OSNABRÜCK ERLEBEN Wüste

Stadtführung Limberger Straße 47, 49080 Osnabrück, DE

Der Stadtteil „Wüste“ weist eine bedeutsame Entwicklungsgeschichte für die Stadt Osnabrück auf. Der digitale Rundgang wird vielen Osnabrück*innen und Tourist*innen eine neue Perspektive auf einen besonders weitläufigen Stadtteil vermitteln, in dem u. a. die Anfänge der Gasuhrenfabrik Kromschöder liegen.

Autor: Museum Industriekultur Osnabrück gGmbH

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10 Stationen

Es lebe der Sport! - Schlosswallhalle

Schlosswall 10, 49080 Osnabrück, DE

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, woher die Turnerstraße ihren Namen hat, wo sie doch keinerlei Spuren sportlicher Aktivität aufweist? Dort an der Bahnlinie in der Nähe des Hasetores stand um die Mitte des 19. Jahrhunderts Osnabrücks erste, wenn auch bescheidene Turnhalle. Architektonisch hatte man sich bis dahin noch nicht mit den speziellen räumlichen Bedürfnissen des Turnens auseinandergesetzt. Kein Wunder, galt Turnen im früheren 19. Jahrhundert zunächst als anrüchig. Der Berliner Friedrich Ludwig Jahn, besser bekannt als „Turnvater Jahn“, war seit 1810 bestrebt, die jungen Männer zu sportlicher Betätigung im Freien zu bewegen. Die körperliche Ertüchtigung war allerdings nicht nur als Freizeitgestaltung gedacht. Sie diente auch dazu, aus den jungen Sportlern gestählte „Wehrtüchtige“ zu machen, und wurde daher unter der damaligen französischen Regierung als „staatsgefährdend“ verboten.

Der Funke war aber schon übergesprungen: Ohne Drill, nur mit Spaß an der sportlichen Bewegung turnten Schüler in Osnabrück unter der Anleitung einiger Gymnasiallehrer bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst unter freiem Himmel. Eine erste Möglichkeit, auch bei schlechtem Wetter oder winters zu üben, bot ab 1862 die kleine Halle an der Turnerstraße.

Immer mehr sportbegeisterte Männer und Jungen fanden sich in Vereinen zusammen: Neben der Turnergemeinde, dem Arbeiterbildungsverein von 1849, dem Männer-Turn-Verein (MTV), dem Osnabrücker Turn-Verein (OTV) und dem Osnabrücker Turnerbund (OTB) etablierte sich auch die „Turner-Feuerwehr“, aus der später die erste Freiwillige Feuerwehr werden sollte. Seit 1862 existierte auch schon ein Mädchenturnverein, während sich die Damenabteilungen erst nach 1900 etablierten. Inzwischen erachtete man auch den Schulsport als wichtig und so entschied sich der Stadtmagistrat für den Bau einer städtischen Hauptturnhalle. 1871-73 entstand am Schlosswall eine moderne Doppelturnhalle mit Verbindungsbau und einer Bruchsteinfassade im neugotischen „Tudor-Stil“. Das 1909 errichtete Vereinsheim des OTB auf demselben Grundstück trug am Giebel zum Schnatgang das „Frisch – Fromm – Fröhlich – Frei“-Kreuz als Symbol der frühen Turnerbewegung.

Die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg trafen auch die alte Schlosswallhalle, und so errichtete man 1952/53 zunächst eine neue Turnhalle mit Seitentrakt, die in den 1960er Jahren durch eine größere Sporthalle ergänzt wurde. Unter Verwendung moderner Bautechnik wählte man für das Dach der kleinen Halle eine seltene Konstruktion aus Spannbetonrahmen, die keine Stützen benötigt. Bis zu 2.200 Zuschauer*innen fanden nun Platz, denen in den kommenden Jahren verschiedene Sportarten auch auf hohem Niveau geboten wurde: Neben Basketball-Bundesligaspielen fanden hier 1966 die Deutsche Tischtennismeisterschaft und 1982 sogar die Handball-Weltmeisterschaft der Männer statt. Seit ihrer Sanierung vor wenigen Jahren fasst die Schlosswallhalle zwar nur noch 1.400 Zuschauer*innen, ihre Attraktivität für die sportbegeisterten Osnabrücker*innen hat sie jedoch behalten.

