Spaziergang 3: Innenstadtroute

Tour Nordring 26A, 59423 Unna, DE

Eine Tour durch die Innenstadt von Unna zu Orten mit Bezug zum Thema Flucht und Migration

Autor: Werkstatt im Kreis Unna

Fluchtwege Unna

Fluchtwege Unna

Wir erzählen Migrationsgeschichten und Fluchtwege der Stadt Unna

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22 Stationen

Nr. 36 Regionale Flüchtlingsberatung im Kreis Unna

Gerhart-Hauptmann-Straße 29, 59423 Unna, DE

Die regionale Flüchtlingsberatung ist zuständig für alle Minderjährigen und Erwachsenen, die in den letzten Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland bzw. nach NRW gekommen sind und eine Duldung, Aufenthaltsgestattung, einen Aufenthaltstitel besitzen. Angesprochen sind auch alle Flüchtlinge aus sog. "sicheren Herkunftsstaaten". Die zu beratenden Flüchtlinge sollten im Kreis Unna wohnen bzw. untergebracht sein.
Wenn Sie als ehrenamtliche Helfer*innen, als Mitglied eines Vereins, als Lehrer*innen, als Mitarbeiter*innen einer Hilfeeinrichtung oder der Verwaltung Fragen zu Flüchtlingsaspekten haben, können Sie sich mit Ihren Anliegen an die Regionale Flüchtlingsberatung wenden.
Die Beratungsstelle berät und unterstützt direkt und als Mittlerin in allen sozialen Aspekten berührenden Themen und Vorgängen für Flüchtlinge und deren Familien. Des Weiteren unterstützt und initiiert die Beratung Projekte zu migrationsrelevanten Themen, berät Mitarbeiter*innen von Flüchtlingseinrichtungen und fördert den Erfahrungsaustausch auf lokaler und regionaler Ebene aller mit der Zielgruppe betrauten Einrichtungen.
Die Beratung erfolgt in deutscher und/oder englischer Sprache. Nach Bedarf können Dolmetscher*innen einbezogen werden
Ansprechperson:
Michael Koch
Telefon: 02303 9599043
mobil: +49 176 12805042
fluechtlingsberatung@werkstatt-im-kreis-unna.de

Nr. 28 Asylverfahrensberatung unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Gerhart-Hauptmann-Straße 29, 59423 Unna, DE

