Spaziergang 1: Route historischer Migration

Tour Nordring 26A, 59423 Unna, DE

Eine Tour durch Unna zu Stationen mit historischem Bezug zum Themrn Flucht und Migration

Autor: Werkstatt im Kreis Unna

Fluchtwege Unna

Fluchtwege Unna

Wir erzählen Migrationsgeschichten und Fluchtwege der Stadt Unna

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16 Stationen

Nr. 4 Makedonischer Kulturverein, Makedonski Klub „Makedonija“ e. V.

Krautstraße 3A, 59425 Unna, DE

Nr. 6 Erstaufnahmeeinrichtung des Landes NRW

Lippestraße 37, 59427 Unna, DE

»…ist das riesig!«
Elena erzählt Euch ihre Geschichte

Elena Bybotschkin reiste in den 1990er Jahren mit ihren Eltern als Kind aus der russischen Provinz nach Deutschland. Als sogenannte »Russlanddeutsche« war ihre erste Station das »Lager« in Unna-Massen, wo sie mit drei Koffer anka-men.
Elenas ersten Erfahrungen in Deutschland waren unge-wohnt, fremd und auch, wie sie sagt: »…für mich sehr angst-einflößend.« Vieles war beeindruckend und selbst ein Ein-kaufszentrum hinterlässt einen besonderen Eindruck: »Wo ich so davorstand und gedacht habe, boah, ist das riesig.« Elena kann viele schon zuvor ausgewanderte Verwandte in die Arme schließen – das scheint für sie ein wichtiger Anker in Deutschland gewesen zu sein – neben ihren Eltern selbst-verständlich, die ihr ein besseres Leben ermöglichen wollten. Ihr Vater sprach Klartext: »… Deutsch ist Zugang zur Gesell-schaft, lernt was, haut rein, hier könnt ihr, habt ihr supervie-le Chancen, was zu werden.«
Kein einfacher Weg für die ehemalige »Einser-Schülerin« aus Russland, die nun in der Schule ganz von Vorne anfangen muss und sich manchmal lieber unsichtbar machte: »Ich bin schon häufig aus der Klasse weggerannt die erste Zeit. Die mussten mich dann schonmal fleißig alle suchen. Da habe ich mich versteckt.« Aber Elena schaffte die Hürden von Sprache und Schule, trotz einer Behinderung. Nach einer Berufsaus-bildung lebt und arbeitet sie als Therapeutin in Unna. Und sie mag die Stadt gerne.
Ob sie nach Russland zurückkehren würde? Ja, für eine Reise vielleicht – auch um ihre Muttersprache wieder zu sprechen und auf den neusten Stand zu bringen. Aber für mehr oder längere Zeit wohl doch nicht. Hier haben sich E-lenas Ansichten und Ansprüche was Freiheit und Demokratie angeht geändert: »Ich möchte da nicht hin, weil die Werte die ich jetzt vertrete, passen einfach nicht mit denen über-ein, die da gewünscht sind.«

Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen: https://www.fluchtwege-unna.de/interview-sp%C3%A4daussiedlerin-russland

Nr. 9 Firma Dröge und Koch (Metallbau)

Oberer Kohlenweg 15, 59425 Unna, DE

Nr. 10 Wohnplatz für „Wandergesellen“ (heuet Standesamt)

