Spaziergang 2: Route aktueller Migration

Tour Nordring, 59423 Unna, DE

Eine Tour zu Stationen mit aktuellem Bezug zum Themen Flucht und Migration. Der Schwerpunkt liegt auf den Geflüchteten, die Unna in den letzten Jahrzehnten und Jahren bis zum heutigen Tag erreicht haben und noch erreichen. Die Tour besteht aus Stationen im Zentrum und in einigen Stadtteilen Unnas, die man am besten mit dem Fahrrad erreicht.

Autor: Werkstatt im Kreis Unna

Fluchtwege Unna

Fluchtwege Unna

Wir erzählen Migrationsgeschichten und Fluchtwege der Stadt Unna

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23 Stationen

Nr. 1 Stadt Unna Rathaus (Integrationsbeauftragter)

Rathausplatz 1, 59423 Unna, DE

Der Integrationsbeauftragte der Stadt Unna:
»Es gibt nicht nur einen Klimawandel, auch der Wandel in einer Gesellschaft vollzieht sich permanent…«!

Cengiz Tekin erklärt die Aufgaben eines/einer kommunalen Integrationsbeauftragten und spricht über seine Tätigkeit und Erfahrungen in Unna

Integrationsbeauftragte gibt es auf Bundes- Landes- oder Kommunalebene in Deutschland. Früher (seit 1978 bereits auf Bundesebene) hießen sie »Ausländerbeauftragte«. Das Amt des oder der Integrationsbeauftragten für den Bund ist im Aufent-haltsgesetz festgelegt, für die Integrationsbeauftragten der Länder und Kommunen gelten entsprechende Gesetze.
Als Integrationsbeauftragte/r wird man nicht gewählt, son-dern durch Politik und Verwaltung »bestellt« – oder anders ausgedrückt: Bund, Land und Kommunen können eine Person des Vertrauens, die sich mit entsprechenden Qualifikationen und Qualitäten für dieses Amt bewirbt, als Angestellte einstel-len.
In der Stadt Unna gibt es die Stelle als Integrationsbeauftragte/r seit 2017. Cengiz Tekin, der selbst eine Migrationsge-schichte hat, ist der erste Migrationsbeauftragte der Stadt und in dieser Funktion seitdem »im Amt«.
Allgemein haben Integrationsbeauftragte die Aufgabe, sich um die Belange von zugewanderten Menschen zu kümmern. Gemeint sind nicht nur Geflüchtete, sondern auch Zugewan-derte aus EU-Staaten und anderen Ländern, ganz gleich aus welchen Gründen (Arbeit, Ausbildung, Familie usf.) sie einge-wandert sind. Im Vordergrund steht ihre gesellschaftliche Teilhabe.
Cengiz Tekin erläutert seine Aufgaben und erzählt von seiner Arbeit vor Ort.

Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen: https://www.fluchtwege-unna.de/integrationsbeauftragte-der-stadt-unna

Nr. 2 Stadt Unna Rathaus (Integrationsrat)

Rathausplatz 1, 59423 Unna, DE

Der Rathausvorplatz mit Blick auf das Rathaus markiert die Station des Integrationsrats der Stadt Unna, denn das Rathaus ist der Tagungsort dieses demokratischen politischen Gremiums.
Die Aufgabe des Integrationsrates ist es – kurzgefasst – die Belange aller zugewanderten ausländischen Menschen in Unna gegenüber der Politik, der Verwaltung und der Öffentlichkeit zu vertreten. Anders als das Kommunalparlament bzw. der Unnaer Stadtrat kann der Integrationsrat jedoch keine rechtsverbindlichen Entscheidungen fällen. So ist es in der Gemeindeordnung, also der Kommunalverfassung, festgelegt. Er hat vielmehr eine beratende Funktion für zum Beispiel die politischen Ausschüsse, Fraktionen und die Amtsträger der Stadt.
In Unna besteht der Integrationsrat aus 12 gewählten Mitgliedern. Hinzu kommen fünf Vertreter*innen des Stadtrates. Wahlberechtigt für den Integrationsrat, der immerhin mehr als zehn Prozent der Unnaer Bevölkerung repräsentiert, sind alle Einwohner, die einen ausländischen Pass besitzen und am Wahltag volljährig sind. Diese müssen seit mindestens sechs Wochen in Unna ihren Hauptwohnsitz angemeldet haben. Auch Bürger*innen, die neben der deutschen auch eine zweite Staatsangehörigkeit besitzen, sind wahlberechtigt. Somit sind in Unna vor allem EU-Bürger*innen und Menschen mit türkischer Nationalität zur Wahl zugelassen, aber auch alle Geflüchteten mit Aufenthaltstitel, zum Beispiel aus Syrien, oft aus dem Irak oder Afghanistan. Seit dem Frühjahr 2022 sind auch Geflüchtete aus der Ukraine wahlberechtigt, wenn sie sich in Unna angemeldet haben. Die wählbaren Vertreter*innen des Integrationsrates besteht im Grunde aus der gleichen Gruppe von Menschen, allerdings müssen sie mindestens drei Monate in Unna wohnen. Gewählt wird natürlich in freier, gleicher und geheimer Wahl jeweils parallel zu den Kommunalwahlen in Unna bzw. im Land Nordrhein-Westfalen.
Was macht der Integrationsrat nun genau? Er kümmert sich beratend oder durch Initiativen um das wichtige und umfassende Thema der Integration von ausländischen Menschen in Unna. Auf seinen Antrag hin werden Anregungen oder Stellungnahme dem Stadtrat oder einem Ausschuss vorgelegt. Diese müssen dort vorgetragen und behandelt werden. Dabei kann es um Aspekte des kulturellen Dialogs und der Vielfalt in der Stadt und seinen Quartieren gehen, wie z.B. die Schaffung eines Kulturzentrums. Er kann Maßnahmen und Projekte gegen Diskriminierung, Rassismus, Rechtsextremismus oder Fremdenfeindlichkeit initiieren. Hinzu kommen Anträge zur Verbesserung der Sprachförderung, der interkulturellen Bildung in den Kindergärten und Schulen sowie Vorschläge zur Verbesserung der Wohn-, Arbeits- und Ausbildungssituation für Migrant*innen. Es geht also um ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Deutschen und Menschen anderer Nationalität. Es geht um Toleranz, Akzeptanz und Respekt im politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben der Stadt Unna.
Natürlich gibt hin und wieder Kritik. Weniger an den Aufgaben oder den Inhalten der Gremienarbeit des Integrationsrates. Sondern mehr daran, dass ausländische Mitbürger*innen in der Kommune zu Einfluss haben würden. Das stimmt in gewisser Weise, denn tatsächlich können EU-Bürger*innen in Unna gleich zwei Mal wählen. Zum einen dürfen sie an der Kommunalwahl teilnehmen und eine Partei bzw. Kandidaten für den Rat wählen, zum anderen auch ihre Interessen durch die Wahl zum Integrationsrat wahrnehmen. Aber dieses Recht besitzen Deutsche in Unna auf andere Weise auch. Nur vergessen sie das manchmal. Sie können neben der Kommunalwahl auch andere Beiräte der Kommune oder auch im Kreis wählen. Zum Beispiel den Behindertenbeirat.
Wer nicht aus Unna oder aus Nordrhein-Westfalen kommt, wird vielleicht den Begriff „Integrationsrat“ noch nie gehört haben und meinen, hier würden die Uhren der demokratischen Mitbestimmung von Migrant*innen anders ticken. Aber so ist das nicht. Andernorts in Deutschland heißen sie nur etwas anders – wie zum Beispiel „Ausländerbeirat“ oder „Ausländerrat“. Die Aufgaben und Funktionen sind hingegen sehr ähnlich. Ob nun in Stuttgart, Schweinfurt oder Stralsund.

Nr. 3 Deutsch-Italienische Gesellschaft e.V.