An dieser Stelle muss mit einem Gerücht aufgeräumt werden. Immer wieder wird behauptet, dass viele Minderjährige, vor allem männliche Jugendliche, nach Deutschland geschickt werden, um von hier aus ihre Familie „nachzuholen“. Und mehr noch: Überdies seien minderjährige Unbegleitete auch für den deutschen Staat besonders teuer. So wird behauptet, dass ein einzelner minderjähriger Flüchtling in einer Betreuungseinrichtung „den Steuerzahler“ 100.000 Euro und mehr pro Jahr kosten würde.
Stimmt das? Nun, checken wir dazu die Fakten: Im Jahr 2015, zur Hochzeit der Flucht aus Syrien, Irak und Afghanistan kamen rund 95.000 unbegleitete Minderjährige – allerdings nach ganz Europa! Nach Deutschland kamen 14.000. Zum Vergleich: Das viel kleinere Schweden nahm 2015 über 35.000 von ihnen auf. Und noch ein Vergleich: Die meisten der minderjährigen Geflüchteten, nämlich über 90 Prozent, kamen und kommen in Begleitung ihrer Eltern oder eines Elternteils – sind also nicht gar nicht unbegleitet. Insgesamt nimmt die Anzahl der in Obhut genommenen jungen Geflüchteten in Deutschland seit 2015 aber kontinuierlich ab. 2019 waren es noch ca. 8.500, 2020 etwa 7.500, Tendenz weiter fallend.
Nur wenige Minderjährige können überdies von ihrem Recht Gebrauch machen, ein Elternteil und weitere Familienangehörige aus dem Herkunftsland nachziehen zu lassen. Bis Minderjährige ihre eigene Asylanerkennung bekommen, weitere Anträge gestellt und andere Vorbereitungen getroffen werden, vergehen Monate und oft Jahre. Zudem sind die gesetzlichen Voraussetzungen sehr streng und die Kosten für eine Familienzusammenführung, die die Betroffenen selbst aufbringen müssen, viel zu hoch, sodass überhaupt nur sehr wenige Väter oder Mütter aus den Heimatländern nach Deutschland reisen dürfen.
Es ist indes Richtig, dass fast 90 Prozent der in Obhut genommenen jungen Geflüchteten männlich sind. Warum? Dafür gibt es einen wesentlichen Grund: Die Mehrheit der geflüchteten Minderjährigen kam und kommt aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern wie Syrien, dem Irak, Afghanistan und Somalia. Dort werden junge Männer regelmäßig zum Kriegsdienst in eine Armee, Miliz, Rebellen- oder Terrortruppe gepresst. Wir müssen uns das so vorstellen: In Syrien beispielsweise kam an einem Tag die syrische Armee in die Wohnhäuser oder Schulen und verlangten die „Herausgabe“ der jungen Männer. Am nächsten Tag war es die al-Nusra-Front, am übernächsten der IS. Wollten die Familien ihre Söhne nicht ausliefern, mussten sie ein Lösegeld bezahlen. Immer und immer wieder. Wer kann es also den jungen Männern verdenken, lieber zu flüchten, als in einem mörderischen Bürgerkrieg für irgendeine der Parteien zu töten und getötet zu werden? Wer kann es den Eltern verdenken ihre Kinder zu schützen und außer Landes in Sicherheit zu bringen?
Zu den Kosten: Ein Platz in einer Jugendhilfeeinrichtung kostet zwischen 2.000 und 4.000 Euro im Monat, je nach Art und Intensität der Betreuung. Und einen Kostenunterschied zwischen geflüchteten und anderen Minderjährigen gibt es nicht. Allen steht das Gleiche zu. Das ist gesetzlich klar geregelt.

Nr. 26 Flüchtlingsberatung des Caritasverband für den Kreis Unna

Höingstraße 5-7, 59425 Unna, DE

In der sozialen Beratung von Geflüchteten wird Menschen ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus geholfen.
Das Angebot umfasst vor allem folgende Hilfen:
- Klärung der individuellen Bedingungen und Fähigkeiten
- Beratung im Integrationsprozess / Klärung von Ansprüchen auf staatliche Hilfen
- Vermittlung zu Sprachkursen
- Begleitung von Initiativen von und für Flüchtlinge
- Vernetzung von Diensten
- Arbeit mit Ehrenamtlichen
- Unterstützung von Selbstorganisationen
- gemeinwesenorientierter Projektarbeit
Mehr Infos: https://www.caritas-unna.de/migration/temporaere-integration/temporaere-integration

Nr. 1 Stadt Unna Rathaus (Integrationsbeauftragter)

Rathausplatz 1, 59423 Unna, DE

Der Integrationsbeauftragte der Stadt Unna:
»Es gibt nicht nur einen Klimawandel, auch der Wandel in einer Gesellschaft vollzieht sich permanent…«!

Cengiz Tekin erklärt die Aufgaben eines/einer kommunalen Integrationsbeauftragten und spricht über seine Tätigkeit und Erfahrungen in Unna

Integrationsbeauftragte gibt es auf Bundes- Landes- oder Kommunalebene in Deutschland. Früher (seit 1978 bereits auf Bundesebene) hießen sie »Ausländerbeauftragte«. Das Amt des oder der Integrationsbeauftragten für den Bund ist im Aufent-haltsgesetz festgelegt, für die Integrationsbeauftragten der Länder und Kommunen gelten entsprechende Gesetze.
Als Integrationsbeauftragte/r wird man nicht gewählt, son-dern durch Politik und Verwaltung »bestellt« – oder anders ausgedrückt: Bund, Land und Kommunen können eine Person des Vertrauens, die sich mit entsprechenden Qualifikationen und Qualitäten für dieses Amt bewirbt, als Angestellte einstel-len.
In der Stadt Unna gibt es die Stelle als Integrationsbeauftragte/r seit 2017. Cengiz Tekin, der selbst eine Migrationsge-schichte hat, ist der erste Migrationsbeauftragte der Stadt und in dieser Funktion seitdem »im Amt«.
Allgemein haben Integrationsbeauftragte die Aufgabe, sich um die Belange von zugewanderten Menschen zu kümmern. Gemeint sind nicht nur Geflüchtete, sondern auch Zugewan-derte aus EU-Staaten und anderen Ländern, ganz gleich aus welchen Gründen (Arbeit, Ausbildung, Familie usf.) sie einge-wandert sind. Im Vordergrund steht ihre gesellschaftliche Teilhabe.
Cengiz Tekin erläutert seine Aufgaben und erzählt von seiner Arbeit vor Ort.

