Spaziergang 3: Innenstadtroute

Tour Nordring 43, 59423 Unna, DE

Eine Tour durch die Innenstadt von Unna zu Orten mit Bezug zum Thema Flucht und Migration. Die Stationen sind ein Mix aus historischen und aktuellen Orten der Migration und sind zu Fuß gut zu erreichen.

Autor: Werkstatt im Kreis Unna

Fluchtwege Unna

Fluchtwege Unna

Wir erzählen Migrationsgeschichten und Fluchtwege der Stadt Unna

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22 Stationen

Nr. 1 Stadt Unna Rathaus (Integrationsbeauftragter)

Rathausplatz 1, 59423 Unna, DE

Der Integrationsbeauftragte der Stadt Unna:
»Es gibt nicht nur einen Klimawandel, auch der Wandel in einer Gesellschaft vollzieht sich permanent…«!

Cengiz Tekin erklärt die Aufgaben eines/einer kommunalen Integrationsbeauftragten und spricht über seine Tätigkeit und Erfahrungen in Unna

Integrationsbeauftragte gibt es auf Bundes- Landes- oder Kommunalebene in Deutschland. Früher (seit 1978 bereits auf Bundesebene) hießen sie »Ausländerbeauftragte«. Das Amt des oder der Integrationsbeauftragten für den Bund ist im Aufent-haltsgesetz festgelegt, für die Integrationsbeauftragten der Länder und Kommunen gelten entsprechende Gesetze.
Als Integrationsbeauftragte/r wird man nicht gewählt, son-dern durch Politik und Verwaltung »bestellt« – oder anders ausgedrückt: Bund, Land und Kommunen können eine Person des Vertrauens, die sich mit entsprechenden Qualifikationen und Qualitäten für dieses Amt bewirbt, als Angestellte einstel-len.
In der Stadt Unna gibt es die Stelle als Integrationsbeauftragte/r seit 2017. Cengiz Tekin, der selbst eine Migrationsge-schichte hat, ist der erste Migrationsbeauftragte der Stadt und in dieser Funktion seitdem »im Amt«.
Allgemein haben Integrationsbeauftragte die Aufgabe, sich um die Belange von zugewanderten Menschen zu kümmern. Gemeint sind nicht nur Geflüchtete, sondern auch Zugewan-derte aus EU-Staaten und anderen Ländern, ganz gleich aus welchen Gründen (Arbeit, Ausbildung, Familie usf.) sie einge-wandert sind. Im Vordergrund steht ihre gesellschaftliche Teilhabe.
Cengiz Tekin erläutert seine Aufgaben und erzählt von seiner Arbeit vor Ort.

Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen: https://www.fluchtwege-unna.de/integrationsbeauftragte-der-stadt-unna

Nr. 2 Stadt Unna Rathaus (Integrationsrat)

Rathausplatz 1, 59423 Unna, DE

Der Rathausvorplatz mit Blick auf das Rathaus markiert die Station des Integrationsrats der Stadt Unna, denn das Rathaus ist der Tagungsort dieses demokratischen politischen Gremiums.
Die Aufgabe des Integrationsrates ist es – kurzgefasst – die Belange aller zugewanderten ausländischen Menschen in Unna gegenüber der Politik, der Verwaltung und der Öffentlichkeit zu vertreten. Anders als das Kommunalparlament bzw. der Unnaer Stadtrat kann der Integrationsrat jedoch keine rechtsverbindlichen Entscheidungen fällen. So ist es in der Gemeindeordnung, also der Kommunalverfassung, festgelegt. Er hat vielmehr eine beratende Funktion für zum Beispiel die politischen Ausschüsse, Fraktionen und die Amtsträger der Stadt.
In Unna besteht der Integrationsrat aus 12 gewählten Mitgliedern. Hinzu kommen fünf Vertreter*innen des Stadtrates. Wahlberechtigt für den Integrationsrat, der immerhin mehr als zehn Prozent der Unnaer Bevölkerung repräsentiert, sind alle Einwohner, die einen ausländischen Pass besitzen und am Wahltag volljährig sind. Diese müssen seit mindestens sechs Wochen in Unna ihren Hauptwohnsitz angemeldet haben. Auch Bürger*innen, die neben der deutschen auch eine zweite Staatsangehörigkeit besitzen, sind wahlberechtigt. Somit sind in Unna vor allem EU-Bürger*innen und Menschen mit türkischer Nationalität zur Wahl zugelassen, aber auch alle Geflüchteten mit Aufenthaltstitel, zum Beispiel aus Syrien, oft aus dem Irak oder Afghanistan. Seit dem Frühjahr 2022 sind auch Geflüchtete aus der Ukraine wahlberechtigt, wenn sie sich in Unna angemeldet haben. Die wählbaren Vertreter*innen des Integrationsrates besteht im Grunde aus der gleichen Gruppe von Menschen, allerdings müssen sie mindestens drei Monate in Unna wohnen. Gewählt wird natürlich in freier, gleicher und geheimer Wahl jeweils parallel zu den Kommunalwahlen in Unna bzw. im Land Nordrhein-Westfalen.
Was macht der Integrationsrat nun genau? Er kümmert sich beratend oder durch Initiativen um das wichtige und umfassende Thema der Integration von ausländischen Menschen in Unna. Auf seinen Antrag hin werden Anregungen oder Stellungnahme dem Stadtrat oder einem Ausschuss vorgelegt. Diese müssen dort vorgetragen und behandelt werden. Dabei kann es um Aspekte des kulturellen Dialogs und der Vielfalt in der Stadt und seinen Quartieren gehen, wie z.B. die Schaffung eines Kulturzentrums. Er kann Maßnahmen und Projekte gegen Diskriminierung, Rassismus, Rechtsextremismus oder Fremdenfeindlichkeit initiieren. Hinzu kommen Anträge zur Verbesserung der Sprachförderung, der interkulturellen Bildung in den Kindergärten und Schulen sowie Vorschläge zur Verbesserung der Wohn-, Arbeits- und Ausbildungssituation für Migrant*innen. Es geht also um ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Deutschen und Menschen anderer Nationalität. Es geht um Toleranz, Akzeptanz und Respekt im politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben der Stadt Unna.
Natürlich gibt hin und wieder Kritik. Weniger an den Aufgaben oder den Inhalten der Gremienarbeit des Integrationsrates. Sondern mehr daran, dass ausländische Mitbürger*innen in der Kommune zu Einfluss haben würden. Das stimmt in gewisser Weise, denn tatsächlich können EU-Bürger*innen in Unna gleich zwei Mal wählen. Zum einen dürfen sie an der Kommunalwahl teilnehmen und eine Partei bzw. Kandidaten für den Rat wählen, zum anderen auch ihre Interessen durch die Wahl zum Integrationsrat wahrnehmen. Aber dieses Recht besitzen Deutsche in Unna auf andere Weise auch. Nur vergessen sie das manchmal. Sie können neben der Kommunalwahl auch andere Beiräte der Kommune oder auch im Kreis wählen. Zum Beispiel den Behindertenbeirat.
Wer nicht aus Unna oder aus Nordrhein-Westfalen kommt, wird vielleicht den Begriff „Integrationsrat“ noch nie gehört haben und meinen, hier würden die Uhren der demokratischen Mitbestimmung von Migrant*innen anders ticken. Aber so ist das nicht. Andernorts in Deutschland heißen sie nur etwas anders – wie zum Beispiel „Ausländerbeirat“ oder „Ausländerrat“. Die Aufgaben und Funktionen sind hingegen sehr ähnlich. Ob nun in Stuttgart, Schweinfurt oder Stralsund.

