Stolpersteine Heide

Tour Friedrichstraße 6, 25746 Heide, DE

Das Projekt der „Stolpersteine Heide“ ist ein Gedenken an die Opfer des Dritten Reiches aus Heide und Umgebung. Die Erinnerung an die sieben Einzelschicksale soll lebendig erhalten und unvergessen bleiben.

Autor: Offener Kanal Westküste

Stolpersteine in Heide

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4 Stationen

Geschwister Stillschweig

Friedrichstraße 6, 25746 Heide, DE

Die Geschichte der Kaufmannsfamilie Stillschweig in Heide begann im Jahre 1888 damit, dass Samuel Stillschweig sich im Alter von 36 Jahren in der Friedrichstraße niederließ. Kurz darauf gab er sich mit seiner Verlobten Auguste Marcus das Ja-Wort und die beiden eröffneten ein Textilgeschäft. Dieses führten sie bis 1935 erfolgreich und besonders die unter- und mittelständischen Bürger tätigten dort, aufgrund der niedrigen Preise, ihre Einkäufe.
Auguste Stillschweig starb schon 1924 an einem Herzleiden im Alter von 55 Jahren, hinterließ dennoch vier Kinder, Frieda, Martha, Gertrud und Dagobert. Durch den frühen Tod seiner Frau und erneut nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten veränderte sich das Leben Samuel Stillschweigs gravierend: Die Gesetze, die die Nazis gegen jüdische Geschäftsleute im ganzen Reich verhängten, wirkten sich auch auf das Geschäft der Familie Stillschweig aus.
Auch wenn es zunächst noch nicht gesetzlich strafbar war, bei jüdischen Ladenbesitzern zu kaufen, wurden die Bürger, die dies taten, öffentlich gedemütigt und genötigt, es zu unterlassen. „Wer beim Juden kauft, ist ein Verräter“ ist nur ein Beispiel der perversen Sprüche, die an den Geschäften zu sehen waren. Trotz der Diskriminierung spendete Familienoberhaupt Samuel Stillschweig 1933 noch für das Heider Kindervogelschießen, im Jahr 1935 verstarb der Geschäftsmann dann allerdings im Alter von 73 Jahren, sodass er dem noch bevorstehenden Massenmord an seinem Volk entging. Er wurde auf dem Judenfriedhof in Friedrichstadt beigesetzt, neben seiner 11 Jahre zuvor verstorbenen Frau. Die Zeitungen veröffentlichten nach seinem Tod die Anzeige: „Der einzige Jude, der hier noch ein Geschäft betrieb, Stillschweig in der Friedrichstraße, ist gestorben. Seine Leiche wurde zum Judenfriedhof nach Friedrichstadt gebracht.“
Zu diesem Zeitpunkt lebten die Kinder der beiden Stillschweigs bereits nicht mehr in Heide. Allerdings gelang es keinem der Vier dem Genozid, der an dem jüdischen Volk vollstreckt wurde, zu entfliehen. Sie wurden alle 1943 bzw. 1944 nach Auschwitz deportiert und dort auch vergast. Als erstes fiel der 1896 geborene Dagobert der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zum Opfer. Nachdem er in Berlin Ausbildungen zum Kaufmann und Kürschner abgeschlossen hatte, siedelte er nach Paris über und wurde am 11.2.1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.
Auch seiner älteren Schwester Frieda erging es nicht anders. Sie besuchte ab 1906 ein Gymnasium in Berlin und studierte anschließend Medizin, um bis 1938 als Nervenärztin praktizieren zu können. Später wurde ihr die Berufsausübung aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verboten. Für kurze Zeit war es ihr erlaubt jüdische Patienten zu behandeln bevor sie am 12.3.1942 zusammen mit ihrem Sohn Wolfgang Alexander nach Auschwitz deportiert und dort vergast wurde.
Die zweitälteste Tochter von Samuel und Auguste Stillschweig, Martha, schlug einen ähnlichen Lebensweg wie ihre Schwester Frieda ein. Auch sie studierte Medizin nach einem Besuch des Gymnasiums und arbeitete in der Praxis von Frieda Stillschweig mit. Zusammen mit ihrer jüngsten Schwester Gertrud, die 1907 geboren wurde, wurde sie am14.10.1944 ermordet.
Obwohl Gertrud mit dem gleichen Transport wie Martha deportiert wurde, hatte sie einen gänzlich anderen Lebensweg aufzuweisen. Sie verblieb über den Tod ihres Vaters hinaus in Heide und verkaufte das Haus in der Friedrichstraße erst 1937. Danach arbeitete sie im israelischen Krankenhaus in Hamburg bis zur Deportation nach Auschwitz.

