Stolpersteine in Rendsburg

Sonstiges Schiffbrückenplatz 15, 24768 Rendsburg, DE

Rundgang über die Stolpersteine in Rendsburg (Schleswig-Holstein), die an die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgten jüdischen Menschen erinnern. Sämtliche Informationen stammen aus diesem Buch: Frauke Dettmer. "Bei uns war der Jude ebenso ein Mensch wie jeder andere". Lebenswege Rendsburger Juden 1933-1945. Kiel/Hamburg 2016

Autor: Gymnasium Kronwerk

13 Stationen

Gersch Rusche

Schiffbrückenplatz 14-15, 24768 Rendsburg, DE

Der Uhrmacher Gersch Rusche stammte aus Wologda in Russland. Der Erste Weltkrieg verschlug ihn, der am 29. Juni 1895 geboren wurde, als russischen Kriegsgefangenen nach Schleswig-Holstein. Im Uhrengeschäft „Flybu“ in Rendsburg am Schiffbrückenplatz fand er eine Stelle als Uhrmacher. Seine Arbeitgeberin und auch Vermieterin war die Witwe Louise Bartelmann, Inhaberin des Geschäfts und Hausbesitzerin. Louise Bartelmann machte den fröhlichen, sympathischen Gersch Rusche, der für sie wie eine Art Sohn war, 1933 zum Geschäftsführer. Damit galt das Geschäft nach Nazigesetzen als „jüdisch“ und wurde im November 1938 Ziel von antisemitischen Angriffen.
Zum 31. Dezember 1938 musste das Geschäft schließen und wurde danach „liquidiert“, also die Waren unter Wert verkauft. Gersch Rusche wurde im Januar 1939 verhaftet. Dass er nicht schon im November 1938 verhaftet wurde, lag vermutlich an seiner russischen Herkunft. Offensichtlich dauerte es einige Zeit, bis geklärt war, dass er als ehemals russischer Staatsangehöriger nun als staatenlos galt und damit zu dem Kreis der potenziellen Häftlinge im Zuge der Pogrome gehörte.
Am 19. Januar 1939 wurde Gersch Rusche in das KZ Sachsenhausen eingeliefert und von dort am 26. Januar nach Buchenwald gebracht. Im Konzentrationslager wurde Rusche zunächst als „Ausweisungshäftling“ geführt. Diese Häftlinge sollten durch die Qualen der KZ-Haft zum baldigen Verlassen des Landes gezwungen werden. Zwei Mal wandte sich Rusche 1939 aus dem KZ Buchenwald an den Jüdischen Hilfsverein in Hamburg mit der Bitte um Hilfe bei der Auswanderung – ohne Erfolg. Die jüdischen Organisationen wurden nach der Pogromnacht von den verzweifelten Menschen regelrecht überrannt. Die gewalttätigen öffentlichen Ausschreitungen in den Novembertagen 1938 hatten überaus deutlich gemacht, dass Juden in Deutschland keine Zukunft hatten.
Im September 1942 wurde Gersch Rusche zurück nach Sachsenhausen gebracht. Diesen Ort des Grauens überlebte er nur noch neun Monate, er starb am 25. Mai 1943. Gersch Rusche wurde 47 Jahre alt.

Familie Gortatowski

Hohe Straße 6, 24768 Rendsburg, DE

Herbert Gortatowski wurde 1905 in Rendsburg geboren. 1925 legte er sein Abitur ab und begann in Hamburg und Frankfurt am Main Jura zu studieren. Er brach sein Studium jedoch ab und folgte 1930 einem Freund nach Venezuela. Schon 1931 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er sich mit seiner in Frankfurt am Main lebenden Cousine Frieda Aronsohn verlobte. Die beiden feierten ihre Hochzeit 1933 im spanischen Bilbao, wo Herbert inzwischen in einer Frachtfirma als Übersetzer tätig war. 1936 musste sich Frieda einer Lungenoperation in Deutschland unterziehen, während Herbert aufgrund des Bürgerkriegs in Spanien nach Frankreich flüchtete. 1937 emigrierte das Paar gemeinsam nach Buenos Aires in Argentinien.
Herbert forderte seine in Berlin lebenden Geschwister immer wieder auf auszuwandern, da ihm bewusst war, dass Juden in Deutschland keine Perspektive hatten und es außerdem kein Problem für ihn wäre, für seine Geschwister zu bürgen und ihnen zu helfen, sich in Argentinien einzuleben, da er die Sprache beherrschte.
Aufgrund seiner beeindruckenden Sprachkenntnisse wurde Herbert Einkaufschef eines Textilunternehmens in Buenos Aires. Da sein Wunschberuf jedoch der des Übersetzers war, besuchte er erneut die Universität, brach sein Studium jedoch ab, als Frieda mit ihrem ersten Kind schwanger wurde. Herbert kamen seine Sprachkenntnisse auch außerhalb der Arbeit zugute, da er durch diese fähig war, Emigranten in Buenos Aires abends und Samstagvormittags zu unterrichten.
1938 kam sein erstes Kind Johanna zur Welt, und fünf Jahre später gebar Frieda ihren Sohn Thomas. Die Familie zog in eine schöne Wohngegend, in der es für deutschstämmige Argentinier zwar üblich war, ein Bild von Adolf Hitler an der Wohnzimmerwand hängen zu haben, es jedoch keine überzeugten Judenfeinde gab. Jedenfalls musste die Familie laut späterer Aussage von Johanna niemals Antisemitismus erfahren.
Wenn es um ihre Religion ging, unterschieden sich Herbert und seine Frau. Während Herbert überhaupt nicht gläubig war, lagen Frieda einige jüdische Traditionen und Feste sehr am Herzen. Auch die Kinder erhielten jüdischen Religionsunterricht.
Trotz all ihren Erlebnissen in Argentinien fühlte sich die Familie nach eigenen Aussagen immer als Deutsche, eine Rückkehr nach Deutschland stand für Herbert und Frieda jedoch trotzdem außer Frage. Gerade als sie sich dazu entschlossen, Herberts Heimatstadt Rendsburg einmal zu besuchen, wurde dieser schwer krank und verstarb 1959 im Alter von nur 54 Jahren, ohne seine Heimat jemals wiedergesehen zu haben.

Walter Gortatowski war der älteste Sohn von Johanna und Bernhard Gortatowski. Er wurde 1897 in Rendsburg geboren und lebte mit seiner Familie, die ein Bekleidungsgeschäft führte, in der Hohen Straße 6. Die Familie Gortatowski gehörte der jüdischen Gemeinde an, wo Walters Vater Bernhard zeitweise im Vorstand aktiv war.
Nach dem Realschulabschluss absolvierte Walter eine Kaufmannslehre und zog freiwillig in den Ersten Weltkrieg. 1925 übernahm er die Leitung des Familiengeschäfts in der Hohen Straße. Seit dem Boykott vom April 1933 verlor der sehr gut laufende Betrieb zwei Drittel seines früheren Umsatzes. 1936 sah sich Walter gezwungen, den Laden zu schließen. Er vermietete die Räume zunächst an ein Kaffeegeschäft, doch zwei Jahre später musste er sie verkaufen. Die Kaufsumme landete im August 1938 auf einem Sperrkonto, sodass die Geschwister Gortatowski nicht über sie verfügen konnten.
Walter hatte sich auf den Drängen seines Bruders Herbert, der bereits nach Argentinien emigriert war, nach Auswanderungsmöglichkeiten umgesehen. Weshalb die Emigration nicht glückte, ist nicht bekannt. Walter verließ im Mai 1939 Rendsburg und zog nach Berlin. Im Sommer heiratete er dort die neun Jahre jüngere Betty Erb aus Fordon in Posen. Das Ehepaar bemühte sich gemeinsam um eine Auswanderung nach Bolivien, doch nach dem Beginn des Krieges am 1. September 1939 wurde es immer schwieriger, Deutschland zu verlassen.
Walter musste in Berlin Zwangsarbeit leisten, bei der er am 12. März 1941 im Alter von 43 Jahre zu Tode kam: Bei Arbeiten für die Reichsbahn wurde er von einer Lokomotive erfasst und getötet. Seine Witwe Betty heiratete erneut und wurde am 17. März 1943 nach Theresienstadt deportiert und von dort weiter nach Auschwitz. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Familie Seelenfreund