Nr. 2 Stadt Unna Rathaus (Integrationsrat)

Rathausplatz 1, 59423 Unna, DE

Nr. 27 Café Weltoffen/Initiative Ehrenamt

Gerhart-Hauptmann-Straße 12, 59423 Unna, DE

Nr. 19 Berufskolleg der Werkstatt im Kreis Unna

Nordring, 59423 Unna, DE

Nr. 13 Der Westfälische Hellweg

Gerhart-Hauptmann-Straße 29, 59423 Unna, DE

Diese Station an der Ecke Gerhart-Hauptmann-Straße und Klosterstraße erzählt eine Geschichte, die mit den ersten „Fremden“ in der Stadt Unna zu tun hat. Die Geschichte geht weit in die Vergangenheit zurück.
Früher hatte die Gerhart-Hauptmann-Straße einen ganz anderen Namen: Schon seit 1525 ist sie als „Königsstraße“ überliefert. Weil hier ein König wohnte oder ein Gut besaß? Keineswegs. Da dieser Name sehr alt ist und ins Mittelalter zurückführt, bezeichnet sie – auf Latein – eine „via regis“, also eine Straße, auf dem Könige unterwegs waren. Und die einzige „via regis“ in Westfalen ist: der Hellweg! Übrigens haben nicht alle Königsstraßen in dieser Gegend diesen historischen Hintergrund. Die meisten Straßen haben diese Namen erst im 19. Jahrhundert bekommen – als Huldigung an den preußischen König, der sich Westfalen nach der „Franzosenzeit“ in seinen Herrschaftsbereich einverleibte.
Unna liegt am einer kurzen Abzweigung des Westfälischen Hellwegs, eines alten, vielleicht schon in vorgeschichtliche Zeit zu datierender Fernstraße. Diese verband den von den Römern angelegten Rheinhafen, die Militärläger und Siedlungen bei Duisburg mit einem Weserübergang bei Höxter-Corvey. Dort fächert der Hellweg in weitere Straßen Richtung Osten aus. Der Weg führt südlich der Lippe und nördlich der Höhenzüge von Ardey und Haarstrang entlang. Er war daher nicht zu sumpfig und nicht zu steinig und zu steil – also gut zu Fuß oder mit einfachen Karren zu bewältigen. Die moderne Bundestraße 1 (B1) liegt in vielen Teilen direkt auf der alten Straße. An Stellen, die nicht durch die spätere preußische Chaussee und die B1 gestört wurden, können noch heute Abschnitte des breiten Hohlweges oder an wichtigen früheren Wegekreuzung sogar Reste von Pflasterung ausgemacht werden.

Möglicherweise nutzten schon die Römischen Legionen den Hellweg als Militärstraße. Auf jeden Fall marschierten hier die fränkischen Heere vor mehr als 1.200 Jahren. Das fränkische Volk wie das sächsische gehörte zwar zu den German*innen, allerdings waren diese heutigen ethnischen Vereinfachungen und Zugehörigkeiten den sächsischen Siedler*innen, die in wenigen Gehöften in und um Unna wohnten ziemlich gleichgültig. Für sie waren die fränkischen Soldaten Eroberer, angsteinflößende Fremde. Sie kleideten sich ganz anders, sprachen eine unverständliche Sprache und vor allem: Sie glaubten an einen eigenartigen Gott – einen dünnen Mann, der tot an einem Kreuz hing und Jesus hieß – während sie doch schon immer starke und würdevolle Götter wie Wodan, Donar oder Freya verehrten.
Heere unter Karl dem Großen zogen über den Hellweg in und durch das Sachsengebiet und eroberten es. Ihnen folgten erneut seltsame Menschen, die gleich mehrere unverständliche Sprachen sprachen: christliche Missionare. In Unna bauten sie wohl ein kleine Holzkirche, ließen sich mit einigen anderen Siedler*innen nieder. Um sie zum Christentum zu bekehren? Ja, auch das. Aber die Menschen hier hatten attraktive Fertigkeiten – und auch Produkte: Salz zum Beispiel! Auch manche Einheimische siedelten nun an diesem Ort. So entstand ein ganz kleines Städtchen am Hellweg.