Nr. 4 Ehemaliger “Elendighof“ Unna

Hammer Straße 6, 59425 Unna, DE

Ehemaliger “Elendighof“ Unna

Hier, unweit des einstigen nördlichen Stadttors von Unna, „Vieh-Tor“ genannt, lag an der Ecke Hammerstraße und Viktoriastraße der sogenannte „Elendighof“. Wer hier das Wort „Elend“ heraushört liegt richtig, in anderen Gegenden hießen solche Einrichtungen auch beispielsweise „Elendenhäuser“.
Der Elendighof war eine feste Unnaer Institution vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Lebten zu diesen Zeiten dort die armen Unnaer*innen? Klare Antwort: Nein. Arme oder mittellose Bürger*innen der Stadt waren im Armenhaus, das an der heutigen Schulstraße lag, untergebracht. Sie gehörten zu den festen Stadtbewohner*innen und durften sich innerhalb der Mauern der Stadt aufhalten und dort mit Erlaubnis betteln. Wohnten im Elendighof vielleicht kranke Menschen? Auch das eher nicht. Krankenhäuser im heutigen Sinne existierten in diesen Zeiten kaum, wohl aber „Siechenhäuser“, in denen chronisch Kranke, Seuchenopfer, vor allem Menschen mit Lepra, wohnten. Diese waren ebenfalls Bürger*innen aller Schichten aus Unna, die sich als „Aussätzige“ nicht in der Stadt aufhalten durften. Das Unnaer Siechenhaus (auch „Leprosorium“ genannt) lag unweit des südlichen Stadttors am Hellweg Richtung Werl. Die Lepra-Kranken wurden teils von ihren Familien aus Unna versorgt, besaßen aber zusätzlich eine offizielle „Bettelerlaubnis“, um die eher wohlhabenden Reisenden auf dem stark frequentierten Hellweg um Spenden zu bitten.
Tatsächlich war der Elendighof vor dem Vieh-Tor für mittellose „Ausländer*innen“ eingerichtet worden. Hier wurden all jene untergebracht, die nicht zur Stadt gehörten, keine Erlaubnis hatten die Stadt zu betreten oder auch kein Geld besaßen sich eine Herberge in Unna leisten zu können. Menschen also die in der Regel aus dem sozialen Gefüge der damaligen Gesellschaft überall herausgefallen oder ausgestoßen waren: stellungslose Knechte, arbeitslose Tagelöhner*innen, Vogelfreie, Vertriebene, etliche Flüchtlinge aus kriegerischen Konflikten, oft auch invalide ehemalige Soldaten, die zum Kriegshandwerk nicht mehr taugten und sonst nicht viel gelernt hatten - viele Männer, wenige Frauen und Kinder. Auch etliche einfache Pilger*innen fanden hier Unterschlupf. Allesamt waren es Menschen aus vielen Gegenden und Ländern. Menschen von Irgendwo auf dem Weg nach Nirgendwo – heimatlos und mittellos. Im Elendighof konnten sie für eine Nacht oder wenig länger Station machen, wenn sie erschöpft oder erkrankt waren, wenn die Wetterlage oder die Straßenverhältnisse eine Weiterwanderung unmöglich machte.
Der Elendighof war eine Massenunterkunft mit all ihren prekären sozialen Zuständen. Es gab Gemeinschaftsschlafplätze, ein warmes Feuer und eine knappe, einfache Mahlzeit aus Brot, Getreidebrei und Suppe – mehr nicht. Und es bestand die Regel, keinen weiteren Einlass in die Stadt Unna zu begehren, sondern weiterzuziehen. Für die Menschen, die dort Quartier fanden hatte dies trotz manchen Unannehmlichkeiten auch Vorteile: Die Einrichtung bot, da sie unter Kontrolle der Stadt Unna stand, einen gewissen Schutz vor Übergriffen. Zudem war sie als Treffpunkt vieler Fremder eine Art „Informationsbörse“, was zum Beispiel zukünftige Wanderrouten anging oder wo man als Fremde oder Fremder gut oder schlecht behandelt würde und vielleicht Arbeit bekam und in welchen Ländern und Gegenden es friedlich oder eher kriegerisch zuging.
Die Stadt Unna war für den Elendighof zuständig – auch wohlhabende Bürger*innen und mitleidige Spender*innen beteiligten sich am Unterhalt. Wahrscheinlich war an der Betreuung der Einrichtung auch das Beginen-Konvent aus Unna beteiligt: Eine kleine religiöse Gemeinschaft von Frauen, die jedoch keine Klostergemeinschaft bildete und die karitativ tätig waren. Jedenfalls war die Hilfe für Bedürftige und das Almosengeben an Arme, Kranke und Waisen damals „Christen*innenpflicht“, ganz nach dem biblischen Leitsatz, der da lautet: „Gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben!“. Ob mit solchen Spenden immer oder ausschließlich ein frommes, religiöses Motiv verbunden war ist indes zweifelhaft. Eine feste Einrichtung für umherziehende „Ausländer*innen“ zu unterhalten verfolgte auch den Zweck die fremden Leute „von der Straße“ zu holen. Damals gab es nämlich die Befürchtung, dass „herumstreunende Fremde“ womöglich die Händler*innen und Bauernleute auf den Wegen und die Bürger*innen vor den Toren anpöbeln, anbetteln oder erpressen, ausrauben oder umbringen würden, wenn man sie nicht „kontrollieren“ würde. Ihnen wurde also als Gruppe einfach unterstellt, nichts anderes als Vagabund*innen, Gauner*innen oder Räuber*innen zu sein. Nun, Vorurteile und Ängste gegenüber Fremden sind also nicht neu.
Der Elendighof verschwand dann mit der „Franzosenzeit“ und der nachfolgenden preußischen Machtübernahme. Die politischen und sozialen Verhältnisse hatten sich geändert. Er wurde aufgegeben und dann abgerissen. Der Name aber lebte weiter fort, denn die Straße an der er einst stand hieß bis in zwanzigste Jahrhundert hinein immer noch „Elendighof“. Erst 1908 wurde diese „elendige Bezeichnung" durch den Namen der Gattin des deutschen Kaisers Friedrich III getilgt. Fortan heißt die Straße bis heute „Viktoriastraße“.
Erinnert den einen oder die andere jener Elendighof irgendwie an eine heutige Einrichtung für Asylsuchende? Nun, zumindest räumlich gesehen ist das gar nicht so falsch. Etwa dreihundert Meter entfernt an der Ecke Viktoriastraße und Höingstraße befinden sich heute wieder Flüchtlingsunterkünfte der Stadt Unna.