Provianthausstraße 5, 24768 Rendsburg, DE

Jonas Lewi Seelenfreund wurde am 20. Januar 1899 in Uszew im österreich-ungarischen Galizien geboren. Er lebte seit spätestens 1922 in Kiel. Seine Frau Mathilde Seelenfreund, geborene Trieger, wurde am 10. Oktober 1900 im österreich-ungarischen Mährisch Ostrau geboren und ist 1921 nach Kiel gezogen. Hier lernten die beiden sich kennen und heirateten. 1928 zogen sie nach Rendsburg und übernahmen hier in der Nienstadtstraße ein Textilgeschäft, eine Zweigstelle des Textilwaren-Großhandels von Mathildes Bruder Erwin Trieger.
1932 wurde ihr Sohn Heinz geboren, 1934 ihre Tochter Renate.
Das Geschäft war etwa 50 bis 60 Quadratmeter groß und gut besucht. Man konnte dort Schuhe und Textilien von mittlerer Qualität kaufen. Die Seelenfreunds boten ihren Kunden Ratenzahlungen an, was besonders von den Arbeiterfamilien gut angenommen wurde. Sie lebten ein gutbürgerliches Leben und konnten sich ein Hausmädchen leisten.
Auch für Jonas und Mathilde begann mit dem Judenboykott vom 1. April 1933 der geschäftliche Niedergang. Ihre Schaufenster wurden mit judenfeindlichen Sprüchen beschmiert. In der folgenden Zeit kauften immer weniger Kunden bei ihnen ein. Die Familie musste schließlich ihr Geschäft und die Wohnung in der Nienstadtstraße aufgeben und zog im Mai 1938 in die Provianthausstraße 5.
Dort fanden die verbliebenen Kunden einen kleinen Laden, der auf einen Raum beschränkt war. Sie kamen meist durch den Hintereingang. Im Herbst desselben Jahres wurden auch die Seelenfreunds Opfer der „Polenaktion“, bei der vergeblich versucht wurde, die Rendsburger Juden ohne deutschen Pass nach Polen abzuschieben. Doch die polnischen Beamten hatten die Grenzen schon geschlossen, sodass Jonas und Mathilde zusammen mit ihren kleinen Kindern, vier und sechs Jahre alt, mit einem Omnibus von Rendsburg zur polnischen Grenze und wieder zurück nach Rendsburg gefahren wurden. Sie kehrten in der Nacht in ihre Wohnung zurück und konnten auch in den nächsten Monaten noch in geringem Umfang Mäntel, Anzüge, Schuhe und Kleider verkaufen. Wahrscheinlich planten sie zeitgleich, Deutschland in Richtung Amerika zu verlassen, was jedoch nicht glückte.
Im August 1939 floh Familie Seelenfreund aus Rendsburg über Hamburg nach Brüssel. Vater Jonas fand dort zunächst Arbeit bei einem jüdischen Pelzfabrikanten, für den er als Kürschner arbeitete. Doch 1940 wurde Belgien von der Wehrmacht besetzt, die Seelenfreunds saßen jetzt in der Falle. Jonas wurde im Januar 1943 verhaftet und am 23. Februar in das Sammellager Malines (Mechelen) gebracht, am selben Tag wurde auch Mathilde direkt aus der Wohnung dorthin verschleppt. Die Kinder Heinz und Renate, zu der Zeit zehn und acht Jahre alt, blieben zurück und konnten in verschiedenen Kinderheimen und privaten Unterkünften in Belgien überleben. Am 19. April 1943 wurden ihre Eltern nach Auschwitz deportiert. Hier kam Mathilde Seelenfreund am 23. Februar 1944, ihr Mann Jonas am 21. August desselben Jahres ums Leben.

Heinz Arthur Seelenfreund, der am 6. Oktober 1932, und Renate Seelenfreund, die am 4. Dezember 1934 in Rendsburg geboren wurde, waren die Kinder von Jonas und Mathilde Seelenfreund, die in Rendsburg ein Textilwarengeschäft hatten.

Nachdem Heinz Seelenfreund Ostern 1939 nicht eingeschult werden konnte (jüdische Kinder durften ab November 1938 nicht mehr auf staatliche Schulen gehen), kam er in ein jüdisches Waisenhaus nach Hamburg. Im Sommer desselben Jahres floh die Familie nach Belgien, wo Heinz aufgrund fehlender Französischkenntnisse jedoch ebenso nicht eingeschult werden konnte. Nachdem die Eltern im Februar 1943 zunächst in ein belgisches Lager gebracht, im April dann nach Auschwitz deportiert wurden, kamen die Geschwister Heinz und Renate in verschiedenen Heimen unter, später auch zusammen mit anderen Kindern in einer Burg in der Nähe von Brüssel, wo sie von Helfern versorgt und vor den Deutschen versteckt gehalten wurden. Im August 1944 mussten die Kinder die Burg verlassen, da sie von der Wehrmacht requiriert wurde. Sie kamen bei Bauern in der Umgebung unter, hierbei wurden Heinz und Renate getrennt. Doch schon wenige Wochen später, im September, trafen sie sich in einem Kinderheim in der Nähe von Brüssel wieder. Die Stadt war inzwischen von alliierten Truppen befreit worden. Bald muss ihnen klar geworden sein, dass sie ihre Eltern nie wiedersehen würden.
1948 verließen die Geschwister Belgien. Sie wanderten über Großbritannien nach Kanada aus. In Toronto wurden die beiden, inzwischen 14 und 16 Jahre alt, von verschiedenen jüdischen Pflegeeltern aufgenommen. Heinz kam bei einer Familie Koren unter, nach der er sich fortan Henry Koren nannte. Renate, die sich in Kanada Renée nannte, bei einer Familie Trachter. Endlich konnten sie ganz normal zur Schule gehen und einen Abschluss machen. Henry lernte den Beruf eines Buchhalters, Renée wurde Stenografin. Beide sind inzwischen verstorben. Ihren Geburtsort Rendsburg haben sie nie besucht.