Ein Ort mit bewegender Geschichte - Moskaubad

Limberger Straße 47, 49080 Osnabrück, DE

Eines der ersten Freibäder Deutschlands ist das bis heute beliebte Moskaubad. Schon 1926 wurde es nach den Plänen des Stadtbaumeisters Friedrich Lehmann erbaut - als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Knapp 120 Erwerbslose legten in nur drei Monaten Bauzeit ein Hauptbecken von 100 m Länge, eine parallele Tribüne, ein Frauen-, zwei Nichtschwimmerbecken und, das war eine echte Attraktion, einen 10-Meter-Turm an. Die große Liegewiese, das sog. „Licht- und Luftbad“, kam etwas später dazu - wie auch die seitlichen Pavillons der Tribüne. Als „Stätte edler Körperpflege“, „der Kräftigung [der] Jugend“ und der „Gesundung [der] Bevölkerung“ diente das Bad nicht nur zur Entspannung und sportlichen Betätigung, sondern auch der hygienischen Grundversorgung von Familien und Arbeitern, die vielfach nicht über Badezimmer mit fließend Wasser in ihren Wohnungen verfügten.
Eine eigene Quelle in der Wiese hinter der Tribüne speist bis heute die Becken. In den Anfangszeiten des Bades floss das Wasser zunächst in ein langes, flaches Vorwärmbecken, um dort von der Sonne aufgewärmt zu werden – auf etwa 20° Celsius.

Eine Umgestaltung erfuhr das Moskaubad in den 1930er Jahren, indem das Hauptbecken aufgeteilt wurde. Auch den Namen änderten die Nationalsozialisten in „Neustädter Freibad“.
Bei Wettkämpfen und anderen Veranstaltungen bot die fünfeinhalb Meter hohe Tribüne einen perfekten Blick auf die Schwimmer*innen, Turmspringer*innen, Streckentaucher*innen oder auch die Nixen beim „Kunst- und Reigenschwimmen“. Im Winter konnte man für 20 Pfennige Eintritt im Bad Schlittschuhlaufen, untermalt mit Musik und abendlichem Scheinwerferlicht.

Bomben, die während des Zweiten Weltkrieges eigentlich der nahegelegenen Bahn galten, beschädigten auch das Freibad schwer. Glücklicherweise halfen die Briten beim Wiederaufbau. Im Zuge eines erneuten Umbaus 1997/98 bekam das Moskaubad endlich offiziell seinen alten Namen zurück.

Bis heute gehen die Osnabrücker*innen gerne „nach Moskau hin“. Aber was hat eigentlich Moskau mit Osnabrück zu tun? Das saubere Wasser der Quelle in der Freibadwiese hatte bereits den Kaufmann Georg Wilhelm Quirll 1791 dazu veranlasst, hier eine Windmühle zur Papierherstellung zu bauen. Die Windverhältnisse an diesem Standort waren jedoch schlecht und nach einer Weile verlegte Quirll die Mühle nach Haste. Dafür eröffnete er in einem der nun leerstehenden Gebäude ein Kaffeehaus. Hier, abseits der Stadt, in der morastigen „Wüste“, setzte man sich über Maßnahmen der damaligen napoleonischen Besatzung, wie z. B. das Tanz- und Spielverbot, hinweg und konnte über die Politik des Franzosenkaisers schimpfen, ohne immer gleich Spione fürchten zu müssen. Während dieser Zeit scheiterte Napoleon mit seinem Russlandfeldzug, für den er auch Osnabrücker rekrutiert hatte und so fand sich für das Kaffeehaus und die Örtlichkeit der Name „Moskau“ als Ausdruck des erfolgreichen Widerstandes.
Auch für das spätere Freibad und sein Café an der historischen Stelle übernahm man ihn.

Gartenträume auf engstem Raum - Kleingärtnerverein Deutsche Scholle e. V.