Klosterstraße 12, 59423 Unna, DE

Nr. 13 Der Westfälische Hellweg

Gerhart-Hauptmann-Straße 29, 59423 Unna, DE

Diese Station an der Ecke Gerhart-Hauptmann-Straße und Klosterstraße erzählt eine Geschichte, die mit den ersten „Fremden“ in der Stadt Unna zu tun hat. Die Geschichte geht weit in die Vergangenheit zurück.
Früher hatte die Gerhart-Hauptmann-Straße einen ganz anderen Namen: Schon seit 1525 ist sie als „Königsstraße“ überliefert. Weil hier ein König wohnte oder ein Gut besaß? Keineswegs. Da dieser Name sehr alt ist und ins Mittelalter zurückführt, bezeichnet sie – auf Latein – eine „via regis“, also eine Straße, auf dem Könige unterwegs waren. Und die einzige „via regis“ in Westfalen ist: der Hellweg! Übrigens haben nicht alle Königsstraßen in dieser Gegend diesen historischen Hintergrund. Die meisten Straßen haben diese Namen erst im 19. Jahrhundert bekommen – als Huldigung an den preußischen König, der sich Westfalen nach der „Franzosenzeit“ in seinen Herrschaftsbereich einverleibte.
Unna liegt am einer kurzen Abzweigung des Westfälischen Hellwegs, eines alten, vielleicht schon in vorgeschichtliche Zeit zu datierender Fernstraße. Diese verband den von den Römern angelegten Rheinhafen, die Militärläger und Siedlungen bei Duisburg mit einem Weserübergang bei Höxter-Corvey. Dort fächert der Hellweg in weitere Straßen Richtung Osten aus. Der Weg führt südlich der Lippe und nördlich der Höhenzüge von Ardey und Haarstrang entlang. Er war daher nicht zu sumpfig und nicht zu steinig und zu steil – also gut zu Fuß oder mit einfachen Karren zu bewältigen. Die moderne Bundestraße 1 (B1) liegt in vielen Teilen direkt auf der alten Straße. An Stellen, die nicht durch die spätere preußische Chaussee und die B1 gestört wurden, können noch heute Abschnitte des breiten Hohlweges oder an wichtigen früheren Wegekreuzung sogar Reste von Pflasterung ausgemacht werden.

Möglicherweise nutzten schon die Römischen Legionen den Hellweg als Militärstraße. Auf jeden Fall marschierten hier die fränkischen Heere vor mehr als 1.200 Jahren. Das fränkische Volk wie das sächsische gehörte zwar zu den German*innen, allerdings waren diese heutigen ethnischen Vereinfachungen und Zugehörigkeiten den sächsischen Siedler*innen, die in wenigen Gehöften in und um Unna wohnten ziemlich gleichgültig. Für sie waren die fränkischen Soldaten Eroberer, angsteinflößende Fremde. Sie kleideten sich ganz anders, sprachen eine unverständliche Sprache und vor allem: Sie glaubten an einen eigenartigen Gott – einen dünnen Mann, der tot an einem Kreuz hing und Jesus hieß – während sie doch schon immer starke und würdevolle Götter wie Wodan, Donar oder Freya verehrten.
Heere unter Karl dem Großen zogen über den Hellweg in und durch das Sachsengebiet und eroberten es. Ihnen folgten erneut seltsame Menschen, die gleich mehrere unverständliche Sprachen sprachen: christliche Missionare. In Unna bauten sie wohl ein kleine Holzkirche, ließen sich mit einigen anderen Siedler*innen nieder. Um sie zum Christentum zu bekehren? Ja, auch das. Aber die Menschen hier hatten attraktive Fertigkeiten – und auch Produkte: Salz zum Beispiel! Auch manche Einheimische siedelten nun an diesem Ort. So entstand ein ganz kleines Städtchen am Hellweg.