Rosa und Jakob Fordonski

Prinzessinstraße 8, 24768 Rendsburg, DE

Das Ehepaar Fordonski stammt aus Polen. Rosa wurde 1895 geboren, Jakob 1887.
Im Jahr seiner Hochzeit, 1919, wanderte das Paar nach Deutschland aus. Seit mindestens 1923 lebten die beiden in Rendsburg. Am 25. Mai 1923 traten Jakob und Rosa aus der jüdischen Gemeinschaft aus.
Dieser Austritt fand vermutlich in der Hoffnung auf eine erfolgreiche Arbeitssuche für Jakob statt. Doch war es eher seine polnische Staatsbürgerschaft, die ihm die erfolgreiche Suche nach einer Daueranstellung erschwerte. Auch war es ihm aufgrund seiner eingeschränkten Gesundheit, er litt u.a. an Asthma, nur bedingt möglich, schwere körperliche Arbeit zu verrichten. Eine Zeit lang arbeitete Jakob bei einer Rendsburger Tiefbaufirma. Nach einiger Zeit bot ihm die jüdische Gemeinde eine Arbeitsstelle als Synagogendiener an. Hier konnte er nach seinem Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft Arbeiten verrichten, die Juden nicht erlaubt waren, wie z.B. am Sabbat heizen oder Licht anzünden. In Heimarbeit verdiente er sich etwas Geld als Stricker hinzu. Das Ehepaar Fordonski hatte selbst keine Kinder, war aber bei Nachbarn in Rendsburg als sehr kinderlieb bekannt. Die Fordonskis wohnten in einer Wohnung im Erdgeschoss vor dem Betsaal der Rendsburger Synagoge.
Der Versuch, das Ehepaar im Rahmen der „Polenaktion“ im Herbst 1938 nach Polen zu deportieren, scheiterte. Doch schon bald erfolgte die Ausweisung der Fordonskis aus Rendsburg. Am 31. August 1939 zog das Paar nach Lübeck in die St. Annen-Straße 11 neben der Synagoge.
Nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 galten polnischstämmige Juden wie die Fordonskis als Bürger eines feindlichen Staates. Alle polnischen Männer über 15 Jahre sollten in Konzentrationslager gebracht werden. Von dieser Anordnung war auch Jakob Fordonski betroffen. Er wurde am 20. September 1939 verhaftet und zunächst in ein Gefängnis nach Neumünster gebracht. Drei Monate später, im Dezember 1939, wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin überstellt. Von dort wurde Jakob im September 1940 in das KZ Dachau bei München verschleppt, wo er am 14. Mai 1941 im Alter von 64 Jahren verstarb. Als offizielle Todesursache wurde „Versagen von Herz und Kreislauf“ angegeben.
Rosa Fordonski lebte nach der Verhaftung ihres Mannes zunächst weiter in Lübeck. Am 6. Dezember 1941 wurde sie Opfer der ersten großen Deportation aus Schleswig-Holstein in das KZ Jungfernhof bei Riga. Ihr Todesdatum und ihr Todesort sind nicht bekannt. Möglich ist, dass sie im November 1943 in das KZ in Auschwitz verschleppt und dort ermordet wurde.

Familie Magnus

Rosenstraße 5, 24768 Rendsburg, DE

Julius Magnus wurde 1871 in Uelzen geboren. 1907 zog er nach Rendsburg, 1908 heiratete er hier die ein Jahr jüngere Schneiderin Frieda Nathan, die aus einer der alteingesessenen jüdischen Familien der Stadt stammte. Drei ihrer Brüder waren im Ersten Weltkrieg gefallen. Zusammen führten Frieda und Julius in der Rosenstraße 5 ein Textilgeschäft mit Kostümverleih. Die beiden pflegten Kontakte zu jüdischen und nicht jüdischen Familien, sie waren beliebt und angesehen in der Stadt. 1910 wurde ihr Sohn Kurt geboren. Bald danach bekamen sie eine Tochter, die aber noch als Baby starb. Seitdem trug Frieda Magnus nur noch dunkle Kleidung. Als Kinder vor ihrem Haus lärmend gespielt haben, soll Julius einmal gesagt haben: „Je mehr Kinder, je mehr Segen.“ Frieda und Julius waren ein frommes jüdisches Ehepaar, das die Arbeitsruhe am Sabbat und die jüdischen Speiseregeln beachtete. Trotzdem hatten sie einen Weihnachtsbaum, damit ihr Sohn Kurt sich nicht gegenüber anderen Kindern benachteiligt fühlte.
1933 war das Geschäft des Ehepaars von der Boykottaktion der Rendsburger Nazis am 1. April betroffen (siehe Foto). In der Pogromnacht im November 1938 wurde das Geschäft weder geplündert noch zerstört, lediglich die Schaufensterscheibe wurde beschmiert, doch mussten Frieda und Julia es Ende desselben Jahres zwangsweise schließen: Die noch vorhandene Ware wurde an andere Rendsburger Textilhändler verkauft. Den Erlös aus diesem Verkauf mussten Julius und Frieda auf ein Sperrkonto zahlen, auf das sie nur begrenzten Zugriff hatten: Sie durften pro Monat 250 Reichsmark abheben.
Mit Kriegsbeginn im September 1939 wurden die Lebensmittelrationen für Juden gekürzt. Julius und Frieda, inzwischen beide Ende 60, erhielten Unterstützung von Freunden und Bekannten, die Lebensmittel für sie organisierten. Beim Einkaufen soll Julius den Judenstern, der ab September 1941 eingeführt wurde, verschämt mit einer Zeitung verdeckt haben. 1942 gehörte das Ehepaar Magnus zu den letzten Juden in Rendsburg. Im selben Jahr erhielten sie im Juli den „Evakuierungsbefehl“. Sie sollten in das Ghettolager Theresienstadt bei Prag deportiert werden. Julius versuchte die Deportation abzuwenden, indem er, jedoch ohne Erfolg, mit dem Bürgermeister Krabbes sprach. Das Ehepaar besuchte daraufhin ein letztes Mal die Gräber der Angehörigen auf dem Jüdischen Friedhof in Westerrönfeld, übergab einige versilberte Familienstücke zur Aufbewahrung für den Sohn Kurt einer befreundeten Familie – und drehte in der Nacht vor der Deportation den Gashahn in der Wohnung auf. Die beiden Toten wurden in das Anatomische Institut der Universität Kiel gebracht. Die Urnen mit ihrer Asche zwei Jahre nach Kriegsende auf dem Jüdischen Friedhof in Westerrönfeld beigesetzt.
Mit dem Suizid des Ehepaars Magnus im Juli 1942 endete die über 250 Jahre alte Geschichte der jüdischen Gemeinde in der ehemaligen „Toleranzstadt“ Rendsburg.

Kurt Magnus wurde 1910 als ältestes Kind des Ehepaares Frieda und Julius Magnus geboren.
Nach dem Abschluss der Realschule absolvierte er ab 1923 eine dreijährige Lehre in einem Modehaus in Hamburg und arbeitete danach in verschiedenen Geschäften der Textilbranche. 1931 trat er als Teilhaber in das Textilgeschäft seiner Eltern in Rendsburg in der Rosenstraße 5 ein. Hier arbeitete er als Dekorateur und im Ein- und Verkauf.
Die antisemitische Politik der Nazi-Regierung ab 1933 brachte Kurt Magnus dazu, seine Heimat zu verlassen. Offenbar hatte auch die Rendsburger NSDAP Druck auf ihn ausgeübt. 1936 gab er die Teilhaberschaft am Geschäft seiner Eltern auf und zog zunächst zu Verwandten nach Altona, 1937 zu einer Tante nach Kopenhagen. Hier in Dänemark gelang es ihm, ein Visum für die USA zu bekommen. Am 18. Oktober 1937 kam Kurt mit der „Queen Mary“ in New York an. Von dort zog es ihn nach Chicago, wo ein Cousin lebte. Seit 1941 diente er als Soldat in der US Army, 1942 heiratete er Lucille Mandel. Das Paar blieb kinderlos.1946 stattete Kurt als Offizier der US Army seiner Heimatstadt Rendsburg einen kurzen Besuch ab.
Nach seiner Entlassung aus der Army übte Kurt Magnus verschiedene Tätigkeiten aus, bis er 1957 in die US Air Force eintrat. Dort bekleidete er zum Schluss den Rang eines Master Sergeant. Kurt Magnus starb 1963 im Alter von nur 53 Jahren. Er wurde auf einem Militärfriedhof in San Antonio (Texas) begraben.