Lilly Wolff

Klaus-Groth-Straße 25, 25746 Heide, DE

Lilly Wolff wurde am 16. Juni 1896 als jüngste Tochter von Georg Wolff, der in der Textilindustrie tätig war, und Katherina Wolff in Niederschönenweide bei Berlin geboren. Sie hatte eine drei Jahre ältere Schwester namens Susanne.

1906 zog die gesamte Familie Wolff nach Flensburg, wo Lilly und Susanne zur Schule gingen, 1912 evangelisch getauft wurden und Lilly im Jahre 1917 ihr Abitur machte. Sie und ihre Schwester ließen sich daraufhin von 1917 bis 1918 am Mädchengymnasium, dem Oberlyzeal-Zweig der Auguste-Victoria-Schule, zu Lehrerinnen ausbilden. Nachdem die dazugehörige Lehramtsprüfung abgeschlossen und bestanden war, lehrte Lilly Wolff im brandenburgischen Storkow; jedoch nur für ein Jahr.

Im Anschluss daran war sie von 1919 bis 1930 eine beliebte Aushilfslehrerin an der privaten höheren Töchterschule, ab 1926 die staatliche Klaus-Groth-Schule, im holsteinischen Heide.
1931 erhielt sie schließlich eine Festanstellung, bis sie 1933 aus „rassischen Gründen“, ihren jüdischen Hintergrund, in Folge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zwangspensoniert wurde. Weil sie nun nicht mehr an einer staatlichen Schule unterrichten durfte, sah sie sich gezwungen, zwei Jahre lang private Nachhilfestunden zu geben, die sie aber auf Druck der Behörden auch einstellen musste. Für ein Jahr lebte sie auf dem Gut ihrer Eltern nahe Flensburg, bis sie 1937 zurück nach Berlin zog, um dort an der privaten jüdischen Mädchenschule von Anna Petterson wieder
unterrichten zu können.

Dieser Lehrtätigkeit ging sie ein Jahr lang nach, um dann bis zur Schließung der Mädchenschule 1941 an der Familienschule Berlin zu unterrichten.

Als eine von nur zwei Lehrerinnen wurde Lilly Wolff nach deren Schließung an der jüdischen Volksschule Berlin übernommen, wo sie nun ihre ehemaligen Schüler in zwei Sonderklassen betreute.

Im folgenden Jahr verboten die Nationalsozialisten den Unterricht jüdischer und christlicher Kinder jüdischen Ursprungs endgültig. Somit verlor auch Lilly Wolff ihre Anstellung.

In der folgenden Zeit weigerte sie sich aus persönlichen Gründen, trotz drohender Verfolgung, in den Untergrund zu gehen.

In Folge dessen wurde sie am 05.09.1942 nach Riga deportiert, wo sie am 01.01.1943 für tot erklärt wurde.

Aufgrund ihres Einsatzes für ihre Überzeugungen und ihre Willensstärke, die sie zeigte, indem sie trotz aller Bestimmungen immer weiter unterrichtete, wurde im April 2014 nun auch eine Straße hier, im besagten holsteinischen Heide, nach ihr benannt.