Rehmstraße 83, 49080 Osnabrück, DE

Ein persisches Sprichwort besagt: „Man muss nicht erst sterben, um ins Paradies zu gelangen, solange man einen Garten hat.“ So gesehen umfasst die „Deutsche Scholle“ e.V. als ältester von heute sieben Osnabrücker Kleingartenvereinen sogar über 200 kleine (Natur-)Paradiese.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war ein eigener Garten jedoch für viele Menschen nicht erreichbar. In der Industrialisierung waren Wohnungsknappheit und Niedriglöhne in den Städten vorherrschend. Während der Hungerjahre des Ersten Weltkriegs und der darauffolgenden Inflation fehlte es zudem an Nahrungsmitteln. Aus dieser Notlage heraus rekrutierte die Osnabrücker Stadtverwaltung brachliegende oder wenig bewirtschaftete Flächen und gab bereits 1915, drei Jahre vor der Gründung eines eigenen Vereins,
über 300 Objekte als Kleingärten zur Eigenversorgung an Familien ab.

Um weitere Anlagen in Osnabrück zu schaffen, mussten russische Kriegsgefangene unter anderem auch im Gebiet der Limberger Straße ungewollt „Pionierarbeit“ leisten: 1916/17 entstanden hier aus den feuchten Wiesen die ersten 231 Kleingärten, die sog. „Russengärten hinter Moskau“, einer ehemals dort ansässigen Gaststätte. Sie wurden anschließend von Osnabrücker Kleingärtner*innen übernommen. Nach dem Krieg schlossen diese sich offiziell zum „Kleingartenverein (KGV) Moskau“ zusammen und regelten dessen Aktivitäten anhand der deutschen Kleinpachtordnung.
Den Nationalsozialisten war die demokratisch aufgebaute Kleingartenvereinigung jedoch ein Dorn im Auge. Im Zuge der Gleichschaltung aller Vereine übernahmen sie die Gärten und nannten die Anlage nun „Deutsche Scholle“. Erstaunlicherweise hat sich dieser Name für das Areal entlang der Limberger Straße und südlich der dortigen Bahnlinie bis heute erhalten.

Während des Zweiten Weltkriegs waren die sog. „Schrebergärten“ nicht nur Nahrungsquelle, sondern ihre Lauben boten „Ausgebombten“ auch ein Dach über dem Kopf.
Heute sind das Vereinshaus und die Anlagen der „Deutschen Scholle“ mit den charakteristischen Weißdornhecken und den Entwässerungsgräben längs der Wege beliebte Freizeit- und Erholungsorte. Ganz nebenbei bewahren die Gärten dabei das Stadtgebiet vor Bebauung und Versiegelung und bilden eine der wichtigen Frischluftschneisen Osnabrücks.

Mit dem Lineal gezogen - Pappelgraben

Am Pappelgraben 19, 49080 Osnabrück, DE

Der Pappelgraben ist das eigentliche Herz der Wüste. Durch die künstliche Anlage dieses Gewässers hat sich der Stadtteil von einem morastigen, zunächst unbebaubaren Gebiet – daher der Name „Wüste“ – in ein dicht besiedeltes Stadtviertel Osnabrücks gewandelt.

Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bemühte man sich darum, das Gelände des einstigen Moores trockenzulegen. Das gelang jedoch erst 1781, als Magister Christian Ludolph Reinhold einen langen Entwässerungsgraben anlegte, der zunächst nur schlicht „Canal“ genannt wurde. Trotzdem blieb die Wüste noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts reines Weideland. Die Quirllsche Papiermühle, das spätere Kaffeehaus „Moskau“, war hier lange Zeit die einzige Bebauung. Erst nachdem mit dem Schutt der abgerissenen Stadtwälle das Gelände aufgefüllt und befestigt worden war, begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bautätigkeit.
1829 wurde entlang des nördlichen Kanalufers eine Pappelreihe gepflanzt, die dem Gewässer zu seinem noch heute gebräuchlichen Namen verhalf.