Magnolienweg 24, 59425 Unna, DE

Denkmal Friedrich Grillo und italienische Einwanderung

Bei Station 21 der Fluchtwege-Rundgänge wurde dem italienischen Eis ein Denkmal gesetzt. Nun stehen Sie hier vor einem echten Denkmal. Zu Ehren Friedrich Grillos, Nachfahre einer italienischen Einwandererfamilie. Friedrich Grillo war ein Unternehmer und „Macher“ – so etwas wie ein Steve Jobs oder Elon Musk des 19. Jahrhunderts für das Ruhrgebiet. Früher nannte man solche Leute „Industriekapitäne“. Zu Grillo später mehr.
Die italienische Einwanderung hat eine lange und kontinuierliche Geschichte in Deutschland. Besonders seit etwa 1850 kamen viele Menschen aus Norditalien. Damals erlebte die Industrie dort einen Aufschwung. Zudem wurde die Landwirtschaft mechanisiert und viele Landwirt*innen und Handwerker*innen wurden arbeitslos. Manche zogen in die entstehenden italienischen Industriestädte, nicht wenige machten sich auf den Weg über die Alpen.
Am bekanntesten ist hingegen die Einwanderung vieler Italiener*innen als sogenannte „Gastarbeiter“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Regierung hatte 1955 das erste Anwerbeabkommen für ausländische Arbeitskräfte mit Italien geschlossen. Die deutsche Wirtschaft, vor allem die Industrie, brauchte dringend Arbeitskräfte. Im Krieg waren fast sechs Millionen Deutsche im arbeitsfähigen Alter umgekommen, die nun in der jungen Bundesrepublik fehlten. Das war nicht der einzige Grund. Viele Deutsche wollten sich auch nicht mehr im Stahl oder in der Kohle arbeiten. Das war nicht mehr attraktiv. Und auch die Industrieunternehmen hatten ihre Gründe: Die deutschen Arbeitnehmer*innen und Gewerkschaften waren anspruchsvoll in Sachen Lohnerhöhungen. Und so schoben die Unternehmen zusammen mit dem jungen umtriebigen „Minister für besondere Aufgaben“, namens Franz-Josef Strauß, eine „billige“ Arbeitskräftewanderung aus etlichen Mittelmeerländern an. Allen voran und eben zuerst: Die Italiener*innen! Und diese kamen. Vor allem aus den bitterarmen Regionen des Südens, aus Sizilien oder aus Apulien. Insgesamt sollten es von dort rund vier Millionen Menschen werden, die zeitweise in Deutschland arbeiteten. In der Montagindustrie – aber auch in der Chemie und der Bauwirtschaft.
Wie viele Italiener*innen seit 1955 nach Unna zuwanderten lässt sich nur schwer ermessen, zumal die Stadtgrenzen damals noch ganz andere waren als heute. Auch der Kreis Unna wurde erst 1975 aus der Taufe gehoben. Zudem waren spätesten seit den späten 1960er Jahren Wohn- und Arbeitsorte nicht mehr dieselben. Viele „Gastarbeiter“ waren in den 1950er Jahren nach Unna gekommen, um in der Metallindustrie oder „auf dem Pütt“ zu arbeiten. Sie bezogen auch hier in Unna Quartier. Einige arbeiteten außerhalb der Stadt – zum Beispiel in Bönen, andere vor Ort. Mit den Zechenschließungen wanderte die Arbeit für Bergleute von Unna fort. Damit verließen auch die Kumpels aus Italien den Pütt „Alter Hellweg“, „Massener Tiefbau“ oder „Königsborn“ (eher in Kamen und Bönen gelegen) und „pendelten“ – wie viele andere ihrer Kollegen auch – zu den noch verbleibenden westlichen Revieren oder nach Hamm.
Die Zahl der italienischen Gastarbeiter*innen bis in die 1980er Jahre hinein lässt sich für Unna nur schätzen. Vielleicht waren es fünf oder sechstausend. Die meisten verließen Unna wieder, manche blieben für immer. Die meisten haben längst auch die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Heute, mit Stand 2022, leben im Kreis etwa 1.700 und in Unna etwa 350 Italiener*innen. Erfasst sind nur jene, die ausschließlich den italienischen Pass besitzen. Einwanderinnen aus der Zeit der „Gastarbeiter“ sind darunter nur noch wenige – die meisten sind in den letzten zwanzig Jahre aus ganz unterschiedlichen Gründen als EU-Bürger*innen zugezogen.
Wo und wie wohnten seit Mitte der 1950er Jahre die Italienerinnen in Unna? Nun, zunächst kamen die vorwiegend männlichen Zugewanderten in firmeneigenen Unterkünften unter. Das waren oft mehr schlechte als rechte „Behausungen“ auf oder am Rande der Arbeitsstätten. Betriebe brauchten nur Bett, Tisch, Stuhl und Schrank bereitstellen – als gesetzliche Mindestanforderung in einer Stockbettenunterkunft. Eine Privatsphäre gab es kaum. Sie signalisierten stattdessen: „Ihr sollt in Deutschland arbeiten – aber nicht heimisch werden!“. Offiziell hieß es, mit dieser billigen Kasernierung wolle man es „den Italienern“ ja nur leichter machen, Geld zu sparen, was dann ihren Familien in Italien zu Gute käme. Und richtig, viele schickten auch eine Menge Geld in die Heimat. Aber, wie sagte es einst der Schriftsteller Max Frisch: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen!“ – und so blieben ab den 1960er Jahren dann mehr „Gastarbeiter“ vor Ort – viele holten ihre Familien nach Unna. Die unwürdigen Massenunterkünfte wurden glücklicherweise Geschichte und die Italiener*innen zogen in Wohnungen um. Zunächst in die damals noch meist unsanierten Altbauten in Königsborn oder Massen - teilweise noch mit „Etagenklos“. Deutsche zogen aus diesen Gegenden nämlich verstärkt fort in die Plansiedlungen der Stadt – in moderne „Hochhäuser“ in der Gartenvorstadt, in die Neubauviertel von Königsborn mit großen Parkplatzen und eigenen Einkaufszentren, aus denen „die Deutschen“ übrigens seit den 1990er Jahre auch wieder fortzogen um erneut für Migrant*innen Platz zu machen. Wer mehr Geld hatte baute auch einen schicken Bungalow. Der frei gewordene Wohnraum ging jedenfalls an „die Gastarbeiter“.
Maria, eine Deutsch-Italienerin, die als Kleinkind mit ihren Eltern ins Ruhrgebiet und schließlich nach Unna kam, erinnerte sich an diese Zeit: „Wir waren damals eben Ausländer. Nicht wirklich akzeptiert und irgendwie gehörten wir nicht richtig dazu, obwohl ich selbst keine blöden Sprüche oder so etwas erlebt habe.“ Heute ist das anders. Maria findet: „Italiener gelten ja irgendwie nicht mehr als Ausländer. Vielleicht liegt das an der EU. Ich habe selbst nach meiner Heirat einen deutschen Namen – und wenn ich erzähle, dass ich eigentlich Italienerin bin, glaubt man mir das erst gar nicht.“ Und weiter meint sie: „Heute sind nicht wir Italiener die Ausländer – das sind mehr die Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan. Und wer eine dunkle Hautfarbe hat. So ändern sich die Zeiten eben.“
Zurück noch einmal zu Friedrich Grillo. Dessen Familie, wahrscheinlich seine Großeltern, war im 18. Jahrhundert nach Deutschland eingewandert. Sie stammte wohl aus der Lombardei in Norditalien und gehörte zu den „Waldensern“, einer kleinen protestantischen Gemeinschaft, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein im erzkatholischen Italien diskriminiert und verfolgt wurden. Die Grillos waren also Religionsflüchtlinge. Sie fanden in Deutschland Zuflucht. Friedrich Grillo und sein Bruder erbten den Eisenwarenhandel der Familie. Sie erkannten damals die Zeichen der Zeit, investierten in Unternehmen der Montanindustrie – auch in Unna. Und sie wurden reich. Sehr reich – und einflussreich. Friedrich Grillo wurde aber nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer, sondern schließlich auch Mäzen in Sachen Bildung, Kultur und neuen sozialen und technischen Entwicklungen.
Denken Sie also an die Entwicklung der italienischen Einwanderung und Kultur in und für diese Stadt, wenn Sie Gast sind auf dem Fest „Un(n)a Festa Italiana“, einem der größten italienischen Stadtfeste nördlich der Alpen.

