Warum verließ Familie Marcus die Schule?

Sonstiges Grasweg 72, 22303 Hamburg, DE

Bei diesem Rundgang durch die ehemalige Lichtwarkschule geht es um die Krise, den Umbruch und den darauffolgenden Aufbruch ehemaliger Schüler/innen der Lichtwarkschule 1933/34. Um die Frage zu beantworten, warum Gert, Holger und Britta die Schule verließen, erfährt man einiges über Familie Marcus, die Lichtwarkschule sowie die politische Situation.

Autor: 7 G

Heinrich-Hertz-Schule Hamburg

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17 Stationen

Start: Herzlich willkommen!

Hallo und herzlich willkommen bei unserem interaktiven Rundgang auf den Spuren der Familie Marcus!

Alle vier Kinder der Familie Marcus besuchten in den 1920er- und 1930er-Jahren das Gebäude Haus C der Heinrich-Hertz-Schule - damals war das die Lichtwarkschule. Um unseren Rundgang zu beginnen, gehe zum Eingang von Haus C und blicke auf das Gebäude.

Der älteste Sohn der Familie, Ingolf Marcus, verließ die Schule mit Abitur, doch seine Geschwister Gert, Holger und Britta gingen vorher ab. Dies kannst du auf den alten Schülerkarten erkennen, die du in der Galerie dieser Station findest. Wir, die 7g, haben uns dazu entschieden, nachzuforschen, warum die anderen Geschwister die Schule frühzeitig verließen. Entstanden ist ein Rundgang durch die ehemalige Lichtwarkschule, in dem du etwas über die Familie Marcus selbst, die Schule und den Beginn der Zeit des Nationalsozialismus' erfährst.

Der Rundgang ist in einer bestimmten Reihenfolge gestaltet. Am Anfang jeder Station erfährst du, wo du dich jetzt gerade befindest. Am Ende der Stationen bekommst du jeweils einen Hinweis auf den Ort der nächsten Station. Du kannst die Stationen natürlich trotzdem in deiner eigenen Reihenfolge ablaufen und dir das Puzzle zur Antwort auf unsere Frage selbst zusammensetzen.
An jeder Station findest du Links oder Bücherangaben mit weiteren Informationen sowie passende Bilder. Da du die Bilder in der App zwar vergrößern kannst, die Informationstexte jedoch nicht, sind außerdem alle Informationstexte für eine bessere Barrierefreiheit auch als Audiobeiträge verfügbar.

Und nun: Viel Spaß bei unserem Rundgang! Gehe die Treppen von Haus C hinauf, sodass du im bunt gestalteten Eingangstreppenhaus ankommst.

Wer war Familie Marcus?

Du stehst nun im bunten Eingangstreppenhaus von Haus C - denn so bunt und kreativ war auch die Familie Marcus.

Vater Paul Marcus war gebürtiger Hamburger, während Mutter Hilda Dahl aus Schweden kam. Das Paar lernte sich in London kennen. Sie heirateten 1911 und ließen sich in Hamburg nieder. Nach einem Jahr bekamen sie ihr erstes Kind Ingolf, er wurde in der Violastraße 10, der heutigen Köppenstraße in Groß Borstel, geboren, wohin das Paar 1912 gezogen war. Dort wurden im regelmäßigen Abstand von zwei Jahren drei weitere Kinder geboren: 1914 Gert, 1916 Holger und 1918 Britta. 1921 zog die Familie um, in den ebenfalls in Groß Borstel gelegenen Holunderweg 7.
Mutter Hilda war Hausfrau, Dr. Paul Benjamin Phillip Marcus war Rechtsanwalt für Patentrecht in einer Hamburger Kanzlei und hatte jüdische Wurzeln, was sich auf das Familienleben jedoch zunächst nicht auswirkte, Paul war bereits 1909 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten. Laut Gert Marcus hatte er während seiner Kindheit ,,nie das Gefühl, dass sich seine Situation irgendwie von derjenigen anderer Menschen unterschied". Es ,,sprach niemals jemand über die jüdischen Wurzeln seines Vaters oder äußerte antisemitische Bemerkungen".
Die Eltern hatten ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Kindern. Das Familienleben war gekennzeichnet durch viele Aktivitäten, wie Besuchen im Zoo, Wasserspielen an der Alster, Musik und Theater, Partys und Vieles mehr. Zudem gab es in der Familie zu Hause oft interessanten Besuch mit anregenden Diskussionen. Die Eltern wollten den Kindern eine schöne Kindheit bereiten und ließen sie kreativ aufwachsen. Anthony Linick (der Stiefsohn von Ingolf Dahl) beschreibt in seiner Biographie zu Ingolf, dass für Theateraufführungen zu Hause auch schon einmal eine Gardine zerschnitten wurde.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Kinder der Familie Marcus die Schule nicht verließen, weil ihr Familienleben langweilig geworden war oder sie außerhalb von Hamburg nach Abwechslung suchen mussten. Insgesamt hatten die Kinder eigentlich eine schöne Kindheit, die sich dann aber 1933 schnell veränderte, dadurch, dass sie plötzlich doch als Juden galten. Ab dann wurde die Familie plötzlich von einigen Freunden und Nachbarn wegen ihrer jüdischen Wurzeln gemieden.

Gehe nun die Treppen hinauf, bis du vor dem grünen Brunnen stehst.

Quellen: Experteninterview am13.12.18 mit Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Gert Marcus: Distansens Förvandling, Stockholm 2013, Seite 157 ff., Übersetzung durch Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Anthony Linick: The Lives of Ingolf Dahl. Bloomington 2008, S. 4-11; Stammbaum der Familie aus dem Archiv der Initiative Marcus und Dahl e.V.

Was war die Lichwarkschule für eine Schule?

Du stehst nun im Eingang von Haus C vor dem grünen Brunnen mit der Widmung für Alfred Lichtwark.