Else Blumann

Kronprinzenstraße 3, 24768 Rendsburg, DE

Else Blumann wurde 1892 in Tostedt in der Nordheide geboren. Sie wuchs in einem soliden Milieu der Mittelschicht mit drei älteren Schwestern auf. Ihre Eltern waren der Viehhändler Carl Blumann und Henriette Blumann, geborene Goldmann, aus Hamburg. Else Blumann ist möglicherweise wegen einer Liebesgeschichte nach Rendsburg gezogen, gesichert ist dies aber nicht. Sie hat nicht geheiratet und keine Kinder bekommen.
1931 übernahm Else Blumann eine Kurzwarengroßhandlung in Rendsburg, mit der sie in die Kronprinzenstraße 3 zog und besonders mobile Kleinhändler versorgte, die mit Bauchläden unterwegs waren. Bereits in ihrer Familie in Tostedt war sie immer ein fröhlicher und positiv denkender Mensch gewesen, genauso wurde sie auch von Nachbarn und Freunden in Rendsburg wahrgenommen.
Nach dem Novemberpogrom 1938 musste sie ihr Geschäft aufgeben. Im Oktober 1939 zog Else Blumann nach Hamburg, wo sie bei ihren Schwestern Helene und Ida im Schlüterweg 17 lebte. Im November 1941 wurden die drei jüdischen Schwestern von Hamburg in das Ghetto von Minsk in Weißrussland deportiert.
Was Else Blumann und ihre Schwestern in Minsk bis zu ihrem Tod erleiden mussten, kann man nur erahnen, wenn man die Erinnerungen der wenigen Menschen liest, die die Hölle von Minsk lebendig überlebt haben. Else Blumann und ihre Schwestern gehörten nicht zu den Überlebenden.

Dr. Ernst Karl Bamberger

Moltkestraße 12, 24768 Rendsburg, DE

Ernst Karl Bamberger wurde am 30. April 1885 in Frankfurt am Main geboren. Er absolvierte ein Medizinstudium und wurde im Jahr 1909 mit einer Dissertation im Fachbereich Dermatologie zum Doktor der Medizin promoviert. 1916 leistete er Militärdienst in Trier und wurde im selben Jahr von seiner ersten Ehefrau, Elisabeth Stern, geschieden. Im Herbst 1918 ging er an die Anschar-Klinik nach Kiel, wo er als Assistenzarzt arbeitete. 1919 wurde ihm die Leitung des Erweiterungsbaus „Haus Neuber“ übertragen. Er lernte Cäcilie Steffens kennen, die er 1921 heiratete. Mittlerweile war er zum evangelischen Glauben konvertiert. Im Frühjahr 1922 übernahm er die chirurgische Privatklinik in der Moltkestraße 6 in Rendsburg.
Obwohl er zum evangelischen Glauben konvertiert war, galt er nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 als „Volljude“. Da Bekannte für ihn Ausnahmen erwirkten, konnte er zunächst weiter seiner Arbeit als Arzt nachgehen, ohne die volle Härte des NS-Regimes zu spüren. Zum 30. September 1938 allerdings wurde ihm wie allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Während des Novemberpogroms 1938 konnte sich Dr. Bamberger in einem von einer Mitarbeiterin eingerichteten Versteck aufhalten. Klinik und Wohnung musste er kurz nach dem Pogrom abgeben.
Zusammen mit seiner Frau verließ er nach dem Pogrom Rendsburg und fand schließlich bei Cäcilies Vetter Andreas Vierth in Remmels eine Unterkunft im Altenteil seines Hofes.
Dort beging Dr. Ernst Bamberger am 6. Dezember 1941 Selbstmord. Es kann davon ausgegangen werden, dass der letzte Anstoß zum Suizid die Information über massenhafte Deportationen von Juden war, die im Herbst 1941 begonnen hatte. Da Ernst Bamberger befürchtete, bald selbst deportiert zu werden, kam er dem durch den Selbstmord zuvor.
Zwei Tage später wurde er auf dem evangelischen Friedhof in Hohenwestedt beigesetzt. 1985 wurde das Jüdischen Museum in Rendsburg, das in den Räumen der ehemaligen Synagoge Platz fand, nach Herrn Bamberger in „Dr. Bamberger-Haus“ benannt.

Familie Meyer

Königstraße 14, 24768 Rendsburg, DE

Dr. Adolf Herrmann Meyer wurde am 15. Juli 1883 in Rendsburg geboren. Sein Vater Herrmann Meyer war ein jüdischer Kaufmann, der ein Tabakgeschäft betrieb. Die Familie Meyer lebte schon seit vielen Generationen in Rendsburg. Adolf studierte von 1904 bis 1911 an verschiedenen Universitäten und wurde 1911 am Zoologischen Institut der Universität Kiel promoviert. Bis 1914 legte er in Kiel weitere Prüfungen ab mit dem Ziel, als Lehrer in den Schuldienst zu gehen.
Ostern 1914 trat er seine erste Stelle an einem Gymnasium in Graudenz (etwa 100 Kilometer südlich von Danzig) an. Im selben Jahr ließ er sich evangelisch taufen. Während des Ersten Weltkriegs diente Adolf Meyer als Soldat. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als Lehrer, u.a. in Hamburg und in Allenstein (Ostpreußen). 1929 verlobte er sich in Königsberg mit Elsa Idell. Die Verlobung wurde allerdings vier Jahre später aufgelöst. Von 1929 bis 1933 studierte Adolf Meyer erneut in Kiel, dieses Mal Humanmedizin. 1934 bestand er das Staatsexamen, im Jahr darauf wurde ihm als gebürtigem Juden die Approbation verwehrt. Damit hatte er trotz bestandenen Examens keine Chance, in Deutschland als Arzt zu arbeiten.
Er versuchte sich in den nächsten Jahren als „Heilkundiger“, u.a. mit Homöopathie, Hypnose und Magnetismus, 1935/1936 zunächst in Rendsburg und Kiel. Im Februar 1936 zog er nach Hamburg und arbeitete hier als „Krankenbehandler“, wobei er wiederholt von den Behörden schikaniert und im März 1938 sogar für eine Woche ins Gefängnis gesteckt wurde, weil er mit seinem Praxisschild den Eindruck erweckt haben soll, er sein ein ordentlich zugelassener Arzt.
Zuletzt wohnte Dr. Adolf Meyer in einem der Hamburger „Judenhäuser“, in denen die letzten in Deutschland verbliebenen Juden zusammengepfercht wurden. Am 28. Juli 1941 wurde er als „Schutzhäftling“ in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel gesteckt, am 25. Oktober dann von Hamburg aus in das Ghetto von Lodz in Polen deportiert, wo er ein halbes Jahr später, am 23. April 1942, unter ungeklärten Umständen starb.