Nr. 5 Portugiesisches Kulturzentrum

Bornekampstraße 5, 59423 Unna, DE

Das Portugiesische Kulturzentrum Unna
Die portugiesische Gemeinschaft ist in Unna stark vertreten. Das „Centro Cultural Portugues de Unna“ bringt mit verschiedenen Veranstaltungen auch das portugiesische Lebensgefühl nach Unna. Und dies nicht nur für Menschen mit Wurzeln in Portugal; die Veranstaltungen stehen allen Interessierten offen. Die Angebote umfassen regelmäßige Treffen und Austausch, Feste und Veranstaltungen, Konzerte sowie die Beteiligung an den „Interkulturellen Wochen“.

Nr. 6 Erstaufnahmeeinrichtung des Landes NRW

Lippestraße 37, 59427 Unna, DE

»…ist das riesig!«
Elena erzählt Euch ihre Geschichte

Elena Bybotschkin reiste in den 1990er Jahren mit ihren Eltern als Kind aus der russischen Provinz nach Deutschland. Als sogenannte »Russlanddeutsche« war ihre erste Station das »Lager« in Unna-Massen, wo sie mit drei Koffer anka-men.
Elenas ersten Erfahrungen in Deutschland waren unge-wohnt, fremd und auch, wie sie sagt: »…für mich sehr angst-einflößend.« Vieles war beeindruckend und selbst ein Ein-kaufszentrum hinterlässt einen besonderen Eindruck: »Wo ich so davorstand und gedacht habe, boah, ist das riesig.« Elena kann viele schon zuvor ausgewanderte Verwandte in die Arme schließen – das scheint für sie ein wichtiger Anker in Deutschland gewesen zu sein – neben ihren Eltern selbst-verständlich, die ihr ein besseres Leben ermöglichen wollten. Ihr Vater sprach Klartext: »… Deutsch ist Zugang zur Gesell-schaft, lernt was, haut rein, hier könnt ihr, habt ihr supervie-le Chancen, was zu werden.«
Kein einfacher Weg für die ehemalige »Einser-Schülerin« aus Russland, die nun in der Schule ganz von Vorne anfangen muss und sich manchmal lieber unsichtbar machte: »Ich bin schon häufig aus der Klasse weggerannt die erste Zeit. Die mussten mich dann schonmal fleißig alle suchen. Da habe ich mich versteckt.« Aber Elena schaffte die Hürden von Sprache und Schule, trotz einer Behinderung. Nach einer Berufsaus-bildung lebt und arbeitet sie als Therapeutin in Unna. Und sie mag die Stadt gerne.
Ob sie nach Russland zurückkehren würde? Ja, für eine Reise vielleicht – auch um ihre Muttersprache wieder zu sprechen und auf den neusten Stand zu bringen. Aber für mehr oder längere Zeit wohl doch nicht. Hier haben sich E-lenas Ansichten und Ansprüche was Freiheit und Demokratie angeht geändert: »Ich möchte da nicht hin, weil die Werte die ich jetzt vertrete, passen einfach nicht mit denen über-ein, die da gewünscht sind.«

Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen: https://www.fluchtwege-unna.de/interview-sp%C3%A4daussiedlerin-russland