Nr. 5 Portugiesisches Kulturzentrum

Bornekampstraße 5, 59423 Unna, DE

Das Portugiesische Kulturzentrum Unna
Die portugiesische Gemeinschaft ist in Unna stark vertreten. Das „Centro Cultural Portugues de Unna“ bringt mit verschiedenen Veranstaltungen auch das portugiesische Lebensgefühl nach Unna. Und dies nicht nur für Menschen mit Wurzeln in Portugal; die Veranstaltungen stehen allen Interessierten offen. Die Angebote umfassen regelmäßige Treffen und Austausch, Feste und Veranstaltungen, Konzerte sowie die Beteiligung an den „Interkulturellen Wochen“.

Nr. 10 Wohnplatz für „Wandergesellen“ (heute Standesamt)

Klosterstraße 12, 59423 Unna, DE

Standesamt, ehemalige Herberge für Wandergesellen
In diesem schmucken Fachwerkhaus, in dem jetzt das Standesamt Unna untergebracht ist, waren von 1884 bis um 1900 die Handwerksgesellen auf Wanderschaft untergebracht. Wandergesellen waren eine ganz besondere gesellschaftliche Gruppe. Es gab sie in Europa seit dem Mittelalter, vor allem aber seit dem 16. Jahrhundert, für nahezu jedes Handwerk.
Das Handwerk war in diesen Zeiten in sogenannten Zünften streng hierarchisch organisiert. Je größer eine Stadt war, desto vielfältiger waren die Handwerke und umso mehr Zünfte gab es. Typisch für jede Stadt und damit auch in Unna waren die Zünfte der Schmiede, Zimmerer, Fleischhauer, Böttcher (also Fassmacher) oder Brauer. Deren Produkte wurden immer und überall benötigt. Andere Handwerke waren je nach Land, Region, Rohstoffen oder Traditionen mal mehr, mal weniger oder eben gar nicht anzutreffen. So gab es Unna weder eine Zunft der Blankschmiede (die, wie in Solingen, Schwerter und Messer herstellten), noch gab es Büchsenmacher oder Seidenweber*innen, stattdessen aber aufgrund der Solevorkommen in Königsborn die Salzsieder.
Die Handwerkszünfte waren wie die Kaufmannsgilden wohlhabende und in den Städten einflussreiche Institutionen, die nach strengen Regeln organisiert und aus den Reihen ihrer Handwerksbetriebe und -Meister auch den Zunftmeister wählten. Frauen arbeiteten zwar im Handwerk mit und stellten in machen Handwerken sogar die Mehrheit, wie bei den bereits erwähnten Seidenweber*innen. Meisterinnen oder Zunftobere konnten sie in der Männergesellschaft des Mittelalters und frühen Neuzeit aber nicht werden. Eine den Regeln entsprechende Ausbildung war nur den Männern vorbehalten. Auch jüdische Menschen waren aus fast allen Handwerken ausgeschlossen. Und für die wenigen Tätigkeiten, die sie ausüben durften, war die Bildung einer Zunft verboten.
Alle Handwerksbetriebe bildeten Lehrlinge aus. Oft waren das Familienmitglieder, aber auch begabte männlichen Sprösslinge außerhalb der eigenen Verwandtschaft. Nach drei bis vier Jahren erfolgreicher Lehre gab es den „Gesellenbrief“. Das reichte aus, um im heimatlichen Betrieb und Beruf ein Auskommen zu haben. Wer jedoch Karriere machen und wirtschaftlich und sozial weiter aufsteigen wollte, der musste zwangsläufig als Geselle auf Wanderschaft gehen. Dies war Grundvoraussetzung für die Erlangung des Meistergrades und in allen Zünften vorgeschrieben. Als „Fremder“, so hieß die Bezeichnung für wandernde Handwerksgesellen, musste der Geselle zwischen drei bis sechs Jahren an fernen Orten bei anderen Meistern der gleichen Zunft gearbeitet haben. Und dies hatte er mit einem von der Zunft unterschriebenen Zeugnis, der sogenannten „Kundschaft“, nachzuweisen. Wer keine Kundschaft bekam, der wurde auch nicht zugelassen, Meister zu werden.
Was war der Grund für diese Jahrhunderte lange „Tradition“ dieser Wandertätigkeit? Nun, die in den typischen Arbeitspraktiken bereits grundlegend ausgebildeten Gesellen sollten so vor allem neue Techniken, alternative Werkstoffe sowie fremde Orte, Regionen und Länder mit anderen Vertriebsnetzwerken kennenlernen. Und zudem Lebenserfahrung sammeln. Es war also eine gezielte Wanderung im Sinne eines Wissensaustauschs – heute würde man sagen: Arbeitsmigration zum Zweck des Wissenstransfers. Wandergesellen waren also durchaus begehrt. Je weiter sie in der Welt herumkamen desto besser für ihre zukünftige Karriere und desto wertvoller waren ihre neuen Kenntnisse für die heimischen Handwerksbetriebe zu denen sie zurückkehrten, um dort Produktion und Vertrieb zu optimieren. Es war also eine echte win-win-Situation.