Die Lichtwarkschule wurde 1921 nach dem deutschen Kunsthistoriker, Museumsleiter und Kunstpädagogen Alfred Lichtwark benannt. Sie befand sich, wie auf dem ersten Foto dieser Station zu sehen, im heutigen Haus C der Heinrich-Hertz-Schule. Das Gebäude war zunächst für eine normale Realschule mit Vorschule in Winterhude gedacht gewesen, wurde dann aber durch Engagement von Lehrkräften und Eltern als Gebäude für die Lichtwarkschule mit Oberstufe gebaut.
Die Lichtwarkschule war, im Gegensatz zur Nachbarschule, der Heinrich-Hertz-Oberschule, die im heutigen Haus A/B zu finden war, eine sehr fortschrittliche Schule. Sie versuchte, sich freizumachen von alten Schultraditionen und rückte künstlerische Interessen in den Mittelpunkt des Unterrichts. Die Schule sollte, wie es Alfred Lichtwark schon 1903 gefordert hatte, weniger "am Stoff kleben", sondern "hungrig machen". Die Schüler/innen sollten sich individuell und selbständig entfalten können.
Aber auch der Gemeinschaftsgedanke wurde betont. Mädchen und Jungen gingen zusammen in eine Klasse und Lehrer/innen und Schüler/innen hatten eine, für diese Zeit, sehr enge Beziehung. In den Klassen waren Tische und Stühle nach Belieben verstellbar und nicht in die starren Reihen angeordnet. Die Lehrer/innen saßen oftmals mitten unter den Schüler/innen und ließen diese sogar den Unterricht mitbestimmen. Dies ist auch auf dem zweiten Bild dieser Station zu sehen.
Auch in Bezug auf soziale und politische Interessen konnten sich die Schüler/innen der Lichtwarkschule entfalten - die Schülerzeitung hieß, die von 1928 bis 1929 siebenmal erschien, hieß dementsprechend "Der Querkopf".

Doch wie sah der Alltag der Kinder an der Lichtwarkschule aus? Welche Fächer hatten sie? Weiter geht es links zum heutigen Verwaltungsbereich des Gebäude C mit den aktuellen Stundenplänen rechts an der Wand.

Quellen: Arbeitskreis Lichtwarkschule (Hg.): Die Lichtwarkschule, Hamburg 1979; Joachim Wendt: Die Lichtwarkschule in Hamburg. 1921-1937, Hamburg 2000; Gert Marcus: Distansens Förvandling, Stockholm 2013, Seite 157 ff., Übersetzung durch Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.

Welche Fächer gab es an der Lichtwarkschule?

Du stehst jetzt links im Erdgeschoss vor den aktuellen Stundenplänen. Doch wie sah an der Lichtwarkschule ein typischer Stundenplan aus?

An der Lichtwarkschule gab es einen besonderen Stundenplan, der sich von dem anderer Schulen unterschied.
Die Schüler/innen hatten acht bis zehn Stunden Kulturkunde in der Woche. Diese Stunden wurden von den Klassenlehrer/innen unterschiedlich gestaltet, z.B. mit politischen, religionskundlichen, literaturwissenschaftlichen oder kulturkundlichen Inhalten. Um die Klassengemeinschaft zu stärken, unterrichteten einige Lehrkräfte auch fachfremd Fachunterricht in ihrer Klasse.
Außerdem gab es eine tägliche Turnstunde, die von Gerts späterem Sportlehrer Herrn Schöning 1925 durchgesetzt worden war. Um diese im Stundenplan unterzubringen, dauerten die Einzelstunden nur noch 40 statt 45 Minuten. Wenn die Turnstunde nicht im Stadtpark oder auf der Jahnkampfbahn stattfand, fand sie manchmal auch auf dem Dach der Lichtwarkschule statt.
Eine weitere Besonderheit war, dass es Doppelstunden gab. Diese waren 85 Minuten lang.
In der Galerie siehst du ein Beispiel für einen Stundenplan des Jahrgangs 9, den eines der Kinder so oder so ähnlich gehabt haben könnte.

Doch nicht nur der Stundenplan der Lichtwarkschule war besonders, auch die Lehrer/innen. Wende deinen Blick nun der linken Seite des Flurs zu, wo sich das aktuelle Lehrerzimmer und die aktuellen Fotos der Klassenlehrer mit ihren Oberstufenprofilen befinden.

Quellen: Arbeitskreis Lichtwarkschule (Hg.): Die Lichtwarkschule, Hamburg 1979; Joachim Wendt: Die Lichtwarkschule in Hamburg. 1921-1937, Hamburg 2000

Welche Lehrer und Lehrerinnen arbeiteten zu der Zeit an der Lichtwarkschule?

Du blickst jetzt auf die linke Seite des Flurs, links an der Wand hängen die aktuellen Profile mit ihren Klassenlehrer/innen, ganz hinten links ist das aktuelle Lehrerzimmer.