Nr. 7 Ägyptische-Koptisches Gemeinde und Kirche

Buderusstraße 46, 59427 Unna, DE

Massen Nord, Kopt*innen und die koptische Gemeinde

Diese Station erzählt die Geschichte einer recht neuen Gruppe von Einwander*innen nach Deutschland und Unna: Den Kopt*innen. In der Mehrheit handelt es sich heute dabei um Geflüchtete. An dieser Stelle stehen Sie übrigens direkt vor der Kirche der Koptische-orthodoxen Gemeinde. Diese Kirche ist der Maria und dem Philopator Mercurius, einem Heiligen der orthodoxen Christenheit aus Ägypten gewidmet. Es gibt sie seit 2014. Zuvor war sie ab 1963 die Kirche der katholischen St. Hedwig-Gemeinde gewesen.
Vielleicht können Sie nicht so viel mit dem Begriff „koptisch“ anfangen. Nun, damit werden die Angehörigen der christlichen Minderheit in Ägypten bezeichnet, die wiederum zu großen Teilen der Koptisch-orthodoxen Kirche angehören. Das Wort „Kopte“ kommt aus dem Griechischen und ist einfach die um die Vorsilbe verkürzte Form des Wort „Ai-gyptos“ und bedeutet einfach: „Ägypter“. Und tatsächlich sind Kopt*innen nichts anderes als Ägypter*innen, die neben ihrer christlichen Religion auch eine von den Muslim*innen des Landes etwas andere Kultur leben. Kopt*innen beanspruchen auch häufig in direkter Linie von den alten Ägyptern abzustammen. Das mag durchaus stimmen. Zumal die koptische Sprache, die in Ägypten noch bis in 17. Jahrhundert im Alltag gesprochen wurde und noch heute im Gottesdienst gelegentlich Verwendung findet, die letzte Form der altägyptischen Sprache darstellt – trotz aller griechischen Einflüsse. Eine besondere ethnische Gruppe stellen die Kopt*innen aber nicht dar. Sie sprechen wie die muslimischen Ägypter*innen die arabische Sprache im Alltag. Heutige Ägypter*innen, ganz gleich ob koptisch oder islamisch, als „Araber“ zu bezeichnen würde beide Gruppen jedenfalls vehement zurückweisen. Beide sehen sich als „Kinder des Nils“.
Die koptische Kirche ist eine der ältesten christlichen Religionsgemeinschaften. Älter als die römische-katholische Kirche. Und sie haben einen eigenen Papst. Während der römisch-katholische Papst sich in der Nachfolge des Apostel Petrus sieht, gilt der koptische Papst als Nachfolger des Evangelisten Markus.
Koptische Christ*innen lebten in Ägypten schon immer. Bis ins siebte Jahrhundert hinein, war Ägypten nahezu vollständig koptisch – wobei es ständig zu heftigen theologischen und politischen Auseinandersetzungen und Machtspielen mit der römischen und vor allem der griechisch-orthodoxen Kirche in Konstantinopel gab. Die Kopt*innen hatten die Religionsstreitigkeiten derart satt, dass im Zuge der Eroberung Ägyptens durch arabische Heere ab dem Jahr 640 die Mehrheit von ihnen einfach zum Islam übertrat. Manche aus Opportunismus in Bezug auf die neue Herrschaft, viele aus Überzeugung. Übrig blieb gleichwohl immer noch eine nennenswerte Zahl von Kopt*innen (heute sind es immer noch gut zehn Prozent) , die unter dem Islam dann Zeiten der Verfolgung und Diskriminierung erlebten, aber auch Epochen, in denen sie anerkannt und frei leben konnten. Bisweilen bildeten sie wichtige Eckpfeiler in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ihres Landes.
Die Zeit des türkisch-osmanischen Kolonialreichs, das auch Ägypten umfasste, war von einer gewissen Toleranz gegenüber den koptischen Gemeinden geprägt. Und es klang sehr vielversprechend, als in die erste Verfassung Ägyptens von 1923 die Gleichstellung der Religionen eingeschrieben wurde. Aber Papier ist bekanntlich geduldig. Und unter den später folgenden autoritären Staatslenkern wie Nasser oder Mubarak wurden alle Menschen – ob nun koptisch oder islamisch – gleichermaßen unterdrückt. Hinzu kam eine „schleichende“ gesellschaftliche Diskriminierung für die Kopt*innen ins Spiel. Seit den 1990er Jahren kehrten viele ägyptische Muslime als ehemalige Gastarbeiter aus den Golfstaaten ins Land zurück und brachten einen erzkonservativen Islam mit, der den bisherigen liberalen Islam in Ägypten radikalisierte und die Kopt*innen als „Ungläubige“ nun extrem anfeindete.
Dass sich diese latente Diskriminierung auch eruptiv entladen kann, zeigte sich im „Arabischen Frühling“ seit dem Jahr 2011. In Ägypten gingen die Menschen nun gegen das autoritäre Mubarak-Regime vor. An die Spitze stellten sich radikale Islamisten rund um die sogenannte „Muslim-Bruderschaft“. Bereits jetzt kam es zu Ausschreitungen gegen Kopt*innen. Aber die Verhältnisse sollten sich noch verschlechtern. Als nämlich das Militär den gewählten islamistischen Präsidenten Mohammad Mursi 2013 aus dem Amt putschte, sahen sich die christlichen Kopten einer Art Rachefeldzug radikaler Muslime ausgesetzt, denn die koptische Kirche hatte die Niederschlagung der Muslimbruderschaft durch das Militär gutgeheißen. „Binnen weniger Tage wurden in ganz Ägypten über 60 Kirchen zerstört. Hunderte christlicher Geschäfte, Schulen und Wohnungen wurden geplündert oder gingen in Flammen auf“, berichtete damals der Pfarrer einer christlichen Gemeinde in Kairo. Über 100.000 Kopt*innen flohen aus dem Land. Bis 2020 sollte sich die Zahl der Exilsuchenden noch einmal verdoppeln. Viele suchten auch in Deutschland Schutz – nicht wenige bekamen, völlig zu Recht, eine Flüchtlingsanerkennung. Und so kamen auch Kopt*innen nach Unna.
Die Situation der Kopten in Ägypten seit den 2020er Jahren ist zwiespältig. Das autoritäre Militärregime, an dessen Spitze nun der Militär as-Sisi steht, verfolgt zwar islamistische Gruppen wie die Muslim-Bruderschaft, den IS und andere. Der gläubige Muslim al-Sisi propagiert stattdessen eine Art „alternativer Form“ national-islamischer Religiosität. Kopt*innen werden von ihm zwar immer wieder hofiert – letztlich aber bleiben sie ausgeschlossen und ohne Schutz. Unter der Autokratie der Militärs besitzen sie eh keine Freiheiten – erst recht nicht die der freien Meinungsäußerung.
Yacub, ein Betriebswirt aus Alexandria, beschreibt die Diskriminierung in seinem Heimatland so: „Seit vielen Jahren sind wir dem Terror von Islamisten und Radikalen ausgesetzt. Vor allem unsere Kirchen und Geschäfte sind die Ziele. Wir leben in Angst. Wir können zwar zur Polizei gehen, aber dort ignoriert man uns häufig. Schon bei einfachen Dingen, wie einem Verkehrsunfall, bekommen wir kein Recht zugesprochen, auch wenn wir im Recht sind. Weil wir eben Kopten sind.“ Zudem ist der Alltag mit Diskriminierungen diffiziler Art durchdrungen. Yacub erklärt das an einem Beispiel: „Meine Frau und ich haben Wirtschaft studiert. Mit sehr guten Noten. Aber in der Wirtschaftsverwaltung oder Staatsbetrieben bekommen wir trotzdem keinen Job. Und wenn wir Arbeit bekommen, verdienen wir weniger als muslimische Ägypter.“ Tatsächlich bestätigen inoffiziell-interne Weisungen im Staatsapparat diesen Eindruck. Diese geben vor, dass nicht mehr als ein Prozent der Mitarbeiter*innen koptisch sein dürfen, was nur ein Bruchteil der Kopt*innen an der Arbeitsbevölkerung ausmacht. Koptische Ägypter*innen werden also aus verdeckter Staatsräson „klein gehalten“, ohne dass diese daran irgendetwas ändern können.
Hier in Unna leben in diesen Tagen weniger als einhundert Kopt*innen. Die Gemeinde in Massen-Nord ist jedoch größer. Sie wird auch von Gläubigen aus anderen Kommunen und Kreisen besucht und mitgetragen. Hier gibt es gibt Chorunterricht, eine Sonntagsschule, Jugendgruppen und vieles andere mehr, was eine lebendige christliche Gemeinschaft ausmacht, die sich auch gut mit den anderen christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde versteht. Im Jahr 2019 wurde die Kopt*innen in Unna, ja die Stadt selbst, besonders geehrt. Der koptische Papst Tawadros II besuchte die Gemeinde und weihte noch einmal die Kirche festlich ein, um sich anschließend im goldenen Buch der Stadt Unna zu verewigen.

Nr. 8 Jüdische Gemeinde haKochaw Unna

Buderusstraße 11, 59427 Unna, DE

Nr. 9 Firma Dröge und Koch (Metallbau)

Oberer Kohlenweg 15, 59425 Unna, DE

Nr. 15 Krankenhäuser (Christliche Kliniken)

Obere Husemannstraße 2, 59423 Unna, DE

Christliches Klinikum Mitte, Menschen mit Migrationsgeschichte in Heilberufen

Das Christliche Klinikum Unna-Mitte ist, anders als bei den meisten Fluchtwege-Stationen, keiner bestimmten Gruppe von Migrant*innen gewidmet. Dieses seit 1886 an dieser Stelle bestehende Krankenhaus steht für alle Menschen mit Zuwanderungsbiografie, die hier in Heilberufen arbeiten. Lucija ist eine von ihnen.
Lucija ist eine kam als junge Frau mit ihrer Familie in den 1990er Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland. Für sie war eine Arbeit im medizinischen Bereich bereits in ihrer Heimat „der“ Traumberuf gewesen. In Deutschland entschied sie sich dann auch für die Ausbildung als „Krankenschwester“. Der Beruf heißt heute „Gesundheits- und Krankenpflegerin“. Aktuell arbeitet sie noch als sogenannte „Intensiv-Schwester“ – unter anderem im OP-Bereich. „Noch“ bedeutet, dass Lucija plant, als Mittvierzigerin noch einmal eine ganz andere Arbeit auszuüben. Ihren bisherigen Job würde sie nicht mehr so gerne weitermachen. „Es geht um die Arbeitsbelastung“, sagt sie, „und nicht um mein Einkommen.“ Lucija verdient nach eigener Auskunft „sehr gut“: „Ich kann mich hier überhaupt nicht beklagen“. Es ginge vielmehr um die stetig wachsenden Anforderungen, die Kompensation von Personalausfällen, um Arbeitsverdichtung, um Überstunden. „Die Ansprüche sind einfach gewachsen in den letzten Jahren. Heute übernimmst Du in Deinem Aufgabenfeld Aufgaben, die noch vor 15 oder zwanzig Jahren Sache der Ärzte waren“, erklärt sie. Es gäbe „Belastungen und Überbelastungen, die sich auf Dauer massiv auf mein Privatleben, auf die Familie auswirken und auch für meine Gesundheit nicht gut sind.“ Deswegen wolle sie in einen „anderen Beruf wechseln“.
Angesprochen darauf, ob sie viele Kolleg*innen mit Migrationsgeschichte – so wie sie selbst – haben würde, sagt sie: „In der Klinik kommen viele Kollegen aus anderen Ländern. Bei den Pflegern, bei den Krankenschwester und den Ärzten. Aus Bulgarien oder aus Syrien oder aus asiatischen Ländern. Na, klar. Das ist heute nichts Besonderes mehr.“ War das früher anders aus ihrer Erfahrung? „Ja, schon etwas“, meint Lucija, „das hat auch damit zu tun, dass in Deutschland die Leute schon offener und internationaler geworden sind. Aber früher gab es auch mal dumme Bemerkungen, vor allem von Patienten, wenn der Arzt oder die Schwester nicht Deutsch waren. Heute kaum noch.“
Der Eindruck von Lucija deckt sich mit den Zahlen über die Beschäftigung von Menschen mit Migrationsgeschichte in Medizin und Heilberufen in Deutschland im Allgemeinen und Unna im Besondern. Ihr Anteil macht etwa 24-25 Prozent aus an allen Beschäftigten in diesem Berufsfeld. Dies entspricht exakt dem Anteil von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in der deutschen Gesellschaft. Wenn es um Ärzt*innen und die Pflege im stationären Bereich geht, dann liegt der Anteil sogar noch etwas höher – und dieser hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt!
Warum ist das so? Sind den Deutschen die Pflegeberufe zu stressig, liegt es am Verdienst? Lucija glaubt das nicht: „Eine Kroatin ist genauso gestresst, wie ein Deutsche… und klar, wir würden alle gerne mehr verdienen“, lacht sie. Aber sie hat noch eine andere Erklärung: „Ich glaube, dass Ärzte oder Pflegepersonal aus dem Ausland eine andere Haltung zu ihrem Beruf haben“. Man merke zum Beispiel Ärzt*innen aus Syrien oder Iran oder asiatischen Ländern an, „dass in ihren Ländern dieser Beruf einen sehr hohen Stellenwert hat. So wie Lehrer. Sie sind sehr stolz darauf, Menschen zu helfen. In ihren Familie ernten sie eine hohe Anerkennung.“
Tatsächlich ist die gesellschaftliche Reputation medizinischer Berufe sehr groß. In Deutschland und weltweit sind es nach Feuerwehrleuten die angesehensten Berufe. Sind es auch die beliebtesten? Ein klares: Jein! Gemessen an der Aufnahme von Ausbildungen liegen Heil- und zahnmedizinische Fachausbildungen zusammen genommen auf Platz Nummer eins in Deutschland – bei den Frauen! Bei den Männern sind diese Berufe weit abgeschlagen. Das mag einerseits immer noch am Rollenverständnis liegen, dass Frauen in „helfenden Berufen“ verortet, andererseits lassen sich solche Tätigkeiten oft besser mit Teilzeitmodellen arrangieren. Männer stellen noch die Mehrheit im Ärzt*innenberuf, aber bei weiter fortlaufendem Trend werden in etwa zehn Jahren hier die Frauen auch die Männer überholt haben.
Festzuhalten bleibt: Ohne Menschen mit Migrationsgeschichte als Fachkräfte geht es im Gesundheitssektor nicht. Weder die mobile Pflege, noch irgendein Krankenhaus würde noch ohne sie funktionieren. Es würde längst zusammengebrochen sein. Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich und wie notwendig Einwanderung für Deutschland. Nicht zuletzt auch für die Klinik, vor der sie nun stehen.