Für den auffallend schnurgeraden Verlauf des Grabens ist (zeichnet) jedoch nicht Magister Reinhold verantwortlich, sondern bereits 100 Jahre zuvor Bürgermeister Gerhard Schepeler. Um die lästigen Streitigkeiten zwischen der Martinianer-Laischaft und der Neustädter Laischaft um die Weidegründe südwestlich der Stadt endlich zu beenden, nahm er 1671 kurzerhand ein Lineal und zog auf dem Stadtplan eine Linie zwischen dem Katharinenkirchturm und dem Grenzpunkt des Hofes Nordhaus in Hellern. Damit war die Feldmarkgrenze sowohl zwischen den beiden Laischaften als auch zwischen Alt- und Neustadt geschaffen. Von der ehemaligen Markierung ist an der Quellwiesenbrücke ein letzter Grenzstein mit der Jahreszahl „1699“ und den Buchstaben „M L“ (Martinianer-Laischaft) erhalten geblieben.

Heute ist es nicht zuletzt die parkartige Erweiterung mit einem kleinen See im westlichen Abschnitt, die den Pappelgraben zu einem beliebten und wichtigen Teil der Wüste macht. Der See dient als Regenrückhaltebecken der Stadtwerke.
Der Pappelgraben verschwindet auf halber Strecke von der Bildfläche, denn auf Höhe der Sandstraße geht der vorher offene Graben in einen unterirdischen Kanal über. An dessen Mündung muss zuvor die durchlaufende Wassermenge über ein Hebewerk geregelt werden. Unter einem Gulli an der OsnabrückHalle kann man das Wasser des Pappelgrabens rauschen hören, bevor er an der Brücke der Wittekindstraße die Hase erreicht. Dort wird mit Hilfe Archimedischer Schrauben zuletzt das Wasser in den höher gelegenen Fluss befördert.

Die Gelbe verbindet - Straßenbahnendstation der Linie 3

Blumenhaller Weg 9, 49080 Osnabrück, DE

[…]
Straßenbahn in Osnabrück -
Westeuropas tollstes Stück!
Keine Stadt in keinem Land
Eine solche Bahn erfand!
Rücksichtsvoll, geduldig, willig,
Anschlußeifrig, dabei billig,
Vorsichtig sich vorwärtsschiebend,
Eilen hassend, Halten liebend,
So betätigt sie sich ehrlich,
Macht sich jedem unentbehrlich.
[…]

Gedicht “Osnabrücker Straßenbahn” aus der Freien Presse vom 25.11.1927


Der heutige Heinrich-Lübke-Platz hieß bis in die 1960er Jahre Martiniplatz und war von 1928 bis 1958 die Straßenbahn-Endstation der sog. „gelben Linie“, der späteren Linie 3.

Während der Hauptverkehr in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch von der Martinistraße in den Blumenhaller Weg abbog, blieb die gerade Verlängerung zur Illoshöhe beschaulich. Dort auf der unbefestigten Lindenallee diente ein Stichgleis als Parkplatz für jene Beiwagen, die außerhalb der Spitzenzeiten nicht benötigt wurden. Morgens zwischen 6 und 7 Uhr weckte lautes Gequietsche die Anwohner, wenn die Bahn vom Depot an der Lotter Straße über den Kirchenkamp durch die enge Kurve zur Endstation geschoben wurde.
Zu den Stoßzeiten war die „Gelbe“, die bis in den Schinkel fuhr, vor allem auch für die Arbeiter*innen der Firmen Karmann, Kromschröder und Künsemüller wie auch des Eisenbahnbetriebswerks „Kamerun“ ein wichtiges Transportmittel.

Für die Anwohner*innen der Martinistraße stellte der Verlauf der Straßenbahn vor ihren Wohnhäusern aber auch ein Problem dar: Die Aluminium-Schleifbügel ließen Lichtbögen entstehen und führten dadurch immer wieder zu Funkstörungen in den Haushalten. Mit der stadtweiten Umstellung auf Scherenbügel mit Kohleschleifstücken, die wesentlich von den Radiogeschäften und der Reichspost als Programmveranstalter finanziert wurde, konnte 1932 das Problem behoben werden. Am 30. November wurde die Linie 3 auf Autobusbusbetrieb umgestellt.

Die Straßenspitze zwischen Blumenhaller Weg und Kurt-Schumacher-Damm markierte damals die Gaststätte „Zum Martiniplatz“. Das markante dreieinhalbgeschossige Gebäude von 1900 kam zwar unversehrt durch den Zweiten Weltkrieg, ging dann aber mitsamt seinem Wirtshausgarten durch den Ausbau der Lindenallee zum großen Autobahnzubringer verloren.