Und noch einen sozialen Vorteil hatte die Wandertätigkeit. Ein Zunftmeister musste seinen Gesellen die Wanderschaft erst erlauben. Lief ein Handwerksbetrieb gut, gab es genügend Aufträge und Rohstoffe, dann benötigten Handwerksmeister ihre Gesellen vor Ort. Dort hatten sie ein gutes Auskommen. In wirtschaftlich schlechten Zeiten konnte aber der Betrieb nicht alle Gesellen ernähren – und statt in die Armut oder Arbeitslosigkeit zu geraten, konnten nun die Meister ihre Gesellen fortschicken. Die (Aus-)Wanderung der Gesellen in andere Städte, Regionen und Länder, deckte also den dortigen Arbeitskräftebedarf im Handwerk, wenn zuhause wenig Nachfrage bestand. Somit war die Wanderschaft der Gesellen eine frühe Art der „Arbeitsmarktregulation“.
Wandergesellen waren also wichtig für das Handwerk und damit für die Städte oder Orte, in die sie einreisten. Sie waren aber auch aber „gefürchtet“. Das lag vor allem daran, dass sie unter dem Schutz der Zünfte in der Stadt lebten – jedoch keine Stadtbürger waren. Im juristischen Sinne bedeutet das: Sie zahlten in der Regel keine Steuern und unterlagen auch nicht den Regeln und Gesetzen der Stadtgemeinschaft – sondern fast ausschließlich ihrer Zunft. Machte also ein Wandergeselle „Dummheiten“, dann kam er nicht vor ein Gericht der Stadt oder des Landesherrn, sondern musste sich vor dem Zunftmeister verantworten. Und der ging eher nachsichtig mit seinem Schützling um. Um sie von den heimischen Handwerker zu unterscheiden, trugen sie stets eine besondere Kleidung, die „Kluft“, die ihren Stand und auch ihren Stolz repräsentierte. Wandergesellen durften für gewöhnlich nicht heiraten. Denn sie waren keine Bürger. Sie besaßen kein Ansiedlungsrecht – obwohl sie wirtschaftlich gesichert und geschützt waren. Das machte sie zu recht freien, abenteuerlustigen Burschen, die sich allerlei herausnahmen – und auch zu durchaus begehrten Junggesellen in den Augen mancher Frauen. Immerhin waren die weit herumgekommen Wandergesellen viel spannender als die langweilige heimische Männerwelt. In Unna dürfte bis in 19. Jahrhundert ständig eine Gruppe von einem oder zwei Dutzend Wandergesellen gelebt haben
So bestand aber auch ein gewisser Bedarf an sozialer Kontrolle der Wandergesellen in einer Stadt. Eine solche Funktion hatte in Unna jene 1884 durch den damaligen Bürgermeister Adolf Eichholz ins Leben gerufene Unterkunft für Wandergesellen namens „Herberge zur Heimat“. Wo die Wandergesellen zuvor untergebracht waren, wissen wir heute nicht mehr. Jedenfalls fanden nach Unna eingereiste Wandergesellen hier einen Schlafplatz und einen Raum für günstige Mahlzeiten. Zudem kam ein „Schaumeister“ in die Herberge, um potenzielle „Kandidaten“ für die Handwerksbetriebe zu inspizieren und bei Bedarf und Eignung anzuwerben. Es war übrigens den Wandergesellen verboten Frauen in die Herberge einzuschleusen – und wer sich danebenbenahm, der wurde auf einer „Schwarzen Tafel“ mit Namen und Vergehen für alle gut lesbar aufgeschrieben und aus dem Haus und der Stadt verwiesen. Wer durch einen Handwerksmeister angeworben wurde, der verließ die Herberge nach einer Weil. Er wurde nun in der Stadt durch den Handwerksbetrieb untergebracht. Bis zur Gründung des deutschen Nationalstaats 1871 erledigten die Zünfte noch alle „amtlichen“ Angelegenheiten für die Wandergesellen. Auch in Unna. deren Dokumente wurden dann in der „Zunftlade“ aufgehoben. Niemand anderes als die Zunft hatte darauf Zugriff. Nicht einmal die städtische oder landesherrliche Obrigkeit.
Wenn Ihnen heute Wandergesell*innen in ihrer schwarzen Kluft und mit Wanderstab begegnen, dann setzen diese jungen Leute, Männer wie nun auch Frauen, eine alte Tradition fort, die um 1900 weitgehend erloschen ist. Die Industrialisierung setzte der Handwerksproduktion in vielen Fällen ein Ende. Die Zünfte hatten längst ihre Sinn und ihren Einfluss verloren. In Unna benötigte man das Gesellenhaus nicht mehr. Es gab keine Nachfrage mehr danach.