Nr. 16 Ausländerbehörde

Zechenstraße 49, 59425 Unna, DE

»Ich glaube an Demokratie und Menschenrechte!«
Elias erzählt Euch seine Geschichte

Elias Nassour floh 2016 aus dem Libanon über Frankreich nach Deutschland. Er hat libanesische und syrische Eltern und lebte und studierte zuvor in Beirut, der großen und quirligen Hauptstadt des Landes.
Elias schloss sich der Demokratiebewegung im Libanon an und war Teil einer engagierten politischen Gruppe, die de-monstrierte und auf die korrupte Politik von Regierung und Parteien durch Protest und der Besetzung eines Ministeriums aufmerksam machte. »Weil ich viel Liebe habe für mein Land, für meine Heimat, meine Kultur. Und ich glaube an Demokratie und an Menschenrechte«, so formuliert es Elias.
Elias brachte sich in Gefahr. Er bereitete für sich (und seine Mutter, die noch in Syrien wohnte) die Flucht mittels eines Vi-sums für Frankreich vor. Als er schließlich in Deutschland an-kam war fühlte etwas sehr Entscheidendes: »Du bist in einem sicheren Land, wo Du auf der Straße laufen kannst und es gibt keinen der schießt«. Er fühlte sich sicher – zunächst. Aber sein Asylantrag wurde abgelehnt und er wurde abgeschoben.
Er schaffte es dennoch ein zweites Mal. Er kann nun vor-läufig bleiben, auch wenn er noch keinen ganz sicheren Auf-enthaltsstatus besitzt. Mit der Ausländerbehörde in Unna hat er noch immer zu tun. Elias macht in Unna eine Berufsausbil-dung. Ein Studium der Geschichte hatte er im Libanon bereits erfolgreich beendet. Geholfen haben ihm die vielen positiven Kontakte zu Menschen in Unna: »Ich würde sagen, ich habe echtes Glück gehabt, dass ich viele gute Leute hier getroffen habe. Viele gute Leute haben mir geholfen in Unna«.
Auch wenn »Herz und Seele«, wie er sagt, immer noch im Libanon sind und bleiben werden, er würde nicht mehr dort-hin zurückgehen wollen: Elias ist skeptisch: »Ich denke nicht, dass in 50 Jahren die Situation im Libanon sich ändern würde – nicht nur im Libanon, sondern im Nahen Osten«. Das macht ihn traurig - auch wenn er sein Leben in Deutschland aktiv und optimistisch angeht.
Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen https://www.fluchtwege-unna.de/flucht-aus-afghanistan

Nr. 18 Café der Begegnung / VHS

Lindenplatz 1, 59423 Unna, DE

Café der Begegnung
Einmal im Monat treffen sich Migrantinnen und Migranten mit alteingesessenen Unnaer Bürger*innen, um sich kennenzulernen und sich auszutauschen. Das Angebot umfasst u. a. einen Treffpunkt zum Dialog und Austausch bei Kaffee und Kuchen.
Webseite: http://willkommen-in-unna.de/Veranstaltung/cafe-der-begegnung-2/
Adresse:
Lindenplatz 1
59423 Unna

Nr. 19 Berufskolleg der Werkstatt im Kreis Unna

Nordring 39, 59423 Unna, DE

Werkstatt-Berufskolleg Unna
Das Werkstatt-Berufskolleg wurde 2013 gegründet, um eine Lücke für benachteiligte Jugendliche zu füllen und insbesondere in der Berufsvorbereitung "aus einer Hand" arbeiten zu können.
Im Werkstatt-Berufskolleg Unna sind alle Menschen willkommen: Junge Menschen mit originellen Lebensbiographien, mit und ohne Abschlüsse, ältere Menschen, die in ihrer zweiten Lebensphase einen neuen Beruf erlernen wollen, mit und ohne Behinderungen, aus Förderschulen und zur Neuorientierung auch Menschen mit Lernschwierigkeiten. Als inklusive Schule lernen wir miteinander und gemeinsam. Alle Lehrerinnen und Lehrer haben neben ihrer pädagogischen Ausbildung auch andere Berufsausbildungen und kommen aus der freien Wirtschaft.
Seit dem 2. Dezember 2016 hat das Werkstatt-Berufskoleg die Urkunde "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage".