Der Hellweg hatte spätesten jetzt in der Zeit des Mittelalter zwei wichtige Funktionen: Erstens war er nun eine Verbindungsstraße zwischen zwei der wichtigsten königlichen Pfalzen: Nämlich Aachen im Westen und Paderborn im Osten. Die Könige reisten mit ihrem Gefolge und Heeren über den Hellweg zu diesen Pfalzstädten, daher auch „via regis“. So etwas wie eine Hauptstadt gab es damals nicht und so nannte man die Könige auch „Reisekönige“. Zuletzt war es König Karl IV., der 1377 auf dem Ostenhellweg in Dortmund einzog, geleitet von 200 Reitern, die ihm bis Unna, wo er Station machte, auf dem Hellweg entgegengeritten waren.
Zweitens konnten nun die großen und kleinen Städte am Hellweg zu Stationen eines reichen überregionalen Handels werden. Händerl*innen zogen nun durch die Stadt und machten Halt. Es wurde das in hiesigen Salinen erzeugte Salz gehandelt, aber auch Stoffe aus Flandern, Bernstein aus dem Baltikum und zum Beispiel Zinn. Damals ein ungemein teures Metall, denn es wurde zur Herstellung der wichtigen Bronze benötigt. Händler*innen zeigten die neueste Kleidermoden aus fernen Ländern, brachten Produkte mit, die bislang unbekannt waren. Fremde repräsentierten nun die spannenden Dinge und Ideen der weiten Welt. Ihre Geschichten, wenn man sie verstand, waren aufregend. Und aufregend war besonders der Profit, wenn man mit ihnen ins Handeln kam. Gute Geschäfte können feste Brücken bauen! Auch die Bürger*innen von Unna profitierten vom „kleinen“ Handel mit den Nachbarstädten wie Dortmund, Werl und Soest. Auf dem immer besser ausgebauten Hellweg brauchen die Menschen statt früher einen ganzen Tag nun nur noch sechs oder acht Stunden „Reisezeit“. So rückt die Welt näher zusammen. In der Zeit der Hanse ungemein wichtig.

Aber auch Pilger*innen nutzten den Hellweg. So manche übernachteten in einer Herberge in Unna und beteten in der Stadtkirche, um dann weiterzuziehen. Vielleicht nach Werl im Osten zum Marienbildnis (seit 1661) oder Richtung Westen nach Köln zum Dreikönigsschrein. Und hin und wieder waren auch Pilger*innen darunter, die eigenartige Muscheln umgehängt hatten und von einem fernen Santiago in Spanien sprachen oder sogar von Rom oder vom Heilgen Land.

Wir sehen an dieser Statioen sehr deutlich: Ohne Fremde Menschen gäbe es Unna gar nicht. Als Eroberer, als Händler*innen, Pilger*innen oder einfach als Reisende haben sie diese Stadt erst zu einer Stadt gemacht.

Übrigens: Warum der Hellweg eben „Hellweg“ heißt ist bis heute umstritten. Es gibt einige Deutungsversuche. Zum einen könnte das „Hell“ mit dem Wort „Hall“ zu tun haben, was modern mit „Salz“ übersetzt wird, das hier gewonnen und transportiert wurde. Möglich auch, das tatsächlich „hell“ gemeint ist im gegesatz zu „dunkel“. Der Hellweg war also ein breiter, gut ausgebauter, eben „heller“ Weg – im Gegensatz zu den sonst eher üblichen, schmalen und „dunklen“ Waldwegen. Auch Erklärungsversuche, den Weg mit der Altgermanischen Totengöttin „Hel“ in Verbindung bringen gibt es. Was wirklich stimmt mag – das bleibt verborgen im Dunkel der Geschichte.