Der Hellweg hatte spätesten jetzt in der Zeit des Mittelalter zwei wichtige Funktionen: Erstens war er nun eine Verbindungsstraße zwischen zwei der wichtigsten königlichen Pfalzen: Nämlich Aachen im Westen und Paderborn im Osten. Die Könige reisten mit ihrem Gefolge und Heeren über den Hellweg zu diesen Pfalzstädten, daher auch „via regis“. So etwas wie eine Hauptstadt gab es damals nicht und so nannte man die Könige auch „Reisekönige“. Zuletzt war es König Karl IV., der 1377 auf dem Ostenhellweg in Dortmund einzog, geleitet von 200 Reitern, die ihm bis Unna, wo er Station machte, auf dem Hellweg entgegengeritten waren.
Zweitens konnten nun die großen und kleinen Städte am Hellweg zu Stationen eines reichen überregionalen Handels werden. Händerl*innen zogen nun durch die Stadt und machten Halt. Es wurde das in hiesigen Salinen erzeugte Salz gehandelt, aber auch Stoffe aus Flandern, Bernstein aus dem Baltikum und zum Beispiel Zinn. Damals ein ungemein teures Metall, denn es wurde zur Herstellung der wichtigen Bronze benötigt. Händler*innen zeigten die neueste Kleidermoden aus fernen Ländern, brachten Produkte mit, die bislang unbekannt waren. Fremde repräsentierten nun die spannenden Dinge und Ideen der weiten Welt. Ihre Geschichten, wenn man sie verstand, waren aufregend. Und aufregend war besonders der Profit, wenn man mit ihnen ins Handeln kam. Gute Geschäfte können feste Brücken bauen! Auch die Bürger*innen von Unna profitierten vom „kleinen“ Handel mit den Nachbarstädten wie Dortmund, Werl und Soest. Auf dem immer besser ausgebauten Hellweg brauchen die Menschen statt früher einen ganzen Tag nun nur noch sechs oder acht Stunden „Reisezeit“. So rückt die Welt näher zusammen. In der Zeit der Hanse ungemein wichtig.

Aber auch Pilger*innen nutzten den Hellweg. So manche übernachteten in einer Herberge in Unna und beteten in der Stadtkirche, um dann weiterzuziehen. Vielleicht nach Werl im Osten zum Marienbildnis (seit 1661) oder Richtung Westen nach Köln zum Dreikönigsschrein. Und hin und wieder waren auch Pilger*innen darunter, die eigenartige Muscheln umgehängt hatten und von einem fernen Santiago in Spanien sprachen oder sogar von Rom oder vom Heilgen Land.

Wir sehen an dieser Statioen sehr deutlich: Ohne Fremde Menschen gäbe es Unna gar nicht. Als Eroberer, als Händler*innen, Pilger*innen oder einfach als Reisende haben sie diese Stadt erst zu einer Stadt gemacht.

Übrigens: Warum der Hellweg eben „Hellweg“ heißt ist bis heute umstritten. Es gibt einige Deutungsversuche. Zum einen könnte das „Hell“ mit dem Wort „Hall“ zu tun haben, was modern mit „Salz“ übersetzt wird, das hier gewonnen und transportiert wurde. Möglich auch, das tatsächlich „hell“ gemeint ist im gegesatz zu „dunkel“. Der Hellweg war also ein breiter, gut ausgebauter, eben „heller“ Weg – im Gegensatz zu den sonst eher üblichen, schmalen und „dunklen“ Waldwegen. Auch Erklärungsversuche, den Weg mit der Altgermanischen Totengöttin „Hel“ in Verbindung bringen gibt es. Was wirklich stimmt mag – das bleibt verborgen im Dunkel der Geschichte.