Erich Böhlig

Wulf-Isebrand-Platz 1-3, 25746 Heide, DE

Erich Böhlig nutzte seine Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, um in Friedenszeiten sein politisches Engagment in Aktivitäten münden zu lassen. Als KPD-Mitglied erhielt er 1920 den Posten des Parteivorsitzenden. Er engagierte sich auch sozial während der Wirtschaftskrise. Seine gesammelten Spendengelder halfen vielen Armen der Dithmarscher Bevölkerung. Nach dem Reichtagsbrand am 27. Februar 1933, der als Putsch-Versuch der Kommunisten betitelt wurde, und der daraus resultierenden „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“, die vor allem die Rechte der Kommunisten massiv einschränken sollte, ließ sich, trotz der angespannten Lage, Erich Böhlig zum Spitzenkandidaten der Heider KPD auf einen Platz im Stadtparlament aufstellen. Die Stadt Heide galt zu dieser Zeit als Hochburg der Nationalsozialisten, bei den Kommunalwahlen 1933 wählten 57,7% die NSDAP. Dennoch wurde Erich Böhlig, trotz Behinderungen im Wahlkampf und Anfeindungen durch die Mitglieder der NSDAP, in das Stadtparlament gewählt. Dieses Amt wurde von ihm jedoch nicht angetreten. Der „Heider Anzeiger“ schreibt zu dem Nichtantritt am 2. April 1933: „Der kommunistische Vertreter war nicht geladen und ist auch nicht erschienen.“ Aufgrund seiner kommunistischen Einstellung wurde Erich Böhlig am 11. April 1933 verhaftet und in Konzentrationslagern in Schleswig und Glückstadt über ein Jahr lang gefangen gehalten.

So könnte Erich Böhlig sich im Mai 1933 gefühlt haben.
11.Mai.1933 Konzentrationslager Schleswig:
„Ich sitze hier, isoliert von der Außenwelt und weiß nichts mit mir anzufangen. So viele Fragen schwirren durch meinen Kopf. Warum? Warum bin ich hier? Was passiert mit mir? Was passiert mit Deutschland? Fragen über Fragen, die sich nicht beantworten lassen. Verbunden mit der quälenden Angst vor dem Tod. Der Tod ist hier präsenter als irgendwo sonst. Tag für Tag verschwinden Menschen, denen ich den Tag vorher noch in die Augen blickte. Ich könnte morgen der nächste sein, meine letzte Stunde hat geschlagen. Was soll ich bloß machen? Ich fühle mich so einsam, verloren und leer. Ich besitze nur noch dieses kleine Büchlein. Ich hoffe sie finden es nicht, ich hoffe ich schaffe es hier raus..“

Nach seiner Freilassung war er arbeitslos, woraufhin Böhlig eine Arbeit in Hemmingstedt bei der Deutschen Erdöl AG (DEA) annahm. Am 20. Juli 1944 ereignete sich eine riesige Verhaftungswelle in ganz Deutschland, diese ist als „Gewitteraktion“ bekannt. Auslöser für die Verhaftungswelle war ein Attentat auf Adolf Hitler, welches der NSDAP als Anlass diente, um ehemalige Mitglieder der bürgerlichen Parteien, wie auch der KPD, verhaften zu lassen. Inmitten dieser Verhaftungswelle wurde auch Böhlig verhaftet, der einen neuen Leidensweg im Konzentrationslager Neuengamme durchschreiten musste. Das Konzentrationslager Neuengamme in dem Erich Böhlig sich 1944 befand, sollte am 21.4.1945 geräumt und die Insassen deportiert werden.