An der Wiege des Karmann Ghia - Wilhelm Karmann GmbH

Adolfstraße 55, 49080 Osnabrück, DE

Wussten Sie, dass hier, in der eng bebauten vorderen Wüste eins der frühen Industriegebiete der Stadt lag? Es bestand aus den „drei großen K“, die alle in nächster Nachbarschaft zueinander lagen: die Gasuhrenfabrik Kromschröder (heute das Studierendenwohnheim am Jahnplatz), die Bettfedernfabrik Künsemülller (heute medicos-Center) – und der weltbekannte Karosserie-Hersteller Karmann. Dieser errichtete hier zwischen Martini- und Weidenstraße nach und nach gleich mehrere Werksgebäude. In diesen fand zwischen 1911 und 1962 fand ein wesentlicher Teil seiner Produktion statt; hier gelang Karmann der Durchbruch zu einem der größten Unternehmen im deutschen Karosseriebau. Er entwickelte und fertigte hauptsächlich für Volkswagen.

Gegründet hatte Wilhelm Karmann sen. die Fabrik in noch beengteren Verhältnissen – am Kamp 31, mitten in der Innenstadt, wo der gelernte Stellmacher 1901 die Wagenfabrik Klages (Abb. Werbeanzeige) übernommen hatte. Zunächst hatte er hier die Produktion von Pferdekutschen weitergeführt. Die Zukunft der Fortbewegung lag für ihn jedoch im Automobil und bereits 1902 entstanden im sog. „Werk I“ die ersten Karosserien. Ein Zeitungsartikel von 1904 bestätigt Karmanns Einschätzung:
„Indessen allenthalben begegnet man diesem Vehikel bereits auf der Straße, und wenn es sich auch nicht so elegant wie das vielgepriesene Zweirad ausnimmt, so hat es doch den Vorteil, daß der Fahrer seine Beinmuskeln nicht anzustrengen braucht, was in dem Zeitalter der wachsenden Bequemlichkeit immerhin auch schon etwas bedeuten will.“

Viel zu enger Raum und die Belästigung der Anwohner*innen durch ohrenbetäubenden Lärm veranlassten den Unternehmer zum Kauf der Maschinenfabrik und Eisengießerei Lindemann an der noch relativ unbewohnten Martinistraße. Dieses spätere „Werk II“ hatte seine Zufahrt direkt rechts neben der Hausnummer 59, dem Wohnhaus Wilhelm Karmanns. Wie noch viele Fabrikbesitzer der damaligen Zeit wohnte er direkt neben der Fabrik.

Die Ausweitung der Produktion zwischen den Weltkriegen erforderte eine erneute Erweiterung um „Werk III“, heute Martinistraße 93-95. Dort war der Modellbau untergebracht. An der Weidenstraße, heute „medicos-Center“, entstand „Werk IV“, das erste Presswerk. Für „Werk V“, in dem die Werkzeuge für die Karosserieproduktion hergestellt wurden, war in der vorderen Wüste jedoch kein Platz mehr. Dieses wurde deshalb im Fledder an der Neulandstraße angesiedelt. Die geplante Umgehung für die täglichen 25 LKW von Stadtteil zu Stadtteil blieb unvollendet.

Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurden ab 1949 an der Martinistraße wieder Cabriolets für VW gebaut. Im Jahr 1951 waren insgesamt 1400 Arbeiter*innen in allen Werken beschäftigt. Am 15. August 1952 lief das 10.000ste VW-Cabriolet vom Band. Zehn Jahre später siedelte die Firma ganz nach Fledder um.

Und ewig drehen sich die Gaszähler - Kromschröder AG

Jahnplatz 6, 49080 Osnabrück, DE

Rote Klinker, viele Fenster und ein großer Torbogen. Die Fassade des heutigen Studierendenwohnheims am Jahnplatz ist die historische Umfassungsmauer der bekannten Gaszählerfabrik Kromschröder AG. Bis 1978 gehörte sie neben den direkten Nachbarfabriken Karmann (Karosseriebau) und Künsemüller (Bettfedern) zu den sogenannten drei großen „Ks“ in der Wüste.