Nr. 11 Stadtkirche

Kirchplatz 1, 59423 Unna, DE

Die evangelische Stadtkirche Unna

Die Stadtkirche in Unna ist auch heute noch ein imposantes Bauwerk. Sie ist kein riesiger Dom wie in Köln, es stecken dennoch enorme Mengen an Stein und Spezialwissen in diesem Bauwerk, die man vor 700 Jahren benötigte, um dieses Gotteshaus zu errichten. Die meisten Menschen mögen heute denken, dass am Bau dieser Kirche viele Bürger*innen der Stadt Unna beteiligt waren, also eine Art wunderbarem städtischen Gemeinschaftswerk, das über viele Jahrzehnte die Unnaer*innen ernährte. Eine schöne Vorstellung – die allerdings falscher nicht sein kann. Bis auf die Versorgung mit wenigen Grundstoffen und ein paar einfachen Werkzeugen hatten die Bürger*innen der Stadt mit dem Bau „ihrer“ Kirche nichts zu tun – es war das Werk von Migranten. Fachkräfte – allesamt Männer – aus dem „Ausland“ bauten das, was uns heute als „typisch“ Unna“ oder westfälisch erscheint. Wie kann das sein? Nun, der Grund hat einen Namen – und der heißt „Bauhütte“.
Aber erzählen wir den Kirchenbau in Unna von Beginn an. Die erste Kirche in Unna, die sich wohl am selben Ort wie heute befand, wird im Jahre 1032 erwähnt. Es war eine Holzkirche und sie war ziemlich klein – Unna war ja selbst kaum größer als ein Dorf heutzutage. Im 11. oder 12. Jahrhundert verschwand die Holzkirche. Es folgte eine erste Kirche aus Stein. Diese war im romanischen Stil gehalten. Sie war etwas größer, technisch und künstlerisch gesehen aber nicht besonders qualitätvoll oder kompliziert: Die Wände waren dick, eher niedrig, aus grob behauenen Steinen und viel Mörtel zusammengehalten. Die Fenster waren schmal, der Turm kurz und massig, weil man befürchtete, dass zu dünne und hohe Turmmauern dem Gewicht einer Glocke nicht standhalten würden. Der Bauschmuck dürfte gering und bescheiden gewesen sein. Die Leitung für den Bau des ersten Holzkirchleins und der romanischen Steinkirche hatte jeweils ein Kleriker aus der Gegend um Unna, in der Regel ein Mönch aus einem der nahen Klöster, der sich mit Baukunst befasste. Ausgewählte Mönche aus den Klöstern hüteten zu dieser Zeit das Wissen der Steinbaukunst – ein Wissen, das größtenteils noch aus der Antike stammte. Zusammen mit einem Trupp Klosterbrüdern und örtlichen Handwerkshelfer*innen machte er sich ans Werk. Die Ergebnisse waren schlicht und praktisch – völlig ausreichend für diese Epoche.
Spätestens Anfang des 14. Jahrhunderts wurde die Kirche zu klein. Die Stadt war kräftig gewachsen, wie fast überall. Zudem kamen immer mehr Pilger*innen nach Unna, denn der Ort liegt an einer wichtigen regionalen Strecke des berühmten Pilgerweges nach Santiago de Compostela im fernen Spanien – auch „Jakobsweg“ genannt. Pilger*innen waren wichtig: Sie steigerten das Ansehen der Stadt, spendeten an die Kirche. Die Reichen unter ihnen verlangten nach einer gehobenen Unterkunft und kauften allerlei Waren in der Stadt. Sie beförderten die städtische Wirtschaft – sofern sie länger blieben, also Kirche und Stadt attraktiv genug waren. Eine neue, größere Kirche musste her. Unbedingt. Diese sollte natürlich groß und schön und vor allem „im neuen Stil“ gebaut sein. So nannte man den Baustil der Gotik seit Mitte des 13. Jahrhunderts einfach.
Also her mit dem Bauauftrag! Und der ging zu dieser Zeit nicht mehr an ein Kloster, sondern an eine „Bauhütte“. Die Zeiten hatten sich gewandelt: Im 14. Jahrhundert waren die Macht der Klöster längst dahin. Das Wissen über Baukunst war „ins Volk“ gewandert - in eben jene Bauhütten, die mit der Entwicklung der gotischen Architektur in Frankreich entstanden waren. Von Frankreich aus etablierten sich fast überall in Europa Haupt-Bauhütten: in Köln, Straßburg oder Wien. Sie hüteten als feste „Bruderschaften“ die neuen Techniken und Methoden der Steinbaukunst. Hohe Fenster, lichtdurchflutete Hallen, Spitzbögen, Stützpfeiler und Steingewölbe, steile Türme und filigraner Bauschmuck gehörten zum Programm gotischer Kathedralen – und eben auch kleinerer Kirchen, wie in Unna. Niemand anderes kannte sich mit Bautechnik und Architektur aus. Niemand durfte es.
So geschah es auch in den ersten Jahren des 14. Jahrhunderts, dass der zuständige Bischof, zusammen mit dem märkischen Grafen Engelbert II. , wohl über Mittelleute in Soest, bei der großen Kölner Hauptbauhütte um eine Bauhütte für Unna nachsuchte. Dem Antrag wurde stattgegeben als dann auch die Baukosten verhandelt waren. Noch vor dem „ersten Spatenstich“ für die Kirche selbst wurde zuerst die Bauhütte in Unna, wahrscheinlich auf dem Platz vor der heutigen Kirche, eingerichtet. Das geschah etwa um das Jahr 1320.