Nr. 11 Stadtkirche

Kirchplatz 1, 59423 Unna, DE

Nr. 12 Ehem. Synagoge, ehem. jüdische Metzgerei und Wohnplatz

Klosterstraße 45, 59423 Unna, DE

Erzwungene Migration von jüdischen Familien

Jüdische Menschen waren oft betroffen von Ausweisungen aus ihren Wohnorten. Sie mussten dann erzwungenermaßen in eine andere Stadt ausweichen oder in ein anderes Land auswandern. Besonders in Zeiten sozialer oder wirtschaftlicher Probleme wurden sie als »Sündenböcke« verantwortlich gemacht für alles Erdenkliche und konnten ausgewiesen werden. Jüdische Menschen wurden diskriminiert mit Horrormärchen als »Ungläubige« und »Christusschlächter«, die betrügen, »Brunnen vergiften« oder »Ritualmorde« an Christen*innen begehen würden.
Die Ausweisepraxis gegenüber jüdischen Menschen ist deswegen gut bekannt, weil sich aus den letzten Jahrhunderten viele sogenannter »Schutzbriefe« erhalten haben, die sie genau davor bewahren sollte. Schutzbriefe wurden von den Landesherren oder Stadträten jüdischen Familien und in Einzelfällen auch der ganzen jüdischen Gemeinde ausgestellt, um diese vor nicht seltenen »wilden« Ausweisungen zu bewahren, die oft genug von den »normalen Bürger*innen« betrieben wurden.
Einige wenige Exemplare solcher Schutzbriefe stammen auch aus Westfalen. Für Unna und für Deutschland fast einmalig ist ein sehr früher Schutzbrief aus dem hohen Mittelalter (von 1336) erhalten, der dem »Juden Samuel« bzw. seiner Familie durch Landesherrn Graf Adolf von der Mark ausgestellt wurde. Im Folgenden ist der Wortlaut in heute verständlichem Deutsch wiedergegeben:
»Graf Adolf von der Mark grüßt alle, die diesen Brief sehen und von ihm hören, mit Aufrichtigkeit. Wir geben durch diesen Brief rechtskräftig bekannt, daß wir das Ehepaar Samuel und Soeta, Juden, mit seinen Kindern und seiner Familie in unseren Schutz und unser Recht aufnehmen, entweder in unserer Stadt Unna oder sonstwo in unserem Land, wo sie selbst es für nützlich halten, von nun an während der nächsten acht Jahre, und daß wir sie in allen Rechten und Freiheiten halten und fördern wollen, welche die Juden in unserem Lande genießen, für die Ausübung dieses Rechtes und Schutzes sollen die genannten Juden für die Zeit eines einzelnen Jahres zum Fest des seligen Martinus sechs Schillinge uns und niemandem sonst bezahlen, sonst werden wir von ihnen nichts bedeutenderes fordern oder fordern lassen. Und wenn diese Juden sich entscheiden, von uns fortzugehen, werden wir sie mit ihrem Besitz und ihrer Familie in unserem Schutz halten. Wir übergeben dem genannten Juden dieses Zeugnis zur Sicherheit als Zeichen unseres Schutzes.
Gegeben im Jahre des Herrn 1336 am Samstag nach dem Sonntag, an dem das Quasi modo des Schöpfers gesungen wird.«
Ob der Schutzbrief für Samuel tatsächlich genutzt werden musste? Wir wissen es heute nicht mehr. Wir wissen auch nicht, ob Samuel und seine Familie aus einer anderen Stadt in Westfalen, vielleicht aus Dortmund, nach Unna zugewandert war. Vielleicht wohnte er im Zentrum irgendwo im Bereich von Klosterwall, Klosterstraße und Gerhart-Hauptmann-Straße, wo in späterer Zeit jüdische Familien und Geschäfte und zeitweilig die Synagoge ansässig war. Das ist durchaus denkbar. Ein jüdisches Ghetto, wie z.B. in Frankfurt, gab es jedenfalls in Unna nicht. Dafür war die Stadt zu klein.