Georg Kromschröder hatte in den 1850er Jahren in England das Gasfach gelernt und dort schon bald die Gasmesser technisch wesentlich verbessert. Nach seiner Rückkehr 1865 gründete er zunächst beim ehemaligen Barfüßerkloster neben der Katharinenkirche eine erste kleine Produktionsstätte. Dort entstanden die sog. „trockenen“ Gaszähler, bei denen sich Lederbalge abwechselnd mit Gas füllten und leerten.
Neun Jahre später stiegen auch seine Brüder Fritz, Ernst und Otto als Gesellschafter in die Firma ein. Sichtbare Zeugnisse des stetig wachsenden Umsatzes des Unternehmens waren die imposanten Villen der Brüder Otto und Fritz am Westerberg, auf deren Gelände heute das Julius-Heywinkel-Haus steht.

Aus Platzmangel zog das blühende Unternehmen 1897 an den Jahnplatz um. Das trapezförmige Gelände zwischen Weiden-, August- und Jahnstraße wurde bis 1907 komplett umbaut. Nach außen zeigte sich die Fabrik als eingeschossiges Gebäude mit einheitlicher, gegliederter Backsteinfassade und langen Fensterreihen. Lediglich der Verwaltungstrakt mit dem Haupttor am Jahnplatz hob sich durch ein zweites Geschoss und ein spitzes Uhrtürmchen ab. Im inneren Bereich konnte der Grundriss jedoch frei gestaltet werden, angepasst an die verschiedenen, sich ändernden Arbeitsprozesse und die stetig wachsende Produktion. Die langgestreckten Räume waren bestens für die moderne Fließbandtechnik geeignet, die Kromschröder seit den 1930er Jahren einsetzte.

Bereits in den 1920er Jahren wich das Unternehmen mit „Werk II“ an die Parkstraße aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg produzierte Kromschröder drei Jahrzehnte lang auch verschiedene Landmaschinen. Für diesen Produktionszweig mussten zusätzlich Lagerbaracken an August- und Jahnstraße hinzugenommen werden. Mit dem Umzug des gesamten Unternehmens 1978 nach Lotte-Büren endete das Osnabrücker Kapitel der erfolgreichen Firmengeschichte. Doch schon wenige Jahre später ziehen die ersten Studierenden in die renovierten Gebäude ein und die Geschichte der Anlage am Jahnplatz ist um ein weiteres Kapitel reicher.

Handwerk hat goldenen Boden - Das Wohnhaus des Zimmermeisters Wiemeyer

Arndtplatz 1, 49080 Osnabrück, DE

Es fällt sofort auf, denn es wirkt wie das einzige Haus am Arndtplatz: das ehemalige Wohnhaus des Zimmermeisters Wilhelm Heinrich Wiemeyer.

Im Zuge der Stadterweiterung in den 1870er Jahren war das Wiemeyersche Wohnhaus eines der frühesten im Bereich der Martinistraße und das erste am Arndtplatz.
Zusammen mit dem Holzhändler Abeken kaufte Zimmermeister Wiemeyer 1875 die sog. Gülkenwiese vor dem ehemaligen Martinitor, wobei deren Teilung bereits abgemachte Sache war. Wiemeyer nutzte die über 4000 m² große Fläche zunächst als Holzlagerplatz für sein Gewerbe. Doch schon bald wurde sie auch zum Baugrund für seine Tischlerei-Werkstatt, ein Kontorgebäude und das stattliche Wohnhaus. Von diesen drei Fachwerkgebäuden wurde lediglich das Haus mit gelb gebranntem Klinker verblendet.

Obwohl 1944 eine Sprengbombe die Rückwand des Hauses komplett zerstörte, nahm das übrige Gebäude keinen Schaden. Heute stehen die kunstvoll verzierten Holzdecken in den Räumen der sogenannten Beletage im ersten Stock unter Denkmalschutz.