Da viele Lehrer/innen und Schüler/innen politisch eher links bzw. demokratisch-sozialistisch eingestellt waren und viele Arbeiterkinder die Schule besuchten, wurde die Lichtwarkschule von Nationalsozialisten auch ,, rotes Mistbeet am Stadtpark" genannt. In der Lehrerbibliothek ließ der neue Schulleiter während der Zeit des Nationalsozialismus' z.B. 1935 über 130 Bücher aussortieren, die in eine marxistische Richtung gingen.
Dennoch gab es durchaus verschiedene politische Richtungen innerhalb der Lehrer- und Schülerschaft und insbesondere im Lehrerkollegium hart umkämpfte Konflikte über Unterrichtsmethoden und -inhalte. Die starken Konflikte, die die Lehrerschaft von Beginn an und noch stärker ab 1930 prägten, tauchen in den Erinnerungen ehemaliger Schüler jedoch selten auf. In Bezug auf die politische Bildung der Schüler/innen sprach sich die Schule 1929 gegenüber der Oberschulbehörde dafür aus, politische Schülergruppen zu erlauben, es ging dabei um eine sozialistische Schülergruppe. In Bezug auf den Unterricht entschied die Lehrerkonferenz 1930, dass Lehrkräfte nicht befugt seien, eine Klasse in eine bestimmte politische Richtung zu beeinflussen, jedoch stark einseitige politische Urteile von Schüler/innen infrage stellen sollten.
Manche der Lehrer und Lehrerinnen, die zu der Zeit, in der die Kinder Gert, Holger und Britta Marcus auf die Lichtwarkschule gingen, unterrichteten, mussten die Schule verlassen. So wurde zum Beispiel der Lehrer Fritz C. Neumann, der von 1921/22 bis 1930 an der Schule arbeitete, schon 1930 wegen Unterstützung politischer Aktivitäten einer sozialistischen Schülergruppe versetzt. Gustav Heine wurde im Mai 1933 während seines Unterrichts als Mitglied der KPD, der kommunistischen Partei Deutschlands, verhaftet und aus dem Schuldienst entlassen. Die Lehrer Hans Liebeschütz, welcher von 1928/29 bis 1934 an der Lichtwarkschule arbeitete, und Ernst Loewenberg wurden wegen des nationalsozialistischen "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aus dem Schuldienst entlassen, welches den Nationalsozialisten erlaubte, Juden und politisch anders Denkende aus dem Dienst zu entlassen. Von 1930 bis zu ihrer Strafversetzung 1935 arbeitete auch Erna Stahl als Lehrerin an der Lichtwarkschule. Sie war wahrscheinlich Brittas Deutschlehrerin und zählte zum Umfeld des Hamburger Kreises der Weißen Rose.
Für die entlassenen Lehrkräfte kamen ab April 1933 neue Lehrkräfte nach, die Mitglieder der NSDAP waren, so z.B. Erich Witter und Willy Etzrodt. Andere Lehrkräfte wie der Turnlehrer Herr Schöning versuchten, ihre pädagogischen Vorstellungen an die der Nationalsozialisten anzupassen. Der Klassenlehrer von Anna Britta war Hr. Moltmann.
Da Gert, Holger und Britta die Schule schon 1933 bzw. 1934 verließen, bekamen sie dies aber wahrscheinlich nur in den Anfängen mit.

Weiter geht es jetzt am Brunnen vorbei rechts zu den Klassenräumen im Erdgeschoss, in denen wahrscheinlich auch eines der Kinder der Familie Marcus einmal gesessen hat.

Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Lichtwarkschule#Lehrer; Arbeitskreis Lichtwarkschule (Hg.): Die Lichtwarkschule, 1979 Hamburg; Joachim Wendt: Die Lichtwarkschule in Hamburg. 1921-1937, Hamburg 2000

Wie gefiel es den Kindern der Familie Marcus auf der Lichtwarkschule?

Du befindest dich nun im Erdgeschoss rechts in oder vor den dort liegenden Klassenräumen. Wenn gerade kein Unterricht ist, gehe auch gern in einen der Räume, z.B. C12, um dir die Kinder direkt in einem der Klassenräume vorzustellen. Ein weiterer Raum, den du dir anschauen kannst, ist C101 im ersten Stock.

Soweit wir wissen, waren die Kinder der Familie Marcus auf der Lichtwarkschule glücklich.
Gert Marcus hat seine Schulzeit an der Lichtwarkschule als sehr positiv empfunden. Sie erfüllt ihn ,,rückblickend mit Dank an alle Lehrer, die die Schüler sowohl hinsichtlich Charakter als auch Talent gefördert haben". Der umfangreiche kulturkundliche und künstlerische Unterricht bot den Kindern auf jeden Fall die Möglichkeit, ihren eigenen Interessen nachzugehen. Auch die tägliche Sportstunde wird der aktiven Familie gefallen haben.
Die jüdischen Wurzeln der Kinder spielten zunächst keine Rolle. Die Kinder hatten viele jüdische Mitschüler/innen, wobei innerhalb der Klassengemeinschaft keine Unterschiede gemacht wurde.
Dies änderte sich im Sommer 1933, als Schulleiter Heinrich Landahl entlassen und durch den Nationalsozialisten Erwin Zindler ersetzt wurde, was für viele Schüler/innen und Lehrer/innen eine traurige Veränderung war. Eine Vielzahl der Besonderheiten der Lichtwarkschule, z.B. das Fach Kulturkunde, wurde abgeschafft und durch herkömmlichen Unterricht und die Rassenideologie der Nationalsozialisten ersetzt. Auch der Sportunterricht bei Herrn Schöning veränderte sich, wie Gert Marcus berichtet. Nun musste die Klasse, während sie in den Park ging, marschieren und nationalistische Lieder singen, weshalb Gert mit Widerstand reagierte. Er wurde daraufhin von seinem Sportlehrer gewarnt, dass er mit diesem Verhalten bald die Schule verlassen müsse.
Brittas Abgangszeugnis vom 10 März 1934 war gut, denn sie hatte fast nur gut und besser was heutzutage eine 2+ bis 2 entsprechen. Doch ihre Beteiligungen und Mitarbeiten am Unterricht waren immer im besten Bereich.Bis 1937 ging die Zahl der jüdischen Schüler/innen an der Schule insgesamt stark zurück, auch Gert Marcus gibt an, dass seine letzten Monate 1933 an der Lichtwarkschule "zutiefst betrübt" gewesen seien. Es scheint so, als ob gerade die Dinge, die den Kindern an der Schule gefallen haben dürften, abgeschafft wurden.

Gehe nun durch das Treppenhaus in den ersten Stock, wenn du dort noch nicht hingegangen bist. Dort beginnt eine Kunstausstellung mit kleinen Skulpturen und Bildern zu aktuellen verschiedenen UNESCO-Weltkulturerben. Bei der nächsten Station findest du heraus, was das mit Gert Marcus zu tun hat!