Nr. 5 Portugiesisches Kulturzentrum

Bornekampstraße 5, 59423 Unna, DE

Nr. 11 Stadtkirche

Kirchplatz 1, 59423 Unna, DE

Nr. 12 Ehem. Synagoge, ehem. jüdische Metzgerei und Wohnplatz

Klosterstraße 45, 59423 Unna, DE

Erzwungene Migration von jüdischen Familien

Jüdische Menschen waren oft betroffen von Ausweisungen aus ihren Wohnorten. Sie mussten dann erzwungenermaßen in eine andere Stadt ausweichen oder in ein anderes Land auswandern. Besonders in Zeiten sozialer oder wirtschaftlicher Probleme wurden sie als »Sündenböcke« verantwortlich gemacht für alles Erdenkliche und konnten ausgewiesen werden. Jüdische Menschen wurden diskriminiert mit Horrormärchen als »Ungläubige« und »Christusschlächter«, die betrügen, »Brunnen vergiften« oder »Ritualmorde« an Christen*innen begehen würden.
Die Ausweisepraxis gegenüber jüdischen Menschen ist deswegen gut bekannt, weil sich aus den letzten Jahrhunderten viele sogenannter »Schutzbriefe« erhalten haben, die sie genau davor bewahren sollte. Schutzbriefe wurden von den Landesherren oder Stadträten jüdischen Familien und in Einzelfällen auch der ganzen jüdischen Gemeinde ausgestellt, um diese vor nicht seltenen »wilden« Ausweisungen zu bewahren, die oft genug von den »normalen Bürger*innen« betrieben wurden.
Einige wenige Exemplare solcher Schutzbriefe stammen auch aus Westfalen. Für Unna und für Deutschland fast einmalig ist ein sehr früher Schutzbrief aus dem hohen Mittelalter (von 1336) erhalten, der dem »Juden Samuel« bzw. seiner Familie durch Landesherrn Graf Adolf von der Mark ausgestellt wurde. Im Folgenden ist der Wortlaut in heute verständlichem Deutsch wiedergegeben:
»Graf Adolf von der Mark grüßt alle, die diesen Brief sehen und von ihm hören, mit Aufrichtigkeit. Wir geben durch diesen Brief rechtskräftig bekannt, daß wir das Ehepaar Samuel und Soeta, Juden, mit seinen Kindern und seiner Familie in unseren Schutz und unser Recht aufnehmen, entweder in unserer Stadt Unna oder sonstwo in unserem Land, wo sie selbst es für nützlich halten, von nun an während der nächsten acht Jahre, und daß wir sie in allen Rechten und Freiheiten halten und fördern wollen, welche die Juden in unserem Lande genießen, für die Ausübung dieses Rechtes und Schutzes sollen die genannten Juden für die Zeit eines einzelnen Jahres zum Fest des seligen Martinus sechs Schillinge uns und niemandem sonst bezahlen, sonst werden wir von ihnen nichts bedeutenderes fordern oder fordern lassen. Und wenn diese Juden sich entscheiden, von uns fortzugehen, werden wir sie mit ihrem Besitz und ihrer Familie in unserem Schutz halten. Wir übergeben dem genannten Juden dieses Zeugnis zur Sicherheit als Zeichen unseres Schutzes.
Gegeben im Jahre des Herrn 1336 am Samstag nach dem Sonntag, an dem das Quasi modo des Schöpfers gesungen wird.«
Ob der Schutzbrief für Samuel tatsächlich genutzt werden musste? Wir wissen es heute nicht mehr. Wir wissen auch nicht, ob Samuel und seine Familie aus einer anderen Stadt in Westfalen, vielleicht aus Dortmund, nach Unna zugewandert war. Vielleicht wohnte er im Zentrum irgendwo im Bereich von Klosterwall, Klosterstraße und Gerhart-Hauptmann-Straße, wo in späterer Zeit jüdische Familien und Geschäfte und zeitweilig die Synagoge ansässig war. Das ist durchaus denkbar. Ein jüdisches Ghetto, wie z.B. in Frankfurt, gab es jedenfalls in Unna nicht. Dafür war die Stadt zu klein.