Wie sah die Bauhütte aus? Wer waren die Arbeitskräfte? Nun, Die Bauhütte war ein ausgedehnter Ständerbau, heute oft „Fachwerkhaus“ genannt, darin Schlaf-, Speise-, Werk- und Vorratsräume. Hier lebten fast alle, die auf der Kirchenbaustelle arbeiteten. Außer ihnen durfte niemand die Bauhütte betreten. Die Bauleute waren streng hierarchisch organisiert. Sie kamen aus allen Ecken Europas zusammen, um die Baustellen zu organisieren und die Arbeiten durchzuführen und galten als Spezialisten auf ihren jeweiligen Gebieten, z.B. in der Steinmetzkunst, Bauplastik, Architektur oder Baustatik. Baupläne wurden selten aufgezeichnet. Sie waren „Geheimsache“.
An der Spitze der Bauhütte in Unna stand ein Meister. Es gab vielleicht fünf oder sechs spezielle Steinmetze, des Weiteren ein Dutzend Gesellen und Lehrlinge. Wichtig waren die „Parlierer“, Männer die über den Gesellen standen und diese anleiteten. Das Wort ist Französisch und bedeutet „Sprecher“ oder „Anführer“ eines kleinen Bautrupps. Daraus leitet sich das deutsche Wort „Polier“ ab. Damit ist bereits angedeutet: Auf der Baustelle in Unna wimmelte es nur so von französischen Fachwörtern, ja, Französisch war überhaupt recht verbreitet – es war in diesen Zeiten die Sprache der Baukunst. Kein Zufall: Alle Lehrlinge waren verpflichtet mehrere Jahre auf Wanderschaft durch Europa zu gehen, möglichst auch nach Frankreich – um an den verschiedenen Bauhütten ihr Handwerk zu erlernen. Ohne diese „Internationalität“ gab es keinen „Gesellenbrief“. Wer sich unter der Bauhütte eine Art „Zunft“ vorstellt liegt übrigens richtig. Sie ist sozusagen die Wurzel der organisierten städtischen Handwerkerschaft und des Handels, die erst später ihre Zünfte, Gilden oder Innungen bildeten. Viele ihrer Regeln sind von den Bauhütten „abgeguckt“.
Die Bruderschaft der Bauhütte besaß eine einzigartige juristische Stellung. Anders als die Bürger*innen in Unna unterstanden sie weder der weltlichen noch der kirchlichen Gerichtsbarkeit. Was bedeutete: Bei einer Straftat konnte die Stadt Unna sie nicht anklagen oder verurteilen, auch nicht die Märkischen Grafen – einzig die Meister in den fernen Haupt-Bauhütten durften das. Damit waren die Bauleute geradezu unantastbar, nur einem transnationalen Recht unterworfen. Sie blieben unter sich und waren – wie heute sonst nur Diplomaten – praktisch unangreifbar. Erst 1707 machte der deutsche Kaiser Karl VI. dieser Sonderrolle auf Druck der deutschen Fürsten ein Ende. Zu mächtig und auch zu teuer war dieser internationale „Trust“ dem Adel und der Kirche geworden. 1731 wurden die Bauhütten dann komplett verboten und aufgelöst.
So war seit 1322 ein bunter Mix von Spezialisten aus allen möglichen Ländern und Regionen am Bau der Kirche beteiligt. Nur wenige stammten aus der Gegend, die meisten eher aus Holland, Flandern, dem Rheinland oder Burgund. Sie alle waren über die Haupt-Bauhütte für Unna zusammengestellt worden. Untereinander konnten sie sich in mehreren Sprachen plus ihrem Fachvokabular bestens verständigen. Das in Unna damals übliche Niederdeutsch verstanden sie oft nur unzureichend. Je nachdem wie lange die Bauleute engagiert waren, meistens viele Jahre, mussten sie die hiesige Sprache erst erlernen. 1396 war dann der Kirchenraum vollendet – einschließlich eines in Westfalen seltenen und anspruchsvollen Umgangschors, der übrigens durch die im internationalen Handel reich gewordene Familie von Herne gestiftet wurde. Geweiht wurde der Bau unter anderem den heiligen Clemens und Dionysius – was bis zur Reformation galt. Der Bau des Turms sollte noch weitere 70 Jahre dauern. Danach wurde die Bauhütte aufgelöst und die Bauleute wanderten weiter – neuen Aufgaben in anderen Regionen und Ländern entgegen. Wenn sie in Unna bleiben wollten, um Bürger der Stadt zu werden, dann wurden sie aus der Bauhütte und der Bruderschaft ausgestoßen. Ihren erlernten Bauberufen durften sie nie wieder nachgehen.
Blicken wir heute an den Mauern der Stadtkirche empor sehen wir das Werk der ersten organisierten Arbeitsmigranten in Unna. Ihre Namen kennen wir nicht. Aber an manchen Stellen sehen wir die Steinmetzzeichen der Bauleute auf den Quadern der Kirche, seltsame eingeschnittene Winkel, Haken und Striche - die geheimnisvolle Handschrift unbekannter „Gastarbeiter“ des Mittelalters.