Quellen: Joachim Wendt: Die Lichtwarkschule in Hamburg. 1921-1937, Hamburg 2000; Gert Marcus: Distansens Förvandling, Stockholm 2013, Seite 157 ff., Übersetzung durch Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Experteninterview am 13.12.18 mit Herrn Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Abgangszeugnis von Britta Marcus, aus: Staatsarchiv Hamburg

Wer war Gert Marcus?

Du stehst nun im ersten Stock. Vor dir und rechts im Gang findest du eine kleine Kunstausstellung. Als Gert noch Schüler war, wären seine Werke sicher auch dort ausgestellt gewesen.

Gert Marcus war das zweite Kind von Hilda und Paul, er wurde am 10.11.1914 in Hamburg geboren. Er hatte eine große Leidenschaft für Kunst. Seine persönliche Perspektive auf die Lichtwarkschule und die damalige Zeit ist deshalb gut nachzuvollziehen, weil seine Erinnerungen in einem Buch auf Schwedisch veröffentlicht wurden, aus dem wichtige Stellen durch Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V. übersetzt wurden. So weit es ging, haben wir Gerts Angaben mit Hilfe weiterer Quellen überprüft.

Gert ging ab 1926 auf die Lichtwarkschule, dort wurde ihm klar, dass er eines Tages ein kreativer Künstler werden wollte. Er nutze die Gelegenheiten, die die Schule ihm gab, sich künstlerisch zu entfalten. Sein Tagebuch einer Klassenreise nach Sylt im Jahr 1928 zeigt, dass er schon früh verschiedene Stile ausprobierte. In der Schulzeitung "Der Querkopf" las er Berichte zu Cézannes Landschaftsmalereien von John Rewald, einem späteren berühmten Kunsthistoriker und Mitschüler an der Lichtwarkschule. Sein Lieblingslehrer Kurt Minners unterstützte ihn dabei eine Hausarbeit zu Gemälden von Paula Modersohn-Becker und Emil Nolde zu schreiben. In seiner Freizeit besuchte Gert die Kunstmuseen der Stadt oder knüpfte Kontakte zur Kunstszene, wenn seine Eltern zu Hause Besuch bekamen.
Auch der sportliche Schwerpunkt der Schule wird Gert Marcus gefallen haben. In seinen Aufzeichnungen berichtet er, dass er Schwimmen und Handball mochte. Als er in der jüdischen Fußballmannschaft seiner Freunde mitspielen wollten, bekam er jedoch eine Absage. Sie ließen ihn nicht mitspielen, weil seine Familie nicht Mitglied der jüdischen Gemeinde war. Doch dies störte ihn laut eigenen Angaben nicht sehr.
Im Frühjahr 1933 riet ein Freund Gert, Deutschland zu verlassen, damit er und seine Familie sicher weiterleben könnten. In seinen Aufzeichnungen gibt Gert an, dass er zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit war, die Schule ein Jahr vor seinem Abitur zu verlassen. Auch seine Eltern fanden, dass er an seine "Zukunft denken" und die Schule erst beenden müsse.

Gehe nun bis zum Ende des Ganges zur Aula, die den Mittelpunkt des gemeinsamen Schullebens an der Lichtwarkschule darstellte. Darin siehst du die für die damalige Zeit moderne Orgel des Hamburger Orgelbauers Hans Henny Jahnn, die Ingolf damals besonders gefallen haben dürfte.

Quellen: Experteninterview am 13.12.18 mit Herrn Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Schülerkarte aus dem Archiv der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Gert Marcus: Distansens Förvandling, Stockholm 2013, Seite 157 ff., Übersetzung durch Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.

Wer war Ingolf Marcus?

Du stehst nun in der Aula der ehemaligen Lichtwarkschule. Dies wird wohl der Lieblingsort von Ingolf gewesen sein.

Ingolf wurde 1912 als erstes Kind von Paul und Hilda geboren. Er hat als einziger der vier Geschwister die Schule 1931 mit Abitur verlassen und galt unter seinen Mitschüler*innen als verwöhnt. Wir gehen hier trotzdem auf seine Perspektive auf die Lichtwarkschule ein, da es zu seinen persönlichen Erinnerungen - im Gegensatz zu den Erinnerungen von Holger und Britta - ebenfalls Informationen gibt, die uns durch eine Biographie, geschrieben von seinem Stiefsohn, zugänglich waren.

Die Schule, welche er von 1928-1932 besuchte, fiel Ingolf nicht schwer, denn er war in jedem einzelnen Fach einer der Besten und hatte nirgendswo große Schwierigkeiten. Kurt Stone, einer seiner Klassenkameraden, berichtet sogar, dass er aufgrund seines umfangreichen Wissens oft als Vertretungslehrer eingesetzt wurde. Dadurch wurde er laut Stone arroganter, was dazu führte, dass viele Mitschüler ihn nicht mochten und neidisch auf ihn waren. Sein Lieblingsfach war Musik, denn es war ein Traum von ihm, später ein erfolgreicher Komponist zu werden. Bereits während seiner Schulzeit komponierte er eigene Stücke, eine eigene Klavierkomposition durfte er als Hausarbeit einreichen.

In Hamburg erging es ihm eigentlich gut, allerdings war gesundheitlich öfter angeschlagen, weshalb er eine enge Beziehung zu seiner Mutter entwickelte, die ihn pflegte. Er interessierte sich sehr für die klassische Musik und Kurt Stone berichtete in Anthony Linicks Biographie, dass er oft auf Konzerte ging (z.B. in die Hamburg Staatsoper oder die Hamburger Philharmonie) und wenn sich einer von seinen Freunden ein Konzert-Ticket für "modernere" Musik gekauft hatte, hielt er nicht viel davon. Ingolf hatte jeden glauben lassen, dass er schwedischer Herkunft war.
Außerdem war er homosexuell, befürchtete deshalb jedoch Schwierigkeiten, weswegen er sich entschied, dies für sich zu behalten.
Nach seinem Abschluss entschied er sich für ein Kunststudium in Köln. 1933 emigrierte er in die Schweiz und studierte in Zürich weiter.