Dr. Henry Hermann Meyer, geboren am 12. Juni 1899 in Rendsburg, war das jüngste Kind des Ehepaars Hermann und Rosa Meyer. Er besuchte für kurze Zeit das Gymnasium in Rendsburg und wechselte daraufhin auf die Realschule in Kiel. Ab Mai 1916 diente er als Soldat im Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg befasste er sich zunächst mit Psychologie, dann auch mit Homöopathie. 1922 wurde er Heilpraktiker und behandelte vor allem psychische Erkrankungen. Er betrieb als Naturheilkundler „Psychologische Institute“ u.a. in Itzehoe, in Schleswig und in Hamburg. Beruflich war Henry überaus erfolgreich und verdiente viel Geld, da seine Patienten vor allem aus gut verdienenden Kreisen stammten. Er soll aber auch mittellose Patienten kostenfrei behandelt und deren Apothekenkosten übernommen haben. Seine Rendsburger Praxis befand sich in der Villa in der Königstraße/Ecke Wrangelstraße. Henry genoss einen hohen Lebensstandard, konnte sich Hausangestellte, teure Möbel, einen Chauffeur und jedes Jahr einen neuen Wagen leisten.
1926 heiratete er Christine Eggers, die Tochter eines Itzehoer Klavierfabrikanten. Kurz zuvor hatte er sich evangelisch taufen lassen. Seine Familie sei nicht sehr religiös gewesen, erzählte er später, er selbst sei nur ein paar Mal in die Synagoge gegangen.
Henry Meyer besaß auch eine große schauspielerische Begabung und trat bei verschiedenen Veranstaltungen als Jongleur, Kunstpfeifer und Fakir auf.
1933 begann Henrys beruflicher Abstieg, da er als „Volljude“ nicht länger Mitglied des Berufsbandes sein durfte und dadurch die meisten Patienten verlor. Seit 1935 wurde seine Situation immer schwieriger und gefährlicher. Er selbst schrieb 1963: „Als prominenter Mann musste ich sehr früh den Judenboykott spüren. Es wurden Wachen vor unserem Haus in Rendsburg aufgestellt und unter diesem Druck sahen wir uns gezwungen, die Praxis in Rendsburg aufzugeben.“ Sein Schwager ergänzte, dass Henry auch Misshandlungen durch Angehörige der SA ausgeliefert war, die in seine Villa eindrangen.
Im Juli 1935 zogen Henry und Christine Meyer nach Hamburg. Die Villa in Rendsburg hatten sie mitsamt der Einrichtung weit unter Wert verkaufen müssen. In Hamburg hatte Henry noch Patienten, die er behandeln konnte.
Am 14. September 1935 wurde Henry nachts von der Gestapo verhaftet. Ihm wurde Rassenschande vorgeworfen. Dieses Vorgehen war ein üblicher Teil der NS-Politik, so sollte der Auswanderungsdruck auf jüdische Männer erhöht werden. Als nichts nachzuweisen war, wurde der Haftgrund kurzerhand geändert. Henry sollte nun zugeben, dass er Steuern hinterzogen habe. Unter Druck unterschrieb er ein Geständnis und wurde am 28. September aus der Haft entlassen.
Als 1938 eine weitere Verhaftung drohte, möglicherweise im Zuge der Novemberpogrome, floh er in aller Eile ohne Gepäck nach Dänemark. Seine Frau löste ihre gemeinsame Hamburger Existenz auf und folgte ihm nach Kopenhagen. Hier gelang es dem Ehepaar Meyer, ein Visum für die USA zu bekommen – dafür und für die Überfahrt nach New York gaben sie den Rest ihres Vermögens und den geretteten Schmuck aus. Am 6. April 1939 erreichte das Ehepaar, nervlich und körperlich angeschlagen, den Hafen von New York.
In den USA durfte Henry nicht als Heilpraktiker arbeiten, so musste er sich nach dem Erlernen der Sprache zunächst auf Vorträge an Schulen, Universitäten und bei anderen Organisationen zu Themen der Psychologie beschränken. Doch auch hier betätigte er sich als „Entertainer“ und trat auf verschiedenen Bühnen als Hellseher oder „Mann mit magischen Fähigkeiten“ auf. Zusammen mit seiner Frau baute er sich in North Carolina ein neues Zuhause auf und fasste allmählich in seiner neuen Heimat Fuß. Von einer amerikanischen Universität (welche, ist unbekannt) bekam er sogar einen Doktortitel verliehen.
Dr. Henry Hermann Meyer, der sich in den USA Henry Melvin Gerald nannte, starb am 14. Februar 1989 im Alter von 89 Jahren, seine Frau Christine Gerald am 20. Februar 2011 im Alter von 104 Jahren.

Rosa Meyer, geborene Cohn, stammte aus Horsens in Dänemark. Sie heiratete im Jahre 1882 den Rendsburger Kaufman Hermann Meyer, der hier ein Tabakgeschäft betrieb. Das Paar bekam sechs Kinder: zwei Söhne, Henry und Adolf, und vier Töchter, Helene, Irma, Fanny und Ida, von denen Helene und Ida früh verstarben. Rosa Meyer wohnte mit ihrem Mann und den Kindern in der Neuen Straße 6. Ihr Ehemann verstarb am 25. Januar 1927. Nach seinem Tod blieb Rosa zunächst mit ihrer Tochter Fanny weiter in der Neuen Straße wohnen. Rosa Meyer war wie ihr Sohn Henry bewandert in nicht schulmedizinischen Praktiken. So hieß es damals: „Wenn du Kopfschmerzen hast, dann geh doch mal zu Frau Meyer.“ Als ihr Sohn Henry eine Villa in der Königstraße kaufte, zog sie dort mit ihrer Tochter Fanny ein.
Am 1. November 1935 meldeten sich Rosa und ihre Töchter Irma und Fanny aus Rendsburg ab und traten der Jüdischen Gemeinde in Hamburg bei. In Hamburg lebte sie in der Semperstraße 70 mit ihrem Sohn Adolf und den Töchtern Fanny und Irma.
Im Frühjahr 1939 wanderte Rosa mit ihren Töchtern Fanny und Irma nach Dänemark aus und zog nach Kopenhagen. Ab 1940 mussten sie hier die Besatzung durch die Deutschen erleben, die Dänemark am 9. April überfallen hatten. Zusammen mit knapp 8 000 anderen Juden gelang den Meyers im Herbst 1943 die Flucht über den Öresund. In einer einzigartigen Aktion wurden die verfolgten Menschen von dänischen Fischern mit unzähligen Booten über die Ostsee in das sichere Schweden gebracht. Rosa Meyer, inzwischen 87 Jahre alt, erlag am 13. Oktober 1943 kurz nach der Ankunft in Schweden den Strapazen der Flucht. Die Schwestern Fanny und Irma zogen nach dem Krieg zurück nach Kopenhagen. Dort starb Fanny am 7. Oktober 1954, für Irma ist kein Sterbedatum überliefert.