Nr. 17 Stadtmauer und Stadttor

Gürtelstraße 11, 59423 Unna, DE

Nr. 18 Café der Begegnung / VHS

Nordring, 59423 Unna, DE

Nr. 20 Marktplatz

Markt 1, 59423 Unna, DE

Nr. 21 Erste Eisdiele in Unna

Markt 7, 59423 Unna, DE

Nr. 22 Türkisch Islamische Gemeinde zu Unna e. V.

Höingstraße 22, 59425 Unna, DE

Nr. 23 Zentrale Wohneinrichtung für Geflüchtete

Höingstraße 24, 59425 Unna, DE

»Ich fühle mich jetzt so, dass ich neu geboren bin!«
Nazir (*) erzählt Euch seine Geschichte

Nazir Ahmad floh mit 16 Jahren Ende 2015 aus Afghanistan. Nazir ist Paschtune. Wie viele andere jungen Paschtunen auch wurde er von der Taliban gedrängt, diese zu unterstützen und ein Teil der Organisation zu werden. Nazir wollte das nicht. Mit Hilfe seines Vaters und seines Onkels verließ er Afghanistan und floh über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan nach Deutschland, wo er in München ankam.
In der weiteren »Verteilung« von Geflüchteten in Deutsch-land wurde er über Gießen in den Kreis Unna geschickt, wo er als sogenannter »umF« (unbegleiteter minderjähriger Flücht-ling) zunächst in Kamen in einer Jugendhilfeeinrichtung wohnte und betreut wurde. Später zog es ihn nach Unna. Nazir stelle einen Asylantrag. Erfolgreich – er besitzt einen Aufenthaltstitel.
Nazir schloss erfolgreich die Realschule ab. Eine zunächst begonnene Ausbildung als Hotelkaufmann entsprach schließlich nicht seinen Vorstellungen und er wechselte auf einen Ausbil-dungsplatz nach Dortmund, wo er sich nun zum Kaufmann für Büromanagement ausbilden lässt.
Europa war sein ausgewähltes Fluchtziel, ein besonderes Land hatte er nicht im Kopf – er wäre auch für »Italien und Schweden« dankbar gewesen. Dass es Deutschland geworden ist war nicht seine Entscheidung, sondern die, der Behörden, die ihn Im Dezember 2016 in den Kreis Unna schickten. Hier fühlt er sich »so normal, so wie andere Mitbürger in Deutschland. Ich habe mich jetzt halt integriert«, sagt er.
In Deutschland ist das Leben, wie in einer anderen Welt im Vergleich zu Afghanistan, vom dem er sagt, sie seien dort »30 Jahre zurück«. Und hier fühlt er sich auch zugehörig: »Ich fühle mich jetzt so, dass ich neu geboren bin! (…) Ich fühle mich so wie ein Deutscher oder wie einer, der hier geboren ist.« Nazir möchte nichts anderes, als ein normales Leben führen, eine Ausbildung machen, zur Arbeit gehen, eine Familie gründen.
Und er findet, dass die Menschen in Deutschland und in Un-na tolerant sind: »Jeder akzeptiert so jeden, wie er ist (…). Nicht so wie in Afghanistan wo sie sagen: Du bist Pashto, du bist Ha-zara, du bist Tadschike, du bist Usbeke...«.

(*) Auf Wunsch des Interviewten wurde der Name durch das Projekt geändert

Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen: https://www.fluchtwege-unna.de/flucht-aus-afghanistan