Wiemeyers hohes Ansehen in der Osnabrücker Stadtgesellschaft brachte ihm bereits 1875 die Würde eines Großmeisters der Freimaurerloge ein. Nach der Jahrhundertwende saß er zudem im Stadtrat, stand der Baugewerke-Innung vor und war Lehrer an der Gewerbeschule. Außerdem war der geschickte Immobilienhändler Vorbesitzer des späteren Karmann-Geländes an der Martini- und der Weidenstraße.

Wiemeyers Schwiegersohn Carl Ellermann führte die Firma weiter und nutzte in der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg den Auto-Boom für ein zweites Standbein: Auf dem Betriebsgelände entstanden die teils sogar beheizten „Central-Garagen“, die er an Autobesitzer vermietete. Sein Sohn Heinrich baute 1929 noch eine Werkstatt mit zwei Benzin-Zapfstellen dazu.
Während des Zweiten Weltkriegs nutzte die Wehrmacht die Garagen samt Tankstelle. Während der alliierten Luftangriffe auf Osnabrück wurden Brandbomben eingesetzt, die die Anlagen in ein Inferno verwandelten. Nach dem Wiederaufbau waren jedoch alle 88 Wiemeyerschen Garagen schnell wieder belegt. In den 1980er Jahren machte der nun veraltete Garagenhof einem Coop-Supermarkt Platz. Als ein Nachfolger auf dem ehemaligen Zimmerei-Gelände profitiert heute REWE von der studentischen Umgebung – mit den längsten Ladenöffnungszeiten in ganz Osnabrück.

Viel Betrieb auf allen Ebenen - Martinistraße

49078 Osnabrück, DE

Die Martinistraße entstand, nachdem 1843 endlich das Festungsgebot in Osnabrück aufgehoben und mit der nötigen Stadterweiterung begonnen worden war. Seitdem bildet sie eine klare Trennlinie zwischen dem nördlichen Katharinenviertel und der südlichen Wüste. Lange Zeit noch mit Piesberger Kopfsteinpflaster befestigt und teilweise mit einer Baumreihe bepflanzt, verläuft sie schnurgerade bis zum Heinrich-Lübke-Platz, der früher Martiniplatz hieß. Anstelle des heutigen Kurt-Schumacher-Damms führte eine unbefestigte Lindenallee weiter nach Westen.

Viele Gebäude an der Martinistraße haben den Zweiten Weltkrieg überstanden. Den architektonischen Auftakt machen das Gebäude der ehemaligen Mädchen-Mittelschule an der Wall-Kreuzung, Martinistraße 4, und daran anschließend das auffällige Wohnhaus Geisler mit der Sandsteinfassade von 1870, Hausnummer 8. Heute werden beide Gebäude von der Universität Osnabrück genutzt. Meist dreigeschossige Mietshäuser aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert prägen das Straßenbild. Dabei fällt besonders das Ensemble mit roten Backsteinfassaden und hellen Fensterrahmungen in der Nähe des Arndtplatzes auf.

Mit dem einprägsamen Slogan „Kein Bild? Kein Ton? Wir kommen schon!“ bewarb Klaus Trezeciak sein Rundfunk- und Fernsehgeschäft in Hausnummer 14, dem heutigen Uni-Döner. Im Laufe der Zeit siedelten sich viele kleinere Geschäfte, Handwerksbetriebe und Gewerke an der Martinistraße an.
Auch Fabriken hatten hier ihr Domizil: Das heutige „Medicos“ war ursprünglich die Bettfedernfabrik Künsemüller und am Standort des „Aldi“ baute der später weltweit bekannte Karosserie-Hersteller Karmann seine frühen Modelle. In dem Gebäude an der Ecke zur Auguststraße fertigte die Möbelfabrik Friedemeyer seit den 1920er Jahren hochwertige Schlafzimmermöbel. Ihre Betten und Schränke im „Gelsenkirchener Barock“ begeisterten deutsche Sportgrößen wie Max Schmeling und Hans-Günther Winkler und selbst arabische Ölscheichs.

Schon immer herrschte in der Martinistraße reger Verkehr. Neben Fußgängern, Fahrrädern, Pferdekarren und Autos fuhr bis 1958 hier auch die Linie 3 der Osnabrücker Straßenbahn, lange Zeit allerdings nur eingleisig. Dabei kam es besonders in den Kreuzungsbereichen leicht zu chaotischen Situationen und Zusammenstößen.