Nr. 21 Erste Eisdiele in Unna

Markt 7, 59423 Unna, DE

Das Speiseeis, genau genommen die leckere Eiscreme aus unterschiedlichen Früchten oder Vanille und Schokolade, ist ohne Einwanderung praktisch undenkbar. Eiscreme ist eine italienische Erfindung. Und tatsächlich stimmt es, dass es Italienerinnen und Italiener waren, die es nach Deutschland brachten. Ein Vorurteil oder Mythos hingegen ist, dass es italienische Gasterbeiter waren, die ab den 1950er nach Deutschland kamen um im Bergbau oder Stahl zu arbeiteten und dann schließlich auf Eis »umsattelten«.
Tatsächlich kamen bereits in den 1920er und 1930er Jahren „Eismacher*innen“ aus Italien nach Deutschland, um ihre Produkte auch hier herzustellen und in kleinen Verkaufsbuden, Geschäften oder einfach aus dem heimischen „Fenster hinaus“ zu verkaufen. Vor allem Familien aus der italienischen Alpenregion, den Dolomiten, der Ursprungsregion der Eiscreme in Italien, wanderten ein und betrieben ihr traditionsreiches Handwerk. So ist es auch kein Wunder, dass sich bis heute etliche Eisdielen „Dolomiti“ nennen. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs und mit dem Ende des Bündnisses zwischen Nazideutschland und Mussolini-Italien kehrten die meisten der Eismacher*innen-Familien wieder zurück nach Italien, freiwillig oder durch Zwang, weil sie nun feindliche Ausländer*innen waren.
Erst zu Beginn der 1950er Jahre machten sie sich wieder auf den Weg nach Deutschland. Zunächst in viele Großstädte und besonders ins Ruhrgebiet. Und an dieser Stelle spielt das Thema »Gastarbeiter« tatsächlich wieder eine Rolle – denn eben jene waren auch in die Ruhrregion eingewanderten und stellten nun die ersten und verlässlichen Kund*innen dar, die – noch eher als Pizza oder Pasta – einen Teil der Kultur ihrer Heimat genießen wollten. Espresso oder eben auch Eis. Und auch das Gespräch auf Italienisch repräsentierte so ein »Stück Heimat« in der deutschen Fremde. Übrigens: Die Eisherstellung ist ein anspruchsvoller Lehrberuf und kein »Freizeitgewerbe«. In Italien ist der Beruf sehr angesehen und wer aus einer traditionellen Eismacher*innenfamilie stammt, geht noch heute nach Norditalien zurück, um dort den »Meister*innenbrief Eiskonditor*in« zu erwerben.
In Unna war die erste »Gelateria« noch kein Eiscafé im heutigen Verständnis, sondern eine „Eisdiele“. Sie befand sich in einer kleinen Gasse, die vom Markt ausging (Markt 7). Dort wurde aus einem Fenster heraus das Eis verkauft. Das war in den Anfangstagen der italienischen Eiscafés durchaus üblich: Damit die Kund*innen, vor allem Kinder, besser an das Eis herankamen, wurde ein Holzbrett (eine „Diele“) unter dem Fenster erhöht befestigt oder aufgestellt, auf die die Eishungrigen dann treten konnten… die „Eisdiele“ war also geboren.
Über die italienische Familie, die dort ihren Laden ab den frühen 1950er Jahren betrieb ist heute nichts mehr bekannt. Die Gasse zum Markt ist längst zugebaut und das Haus mit der „Eisdiele“ vor Jahrzehnten abgerissen.

Nr. 22 Türkisch Islamische Gemeinde zu Unna e. V.

Höingstraße 22, 59425 Unna, DE

Die „Türkisch Islamische Gemeinde zu Unna e. V.“ wendet sich an Menschen islamischen Glaubens, die hier Ansprechpartner*innen und in der Moschee einen Raum zum Gebet finden. Die Gemeinde setzt sich aktiv für den Austausch mit der Nachbarschaft und Menschen unterschiedlichen Glaubens ein.
Schon seit vielen Jahren veranstaltet die Gemeinde hier im Frühjahr eine Kermes, zu der Gemeindemitglieder, Nachbarn und alle Unnaer Bürger*innen geladen sind.
Adresse:
Höingstr. 20
59425 Unna

Nr. 23 Zentrale Wohneinrichtung für Geflüchtete

Höingstraße 24, 59425 Unna, DE

»Ich fühle mich jetzt so, dass ich neu geboren bin!«
Nazir (*) erzählt Euch seine Geschichte

Nazir Ahmad floh mit 16 Jahren Ende 2015 aus Afghanistan. Nazir ist Paschtune. Wie viele andere jungen Paschtunen auch wurde er von der Taliban gedrängt, diese zu unterstützen und ein Teil der Organisation zu werden. Nazir wollte das nicht. Mit Hilfe seines Vaters und seines Onkels verließ er Afghanistan und floh über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan nach Deutschland, wo er in München ankam.
In der weiteren »Verteilung« von Geflüchteten in Deutsch-land wurde er über Gießen in den Kreis Unna geschickt, wo er als sogenannter »umF« (unbegleiteter minderjähriger Flücht-ling) zunächst in Kamen in einer Jugendhilfeeinrichtung wohnte und betreut wurde. Später zog es ihn nach Unna. Nazir stelle einen Asylantrag. Erfolgreich – er besitzt einen Aufenthaltstitel.
Nazir schloss erfolgreich die Realschule ab. Eine zunächst begonnene Ausbildung als Hotelkaufmann entsprach schließlich nicht seinen Vorstellungen und er wechselte auf einen Ausbil-dungsplatz nach Dortmund, wo er sich nun zum Kaufmann für Büromanagement ausbilden lässt.
Europa war sein ausgewähltes Fluchtziel, ein besonderes Land hatte er nicht im Kopf – er wäre auch für »Italien und Schweden« dankbar gewesen. Dass es Deutschland geworden ist war nicht seine Entscheidung, sondern die, der Behörden, die ihn Im Dezember 2016 in den Kreis Unna schickten. Hier fühlt er sich »so normal, so wie andere Mitbürger in Deutschland. Ich habe mich jetzt halt integriert«, sagt er.
In Deutschland ist das Leben, wie in einer anderen Welt im Vergleich zu Afghanistan, vom dem er sagt, sie seien dort »30 Jahre zurück«. Und hier fühlt er sich auch zugehörig: »Ich fühle mich jetzt so, dass ich neu geboren bin! (…) Ich fühle mich so wie ein Deutscher oder wie einer, der hier geboren ist.« Nazir möchte nichts anderes, als ein normales Leben führen, eine Ausbildung machen, zur Arbeit gehen, eine Familie gründen.
Und er findet, dass die Menschen in Deutschland und in Un-na tolerant sind: »Jeder akzeptiert so jeden, wie er ist (…). Nicht so wie in Afghanistan wo sie sagen: Du bist Pashto, du bist Ha-zara, du bist Tadschike, du bist Usbeke...«.

(*) Auf Wunsch des Interviewten wurde der Name durch das Projekt geändert

Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen: https://www.fluchtwege-unna.de/flucht-aus-afghanistan

Nr. 25 Quartiersbüro Königsborn

Berliner Allee 28, 59425 Unna, DE

Königsborn als Wohn-/Lebensort vieler Migrant*innen

Nr. 26 Flüchtlingsberatung des Caritasverband für den Kreis Unna

Höingstraße 5-7, 59425 Unna, DE

In der sozialen Beratung von Geflüchteten wird Menschen ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus geholfen.
Das Angebot umfasst vor allem folgende Hilfen:
- Klärung der individuellen Bedingungen und Fähigkeiten
- Beratung im Integrationsprozess / Klärung von Ansprüchen auf staatliche Hilfen
- Vermittlung zu Sprachkursen
- Begleitung von Initiativen von und für Flüchtlinge
- Vernetzung von Diensten
- Arbeit mit Ehrenamtlichen
- Unterstützung von Selbstorganisationen
- gemeinwesenorientierter Projektarbeit
Mehr Infos: https://www.caritas-unna.de/migration/temporaere-integration/temporaere-integration