Wally Mahrt

Hohe Straße 6, 24768 Rendsburg, DE

Wally Mahrt, geborene Gortatowski, wurde 1910 in Rendsburg geboren.
Sie wuchs mit zwei älteren Brüdern auf, Herbert und Walter. Wally besuchte zunächst eine Privatschule, dann das Mädchengymnasium. Familie Gortatowski führte in der Hohen Straße in Rendsburg ein gutlaufendes Textilgeschäft.
Doch dieses erlebte ab 1933 aufgrund der antisemitischen Politik der neuen Machthaber seinen wirtschaftlichen Niedergang. Wally half zunächst als Verkäuferin aus, weil die nichtjüdischen Verkäufer entlassen werden mussten. Im Oktober 1938 ging sie, inzwischen 18 Jahre alt, zu einer Tante und Cousine nach Itzehoe. Ein knappes Jahr später zogen die drei Frauen nach Berlin, wo schon einige andere Familienmitglieder wohnten.
Hier in Berlin traf Wally ihren späteren Ehemann Erich Mahrt, der ebenfalls aus Rendsburg stammte. Erich hatte noch vor dem Krieg in Buenos Aires Kontakt zu Wallys Bruder Herbert Gortatowski gehabt, der dorthin mit seiner Frau Frieda ausgewandert war. Wahrscheinlich hat Herbert Erich gebeten, seine beiden Geschwister Wally und Walter zur Auswanderung zu bewegen.
Erich zog Anfang 1940 nach Berlin, wo er eine Stelle als Elektrotechniker fand und Kontakt zu den Geschwistern Gortatowski aufnahm. Aus gesundheitlichen Gründen war Erich nicht zur Wehrmacht eingezogen worden, wobei er vor der Musterung mit dem Verzehr von einem Stück Seife nachgeholfen hatte. Wally und ihr Bruder Walter mussten inzwischen Zwangsarbeit leisten, Wally baute u.a. Rasierapparate zusammen. An eine Auswanderung war inzwischen nicht mehr zu denken.
Bei dieser Zwangsarbeit kam Wallys Bruder Walter im März 1941 ums Leben: Er wurde von einer Lokomotive erfasst und getötet.
Erich mietete vorsorglich in einer Laubenkolonie im Stadtteil Hohenschönhausen ein Gartenhäuschen. Wally wurde im Dezember 1942 vor ihrer bevorstehenden Deportation gewarnt. Noch in derselben Nacht brachte Erich sie in die vorbereite Laube, wo Wally sich bis zum Kriegsende, also zweieinhalb Jahre lang, versteckte. Erich kümmerte sich während dieser Zeit um ihre Versorgung – und riskierte dabei sein eigenes Leben. Die Vermieterin der Laube wusste Bescheid – und verriet Wally nicht.
Wally war nach der Befreiung im Mai 1945 traumatisiert, unterernährt, ihr Sehvermögen war eingeschränkt und es fehlten ihr sieben Zähne. Die psychischen Schäden, die sie nach dieser Zeit im Versteck, viele Tage davon in einem Erdbunker, davongetragen hat, lassen sich kaum erahnen. Wenige Wochen nach Kriegsende, am 28. Juli 1945, heirateten Wally Gortatowski und Erich Mahrt in Berlin-Weißensee. Sie blieben zunächst in Berlin. 1946 wurde ihr Sohn geboren. 1949 zog die kleine Familie vorübergehend nach Rendsburg, wanderte aber noch im selben Jahr nach Argentinien aus, wo Erich sich in Buenos Aires als Elektrotechniker selbständig machte. Doch vor allem Wally zog es zurück nach Deutschland, nachdem ihr Sohn dorthin mit Frau und Kind ausgewandert war. 1976 siedelten darum Wally und Erich Mahrt nach Rendsburg über, in ihre alte Heimatstadt. Hier lebten noch alte Freunde, zu denen Wally während der Jahre in Argentinien Kontakt gehalten hatte. Am 7. Oktober 1979 nahm Wally Mahrt, inzwischen 69 Jahre alt, sich in einer familiären Krisensituation das Leben, wahrscheinlich eine Spätfolge der psychischen Schäden, die sie während ihrer Zeit im Versteck erlitten hatte. Ihr Mann Erich Mahrt starb 1988 im Alter von 78 Jahren.

Harry und Regina Kader

Schleifmühlenstraße 20, 24768 Rendsburg, DE

Regina Kader, geborene Levy, wurde 1906 im preußischen Lonzyn geboren, Harry Kader (Foto) 1898 im galizischen Kalusz (heute Ukraine). Harry und Regina haben beide das Schneiderhandwerk gelernt und sind unabhängig voneinander in den 1920er-Jahren von Polen nach Deutschland ausgewandert.
Harry ist 1928 aus Berlin kommend, wo er bei einem Onkel gelebte hatte, nach Schleswig gezogen. Dort übernahm er die Leitung der Filiale eines Möbelhauses – und hat hier wahrscheinlich Regina Levy kennengelernt, die er 1930 heiratete. Im Jahr zuvor hatte Harry einen Antrag auf Einbürgerung gestellt, der jedoch von den zuständigen deutschen Behörden mit deutlich antisemitischen Tönen abgewiesen wurde.
Die Kaders verließen Schleswig und zogen nach Rendsburg, wo sie in der Schleifmühlenstraße 20/Ecke Holstentor ein Abzahlungsgeschäft für Heimtextilien und Bekleidung eröffneten. Das Paar blieb kinderlos. Harry war in der Rendsburger Fußballszene aktiv, er engagierte sich hier als Trainer und Schiedsrichter. Am 1. April 1933 wurde das Geschäft der Kaders Ziel der Boykottaktion der Rendsburger Nationalsozialisten. Ende Oktober 1938 wurde das Ehepaar Kader zusammen mit anderen polnischstämmigen Rendsburger Juden im Rahmen der „Polenaktion“ mit einem Bus an die polnische Grenze gefahren, um nach Polen abgeschoben zu werden. Polen hatte seine Grenzen allerdings schon geschlossen, sodass die Kaders wieder nach Rendsburg zurückgebracht wurden. Ihr Geschäft wurde Ende Dezember desselben Jahres „liquidiert“, also zwangsverkauft, auch ihre Wohnung mussten sie aufgeben. Harry und Regina blieben nur wenige Kleidungsstücke. Sie kamen zunächst im Vorderhaus der Rendsburger Synagoge unter und wären gerne in die USA ausgewandert, erhielten aber kein Visum. Im März 1939 verließ das Ehepaar Rendsburg und floh nach Belgien. Mit der Besetzung Belgiens durch die Wehrmacht im Mai 1940 wurden sie auch hier von den deutschen Besatzern verfolgt. 1942 wurden Harry und Regina in ein Sammellager in Malines (Mechelen) gebracht, von dort aus am 18. August 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Wahrscheinlich ist, dass sie hier ermordet wurden. Ort und Datum ihres Todes sind nicht überliefert.