Die Martinistraße ist nach wie vor eine der wichtigsten Verkehrsstraßen Osnabrücks. Bis in die Gegenwart bieten die Verkehrsführung, der Lärm und die Abgase Anlass zu Diskussionen.

Eine Osnabrücker Seifenoper mit braunen Flecken - Seifenfabrik Frömbling

Rehmstraße 20, 49080 Osnabrück, DE

Vor gut 120 Jahren begann an der Rehmstraße 5/Ecke Lange Straße die Unternehmensgeschichte der bekannten, 2012 aufgelösten Drogerie-Kette „Ihr Platz“. Zunächst gründete Fritz Frömbling hier 1895 eine Seifenfabrik. Mit der Herstellung von Kern- und Schmierseife sowie Seifenflocken als Waschpulver kam der Unternehmer dem wachsenden Hygienebewusstsein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach. Handelsreisende vertrieben die Produkte im gesamten Deutschen Reich. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Angebot auch noch um sogenannte Toiletten- oder Feinseifen erweitert.

Damals wurden für die Herstellung von Seifen pflanzliche und tierische Fette, Pottasche, Soda, Lanolin (Wollfett) und Parfüme benötigt. Trotz wohlklingender Namen wie „Schwarzwald-Fichtenbalsam“ oder „Lavendel-doppelt parfümiert“ führte besonders die Verarbeitung der tierischen Fette durchaus zu Geruchsbelästigung in der Umgebung.

Noch heute stehen einige leicht umgebaute Fabrikgebäude. Von den Anfängen der Firma erzählen die Fachwerk- und Backsteinbauten. Neben dem Lager und einem Kesselhaus gab es eine große Seifensiederei und einen Raum mit Seifenpressen. Dort wurden die Produkte mithilfe von Modeln aus Messing in Form gebracht und sie erhielten einen Aufdruck mit Schriftzug. Während zum Beispiel „Blumen-Seife“ zum Händewaschen gedacht war, half „Bleichseife“ beim Aufhellen vergilbter Stoffe.
Die Architektur des Quergebäudes an der Nordseite des Geländes aus dem frühen 20. Jahrhundert zeugt vom stetigen Ausbau der Firma.

1911 kam mit einer Reis-Stärkefabrik an der Atterstraße in Eversburg ein zweiter Produktionszweig dazu, den Fritz Frömbling jun. 1924 mit der Seifenfabrik in einer Gesellschaft zusammenführte.
Vertrieben wurde das Sortiment nun in den Läden der „Seifen-Spezialgeschäfte Wilhelm Puls KG“. Als 1952 die Stärke- und Seifenproduktion eingestellt wurde, verlegten sich die Firmeninhaber ganz auf das Handelsgeschäft und aus „Seifen-Puls“ wurde „Seifen-Platz“. Zu Beginn der 1970er Jahre, als die Drogeriemarkt-Kette in „Ihr Platz“ umbenannt wurde, warteten die weit über 400 Filialen in Westdeutschland mit einem Sortiment auf, das von Haushaltsartikeln und Kosmetika über Spiel- und Schreibwaren bis zu Kleintextilien reichte. Im Jahr 2012 meldete die Ihr Platz GmbH Insolvenz an.

Durch Zeitungsartikel, wissenschaftliche Untersuchungen und Schulprojekte ist in der jüngeren Vergangenheit eine weitgehend unbekannte Seite von Fritz Frömbling zum Vorschein gekommen.
Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verkehrte Frömbling in Kreisen rechtsextremer Freikorps. Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), vertrat eine offen völkisch-nationalistische Gesinnung und sprach sich gegen den Umgang mit und für die Ausschließung jüdischer Gesellschaftsmitglieder aus. Während seiner Amtszeit als Erster Vorsitzender des Osnabrücker Turnvereins (OTV – aus dem später der OSC hervorgeht) werden bereits 1924 alle jüdischen Mitglieder aus dem Verein ausgeschlossen. Durch die Publikationen ist seine antisemitische und menschenverachtende Haltung offengelegt worden. Ein für lange Zeit in Vergessenheit geratenes dunkles Kapitel in der Geschichte des Seifenfabrikanten.

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