Nr. 24 Zwangsarbeiter*innen - Stellvertretender Ort für Industriebetriebe in Unn

Hellweg 31-33, 59423 Unna, DE

Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

Der zweite Beitrag an dieser Station widmet sich der Zwangsarbeit im deutschen Faschismus über die Grenzen Unnas hinaus. Dies mag an dieser Stelle wichtig sein, um sich die Dimension eines der schlimmsten Kapitel von kalkulierter Zwangsmigration der Menschheitsgeschichte, von millionenfacher Ausbeutung, von Leid und Tod, besser vorstellen zu können.
Zwischen 1939 und 1945 kamen viele Millionen Menschen mit ausländischer Herkunft in das faschistische Deutschland. Die Eroberungen der Wehrmacht waren auch eine „Eroberung“ von Menschen, Zivilist*innen und Kriegsgefangene, die aus den besetzten Ländern und Regionen ins Reichsgebiet deportiert wurden. Insgesamt waren es in diesem Kriegszeitraum etwa 14 Millionen! Zum „Stichtag“ 31. August 1944 waren es allein knapp 8 Millionen registrierte Kriegs- und KZ-Gefangene ausländischer Herkunft sowie zivile Sklavenarbeiter*innen. Die deutliche Diskrepanz der Gesamtzahlen im Krieg mit diesem Stichtag erklärt sich auf grausame Weise. Wurden die nicht mehr arbeitsfähigen Zwangsarbeiter*innen in ihre Heimatländer zurückgeschickt? Ja, das kam schon vor. Bei zivilen Kräften aus einigen westeuropäischen Staaten zum Beispiel gab es einen gewissen „Austausch“. Aber der Grund ist ein anderer: Vor allem die in den Reichsgrenzen befindlichen rund 2 Millionen sowjetische Kriegsgefangenen sowie die KZ-Gefangenen mussten sich im Sinne des Wortes „zu Tode arbeiten“. Sie bekamen nur unzureichend zu Essen und praktisch keine medizinische Versorgung. Sie verhungerten oder starben vorzeitig an Krankheiten, gegen die ihre ausgezehrten Körper nichts mehr entgegenzusetzen hatten – „Vernichtung durch Arbeit“ hieß das im Nazi-Jargon.
Der Anteil der zur Zwangsarbeit gepressten Menschen machte bis zu 30 Prozent der gesamten Arbeitsbevölkerung in Deutschland aus. In der Landwirtschaft war der Anteil sogar noch höher (hier waren etwa die Hälfte Mädchen und Frauen) als in der Industrie. Seit der Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert hatte es so etwas nicht mehr gegeben und dies bleibt bis heute weltweit einzigartig. Ohne diese Zwangsarbeit wären die Landwirtschafts- und Industrieproduktion und damit auch die gesamte Kriegswirtschaft der Nazis völlig zusammengebrochen. Sie ersetzten die Millionen gefallenen oder an der Front befindlichen deutschen Soldaten an ihren früheren Arbeitsplätzen und im weiteren Kriegsverlauf auch die die durch den Bombenkrieg getötete oder nicht mehr arbeitsfähige deutsche Zivilbevölkerung. Ein grausames Kalkül der NS-Politik.
An dieser Stelle muss jedoch das Kapitel der Zwangsarbeit noch einmal deutlich erweitert werden. Bislang ging es nämlich um die Deportation von Menschen ins das ehemalige deutsche Reichsgebiet. Die gesamte Zahl durch Zwangsarbeit entwurzelter Menschen ist aber weitaus höher! Es geht um weitere Millionen Menschen, die unter der Naziherrschaft von einem Land in ein anderes geschafft oder innerhalb ihres Heimatlandes verschleppt wurden. Allein über 22 Millionen gefangener Sowjets wurden innerhalb der eroberten Gebiete zur Zwangsarbeit deportiert und oder nach Polen, Rumänien oder ins Baltikum verschafft. Die meisten von ihnen überlebten die Torturen der Zwangsarbeit nicht.
Insgesamt war Nazideutschland verantwortlich für mindesten 45 Millionen Menschen, die für die Zwecke der Zwangsarbeit umgesiedelt oder deportiert wurden.