Familie Ring

Schleifmühlenstraße 10, 24768 Rendsburg, DE

Paula Ring, geborene Russ, wurde am 21. Januar 1890 in Breslau geboren, ihr Ehemann Max Ring am 3. Dezember 1893 in der polnischen Kleinstadt Blaszki. Die Putzmacherin und der Schneider heirateten 1920 in Breslau. Nach der Hochzeit zogen sie nach Rendsburg. Das Ehepaar lebte mit seinem Sohn Fritz, der 1921 geboren wurde, zunächst in der Beseler Straße 7 und hatte in der Tonstraße 12 eine Schneiderei und Putzmacherei, also ein Geschäft für Damenhüte.
In Rendsburg waren Paula und Max Ring eng mit der jüdischen Gemeinde verbunden. Max engagierte sich im Vorstand und amtierte manchmal als Vorbeter beim Gottesdienst. Paula kochte koscher und trug in der Öffentlichkeit einen „Scheitel“ (eine Perücke). Max legte regelmäßig die Tefillin (Gebetsriemen) an und sprach das Morgengebet. Die Familie konnte gut von ihrem Geschäft leben – bis zur Boykottaktion am 1. April 1933. Damit begann ihr wirtschaftlicher Niedergang. Die Kunden blieben aus. Die Rings mussten ihr Geschäft in der Torstraße aufgeben, ebenso die Wohnung in der Beseler Straße, und 1936 in der Schleifmühlenstraße 10 eine winzige Wohnung beziehen, zu der eine ebenso winzige Ladenfläche von 16 Quadratmetern gehörte.
Das kleine Schlafzimmer des Ehepaars diente auch als Max‘ Arbeitszimmer, wo er tagsüber an seiner Nähmaschine saß. Paula stand im Laden und arbeitete als Putzmacherin, besserte also Damenhüte aus, fertigte neue an und verkaufte sie an einen immer kleiner werdenden Kundenkreis
Um die Miete bezahlen und einigermaßen über die Runden kommen zu können, musste die Familie nun Gegenstände verkaufen, u.a. ihr Silberbesteck und einen Fotoapparat.
1938 machte der Sohn Fritz seinen Realschulabschluss. Seine Eltern schickten ihn nach Berlin zu einer jüdischen Hilfsorganisation, weil er in Rendsburg keine Lehrstelle fand. Ende 1938 konnte er nach England auswandern.
Im Herbst 1938 scheiterte die Abschiebung von Paula und Max Ring im Rahmen der „Polenaktion“. Die polnischen Behörden hatten die Grenzen inzwischen geschlossen. Die Rendsburger Juden, die man mit einem Bus an die polnische Grenze gebracht hatte, wurden zurück nach Rendsburg gefahren. Doch ihr kleines Geschäft mussten Paula und Max noch im selben Jahr aufgeben, es wurde bis Ende Januar 1939 „abgewickelt“. Die Rings hatten kaum noch Geld, konnten die Miete nicht mehr bezahlen und fanden für ein paar Monate Unterschlupf im Vorderhaus der Rendsburger Synagoge. Alle Versuche von Max und Paula, aus Deutschland auszuwandern, scheiterten. Kein Land wollte einen armen Schneider und eine arme Putzmacherin aufnehmen. Kein Land außer Belgien. Paula und Max Ring hatten fast ihr gesamtes Hab und Gut verloren, als sie im Sommer 1939 kurz vor Kriegsbeginn nach Belgien zogen.
Doch im Mai 1940 wurde auch Belgien von der Wehrmacht überfallen. Paula und Max hatten keine Chance mehr zu entkommen. Sie wurden in Brüssel von den deutschen Besatzern als Juden registriert. Am 15. August 1942 wurden sie nach Auschwitz deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.

Fritz Ring wurde am 12. September 1921 in Rendsburg geboren. Seine Eltern waren Paula und Max Ring, die hier ein Textilgeschäft betrieben. Im Alter von 13 Jahren feierte Fritz 1934 seine Bar-Mizwa mit der jüdischen Restgemeinde – die letzte Bar-Mizwa, die in der Rendsburger Synagoge gefeiert wurde.
In seiner Klasse war er immer beliebt, doch mit den Boykottaktion 1933 änderte sich dies nach und nach. Als er 1938 seinen Abschluss an der Christian-Timm-Schule machte, wurde er nicht zur Abschlussfeier eingeladen und er bekam sein Zeugnis per Post zu geschickt. Auch eine Lehrstelle fand er nicht, also schickten ihn seine Eltern im April 1938 nach Berlin zu einer jüdischen Hilfsorganisation, wo er u.a. einen Grundlehrgang in Schlosserei besuchte. Die Ausbildung sollte die jungen Menschen auf eine Auswanderung nach Palästina vorbereiten.
Anfang Dezember 1938 bekam Fritz die Möglichkeit, von Hamburg aus über die Niederlande nach England zu fliehen. Nach der Pogromnacht im November hatte die britische Regierung beschlossen, 10 000 jüdische Kinder und Jugendliche aufzunehmen. Fritz fuhr von Berlin nach Hamburg, ohne sich von seinen Eltern verabschieden zu können – sie hatten kein Geld mehr für eine Fahrkarte von Rendsburg nach Hamburg. Am 15. Dezember 1938 kam Fritz mit dem Schiff in Harwich an, da war er 17 Jahre alt.
1940 meldete er sich zur britischen Armee und wurde dort zum Funker ausgebildet. Nach Kriegsende wanderte er 1947 in die USA aus. Dort konnte er als Elektroniker in Illinois leben. Er heiratete die Amerikanerin Lorraine Wilensky und bekam mit ihr zwei Söhne.
1988 und 2000 besuchte er Rendsburg, beim zweiten Mal zusammen mit seinem Sohn Max. Am 16. November 2015 verstarb Fritz Ring, der sich in den USA Fred nannte, im Alter von 94 Jahren. Bis zuletzt war er rüstig, besuchte regelmäßig die Synagoge und spielte Akkordeon.

Familie Weinberger

Nobiskrüger Allee 18, 24768 Rendsburg, DE

Irma Weinberger, geborene Vagi, wurde am 25. August 1883 in Debrezin in Ungarn geboren, ihr Mann Wilhelm Weinberger am 25. Oktober 1875 in Rév, ebenfalls in Ungarn. Wilhelm kämpfte im Ersten Weltkrieg an Deutschlands Seite für Österreich-Ungarn und wurde verwundet, weshalb er später eine Gehbehinderung hatte und einen Stock brauchte; außerdem wurde er für seine Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
Nach dem Krieg zogen die Weinbergers nach Schleswig-Holstein. Die Söhne Stefan und Gabriel wurden in Kiel und Flensburg geboren. Ab 1934 wohnte die Familie in Rendsburg in der Nobiskrüger Allee 18. Das Ehepaar lebte sehr zurückgezogen. Irma verließ fast nie das Haus und hatte bis auf ihre Familie fast keine Kontakte. Wilhelm war kontaktfreudiger als seine Frau und bei den Nachbarn als freundlicher Mann bekannt.
Während der Novemberpogrome 1938 wurde von SA-Männern aus dem Hause Weinberger Schmuck im Wert von mehreren tausend Reichsmark gestohlen.
Mit der Einführung des Judensterns im Herbst 1941 vermied es auch Wilhelm Weinberger, das Haus zu verlassen, und wenn er es doch musste, versuchte er auf der Straße den Stern mit seiner Hand zu verdecken.
Im Juli 1942 wurden Irma und Wilhelm Weinberger in das Ghettolager Theresienstadt deportiert. Irma wurde in diesem Jahr 59 Jahre alt, Wilhelm 67. Zwei Jahre später, im Mai 1944, wurden sie nach Auschwitz gebracht, wo sie wahrscheinlich kurz nach der Ankunft in einer Gaskammer ermordet wurden.

