Historisches Schweinsberg

Stadtführung Marktplatz 7, 35260 Stadtallendorf, DE

Schweinsberg hat viel zu erzählen. Im Ortskern gehen Historie und Tradition Hand in Hand durch die Gassen. Hier haben wir einen virtuellen Rundgang durch unsere kleine Landstadt gestaltet und möchten euch zu einem digitalen Spaziergang einladen. Um zu Ihrem digitalen Stadtführer zu gelangen, scannen Sie den QR Code auf den Infotafeln.

Autor: Josef Becker

9 Stationen

Rundgang Start Marktplatz

Marktplatz 10, 35260 Stadtallendorf, DE

Schweinsberg ist seit 1972 Stadtteil von Stadtallendorf. Davor war der Ort mit seinen Stadtrechten aus dem Jahr dreizehnhundertzweiunddreißig durch Ludwig dem Bayern eine eigenständige Gemeinde.
Manchem Besucher der zu ersten Mal den alten Ortskern, Schloss, Fachwerkhäuser und die reizvolle Umgebung erblickt, drängt sich der Eindruck auf, die Zeit sei gleichsam stehengeblieben.
Hier lässt sich so manche romantische Ecke entdecken, aber auch Eindrücke aus der teils schwierigen landschaftlichen Lage und der wechselvollen Geschichte. Das Spannungsfeld zwischen den adeligen Schenken und der Bürgerschaft hat diesen Ort über Jahrhunderte hinweg geprägt.
Die Aufarbeitung dieser Stadtrundgang-Präsentation basiert zum großen Teil aus dem Buch der Schweinsberger Historikerin, Irmgard Stamm, „Schweinsberg, aus der Geschichte einer Landstadt und Adelsherrschaft in Oberhessen“.
Aber die Zeit ist natürlich nicht stehengeblieben, der Ort ist mit der Zeit gegangen, hat sich verändert und lässt doch noch viele Einblicke in seine Geschichte zu.
Die Erstellung der modernen digitalen Präsentation wurde vom Verein „Unser Schweinsberg“ gestaltet.
Sie soll dem Gast und Besucher jederzeit einen Zugang per QR-Code auf die Internetpräsenz mit Bildern Texten und Geschichten des jeweiligen Standortes ermöglichen.

Das Backhaus

Das Backhaus wurde 1839 erbaut.
Neben zwei Backöfen im unteren Geschoss, gab es oben eine kleine Wachstube in der sich der Nachtwächter aufhalten konnte.
Daneben war eine Krankenstube eingerichtet, in der Kranke einquartiert wurden. Später bis ins zwanzigste Jahrhundert diente ein Raum auch als Arreststube.
Das Backhaus wurde intensiv genutzt, sodass 1875 das sogenannte Reihebacken festgelegt wurde. Diese Regel bestimmte das Anheizen und Benutzen in einer geordneten Reihenfolge, denn es war wohl immer wieder zu Reibereien gekommen.
Der vordere Ofen war den Bewohnern der Neustadt zugeteilt, der Hintere für die Leute im Tal.
Die Backhausnutzung reichte bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts.
Ein Ofen ist noch erhalten, der andere inzwischen zerborsten.

