation. To make clear what role the so-called "master" played in Chamberlain's life is evident in the way Chamberlain speaks about him. He idolized Wagner as "the sun [s]of a life" who gave his "yearning direction" and his "ancestor form." (Chamberlain; 1919:160) Although he never met Richard Wagner personally, he married his daughter Eva Wagner in Bayreuth in 1908, well after Wagner's death. This came about because Chamberlain and Cosima, Richard Wagner's widow, had already had a friendly relationship since 1888 - with Chamberlain greatly admiring her. The two were united by their love of Wagner and his art and their shared völkisch-antisemitic-nationalist ideology. Cosima, for example, recommended that her future son-in-law read Arthur de Gobineau's book "An Essay on the Inequality of the Human Races." The book, is considered one of the major works of racism and also influenced Chamberlain's own major work, in which he depicts the entire Western history as a so-called 'race struggle'.
Chamberlain also belonged to the hard core of the so-called Bayreuth Circle, a network of Wagnerians who saw themselves as the avant-garde of Richard Wagner. (cf. Hilmes; 2011:197) With Cosima at their head, they were concerned with Wagner's works, ideas and ideologies, but above all with his racist and anti-Semitic ideas.
Chamberlain the racial theorist
Chamberlain travelled to many European countries during his life, which allowed him to give his works the appearance of an international perspective. In addition, he used various anthropological and biological arguments with the help of which he presented his own racist views as scientific findings. This allowed him, for example, to sell the alleged superiority of the so-called 'Germanic race' over all others as truth. He takes up these ideas of superiority in his works. This is especially clear in his main work 'The Foundations of the 19th Century'. The book is considered one of the standard works of theoretical racial anti-Semitism; in it he writes: "Physically and mentally the Aryans tower above all men; therefore they are by right [...] the masters of the world." (Chamberlain; 1912:597f) The so-called 'Germanic race' and the so-called 'Aryans' can be used synonymously here. He saw the Germans as the purest manifestation of the Aryans, whereby they had to fight for the purity of their 'race', at the same time protecting it and making it better. Progress, he said, should come from the ennoblement of man, that is, from the "procreation of pure races."
Chamberlains believed that a hierarchy could be made between people, with the Aryan Germans at the top and all those who did not fit into this category below. His racism and hierarchization are particularly evident in the following: "And just as it hasn’t been possible after three centuries to educate the [N-word] to knowledge, or the American [I-word] to civilization, so it will never be possible to graft culture onto the Chinese." (Chamberlain; 1912:887) [Note: The N-word hides the racist term for Black people and the I-word hides the racist term for Native Americans]. Beyond the people mentioned here, Chamberlain's main focus was on 'the Jews' since they represented, in his opinion, the absolute antithesis of the holy, Godly Aryans. He ascribed to them a demonic essence.

Chamberlain and the National Socialists
During his first visit to the Bayreuth Festival in 1923 - a few months before his attempted coup - Adolf Hitler visited Chamberlain in his home. The latter saw in the later dictator a great bearer of hope, almost a savior. Although Chamberlain died in 1927, six years before Hitler seized power, he was an important pioneer and forerunner of the Nazis. Hitler himself wrote to Sigfried Wagner that Richard Wagner and Chamberlain had "forged the spiritual sword [...] with which we are fencing today" (Oswald Georg Bauer; 2018).
In general, it can be said that Chamberlain played an important role for the Nazis. By spreading his ideology, völkisch anti-Semitism could be made suitable for the masses. Many of his ideas or reproductions found appeal among later Nazi leaders and in Nazi ideology
Racism and Science
Chamberlain sold his works and racist theses and claims as facts, even as his scientific findings. However, Chamberlain himself starts from pre-existing opinions, but often only from prejudices. He includes these in his works and presents them as scientifically proven facts. He "uses sources arbitrarily, compares incomparables, and entangles himself in contradictions he does not want to see." (Stolberg-Wernigerode; 1957:187-90) Despite his erudition, it is not enough to properly understand the spirit of antiquity and Jewish religion. He sometimes simplifies complex causal relationships in a naive way and was able to successfully spread his opinions through various means. Through digressions into anthropology, biology, religion, art, politics, and history, for example, he was able to give his magnum opus the appearance of a holistic work.
Finally, Chamberlain died in Bayreuth on January 9, 1927. The fact that he was an important person for the city or for the collective memory of Bayreuth becomes clear by the fact that twice a street was named after him and that only in 2013 he was deprived of the title of honorary citizen. Chamberlain was a race theorist with an anti-Semitic, nationalistic, völkisch and racist ideology. He is considered a forerunner of the National Socialists and was largely responsible for the dissemination of anti-Semitic writings. Furthermore, Chamberlain cannot be seen without the influence of Richard or the Wagner family.

Contributed by Tobias Schanderl