Gabriel Weinberger wurde am 11. August 1912 in Kiel geboren und ist in Rendsburg aufgewachsen. Erst besuchte er die Volkschule, danach die Christian-Timm-Schule. Von Mitschülern wurde er als intelligenter, sensibler Einzelgänger beschrieben. Nach dem Schulabschluss absolvierte eine Maurerlehre und ein halbes Jahr freiwilligen Arbeitsdienst in der Nähe von Husum. 1933 schloss er seine Ausbildung zum Bauingenieur an der Tiefbauschule in Rendsburg ab, doch da er wegen seiner jüdischen Herkunft keine Arbeit fand, verbrachte er ein Jahr in Ungarn bei Verwandten. 1937 fand er dann endlich eine Arbeit in Magdeburg, wo er später in einem „Judenhaus“ mit 30 bis 40 anderen Juden auf engstem Raum wohnen musste. Im März 1941 verlor er seine Stelle und wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet. Gabriel musste in einer Fabrik arbeiten, in der Säcke, Planen und Zelte für das deutsche Afrikakorps gefertigt wurden, eine staubige und schwere Arbeit. Schon Anfang 1941 war es den Juden in Magdeburg verboten worden, die Stadt zu verlassen. Im Februar 1943 wurde Gabriel aus Magdeburg in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er schwerste Zwangsarbeit leisten musste. Im Januar 1945 wurde Gabriel in das Lager Buchenwald verlegt. Hier magerte auf 45 Kilogramm ab und erkrankte schwer an Tuberkulose. Wegen der völligen Überbelebung herrschten in Buchenwald zu dieser Zeit unvorstellbare Verhältnisse. Im April 1945 wurde das KZ von amerikanischen Truppen befreit. Gabriels Zustand war so schlecht, dass er in ein Krankenhaus gebracht werden musste, danach kam er für über ein Jahr in eine Lungensanatorium. Auch in den folgenden Jahren musste er sich wegen doppelseitiger TBC immer wieder Behandlungen unterziehen.
Im Frühjahr 1947 kehrte er nach Rendsburg zurück. Seine Eltern und sein Bruder Stefan waren ermordet worden: die Eltern in Auschwitz, Stefan auf einem Todesmarsch. Gabriel ging in Rendsburg u.a. in das Finanzamt, das sich an den Möbeln seiner Familie bedient hatte, und forderte diese zurück. Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit konnte Gabriel lange Zeit keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen. Einmal soll er einem Bekannten die KZ-Nummer gezeigt haben, die auf seinem Unterarm eintätowiert worden war.
Später verließ Gabriel Rendsburg und zog nach Hamburg, wo er von 1960 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1976 als Ingenieur bei der Baubehörde arbeitete. Er heiratete Randi, eine Frau aus Norwegen, und starb mit 92 Jahren am 28. Februar 2005 in Hamburg. Auf eigenen Wunsch wurde er nach Israel überführt und in Jerusalem beigesetzt.

Stefan Weinberger (Foto, der Junge in der Mitte) wurde am 13. April 1915 als jüngster Sohn des Ehepaares Irma und Willhelm Weinberger in Flensburg geboren. Stefan besuchte zunächst eine Volksschule, daraufhin, als die Familie Weinberger nach Rendsburg in die Wallstraße zog, die Christian-Timm-Schule. 1932 machte er seinen Abschluss und trat er eine Klempnerlehre in Büdelsdorf an. Nachdem er die Lehre abgeschlossen hatte, fiel es Stefan zunächst aufgrund seines jüdischen Hintergrunds schwer, eine Arbeitsstelle zu finden.
Im Jahre 1937 fand er doch einen Arbeitsplatz bei der Firma Heinemann in Rendsburg, welche ihn trotz seines jüdischen Hintergrundes einstellte. Stefan war bei seinen Arbeitskollegen, aber auch schon bei seinen Klassenkameraden in der Schule, sehr beliebt und wurde oft als „Stimmungskanone“ bezeichnet. Stefans Arbeitszeit bei der Firma Heinemann war dann am 4. Dezember 1941 vorbei, da er an diesem Tag von Polizeibeamten nach Kiel gebracht wurde, um am 6. Dezember desselben Jahres dann weiter nach Riga (Lettland) in das Konzentrationslager Jungfernhof deportiert zu werden.
Im Verlauf der nächsten Jahre durchlebte Stefan verschiedene Konzentrationslager in Lettland, bis er schließlich 1943 im Lager Kaiserwald angelangt war. Dort blieb er bis 1944. Die Rote Armee war im Anmarsch, das Lager wurde „evakuiert“, also die Gefangenen in andere Lager weiter westlich gebracht. Stefan kam so in das Lager Stutthof bei Danzig. Doch Anfang 1945 musste auch dieses Lager geräumt werden. Die Gefangenen sollten auf dem Landweg weiter in Richtung Westen getrieben werden. Der Todesmarsch begann im Januar unter extremen Wetterbedingungen mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Die geschundenen Menschen bekamen unterwegs kaum zu essen oder zu trinken. Stefan Weinberger verstarb am 28. Februar 1945 in dem Dorf Althammer an Unterernährung und totaler Erschöpfung. Er wurde 29 Jahre alt.

Jüdisches Museum Rendsburg

Prinzessinstraße 7, 24768 Rendsburg, DE

Ende des 17. Jahrhunderts ließ der dänische König die kleine Stadt Rendsburg, am strategisch wichtigen Eiderfluss gelegen, zu einer Festungsstadt ausbauen. Im Zuge dieses Ausbaus entstand der neue Stadtteil Neuwerk mit dem großen Paradeplatz und der Christkirche in seinem Zentrum. 1692 erließ König Christian V. ein Privileg, das allen Juden erlaubte, sich in diesem Festungsviertel niederzulassen, dort Grundeigentum zu erwerben, zu bauen und zu wohnen. Der dänische König wollte auf diese Weise Neubürger für Rendsburg gewinnen. Schon im folgenden Jahr machten die ersten jüdischen Menschen von diesem Privileg Gebrauch. 1695 wurde der jüdische Friedhof im nahen Westerrönfeld angelegt, im selben Jahr wurde die Israelitische Gemeinde zu Rendsburg offiziell gegründet.
Zusammen mit Glückstadt, Friedrichstadt und Altona, das damals eine eigene Stadt war, gehörte Rendsburg-Neuwerk zu den sogenannten Toleranzstädten im Königreich Dänemark: Hier konnten Minderheiten ihr religiöses Leben ungehindert ausüben.
Der Neubau der Rendsburger Synagoge in den Jahren 1844/45 war ein Höhepunkt in der Geschichte der Israelitischen Gemeinde. Direkt neben der Synagoge in der Prinzessinstraße wurde eine Talmud-Thora-Schule errichtet, in der jüdische Kinder unterrichtet wurden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten etwa 300 Menschen zur Rendsburger jüdischen Gemeinde. Doch schon bald darauf begann die Gemeinde zu schrumpfen. Nachdem die Rendsburger Festung in den 1850er Jahren abgerissen und Schleswig-Holstein und damit auch Rendsburg 1866 zu Preußen gekommen war, verließen immer mehr Jüdinnen und Juden Rendsburg, um vor allem in größeren Städten ihr Glück zu versuchen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Talmud-Thora-Schule in ein Wohnhaus umgewandelt, weil es kaum noch jüdische Kinder gab, die hier zur Schule gingen. 1933, als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, umfasste die jüdische Gemeinde in Rendsburg nur noch 22 Mitglieder. Trotzdem gab es hier noch ein eingeschränktes religiöses Leben, das vom Oberrabinat in Altona und von einem Rabbiner aus Friedrichstadt aufrechterhalten wurde.
1938 wurde die Rendsburger Synagoge im Rahmen der Novemberpogrome durch einen Sprengsatz, der im Gebetssaal gezündet wurde, geschändet, die Thorarollen zerstört. Mit dem Freitod des letzten Gemeindevorstehers Julius Magnus endete 1942 nach fast 250 Jahren das jüdische Gemeindeleben in Rendsburg.
Die Rendsburger Synagoge wurde im Zuge ihrer „Arisierung“ an eine Fischräucherei verkauft. Jahrzehntelang wurden im umgebauten Gebetssaal Fische geräuchert und gelagert.
1985 wurden die zweckentfremdeten Räume zunächst in ein Kulturzentrum umgewandelt, 1988 dann in ein Museum. Das Haus wurde nach Dr. Ernst Karl Bamberger benannt, einem beliebten Rendsburger Arzt, der als Jude verfolgt und 1941 in den Freitod getrieben wurde. 2022/23 wurde das Jüdische Museum Rendsburg grundlegend saniert, die Dauerausstellung neu konzipiert. Es gehört heute zur „Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf“.