Das Rathaus

Das Rathaus, erbaut 1671.
Anstelle des jetzigen Hauses hat vermutlich schon vor dem großen Stadtbrand im dreißigjährigen Krieg, ein Gemeindehaus gestanden. Das neue Rathaus beherbergte die städtische Gastwirtschaft, sowie dazugehörige Stallungen, in denen der Wirt auch den Gemeindeeber zu halten hatte. Das Wirtshaus fungierte unter dem Schild zum weißen Ross. Über der Wirtsstube befand sich eine Ratsstube für Magistrat und Rügegericht. Das Rathaus diente auch als Wahllokal und als Amts- und Gemeindehaus. So war es schon damals ein Gebäude im Sinne heutiger Bürgerhäuser.
Zeitweise waren hier auch zwei Schulräume eingerichtet, dafür musste die Gemeindeverwaltung in das städtische Posthaus in der Biegenstraße ausweichen.
Durch große Reparierungsarbeiten 1852 erhielt das Haus sein heutiges Aussehen.
Als die neue Volksschule fertiggebaut war konnte die Verwaltung 1938 wieder in die alten Räume einziehen.
Nach der Eingemeindung Schweinsbergs nach Stadtallendorf, verlor das Haus immer mehr seine ursprüngliche Bedeutung als amtliches Gebäude und wurde 1984 an Privateigentümer verkauft.
Heute erinnert nur noch das geschnitzte Wappen an der Hauseingangstür an den einstigen Amtscharakter dieses Hauses.

Unterhof

Ein mehrfach erneuerter Burgfrieden von 1442 untersagte den Familienmitgliedern der Schenck von Schweinsberg die Ansiedlung unterhalb des Burgbergs. Offenbar kam es hierbei 1600 zu Streitigkeiten wegen des westlich, unterhalb des Burgbergs gelegenen sog. Unterhofs, die allerdings 1603 beigelegt wurden.
Erbaut wurde der Schencksche Unterhof um das Jahr 1600 auf der Grenze zwischen der Alt- und der Neustadt. Nachdem er während der Belagerung Schweinsbergs durch kaiserliche Truppen 1635 mit Ausnahme von Teilen des massiven Erdgeschosses niedergebrannt wurde, ließ Georg Rudolf Schenck zu Schweinsberg im Jahr 1661 einen neuen Wohnbau im Bereich des Unterhofes errichten. Bei diesem Gebäude handelt es sich um einen Winkelbau, der aus einem massiven Erdgeschoss, zwei verschieferten, vorkragenden Fachwerkobergeschossen unter Krüppelwalmdach besteht und bis heute erhalten ist. Teilweise hat sich das massive Erdgeschoss des ersten, etwa auf das Jahr 1600 datierenden Gebäudes erhalten.
Ein Pilasterportal mit Inschrift befindet sich an der Westseite des Wohnbaus. Unmittelbar südwestlich des Hauptbaus liegt ein massives Nebengebäude mit Walmdachabschluss, in dem die Remise und das frühere Waschhaus untergebracht waren. In nordöstlicher Richtung schließt sich an den Wohnbau ein ebenfalls massiver zweigeschossiger Wirtschaftsbau an. Von der Straße ist der Unterhof durch eine hohe Bruchsteinmauer abgesetzt.

Mittelhof

Der sog. Mittelhof, heute ein Wohnhaus der Familie Schenck zu Schweinsberg, liegt unmittelbar nördlich unterhalb der Vorburg von Burg Schweinsberg. Beim Mittelhof handelt es sich um einen 1720/1730 als Gästebau errichteten zweigeschossigen Palaisbau, der mit einer barocken Terrasse und einer Freitreppe versehen ist, unter der sich der Kellereingang befindet.
Das aus Buntsandstein gefertigte Eingangsportal mit geteiltem Giebel befindet sich an der Nordseite des Erdgeschosses. Das Obergeschoss besteht aus teilweise verschindeltem, teilweise verputztem Fachwerk und ist mit einem Mansarddach von 1895 samt Gauben und Zwerchhäusern mit ungewöhnlichen Verdachungen gedeckt. Das Gelände des Mittelhofes ist durch eine hohe Buntsandsteinmauer zur Straße abgetrennt.