Nr. 27 Café Weltoffen/Initiative Ehrenamt

Gerhart-Hauptmann-Straße 12, 59423 Unna, DE

Der Treffpunkt und das Café „WeltOffen“ ist eine Initiative von ehrenamtlichen Bürger*innen in Unna, die Geflüchteten die Integration in dieser Stadt erleichtern möchten. Die Ehrenamtlichen sind Deutsche bzw. deutschsprachige Menschen – genau so, wie Migrant*innen, die die Herkunftssprachen und Kulturen von Geflüchteten und Einwander*innen gut kennen.
Hier vor Ort treffen sich Menschen aus verschiedenen Kulturen zum Austausch. Es wird zusammen Kaffee und Tee getrunken, gemeinsam gespielt und sie einfach „ausgetauscht“ über aktuelle Probleme oder Alltagserfahrungen. Häufig sind Kinder im Café, die Spielkamerad*innen finden oder sich mit den „Großen“ beschäftigen.
Miteinander wächst eine Atmosphäre des Vertrauens und der Gemeinschaft. Zusammen finden die Ehrenamtlichen mit den Migrant*innen Lösungen für vielfältige Probleme oder vermitteln zu kompetenten Ansprechpartner*innen. Typische Themen sind: Hilfe beim Verstehen und Bearbeiten von offiziellen Schreiben, Kontakt zu Ämtern, Suche von Kindergartenplätzen oder Hilfe bei der Wohnraumsuche und Einrichtung von Küchen. Es wird individuell Hausaufgabenhilfe und Nachhilfe für Schüler*innen angeboten.
Viel Freude machen allen die besonderen Aktionen. Es gibt eine Gartengruppe mit einem großen Gemüsegarten. Es wird zusammen gekocht und ein Schwimmunterricht für Frauen angeboten. Dazu kommt der Spieletreff „Spiel mit“, in dem gemeinsam Gesellschaftsspiele gespielt werden und ein Treffen für Senioren aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen. Ausflüge, z.B. in Zoos oder Tierparks, werden geplant und angeboten. Erwachsene und Kinder werden durch die Ehrenamtlichen Helfer*innen unterstützt, um an den vielfältigen Angeboten in der Stadt Unna teilzunehmen und ein Überblick über deren Angebote gegeben wird. Die Eherenamtler*innen haben hier auch die Aufgabe der Vermittlung und Begleitung. So kann der Treffpunkt „Türöffner“ in die Stadtgesellschaft sein und die Integration von Geflüchteten bzw. Migrant*innen fördern. In Kooperation mit anderen Initiativen und Einrichtungen werden interkulturellen Veranstaltungen mitgestaltet und besucht.
Bei „WeltOffen“ sind alle willkommen und zu den Öffnungszeiten stets herzliche eingeladen. Der Text zu diesem Standort entstand in Zusammenarbeit von Fluchtwegen mit den Ehrenamtlichen dieser Inititaive.

Nr. 28 Asylverfahrensberatung unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Gerhart-Hauptmann-Straße 29, 59423 Unna, DE

An dieser Stelle muss mit einem Gerücht aufgeräumt werden. Immer wieder wird behauptet, dass viele Minderjährige, vor allem männliche Jugendliche, nach Deutschland geschickt werden, um von hier aus ihre Familie „nachzuholen“. Und mehr noch: Überdies seien minderjährige Unbegleitete auch für den deutschen Staat besonders teuer. So wird behauptet, dass ein einzelner minderjähriger Flüchtling in einer Betreuungseinrichtung „den Steuerzahler“ 100.000 Euro und mehr pro Jahr kosten würde.
Stimmt das? Nun, checken wir dazu die Fakten: Im Jahr 2015, zur Hochzeit der Flucht aus Syrien, Irak und Afghanistan kamen rund 95.000 unbegleitete Minderjährige – allerdings nach ganz Europa! Nach Deutschland kamen 14.000. Zum Vergleich: Das viel kleinere Schweden nahm 2015 über 35.000 von ihnen auf. Und noch ein Vergleich: Die meisten der minderjährigen Geflüchteten, nämlich über 90 Prozent, kamen und kommen in Begleitung ihrer Eltern oder eines Elternteils – sind also nicht gar nicht unbegleitet. Insgesamt nimmt die Anzahl der in Obhut genommenen jungen Geflüchteten in Deutschland seit 2015 aber kontinuierlich ab. 2019 waren es noch ca. 8.500, 2020 etwa 7.500, Tendenz weiter fallend.
Nur wenige Minderjährige können überdies von ihrem Recht Gebrauch machen, ein Elternteil und weitere Familienangehörige aus dem Herkunftsland nachziehen zu lassen. Bis Minderjährige ihre eigene Asylanerkennung bekommen, weitere Anträge gestellt und andere Vorbereitungen getroffen werden, vergehen Monate und oft Jahre. Zudem sind die gesetzlichen Voraussetzungen sehr streng und die Kosten für eine Familienzusammenführung, die die Betroffenen selbst aufbringen müssen, viel zu hoch, sodass überhaupt nur sehr wenige Väter oder Mütter aus den Heimatländern nach Deutschland reisen dürfen.
Es ist indes Richtig, dass fast 90 Prozent der in Obhut genommenen jungen Geflüchteten männlich sind. Warum? Dafür gibt es einen wesentlichen Grund: Die Mehrheit der geflüchteten Minderjährigen kam und kommt aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern wie Syrien, dem Irak, Afghanistan und Somalia. Dort werden junge Männer regelmäßig zum Kriegsdienst in eine Armee, Miliz, Rebellen- oder Terrortruppe gepresst. Wir müssen uns das so vorstellen: In Syrien beispielsweise kam an einem Tag die syrische Armee in die Wohnhäuser oder Schulen und verlangten die „Herausgabe“ der jungen Männer. Am nächsten Tag war es die al-Nusra-Front, am übernächsten der IS. Wollten die Familien ihre Söhne nicht ausliefern, mussten sie ein Lösegeld bezahlen. Immer und immer wieder. Wer kann es also den jungen Männern verdenken, lieber zu flüchten, als in einem mörderischen Bürgerkrieg für irgendeine der Parteien zu töten und getötet zu werden? Wer kann es den Eltern verdenken ihre Kinder zu schützen und außer Landes in Sicherheit zu bringen?
Zu den Kosten: Ein Platz in einer Jugendhilfeeinrichtung kostet zwischen 2.000 und 4.000 Euro im Monat, je nach Art und Intensität der Betreuung. Und einen Kostenunterschied zwischen geflüchteten und anderen Minderjährigen gibt es nicht. Allen steht das Gleiche zu. Das ist gesetzlich klar geregelt.

Nr. 32 Deutsch -Polnischer Kulturverein

Buchenstraße 27, 59423 Unna, DE

Nr. 33 Bahnhof Unna

Bahnhofstraße 74, 59423 Unna, DE

Nr. 35 Philia Deutsch-Griechischer Verein Unna e.V.