Hier ein weiterer, möglicher Gedankengang Böhligs:
20.4.1945 – Konzentrationslager Neuengamme
„Morgen soll unser KZ geräumt werden, uns wurde gesagt, es geht nach Lübeck und das zu Fuß. Aber wieso? Ich ahne Schlimmes, ich glaube mein Leben neigt sich dem Ende zu. Ich fühle mich so schwach, überall ragen meine Knochen hervor. Wie soll ich es nur nach Lübeck schaffen? Ich will auch nicht wissen, was mich dort erwartet. Ich will nicht nach Lübeck, ich will nur schlafen, ich bin so müde, ich habe keine Lebensenergie mehr. Die Nazis haben mir sie genommen..“

Am 3.Mai 1945 starb Erich Böhlig auf der „Cap Arcona“ durch einen verheerenden Brand, als das Konzentrationslager kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges geräumt und der Rest der Insassen verschifft werden sollte.

Erich Smekel

Kreuzstraße 51, 25746 Heide, DE

Oktober 1944:
Ich bin nun schon eine ganze Weile hier im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Meine Frau habe Ich lange nicht gesehen und auch keinen Brief von ihr erhalten. Ich kann all die Geschehnisse noch nicht ganz begreifen. Wir werden behandelt, als seien wir Tiere und unser Leben nichts wert. Und Schuld daran ist nur Karl Herwig, der Bürgermeister von Heide, der mich verhaften ließ. Ich sehe für mich keine Zukunft mehr, mir geht es sehr schlecht und lange werde ich nicht mehr in der Lage sein, die Zustände hier zu überleben…
So, oder zumindest so ähnlich könnte sich ein Bericht Emil Schmekels aus der Gefangenschaft in dem Konzentrationslager Bergen-Belsen anhören.
Er war ein aktives Mitglied der SPD, bis diese 1933 verboten wurde. Emil Schmekel wohnte zu der Zeit in Heide und besaß dort eine Kohlehandlung in der Kreuzstraße 51. Verheiratet war er mit Anna Schmekel.

Als am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Adolf Hitler begangen wurde, kam es zu der sogenannten „Gewitteraktion“, bei der deutschlandweit politische Gegner verhaftet wurden, um weitere Aktionen gegen ihn und die NSDAP zu verhindern. Heides Bürgermeister und SS-Oberführer Karl Herwig ließ daraufhin Emil Schmekel, aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in der SPD, und drei weitere Personen aus Heide verhaften. Dieser wurde im August 1944 in das Konzentrationslager Neuengamme überführt. Seine Frau Anna Schmekel schrieb Hilfegesuche an den Bürgermeister Karl Herwig, der mit dem Leiter des Konzentrationslagers Neuengamme, Max Pauly, aufgrund der gemeinsamen Herkunft aus Wesselburen befreundet war. Er hätte also durchaus die Position und die Möglichkeiten gehabt, Emil Schmekel zu helfen. Jedoch stufte er Emil Schmekel aufgrund seiner Mitgliedschaft in der SPD als politisch unzuverlässig ein und lehnte jede Anfrage Anna Schmekels ab.

Emil Schmekel wurde währenddessen aus Neuengamme in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verlegt, dort starb er schließlich am 22.11.1944, nur knapp drei Monate, nachdem er verhaftet wurde. Als offizielle Todesursache wurde eine Lungenentzündung angegeben, aus heutiger Sicht ist jedoch klar, dass Emil Schmekel durch seine Dreimonatige Haft schon so geschwächt sein musste, dass eine Lungenentzündung ihn umbringen konnte.

In den später angefertigten Gerichtsakten um den Prozess, in dem die Schuldigen für die Verhaftung Emil Schmekels und der drei weiteren Personen gesucht wurden, in dem auch der Bürgermeister angeklagt wurde hieß es, dass Emil Schmekel schon in dem Konzentrationslager Neuengamme unter einer Lungenentzündung litt. Diese habe er wohl überwunden, es folgte jedoch eine zweite, zu der noch die Ruhr dazu kam. In diesem Zustand solle er nach Bergen-Belsen verlegt worden sein, wo er kurze Zeit später verstarb.