Trete nun wieder in den Gang vor der Aula. Links findest du Infotafeln zur Schulgeschichte, darunter eine zur Zeit des Nationalsozialismus'.

Quellen: Anthony Linick: The Lives of Ingolf Dahl. Bloomington 2008, S. 4-11; Experteninterview am 12.13.18 mit Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.

Wie war die politische Situation Anfang der 1930er-Jahre?

Du stehst nun vor der Informationstafel zur Zeit des Nationalsozialismus' an der Schule. Du hast schon erfahren, dass es im Sommer 1933 einen Schulleiter-Wechsel in der Lichtwarkschule gab, nach welchem nicht nur für die Kinder der Familie Marcus düstere Zeiten anbrachen. Hier erfährst du, wie es in Deutschland dazu kam.

Die 1930er-Jahre brachten Deutschland nichts Gutes. Hitler kam am 30. Januar als Reichskanzler an die Macht, das Ermächtigungsgesetz wurde am 23. März 1933 verabschiedet und 1935 wurden die Nürnberger Gesetze verabschiedet, um die Bevölkerung mit jüdischen Wurzeln weiter von der restlichen Bevölkerung abzugrenzen. 1938 passierte schließlich die Reichsprognomnacht und die Judenverfolgung nahm immer stärkere Ausmaße an. Doch wie kam es dazu?
Nach dem Ersten Weltkrieg musste Deutschland den Siegermächten des Kriegs Reparationen zahlen. Außerdem verbreiteten viele Politiker, Deutschland habe ein Trauma nach dem Ersten Weltkrieg und diese Reparationen seien unrechtmäßig. Der Vertrag, der dies festlegte, nannte sich "Vertrag von Versailles". Hinzu kamen viele wechselnde Regierungen in Deutschlands erstem demokratischen System: der nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Weimarer Republik, der viele Politiker ohnehin skeptisch gegenüber standen.
Hitler und seine Partei, die NSDAP (Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands), versprachen in den 1930er Jahren, wenn man ihnen die alleinige Macht gäbe, das Land aus der Wirtschaftskrise zu holen und vor Feinden beschützen. Er sagte, dass "die Juden" für die Krise verantwortlich seien. Der Hass auf die Juden wuchs bei vielen Deutschen, viele Menschen wurden in ihren schon bestehenden Vorurteilen bestärkt. Die Partei gewann bis 1932 immer mehr Anhänger und wurde stärkste Kraft im Parlament, stellte jedoch noch nicht den Reichskanzler.
Obwohl die wirtschaftliche Lage sich bis Ende 1932 verbesserte und die NSDAP Stimmen verlor, konnte sich Hitler schließlich den Posten des Reichskanzlers sichern. Zwei Tage später verfolgte er sein Ziel, die Opposition auszuschalten, die komplette Macht innezuhaben und die Demokratie in Deutschland somit abzuschaffen, indem er die Auflösung des Reichstags, also des Parlaments, durchsetzte und Neuwahlen ausrufen ließ. Mit dem Ermächtigungsgesetz erreichte er schließlich sein Ziel.
Nach dem großem Reichstagbrand am 27.2.1933 veröffentlichte er die Reichstagbrandverordnung, die wichtige Grundrechte außer Kraft setzte. Außerdem behauptete er, dass die Kommunisten das Feuer gelegt hätten. das war der endgültige Schlag gegen die Opposition von Kommunisten und Sozialisten. Hunderte Anhänger der kommunistischen Partei KPD und Anhänger der SPD wurden verhaftet und in schnell aufgebaute Gefangenenlager, sogenannte Konzentrationslager, gebracht. Zahlreiche Notverordnungen wurden ohne Zustimmung des Parlaments erlassen. Die Schlägertruppen der NSDAP, die SA und die SS, verbreiteten Angst und Schrecken.
Obwohl Hitler die Opposition also blockierte, bekam die NSDAP bei der nächsten Wahl nicht die absolute Mehrheit. Das Ermächtigungsgesetz gab Reichskanzler Hitler am 24.3.1933 aber schließlich die Macht, Gesetze ohne das Parlament zu erlassen. Fast das gesamte Parlament stimmte dafür, bis auf die SPD, die geschlossen dagegen stimmte. Die Abgeordneten der KPD waren zu diesem Zeitpunkt schon alle gefangen genommen worden, vor dem Gebäude bedroht die SA die letzten politischen Gegner Hitlers. Das Parlament schaffte sich somit durch die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes selbst ab und Hitler und Hitler konnte alleine regieren.

Nun weißt du in Grundzügen, wie Hitler seine Macht in Deutschland durchsetzte. Aber welche Auswirkungen hatte das für Schulen wie die Lichtwarkschule und Familien wie Familie Marcus? Gehe nun zu der großen, dunklen Gedenktafel an der gegenüberliegenden Wand und erfahre mehr.

Quellen: Stéphane Bruchfeld/ Paul A. Levine: Erzählt es euren Kindern. Der Holocaust in Europa, übersetzte und bearbeitete Ausgabe, München 2000; Anja Tuckermann: Ein Volk, ein Reich, ein Trümmerhaufen. Alltag, Widerstand und Verfolgung - Jugendliche im Nationalsozialismus, Würzburg 2013;
https://www.bpb.de/izpb/137194/machteroberung-1933?p=all; https://www.youtube.com/watch?v=VBY81VNCO_o

Welche Auswirkungen hatte Hitlers Machtergreifung?

Du siehst vor dir nun die Gedenktafel für die wegen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verstorbenen oder verschollenen Schüler/innen. In den umliegenden Schaukästen findest du Informationen zu einigen dieser Schüler/innen wie z.B. Margaretha Rothe, einem Mitglied der Widerstandsgruppe, die als Hamburger Zweig der Weißen Rose gilt. Auch für die Lichtwarkschule und Familie Marcus änderte sich durch Hitlers Machtergreifung 1933 einiges.