Nr. 14 Erste "Fremde" in Unna

Uelzener Weg 46, 59425 Unna, DE

Nr. 17 Stadtmauer und Stadttor

Gürtelstraße 11, 59423 Unna, DE

Nr. 20 Marktplatz

Markt 1, 59423 Unna, DE

Nr. 24 Zwangsarbeiter*innen - Stellvertretender Ort für Industriebetriebe in Unn

Hellweg 31-33, 59423 Unna, DE

Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

Der zweite Beitrag an dieser Station widmet sich der Zwangsarbeit im deutschen Faschismus über die Grenzen Unnas hinaus. Dies mag an dieser Stelle wichtig sein, um sich die Dimension eines der schlimmsten Kapitel von kalkulierter Zwangsmigration der Menschheitsgeschichte, von millionenfacher Ausbeutung, von Leid und Tod, besser vorstellen zu können.
Zwischen 1939 und 1945 kamen viele Millionen Menschen mit ausländischer Herkunft in das faschistische Deutschland. Die Eroberungen der Wehrmacht waren auch eine „Eroberung“ von Menschen, Zivilist*innen und Kriegsgefangene, die aus den besetzten Ländern und Regionen ins Reichsgebiet deportiert wurden. Insgesamt waren es in diesem Kriegszeitraum etwa 14 Millionen! Zum „Stichtag“ 31. August 1944 waren es allein knapp 8 Millionen registrierte Kriegs- und KZ-Gefangene ausländischer Herkunft sowie zivile Sklavenarbeiter*innen. Die deutliche Diskrepanz der Gesamtzahlen im Krieg mit diesem Stichtag erklärt sich auf grausame Weise. Wurden die nicht mehr arbeitsfähigen Zwangsarbeiter*innen in ihre Heimatländer zurückgeschickt? Ja, das kam schon vor. Bei zivilen Kräften aus einigen westeuropäischen Staaten zum Beispiel gab es einen gewissen „Austausch“. Aber der Grund ist ein anderer: Vor allem die in den Reichsgrenzen befindlichen rund 2 Millionen sowjetische Kriegsgefangenen sowie die KZ-Gefangenen mussten sich im Sinne des Wortes „zu Tode arbeiten“. Sie bekamen nur unzureichend zu Essen und praktisch keine medizinische Versorgung. Sie verhungerten oder starben vorzeitig an Krankheiten, gegen die ihre ausgezehrten Körper nichts mehr entgegenzusetzen hatten – „Vernichtung durch Arbeit“ hieß das im Nazi-Jargon.
Der Anteil der zur Zwangsarbeit gepressten Menschen machte bis zu 30 Prozent der gesamten Arbeitsbevölkerung in Deutschland aus. In der Landwirtschaft war der Anteil sogar noch höher (hier waren etwa die Hälfte Mädchen und Frauen) als in der Industrie. Seit der Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert hatte es so etwas nicht mehr gegeben und dies bleibt bis heute weltweit einzigartig. Ohne diese Zwangsarbeit wären die Landwirtschafts- und Industrieproduktion und damit auch die gesamte Kriegswirtschaft der Nazis völlig zusammengebrochen. Sie ersetzten die Millionen gefallenen oder an der Front befindlichen deutschen Soldaten an ihren früheren Arbeitsplätzen und im weiteren Kriegsverlauf auch die die durch den Bombenkrieg getötete oder nicht mehr arbeitsfähige deutsche Zivilbevölkerung. Ein grausames Kalkül der NS-Politik.
An dieser Stelle muss jedoch das Kapitel der Zwangsarbeit noch einmal deutlich erweitert werden. Bislang ging es nämlich um die Deportation von Menschen ins das ehemalige deutsche Reichsgebiet. Die gesamte Zahl durch Zwangsarbeit entwurzelter Menschen ist aber weitaus höher! Es geht um weitere Millionen Menschen, die unter der Naziherrschaft von einem Land in ein anderes geschafft oder innerhalb ihres Heimatlandes verschleppt wurden. Allein über 22 Millionen gefangener Sowjets wurden innerhalb der eroberten Gebiete zur Zwangsarbeit deportiert und oder nach Polen, Rumänien oder ins Baltikum verschafft. Die meisten von ihnen überlebten die Torturen der Zwangsarbeit nicht.
Insgesamt war Nazideutschland verantwortlich für mindesten 45 Millionen Menschen, die für die Zwecke der Zwangsarbeit umgesiedelt oder deportiert wurden.