Nr. 12 Ehem. Synagoge, ehem. jüdische Metzgerei und Wohnplatz

Klosterstraße 45, 59423 Unna, DE

Diese Station erinnert an die jüdische Migration in Unna. Das auf den ersten Blick unscheinbare Haus, in dem heute eine Druckerei arbeitet, beherbergte die erste größere Synagoge in Unna. Sie bestand von 1849 bis zur Zwangsauflösung der jüdischen Gemeinde durch die Nazis 1938. Ursprünglich handelte es sich um die 1468 errichtete und bis 1809 genutzte Kapelle eines Augustinerinnen-Konvents. Die Kapelle diente später noch eine Weile als Kirche, bis es 1849 an die jüdische Gemeinde abgegeben wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte diese nur über kleinere, private Gebetsräume verfügt (so am Südwall und an der Hertinger Straße).
Jüdische Menschen waren von Beginn ihrer Geschichte an in Deutschland und in Westfalen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt. Auch Unna stellt hier keine Ausnahme dar. In der Stadt Unna (wie auch andernorts) durften sie vom Mittelalter bis in die Neuzeit vielen Berufen nicht nachgehen, sie besaßen kein „Bürgerrecht“ und durften auch keinen Grundbesitz erwerben. Um überhaupt in Unna wohnen zu dürfen mussten sie z.B. im Jahr 1431 pro Haushalt 176 Schillinge „Steuer“ bezahlen – nichtjüdische Haushalte hingegen nur funf Schillinge, so wollte es der Stadtrat!
Dass Juden „anders“ sind oder besser „anders sein sollen“ wurde den Menschen im Mittelalter und der frühen Neuzeit ständig vor Augen gehalten. Quell des Ganzen war der christliche Glaube und die Kirchen, wobei sich die katholische und später die protestantische Kirche in ihrem Antisemitismus nicht wesentlich unterschieden. An Kirchportalen gab es in Stein gemeißelte, teilweise obszöne Diffamierungen. Frühe Flugblätter, die „unters Volk“ gebracht wurden, verbreiteten Schauermärchen, heute würde man sagen „Fake news“, in Wort und vor allem „in Bild“, denn die meisten Leute konnten nicht Lesen. Glaubten die Leute den absurden Geschichten und obskuren Gerüchten über „Brunnenvergiftung“ und „Ritualmord“? Vermutlich nicht alle, aber die Mehrheit wohl schon. Und so wurden Jüdinnen und Juden über Jahrhunderte Zielscheibe für Anfeindungen und Gewalttaten, wurden Opfer von Ausweisungen und Vertreibung. Dem ersten bekannten jüdischen Einwohner der Stadt Unna, einem Mann namens Tilmann, erging es vermutlich so. Er taucht im Jahr 1304 als fortgezogener Unnaer als Neubürger in Dortmund auf.
In den folgenden Zeit waren jüdische Menschen oft betroffen von Ausweisungen und erzwungener Auswanderung. Sie wurden als »Sündenböcke« verantwortlich gemacht für alles Erdenkliche. Das trifft besonders auf die Jahre nach 1350 zu, als die Pest in Deutschland wütete und auch nicht vor Unna Halt machte. Vor allem Jüdinnen und Juden wurden als deren Verursacher*innen beschuldigt und wohl auch in Unna verfolgt und von einem rasenden Mob aus Stadtbürger*innen massakriert.
Um sich gegen Gewalt und Vertreibung zu wehren versuchten jüdische Familien sich in den Schutz ihrer „Landesherren“ zu stellen. Der Adel hatte nämlich durchaus Interesse daran, dass sie vor Ort blieben, denn er profitierte vom Handel und Geldverleih – einige der wenigen erlaubten Tätigkeiten für jüdische Menschen. So konnten manche jüdische Familien sogenannte „Schutzbriefe“ ihrer Landesherren gegen erhebliche Geldsummen kaufen, die sie vor „wilden Abschiebungen“ bewahren sollten. Für Unna ist ein sehr früher Schutzbrief aus dem hohen Mittelalter (von 1336) erhalten. Dieser wurde dem „Juden Samuel“ und seiner Familie durch Graf Adolf von der Mark ausgestellt. Im Folgenden ist der etwas gekürzte Wortlaut in verständlichem Deutsch wiedergegeben:
„Graf Adolf von der Mark grüßt alle, die diesen Brief sehen und von ihm hören, mit Aufrichtigkeit. Wir geben durch diesen Brief rechtskräftig bekannt, daß wir das Ehepaar Samuel und Soeta, Juden, mit seinen Kindern und seiner Familie in unseren Schutz und unser Recht aufnehmen, entweder in unserer Stadt Unna oder sonstwo in unserem Land, wo sie selbst es für nützlich halten, von nun an während der nächsten acht Jahre, und daß wir sie in allen Rechten und Freiheiten halten und fördern wollen, welche die Juden in unserem Lande genießen, für die Ausübung dieses Rechtes und Schutzes sollen die genannten Juden für die Zeit eines einzelnen Jahres (…) sechs Schillinge uns und niemandem sonst bezahlen (…). Und wenn diese Juden sich entscheiden, von uns fortzugehen, werden wir sie mit ihrem Besitz und ihrer Familie in unserem Schutz halten. Wir übergeben dem genannten Juden dieses Zeugnis zur Sicherheit als Zeichen unseres Schutzes. Gegeben im Jahre des Herrn 1336 (…).“
Ob der Schutzbrief Samuel und seiner Familie nützte? Wir wissen es nicht. Möglich, dass Samuel hier in der Nähe, irgendwo im Bereich zwischen Bahnhofstraße, Klosterstraße und Gerhart-Hauptmann-Straße (also Königstraße) wohnte, einer Gegend in der bis ins zwanzigste Jahrhundert vermehrt jüdische Familien lebten. Ein jüdisches Ghetto, wie zum Beispiel in Frankfurt, gab es in Unna nicht. Dafür waren Stadt und jüdische Gemeinde zu klein.
Nach der Vertreibung oder Ermordung in den Pestjahren lässt sich erst im Jahre 1400 mit dem Familienoberhaupt Moyses Peperkorn wieder jüdisches Leben in Unna feststellen. Nach und nach bildete sich eine kleine jüdische Gemeinde, die aber knapp vierzig Jahre später wieder restlos vertrieben wurde. Und auch daran trugen „brave“ Unnaer Bürger*innen wohl ihren Hauptanteil. Es sollte nun über 130 Jahre dauern, bis wieder jüdische Familien nach Unna zogen. Ein Mann namens Nathan war wohl einer der ersten im Jahr 1564. Auch wenn in der Folgezeit Diskriminierungen alltäglich gewesen sein dürften, entwickelte sich das jüdische Leben in Unna. Immer wieder zogen neue Familien nach Unna – teils gegen den ausdrücklichen Willen des Stadtrats – aber mit Billigung der Märkischen Grafen. Wegen des Verbots anderer Berufe waren sie vorwiegend mit Handel, Viehschlachtung oder in der Glasmacherei beschäftigt. In der Zeit der preußischen Herrschaft und nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 bekamen die Unnaer Jüdinnen und Juden nun auch das volle „Bürgerrecht“ zugesprochen – eine Zeit des Aufbruchs und der Hoffnung auf Frieden, Heimat und Gleichberechtigung.
Eine trügerische Hoffnung, die kaum ein Menschalter halten sollte und durch den Rassismus und den deutschen Faschismus beendet wurde. Einige jüdische Familien ahnten bereits in der Zeit der sogenannten „Machtergreifung“ der Nazis 1933, was geschehen könnte. Der junge Schuhmacher Eugen Löhnberg zum Beispiel wanderte unter dem Eindruck der antijüdischen Stimmung als einer der ersten Unnaer nach Israel aus. Andere, wie der beliebte Arzt Dr. Mond oder der Prediger Erich Jacobs zogen in andere Städte, nachdem sie auch von vielen Nachbarn „fallengelassen“ oder angefeindet wurden. Am 9. November 1938, der Reichspogromnacht, wurden die jüdischen Geschäfte in Unna, viele in der nahen Bahnhofstraße, verwüstet. Jüdische Geschäftsleute wurden bedroht, Scheiben eingeschlagen, die Einrichtung zerstört, Auslagen geplündert. Die Synagoge, vor der sie hier stehen, wurde demoliert und angezündet. Die Unnaer Feuerwehr löschte die Flammen erst, als diese auf benachbarte Häuser überzuspringen drohte.
Wer von den Unnaer Jüdinnen und Juden jetzt nicht floh hatte nur noch wenig Zeit. Bald war ihnen die Ausreise verwehrt, sie standen unter Ausgangssperre, müssten den gelben Stern an der Kleidung tragen, die Zwangsnamen „Sarah“ oder „Israel“ annehmen und Zwangsarbeit leisten. So auch Siegmund Elkan, der unweit am Marktplatz ein beliebtes Textilgeschäft besaß. Dieses wurde ihm enteignet – stattdessen musste er nun, vor aller Augen gedemütigt, die Straße kehren. Etliche jüdische Bürger*innen hatten nun auch ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Sie wurden innerstädtisch in das israelitische Altersheim an der Mühlenstraße zwangsverlegt. Im April 1942 begannen nun die Deportationen der jüdischen Menschen aus Unna. Die letzten 142 Jüdinnen und Juden waren bis 1943 in Konzentrationslager und Ghettos gebracht worden. Fast alle wurden ermordet.