Die Bevölkerung mit jüdischen Wurzeln wurde nach und nach aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Z.B. durften sie an vielen Freizeitaktivitäten nicht mehr teilnehmen oder in Sport- oder Bürgervereinen Mitglied werden. Dies spitzte sich zu einem Generalboykott gegenüber jüdischen Anwälten, Ärzten und Geschäften im März/April 1933 zu. Obwohl sich die NSDAP und SA in Hamburg mit antijüdischen Straßenaktionen eher zurückhielten, um Hamburgs Ruf nicht zu gefährden, gab es auch hier ab 1933 Hetzjagden auf Juden, besonders im Grindel-Viertel. Zu alldem wurden bereits religiöse Schriften und Bücher von jüdischen Schriftstellern verbrannt, außerdem wurden die Schriftsteller aus dem Deutschen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Zusätzlich bekamen jüdische Künstler Auftrittsverbote und jüdische Beamte wurden aus dem Staatsdienst entlassen. Zu diesem Zeitpunkt begannen die ersten geheimen Deportationen in Konzentrationslager.
Bereits 1933 wurde Juden die Staatsangehörigkeit entzogen und bei eingebürgerten Juden die Einbürgerung rückgängig gemacht, um die Teilnahme der Juden am öffentlichem Leben noch weiter zu zerstören. Menschen, die keine Juden waren, aber mit welchen befreundet waren, wurden ebenfalls diskriminiert und als ,,Judenfreunde" bezeichnet. In den Nürnberger Gesetzen wurde dies ab 1935 als "Rassenschande" bezeichnet.
Familie Marcus hatte ein sehr offenes Haus. Sie hatten viel Besuch und waren auch nicht unbeliebt. Auf einmal sagten die Nachbarn, dass sie die Verbindung trennen würden und dies nur, weil sie Juden waren.
Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" wurde am 7. April 1933 erlassen. Es erlaubte den Nationalsozialisten Juden und politisch anders Denkende aus dem Dienst zu entlassen - wie unter anderem auch Lehrkräfte der Lichtwarkschule.

Da du nun weißt, welche Folgen Hitlers Machtergreifung für die jüdische Bevölkerung in Hamburg hatte, gehst du jetzt den Flur in die andere Richtung links vom Treppenhaus weiter.

Quellen: Friedhelm Heitmann: Der Nationalsozialismus, 4. Auflage, Kerpen 2018, S.40; https://juedische-geschichte-online.net/thema/judenfeindschaft-und-verfolgung#section-9; https://juedische-geschichte-online.net/thema/recht-und-politik#section-16; http://www.dasjuedischehamburg.de/inhalt/j%C3%BCdisches-leben-zur-zeit-der-nationalsozialistischen-verfolgung-1933-1945

Welchen Einfluss hatten die Eltern der Kinder?

Du stehst nun im ersten Stock, im Flur links des Treppenhauses. An dieser Stelle geht es noch einmal um die Eltern der Kinder, die auf die Entscheidung, dass Gert, Holger und Britta die Schule vorzeitig verließen, einen bestimmenden Einfluss gehabt haben müssen.

Vater Paul arbeitete bis zu seinem Berufsverbot 1938 viel, außerdem war er sowohl im Elternrat der Schule seiner Kinder als auch im Stadtelternrat aktiv, darüber hinaus war er Mitglied in verschiedenen Vereinen und war auch politisch aktiv. Ab 1921 war er Mitglied der SPD.
Mutter Hilda und die Kinder aßen aber deshalb auch öfter ohne ihn zu Abend und warteten nicht auf ihn. Anthony Linick berichtet in seiner Biographie über Ingolf, dass Vater Paul aus Ingolfs Perspektive zu streng war. Als Ingolf für ein Theaterstück zu Hause einen Vorhang benötigte und deshalb eine Gardine zerschnitt, war Vater Paul sauer, als die Eltern nach Hause kamen, und teilte seiner Familie mit, dass er ihnen doch kein Radio kaufen werde. Durch seine strenge Art galt er als ein Außenseiter in seiner Familie. Gert Marcus beschreibt dies in seinen Aufzeichnungen jedoch nicht. Zudem hatten Ingolf und seine Mutter Hilda eine sehr enge Beziehung, die sich auch auf Ingolfs Bild von seinem Vater ausgewirkt haben könnte.
Es ist nicht ganz klar, wie gut sich die Eltern verstanden haben oder auch wie häufig sie sich gestritten haben, aber wir wissen, dass vor allem Mutter Hilda in Sorge über die politischen Entwicklungen in Deutschland war, während Paul, dessen Familie seit Generationen in Hamburg lebte, länger daran glaubte, dass die Phase des Nationalsozialismus' vorbeigehen könnte.
Hilda scheint sich letztendlich durchgesetzt zu haben und aufgrund ihrer schwedischen Herkunft wurde schließlich beschlossen, dass Holger und Gert im Herbst 1933 nach Schweden auswandern sollten. Hilda und Britta kamen Anfang 1934 nach.
Vater Paul bliebt in Hamburg vorrübergehend alleine, da er nicht bereit war, sein Heimatsland, in dem er aufwuchs, zu verlassen. Er folgte erst Anfang 1939 - laut Gert Marcus Aufzeichnungen als "gebrochener Mann". Er konnte durch Kontakte zu mächtigen Freunden und dem Verzicht auf jeglichen Besitz der Familie den Nationalsozialisten gerade noch entkommen und ausreisen. Auch nach dem Krieg blieb er seinem Heimatviertel Groß Borstel verbunden.
Ob die Beziehung der Eltern durch die Ereignisse der 1930-Jahre erschwert wurde oder die Beziehung auch schon vorher schwierig war, ist unklar. Später lebten Paul und Hilda zeitweise in einem Haus, zeitweise als Nachbarn in Stockholm.

Gehe nun die Treppe, hinten am nordöstlichen Ende des Flurs hinauf bis in den zweiten Stock.