Mit der Befreiung von der Nazidiktatur im Mai 1945 hatte die Zwangsarbeit ein Ende. Das Leid der befreiten Überlebenden allerdings nicht. Viele blieben lebenslang traumatisiert und auch körperlich gezeichnet. Und mehr noch: Viele ehemaliger Zwangsarbeiter*innen hatten keine Heimat mehr. Ihre Städte waren zerstört, Länder verwüstet, die Familie umgekommen. Und etliche hatten keine Dokumente mehr, die ihre Staatszugehörigkeit hätte klären können. In die nun von den Sowjets kontrollierten Staaten wollten viele Zwangsarbeiter*innen auch oft nicht zurück. Zehntausende lebten für Monate und manchmal Jahre als „DP’s“ (Displaces Persons) eher widerwillig versorgt von den ehemaligen Siegermächten in den gleichen Lagern, in denen sie zuvor durch die Nazis eingesperrt worden waren. Um dieser Kasernierung zu umgehen zogen manche von Staat zu Staat durch Europa auf der Suche nach einem neuen Heim, nach Arbeit und Frieden. Besonders den überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen traf ein furchtbares Schicksal. Nach dem Jalta-Abkommen mussten diese wieder an die Sowjetunion übergeben werden – und dort wurden die meisten als »Kollaborateure« diskriminiert. Stalin deportierte sie ein weiteres Mal, nun in sibirische Lager, um sie durch erneute Zwangsarbeit eine vermeintliche „Schuld“ abarbeiten zu lassen. Die Mehrheit überlebte diese Tortur nicht.
Dieses Kapitel der Zwangsarbeit bis 1945 ist in Deutschland ist erst spät „aufgearbeitet“ worden. Vor allem Ehrenamtliche, Schulen, teilweise auch die Kirchen engagierten sich hier ab den 1980er Jahren und forschten nach, was vor Ort in den Kommunen und Unternehmen in der NS-Zeit geschah. In nicht wenigen Fällen gegen den Widerstand von Vertreter*innen der Lokalpolitik und von Wirtschaftsunternehmen. Der Grund liegt eigentlich auf der Hand: Niemand wollte Verantwortung übernehmen und seine eigene Schuld bekommen – stattdessen verwies man darauf, dass die Nazis dies ja alles „befohlen“ hätten und sie selbst ja in Wirklichkeit eher Nazigegner gewesen seien und Zwangsarbeiter*innen geholfen hätten. Nun, dies stimmt gelegentlich – in der Regel aber eben nicht. Vielmehr waren es in vielen Fällen die Industriebetriebe selbst, die Zwangsarbeiter*innen bei den Nazi-Behörden oder SS direkt anforderten. Und zwar oft mehr, als ihnen zustand. Betriebe bereicherten sich an der Zwangsarbeit. In großem Maßstab! Sie selbst waren verantwortlich für die unmenschlichen Lebensbedingungen in der Zwangsarbeit, für zu geringe Essensrationen, unterschlagene „Löhne“, rigide Strafen und vieles mehr.
Gab es nie eine Wiedergutmachung gegenüber den Opfern der Zwangsarbeit? Um es klar zu sagen: Seitens der Bundesrepublik durchaus – seitens der deutschen Wirtschaft: wenig bis kaum. Und wenn, dann gab es dazu einen besonderen Anlass. Und dieser hatte wenig mit freiwilliger Wiedergutmachung zu tun. Vielmehr hatten die Alliierten angeordnet, dass deutsche Handels- und Industrieunternehmen als ehemalige „Verbündete Hitlers“ keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang auf dem Weltmarkt haben dürften. Um dieses Verbot aufzuheben verhandelten einige Unternehmen mehr oder weniger geheim mit den USA und ausgewählten Opfervertreter*innen vergleichsweise lächerlichen Summen aus, mit denen sie sich dann „freikauften“. So konnten sie mit Milliardengeschäften als Global Player wieder „mitspielen“. Personen und Firmennamen, die auch für Unna hier eine Rolle gespielt haben, müssen aus rechtlichen Gründen hier entfallen.

Nr. 33 Bahnhof Unna

Bahnhofstraße 74, 59423 Unna, DE

Nr. 35 Philia Deutsch-Griechischer Verein Unna e.V.

Massener Straße 14, 59423 Unna, DE

Nr. 4 Makedonischer Kulturverein, Makedonski Klub „Makedonija“ e. V.

Krautstraße 3A, 59425 Unna, DE

Nr. 10 Wohnplatz für „Wandergesellen“ (heuet Standesamt)

Klosterstraße 12, 59423 Unna, DE

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