Mit der Befreiung von der Nazidiktatur im Mai 1945 hatte die Zwangsarbeit ein Ende. Das Leid der befreiten Überlebenden allerdings nicht. Viele blieben lebenslang traumatisiert und auch körperlich gezeichnet. Und mehr noch: Viele ehemaliger Zwangsarbeiter*innen hatten keine Heimat mehr. Ihre Städte waren zerstört, Länder verwüstet, die Familie umgekommen. Und etliche hatten keine Dokumente mehr, die ihre Staatszugehörigkeit hätte klären können. In die nun von den Sowjets kontrollierten Staaten wollten viele Zwangsarbeiter*innen auch oft nicht zurück. Zehntausende lebten für Monate und manchmal Jahre als „DP’s“ (Displaces Persons) eher widerwillig versorgt von den ehemaligen Siegermächten in den gleichen Lagern, in denen sie zuvor durch die Nazis eingesperrt worden waren. Um dieser Kasernierung zu umgehen zogen manche von Staat zu Staat durch Europa auf der Suche nach einem neuen Heim, nach Arbeit und Frieden. Besonders den überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen traf ein furchtbares Schicksal. Nach dem Jalta-Abkommen mussten diese wieder an die Sowjetunion übergeben werden – und dort wurden die meisten als »Kollaborateure« diskriminiert. Stalin deportierte sie ein weiteres Mal, nun in sibirische Lager, um sie durch erneute Zwangsarbeit eine vermeintliche „Schuld“ abarbeiten zu lassen. Die Mehrheit überlebte diese Tortur nicht.
Dieses Kapitel der Zwangsarbeit bis 1945 ist in Deutschland ist erst spät „aufgearbeitet“ worden. Vor allem Ehrenamtliche, Schulen, teilweise auch die Kirchen engagierten sich hier ab den 1980er Jahren und forschten nach, was vor Ort in den Kommunen und Unternehmen in der NS-Zeit geschah. In nicht wenigen Fällen gegen den Widerstand von Vertreter*innen der Lokalpolitik und von Wirtschaftsunternehmen. Der Grund liegt eigentlich auf der Hand: Niemand wollte Verantwortung übernehmen und seine eigene Schuld bekommen – stattdessen verwies man darauf, dass die Nazis dies ja alles „befohlen“ hätten und sie selbst ja in Wirklichkeit eher Nazigegner gewesen seien und Zwangsarbeiter*innen geholfen hätten. Nun, dies stimmt gelegentlich – in der Regel aber eben nicht. Vielmehr waren es in vielen Fällen die Industriebetriebe selbst, die Zwangsarbeiter*innen bei den Nazi-Behörden oder SS direkt anforderten. Und zwar oft mehr, als ihnen zustand. Betriebe bereicherten sich an der Zwangsarbeit. In großem Maßstab! Sie selbst waren verantwortlich für die unmenschlichen Lebensbedingungen in der Zwangsarbeit, für zu geringe Essensrationen, unterschlagene „Löhne“, rigide Strafen und vieles mehr.
Gab es nie eine Wiedergutmachung gegenüber den Opfern der Zwangsarbeit? Um es klar zu sagen: Seitens der Bundesrepublik durchaus – seitens der deutschen Wirtschaft: wenig bis kaum. Und wenn, dann gab es dazu einen besonderen Anlass. Und dieser hatte wenig mit freiwilliger Wiedergutmachung zu tun. Vielmehr hatten die Alliierten angeordnet, dass deutsche Handels- und Industrieunternehmen als ehemalige „Verbündete Hitlers“ keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang auf dem Weltmarkt haben dürften. Um dieses Verbot aufzuheben verhandelten einige Unternehmen mehr oder weniger geheim mit den USA und ausgewählten Opfervertreter*innen vergleichsweise lächerlichen Summen aus, mit denen sie sich dann „freikauften“. So konnten sie mit Milliardengeschäften als Global Player wieder „mitspielen“. Personen und Firmennamen, die auch für Unna hier eine Rolle gespielt haben, müssen aus rechtlichen Gründen hier entfallen.

Nr. 29 Ostdeutsche Heimatstuben, Ausstellung/Treffpunkt

Massener Hellweg 12, 59427 Unna, DE

Nr. 30 Saline Königsborn (heute Mühle)

Friedrich-Ebert-Straße 97, 59425 Unna, DE

Nr. 33 Bahnhof Unna

Bahnhofstraße 74, 59423 Unna, DE

Nr. 34 Ehemalige Kaserne

Am Südfriedhof 29, 59423 Unna, DE

Nr. 35 Philia Deutsch-Griechischer Verein Unna e.V.

Massener Straße 14, 59423 Unna, DE

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