Quellen: Experteninterview am 13.12.18 mit Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Gert Marcus: Distansens Förvandling, Stockholm 2013, Seite 157 ff., Übersetzung durch Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Anthony Linick: The Lives of Ingolf Dahl. Bloomington 2008, S. 4-11; Stammbaum der Familie aus dem Archiv der Initiative Marcus und Dahl e.V.; https://www.grossborstel.de/wp-content/uploads/2018/03/GBB_18-03-MAERZ_RZ_SCHWARZ.pdf; https://www.grossborstel.de/wp-content/uploads/2008/06/BoBo-M%C3%A4rz-2016-RZ-web.pdf

Welche Rolle spielte Schweden im Zweiten Weltkrieg?

Du bist gerade den Flur und die Treppe hinten links bis in den 2. Stock hochgegangen - wärest du 940km weiter in die gleiche, nordöstliche Richtung gegangen, wärst du in Stockholm in Schweden angekommen, dem Land, in das die Familie Marcus emigrierte. Doch warum ging die Familie, abgesehen aufgrund von Mutter Hildas schwedischer Herkunft, ausgerechnet dorthin?

Schweden war nicht am Zweiten Weltkrieg beteiligt, aber das Land nahm viele Flüchtlinge, insbesondere aus Norwegen und Dänemark, auf. Geflüchtete aus diesen Staaten wurden zudem zu polizeilichen und militärischen Zwecken ausgebildet. Bis Kriegsende hatte das Land dann ungefähr 500.000 Soldaten ausgebildet. Dennoch war es nicht einfach, aus Deutschland nach Schweden zu fliehen. Siegfried Hansson, Direktor im Sozialministerium, gab 1939 zu, dass das Land nicht besonders freigiebig mit Aufenthaltsgenehmigungen war. Ein schwedischer Pass, wie der von Mutter Hilda Marcus, war da von Vorteil.
Obwohl Schweden im Zweiten Weltkrieg also neutral war (siehe Karte in der Galerie), hatte das Land große Angst vor einer Invasion Hitlers. Es verwehrte daher England und Frankreich die Erlaubnis, Schweden zu durchqueren, während dies deutschen Truppen später erlaubt wurde.
Dennoch war Familie Marcus während des Zweiten Weltkriegs dort sicher, während andere Länder in Europa von Deutschland erobert wurden. Die Kinder Gert, Holger und Britta konnten dort ihre Träume, die vielleicht an der Lichtwarkschule begonnen hatten, weiter verfolgen.

Gehe nun den Flur im zweiten Stock entlang, bis du rechts, nach dem zweiten Treppenhaus, das Bild mit der Überschrift "Ich bin dann mal weg" siehst.

Quellen: https://www.schwedenstube.de/beretskapstiden; Stéphane Bruchfeld/ Paul A. Levine: Erzählt es euren Kindern. Der Holocaust in Europa, übersetzte und bearbeitete Ausgabe, München 2000, S. 138

Was wurde aus Ingolf Marcus bzw. Ingolf Dahl?

Du stehst nun vor dem Bild "Ich bin dann mal weg" (gegenüber von C216). Es passt deshalb gut zu Ingolf Dahl, weil er als einziges Geschwisterkind später nicht nach Schweden ging und, um seine Herkunft zu verdecken, sogar einen anderen Namen annahm.

Nach seiner Schulzeit an der Lichtwarkschule setzte Ingolf seine Leidenschaft zur Musik sein ganzes weiteres Leben fort. Nach zwei Jahren an der Musikhochschule in Köln, zog Ingolf nach Zürich und studierte dort weiter. 1938 entschied er sich, nach Amerika auszuwandern und nach Los Angeles zu ziehen. Dort änderte Ingolf seinen Nachnamen in Dahl, den Mädchennamen seiner Mutter, um zu verstecken, dass er aus einer deutsch-jüdischen Familie kam. Er wollte nicht als Flüchtling erkannt werden - zu Ingolfs Lebzeiten wusste daher niemand von seiner Herkunft.
In den USA heiratete Ingolf, obwohl er homosexuell war. Er wurde er als Komponist sehr bekannt. Dies merkte man zum Beispiel daran, dass er für viele bekannte Filme die Musik schrieb. In Deutschland ist Ingolf Dahl bisher jedoch nur wenigen Experten bekannt. Ingolf Dahl verstarb am 7. August 1970 im Alter von 58 Jahren.

Gehe nun rechts durch das Haupttreppenhaus in Richtung des dritten Stocks. Im Treppenhaus selbst befinden sich zahlreiche Bilder und Skulpturen, oben befinden sich die Kunsträume - ahnst du schon, wessen Schicksal dich hier erwartet?

Quellen: Experteninterview am 13.12.18 mit Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002558

Was wurde aus Gert Marcus?

Du stehst nun vor den Bildern im Treppenhaus in Richtung des 3. Stocks. Hier erfährst du mehr über das Schicksal von Gert Marcus, dessen Leben weiterhin durch die Kunst bestimmt wurde.

Nach einer Abschiedsparty, die sein Lieblingslehrer Kurt Minners organisiert hatte, floh Gert Marcus Ende Oktober 1933 mit seinem Bruder Holger per Fahrrad und Fähre nach Schweden, wie seine Eltern es entschieden hatten. Als er in Stockholm angekommen war, besuchte er die Kunsthochschule und wurde Künstler. Schon als er noch zur Schule ging, war es immer sein größter Wunsch gewesen. Am liebsten mochte er es, große Skulpturen zu erschaffen. Obwohl Gert auch einige Monate an Kunsthochschulen studierte, um seine Träume wahr werden zu lassen, ließ er sich hauptsächlich durch den Besuch von Kunstmuseen inspirieren. Als er begann, seine Werke in Schweden und Europa auszustellen, wurde er besonders in Schweden immer bekannter.
Viele von den Kunstwerken, die Gert gemacht hat, kann man heute noch in Schweden sehen. Doch er hatte nicht nur in Schweden Aufträge, sondern überall in Europa. Außerdem gestaltete er einen Bahnhof in Stockholm.
Er heiratete zweimal (zweite Frau: Francoise Ribeyrolles-Marcus) und starb 2008, nur wenige Monate nach seinem Bruder Holger, in Stockholm.