Oberhof

Der Oberhof liegt unmittelbar nördlich unterhalb der Vorburg von Burg Schweinsberg. Der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtete Oberhof war ursprünglich der Wohnsitz des Hermannsteiner Zweigs der Schenck zu Schweinsberg. Bei dem Gebäudekomplex handelt es sich um einen dreigeschossigen Hauptbau mit massivem Erdgeschoss, der mit einer hohen Terrasse und einer Freitreppe versehen ist.
Beim Oberhof handelt es sich um einen dreigeschossigen, siebenachsigen Hauptbau mit massivem Erdgeschoss, Obergeschossen in Fachwerkbauweise,versehen mit hoher Terrasse und Freitreppe sowie Zwerchhaus und Walmdach, der Ende des 18. Jahrhunderts errichtet wurde. Unterhalb der Treppe befinden sich der Kellerzugang und zwei Steinsockel, die vormals mit Figuren versehen waren. Die Obergeschosse sind im konstruktiven Rähmfachwerk des späten 18. Jahrhunderts mit leichtem Geschossversprung gefertigt. Zum Oberhof gehören darüber hinaus noch der sog. Kavaliersbau und eine Stallscheune (ebenfalls spätes 18. Jahrhundert), die einander gegenüberliegen. Zur Straße hin ist der Oberhof durch ein längliches Stallgebäude und eine Backsteinmauer abgetrennt.

Schweinsberger Moor

Das Schweinsberger Moor befindet sich unmittelbar südlich von Schweinsberg in der Ohmniederung des Amöneburger Beckens. Es ist eine der letzten Urlandschaften Mitteleuropas. Das Moor hat sich nach der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren gebildet. Seine Torfschicht ist bis zu vier Meter dick und wächst heute pro Jahr um einen Millimeter. Das Wachstum war in der ausgehenden Eiszeit wesentlich langsamer.
Das Moor bedeckt eine Fläche von 43,2 Hektar. Ein kleiner Teil davon wurde 1980 in eine offene Wasserfläche umgewandelt, um Lebensraum für Wasservögel zu schaffen. Der Rest ist hauptsächlich von Schilf bedeckt. Auch Seggenriedfelder kommen vor. Im hinteren Teil des Moors (von Schweinsberg aus betrachtet südlich) befindet sich ein Bruchwald aus Erlen, Pappeln und Weiden. Dort wird das Moor von vier bis fünf Quellen gespeist. Im Schilf herrscht ein eigenes Kleinklima. Bei Messungen über die Dauer eines Jahres wurde festgestellt, dass der Juli der einzige frostfreie Monat war. Im Moor leben und brüten viele seltene Vogelarten wie Bekassine, Rohrweihe, Tüpfelsumpfhuhn, Wachtelkönig, Wiesenpieper, Raubwürger, Schilfrohrsänger, Waldohreule, Wasserralle, Grauammer, Feldschwirl, Pirol, Gelbspötter und viele mehr. Es bietet auch einen idealen Lebensraum für Wildschweine, Füchse und Rehe.
Das ganze Gebiet liegt im Amöneburger Becken, das geologisch ein altes Senkungsgebiet ist. Im Tertiär zerbrach es in viele Einzelschollen, von denen ein Schollenstück, die Schweinsberger Depression, besonders tief absank und diese Tendenz noch heute beibehält.
Der weiteren Ausdehnung des Moors wird durch Dämme Einhalt geboten. Der Abfluss des Wassers erfolgt über ein kleines Wehr und einen daran anschließenden Graben in die Ohm. Bei Hochwasser dreht sich die Flussrichtung des Wassers um und das Wasser der Ohm fließt ins Moor. Dabei können Fische wie Schleien und Hechte ins Moor gelangen und dort laichen. Die Wasserqualität ist sehr gut. Bei einem schwankenden ph Wert von 6,6 bis 7,5 (je nach Algenblüte), sind kaum Nitrit und Nitrat nachzuweisen. Die Härte des Moorwassers schwankt zwischen 1,5 und 3, die Sulfatwerte liegen unter 200 mg.
Das Naturschutzgebiet Schweinsberger Moor wurde 1977 als das 100. Naturschutzgebiet Hessens proklamiert. Es ist das größte zusammenhängende Schilfgebiet Mittel- und Nordhessens.