Massener Straße 14, 59423 Unna, DE

An dieser Station finden Sie den deutsch-griechischen Verein „Philia“. Das griechische Wort „Philia“ bedeutet so viel wie „Liebe, Zuneigung“ aber auch „Freundschaft“ – Liebe und Zuneigung also zum Heimatland und seiner Kultur, aber auch zu Deutschland und Unna – und Freundschaft eben zwischen den Menschen hier und dort. „Fluchtwege“ nimmt diese Station zum Anlass, hier die Geschichte der griechischen Einwanderung seit den 1960er Jahren zu erzählen und sich damit auch erneut dem Stichwort „Gastarbeiter“ zu widmen. Allerdings trifft dieser Begriff „Gastarbeiter“ für griechische Einwander*innen nur teilweise und in vielen Fällen überhaupt nicht zu. Der Grund dafür liegt in einem – leider weitgehend vergessenen oder verdrängten – Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte.
Aber zunächst tatsächlich zur Einwanderung von vorwiegend griechischen Männern in den frühen 1960er Jahren: Aufgrund des großen Arbeitskräftebedarf schloss die Bundesrepublik im Jahre 1960 mit Spanien und gleichzeitig mit der griechischen Regierung einen Anwerbeabkommen ab. Nach Italien (1955) waren somit Arbeitskräfte aus Griechenland mit die ersten neuen ausländischen Kolleg*innen hier vor Ort in Kohle, Stahl und Co. Bis 1962 kamen bis zu 80.000 vor allem aus den ländlichen Regionen des Landes: Aus Thessalien, Makedonien oder der Peloponnes. Allerdings setzte bereits kurze Zeit später eine enorme Rückwanderungswelle ein. Bis 1965-66 waren die meisten „Gastarbeiter“ aus Griechenland schon wieder ausgereist. Viele konnten sich mit den vorgefundenen Arbeits- und Lebensbedingungen und den oft deutlich zu niedrigen Löhnen nicht anfreunden. In Unna wohnten viele von ihnen in engen Werksunterkünften oder in unsanierten Altbauwohnungen in Massen, Königsborn oder in Zentrumsnähe. Umso überraschender aus heutiger Perspektive zog plötzlich ein Jahr später, nämlich 1967, die griechische Einwanderung nach Deutschland wieder enorm an. Auf Spitzenwerte mit bis zu 100.000 Menschen jährlich.
Waren dafür nun bessere Löhne in der hiesigen Industrie der Auslöser? Keineswegs. Verantwortlich war der Putsch einer Militärjunta 1967 in Griechenland. Die sogenannte „Obristen-Diktatur“ aus rechtsnationalen und antimodernistischen Militärs. Sie verhaftete Tausende Sozialist*innen, Liberale, Gewerkschafter*innen, Journalist*innen. Wer auch immer ihnen suspekt war, steckten die „Obristen“ in Lager und Gefängnisse. Viele wurden auch außer Landes gedrängt und ihre griechische Staatsbüger*innenschaft per Gesetz entzogen. Etwas, was übrigens in Deutschland nicht möglich ist. Die Demokratie, die in Griechenland ihre uralten Wurzeln hat, wurde abgeschafft.
Viele der vermeintlichen „Gastarbeiter“ ab 1967 waren in Wirklichkeit also eher politische Flüchtlinge, die aus Angst vor Verfolgung auswanderten oder nicht gemeinsame Sache mit einem unterdrückerischen Regime in ihrem Heimatland machen wollten. Und wer in der Heimat „politisch“ ist, der bleibt es auch oft in der „Fremde“. So wundert es auch kaum, dass es griechische Einwander*innen waren, die im Ruhrgebiet erste Kulturvereine gründeten, in denen man auch offen über die politischen Entwicklungen in Griechenland sprechen konnte. Dort war dies nämlich verboten. Und viele Griechinnen und Griechen beteiligten sich auch recht früh gesellschaftlich in Deutschland: Fast jede eine größere Firma im Ruhrgebiet und natürlich auch in Unna hatte griechische Betriebsräte oder Gewerkschafter*innen.
Die Rückwanderung von Griech*innen hielt sich zunächst in Grenzen. Diese begann erst verstärkt 1974 – dem Jahr, in dem die Militärjunta – nach einer blutigen Niederschlagung von Studierenden-Unruhen in Athen und einen Putschversuch auf Zypern – sich nicht mehr halten konnten und gestürzt wurde.
Das Thema „Gastarbeiter“ spielte in den 1960er und 1970er Jahren kaum eine Rolle. Die wenigsten Deutschen interessierten sich für deren Leben und begrüßten den Anwerbestopp im Jahre 1974 mehr oder weniger offen. „Integration“ spielte in Politik und Kulturbetrieb eine geringe Rolle. Daher überraschte es, als 1975 ein Musikprodukt die Spitzenplätze der Hitparaden stürmte: nämlich Udo Jürgens „Griechischer Wein“. Es war das erste Mal, dass sich die deutsche Populärkultur überhaupt mit „Gasterbeitern“ nennenswert beschäftigte. Das für damalige Verhältnisse sozialkritische Lied, das auch auf Griechisch veröffentlicht wurde, beschreibt die Sehnsucht und das Heimweh griechischer „Gastarbeiter“. Es wurde ein Riesenerfolg. Auch politisch! Und das besonders in Griechenland, das sich mit dem Schicksal ihrer Ausgewanderten in der Fremde immer beschäftigt hatte. Als besondere Ehrung dafür, dass sich Jürgens mit den Problemen der „Gastarbeiter“ auseinandergesetzt hatte, wurden er und sein Songtexter Michael Kunze nach Athen eingeladen. Durch Konstantinos Karamanlis, dem ersten nach der Diktatur demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Griechenlands.
Zurück in die Gegenwart: Auch heute noch wandern viele Menschen aus Griechenland nach Deutschland ein. Von „Gastarbeitern“ spricht niemand mehr. Wie viele in den letzten Jahren in die Region und nach Unna gekommen sind ist schwer zu sagen. Die sogenannte „EU-Migration“ lässt sich statistisch in den Kommunen nur unzureichend erfassen. Dabei ist die Auswanderung aus Griechenland dramatisch! Seit Beginn der Finanzkrise in Griechenland 2009/2010 haben rund zehn Prozent aller Griech*innen, vor allem junge Menschen, ihr Land verlassen. Mehr als 170.000 kamen nach Deutschland…. Zeit für einen neuen Song?

Nr. 36 Regionale Flüchtlingsberatung im Kreis Unna

Gerhart-Hauptmann-Straße 29, 59423 Unna, DE

Im Hause Gerhart-Hauptmannstraße 29 im Zentrum von Unna befindet sich die Regionale Flüchtlingsberatung der Werkstatt im Kreis Unna, einem Sozial- und Bildungsträger.
Die Kolleg*innen der Regionalen Beratung sind durch das NRW-Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration beauftragt, geflüchteten Menschen in jeder Hinsicht zu Helfen und sie bei rechtlichen, sozialen und auch lebenspraktischen Aspekten oder Problemen zu beraten und zu unterstützen.
An die Beratungsstelle wenden sich Geflüchtete aus vielen Fluchtnationen – aus afrikanischen Staaten, wie Guinea oder dem Kongo, aus dem Nahen Osten, hier zum Beispiel aus Syrien oder dem Irak oder auch aus Asien, wie z.B. Afghanistan oder Pakistan. Und selbstverständlich auch aus der Ukraine. Beraten werden alle. Ausgenommen sind Menschen, die nicht aus Fluchtnationen stammen, wie z.B. Bürger*innen der Europäischen Union.
Im Mittelpunkt der Beratungen stehen vor allem rechtliche und soziale Probleme, mit denen Flüchtlinge zu kämpfen haben: Von der Prüfung von Bescheiden des Bundesamtes für Migration und ihrer sozialen Leistungen, über die Aufarbeitung der Fluchtgeschichten bis zur Planung der nächsten Schritte der Schul-, Ausbildungs- und Berufskarriere, die im Zusammenhang mit dem Aufenthaltsrecht möglich ist. Hinzu kommen zum Beispiel die Planungen von Familienzusammenführungen aus dem Ausland, aber auch Hilfen bei der Beschaffung von ausländischen Dokumenten oder Pässen und beim Ausfüllen von Anträgen sowie die Erstellung von Einsprüchen und Klagen bei Ämtern und Gerichten.
Die Berater*innen stehen zusammen mit Geflüchteten in engen Kontakt mit deutschen oder ausländischen Ämtern, wie zum Beispiel der Ausländerbehörde und dem Jobcenter, aber auch mit Botschaften, Schulen, sozialen Einrichtungen, politischen Gremien, Anwält*innen, Richter*innen, Arbeitgeber*innen und vielen, vielen Ehrenamtlichen Helfer*innen. So vielfältig wie die Aufgaben der Berater*innen für und mit Geflüchteten sind, so vielfältig müssen auch deren Kenntnisse sein. In der Regel sprechen die Berater*innen neben Deutsch auch Englisch und Französisch – es können aber auch Dolmetscher*innen für andere Sprachen hinzugezogen werden. Und sie müssen im Sozial- und Ausländerrecht stets auf dem neuesten Stand sein und über ein gutes Netzwerk von professionellen und freiwilligen Expert*innen verfügen. Aber wissen und Kenntnisse allein genügen nicht, gefragt ist auch ein sensibler und respektvoller Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. Das ist notwendig und sehr wichtig! Im Grunde treffen die Geflüchteten auf Berater*innen die eine Art „Mischung“ aus Sozial- und Kulturexpert*innen und Rechtsberater*innen darstellen. Und genau wie Anwält*innen besitzen die Berater*innen die sogenannte „Rechtsauskunftsfähigkeit“.
Die Regionale Beratung kann von allen erwachsenen Geflüchteten aufgesucht werden. Minderjährige werden durch eine besonders ausgebildete Beratung betreut, die sich ebenfalls an diesem Standort befindet. Eine weitere Regionale Flüchtlingsberatung betreibt im Auftrag des Ministeriums die Caritas. Diese befindet sich bei Station 26 in der Höingstraße.

Ansprechperson:
Michael Koch
Telefon: 02303 9599043
mobil: +49 176 12805042
fluechtlingsberatung@werkstatt-im-kreis-unna.de

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