Gehe nun in den dritten Stock und dann noch eine Treppe hinauf, in den kleinen Raum, bevor es zu den Türen des Daches geht.

Quellen: https://www.grossborstel.de/gert-marcus-maler-und-bildhauer-aus-gross-borstel; Experteninterview am 13.12.18 mit Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Gert Marcus: Distansens Förvandling, Stockholm 2013, Seite 157 ff., Übersetzung durch Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.

Was wurde aus Holger Marcus?

Du stehst nun im Zwischenstockwerk nach dem dritten Stock, bevor es hinauf zum Dach geht. Genauso wie dieses Zwischenstockwerg als einziges des Gebäudes weiß gestrichen und nicht künstlerisch gestaltet ist, wissen wir relativ wenig über Holger Marcus' weiteres Leben.

Holger wanderte 1933 zusammen mit Gert nach Schweden aus. Während Gert direkt nach Stockholm fuhr, nahm Holger in Göteborg zuerst an einem Sprachkurs teil. Später wurde er Ingenieur, heiratete und hatte zwei Kinder. Er starb 2008 in Stockholm. Auf das Verlassen der Lichtwarkschule und seine Auswanderung nach Schweden folgte also ein langes Leben.

Suche dir nun selbst einen Weg zurück zum Ausgang der Schule, entweder durch das Haupttreppenhaus oder das kleine Treppenhaus, welches links am Ende des dritten Stocks nach unten führt. Bleibe unterwegs an einem Fenster stehen, um mehr über das Schicksal des jüngsten Kindes Britta zu erfahren.

Quellen: Experteninterview am 13.12.18 mit Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Lebensdaten aus dem Archiv der Initiative Marcus und Dahl e.V.

Was wurde aus Britta Marcus?

Du hast dich auf den Weg aus der ehemaligen Lichtwarkschule heraus aufgemacht. Du bist allerdings noch nicht am Ende deines Wegs angekommen und stehst nun an einem Fenster - auch Brittas Lebensweg ist noch nicht zu Ende!

Britta wanderte 1934 mit ihrer Mutter Hilda nach Schweden aus, nachdem Gert für sich selbst, Britta, Mutter Hilda und Holger eine kleine Wohnung in Stockholm gemietet hatte. Da Mutter Britta als Schwedin schnell eine Arbeit als Angestellte fand, konnte sie, wie auch ihr Bruder Holger, die Whitlockska-Oberschule besuchen.
In ihrem späteren Leben lebte sie in verschiedenen Ländern. Britta Marcus ist das einzige Kind der Familie, das heute noch lebt. Heute ist Britta über 100 Jahre alt und lebt in Schweden. Zu ihrem 100. Geburtstag hat sie nicht nur einen Gruß der Stadt Hamburg bekommen, sondern auch einen der schwedischen Königin.

Gehe nun zum Startpunkt vor dem Gebäude Haus C zurück.

Quellen: Schülerkarte und Urkunde zum 100. Geburtstag von Britta Marcus aus dem Archiv der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Experteninterview am 13.12.18 mit Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.; Gert Marcus: Distansens Förvandling, Stockholm 2013, Seite 157 ff., Übersetzung durch Herrn Dr. Nölke von der Initiative Marcus und Dahl e.V.

Fazit: Warum verließen die Kinder die Schule?

Du stehst nun wieder vor Haus C und hast nun hoffentlich einige Antworten auf die Frage, warum Gert, Holger und Britta die Schule verließen, gefunden.

Wir versuchen nun, euch zu erläutern, wieso die Kinder der Familie Marcus aus unserer Sicht die Schule verlassen haben und ausgewandert sind.
Ein Grund war, dass der Schulleiter der Schule im Sommer durch einen Nationalsozialisten ersetzt wurde. Dadurch fühlten die Kinder sich an der Schule unwohl. Ihre Freunde und Nachbarn wollten nach einer gewissen Zeit auch keinen Kontakt mehr mit ihnen haben und rieten ihnen das Land zu verlassen, da es für sie als Juden immer gefährlicher wurde. Die politische Lage verschlechterte sich für Menschen mit jüdischen Wurzeln in Deutschland. Den Kindern war nicht bewusst, dass sie jüdisch waren, trotzdem wurden sie ausgegrenzt. Ihre Mutter Hilda machte sich um ihre Kinder Sorgen und überredete Britta, Holger und Gert, in ihr Heimatland Schweden auszuwandern, wo auch ihre Familie lebte. Ingolf wanderte in die Schweiz aus, nachdem er die Schule bereits beendet und sein Abitur gemacht hatte. Nur der Vater war anderer Meinung und wollte sein Heimatland, wo er aufwuchs, nicht verlassen und blieb länger in Deutschland. 1939, als die Lage sich verschlechterte, kam der Vater nach Schweden nach.

Dadurch, dass alle Kinder der Familie Marcus rechtzeitig aus Deutschland ausgewandert waren, konnten sie sich vor den Nationalsozialisten retten und ihre Träume verwirklichen.
Noch immer ist die Familie untereinander gut vernetzt und trifft sich zum Beispiel an den Geburtstagen der inzwischen über 100 Jahre alten Britta Björnson, geborene Marcus. Im Herbst 2018 kamen mehrere der Nachfahren von Familie Marcus nach Hamburg, um gemeinsam ihren Vorfahren bei einem Konzert in der Aula C der Heinrich-Hertz-Schule zu gedenken und die Gert-Marcus-Straße in Groß Borstel einzuweihen.

Am Schluss würden wir gerne noch von euch wissen, wie euch der Rundgang gefallen hat und vor allem, wie ihr die Frage nun beantworten würdet! Besucht uns auf unserer digitalen Pinnwand und lasst eure Antworten da: https://padlet.com/Sieben_G/familiemarcus