Die Stephanskirche

Kirchgasse 4, 35260 Stadtallendorf, DE

Die Stephanskirche
Die ursprüngliche Gründung des Kirchenbaues erfolgte um 1260 durch die Schencken zu Schweinsberg, die das Kirchenvermögen stifteten und das seinerzeit erworbene Patronatsrecht noch heute innehaben. 1635 brannte die ganze Stadt bis auf 2 Hütten ab und dabei auch die Kirche. 1641 wurde die halb aufgebaute Kirche erneut eingeäschert. 1664 war dann der Kirchenwiederaufbau beendet.
Die Lutherische Pfarrkirche in Schweinsberg ist eine großzügige, dreischiffige Hallenkirche der Spätgotik, deren Bau 1506 zum Abschluss kam. Aufgrund der beengten Lage zwischen der Burg im Osten und der Stadt im Westen hat das Kirchenschiff nicht die erforderliche Länge, sondern eine beinahe quadratische Form. Der höher gelegene Chorraum ist breiter als das Mittelschiff und endet mit einem 5/8-Schluss.
Das Sterngewölbe des Mittelschiffs und das Netzgewölbe der Seitenschiffe werden von vier Achteckpfeilern getragen. Die zweifach gekehlten Rippen des Gewölbes ruhen auf Konsolen, die als Köpfe gestaltet sind. Fünf verschieden große Sakraments- und Reliquiar-Nischen verweisen auf eine katholische Tradition des Kirchenbaus.

Das hohe, steile Kirchendach trägt einen kompakten Dachreiter mit vier Glocken, deren älteste 1680 gegossen wurde.
Die erste aktenmäßig belegte Orgel wurde 1628 -1630 gebaut. 1833 wurde diese an die Gemeinde Deckenbach verkauft, denn 1830 hatte man eine neue Orgel angeschafft. 1956-57 fand eine neue Orgel ihren heutigen Platz auf der Westempore.
Die prächtige Kanzel aus dem Jahre 1868 stammt aus der Werkstatt des Schweinsberger Schreiners Johann Jost Fleischhauer. Von seinem zweiten Vornamen stammt wohl auch der heutige Hausname „Juste“.
An der westlichen Außenwand der Kirche steht das Grabmal des Rechtsgelehrten, Genealogen, Wegbereiters der modernen Heraldik und Kanzler der Universität Marburg, Johann Georg Estor der 1699 in Schweinsberg geboren wurde.
Eine zehnjährige, sehr umfangreiche Sanierungsmaßnahme der Stephanskirche wurde im Jahre 2000 abgeschlossen.

Gasthaus zur Stadt New York

Gasthaus zur Stadt New York
In Schweinsberg machte das „Gasthaus Zur Stadt New York“ mit seinem Namen darauf aufmerksam, dass der Inhaber Christian Klötz zugleich als Agent für den Norddeutschen Lloyd in Bremen fungierte und Überfahrtsverträge vermittelte.
Er selbst war, geboren in Marburg, bereits als 12-Jähriger nach New York aufgebrochen, wo er 1857 als Einwanderer registriert wurde. Dort heiratete er und kehrte 1875 mit seiner Frau zurück und siedelte sich im Gasthaus (heute Neustadt 1) an. Sein in Amerika erworbenes beachtliches Vermögen verlor er durch Kriegsanleihen und Inflation. Das Ehepaar gab das Haus auf und zog ins Froschwasser. Er starb dort 1926.
Lange war die Rolle des Hauses als Auswanderungsagentur in Vergessenheit geraten. Erst die colorierte Zeichnung auf einer Schweinsberger Postkarte hatte das Interesse geweckt, die Geschichte des Gasthauses zur Stadt New York nachzuverfolgen.
Immerhin ereigneten sich diese Begebenheiten zu einer Zeit als viele Einwohner aufgrund verschiedenster Notlagen und Naturereignissen auswanderten.