Nr. 13 Der Westfälische Hellweg

Gerhart-Hauptmann-Straße 29, 59423 Unna, DE

Diese Station an der Ecke Gerhart-Hauptmann-Straße und Klosterstraße erzählt eine Geschichte, die mit den ersten „Fremden“ in der Stadt Unna zu tun hat. Die Geschichte geht weit in die Vergangenheit zurück.
Früher hatte die Gerhart-Hauptmann-Straße einen ganz anderen Namen: Schon seit 1525 ist sie als „Königsstraße“ überliefert. Weil hier ein König wohnte oder ein Gut besaß? Keineswegs. Da dieser Name sehr alt ist und ins Mittelalter zurückführt, bezeichnet sie – auf Latein – eine „via regis“, also eine Straße, auf dem Könige unterwegs waren. Und die einzige „via regis“ in Westfalen ist: der Hellweg! Übrigens haben nicht alle Königsstraßen in dieser Gegend diesen historischen Hintergrund. Die meisten Straßen haben diese Namen erst im 19. Jahrhundert bekommen – als Huldigung an den preußischen König, der sich Westfalen nach der „Franzosenzeit“ in seinen Herrschaftsbereich einverleibte.
Unna liegt am einer kurzen Abzweigung des Westfälischen Hellwegs, eines alten, vielleicht schon in vorgeschichtliche Zeit zu datierender Fernstraße. Diese verband den von den Römern angelegten Rheinhafen, die Militärläger und Siedlungen bei Duisburg mit einem Weserübergang bei Höxter-Corvey. Dort fächert der Hellweg in weitere Straßen Richtung Osten aus. Der Weg führt südlich der Lippe und nördlich der Höhenzüge von Ardey und Haarstrang entlang. Er war daher nicht zu sumpfig und nicht zu steinig und zu steil – also gut zu Fuß oder mit einfachen Karren zu bewältigen. Die moderne Bundestraße 1 (B1) liegt in vielen Teilen direkt auf der alten Straße. An Stellen, die nicht durch die spätere preußische Chaussee und die B1 gestört wurden, können noch heute Abschnitte des breiten Hohlweges oder an wichtigen früheren Wegekreuzung sogar Reste von Pflasterung ausgemacht werden.

Möglicherweise nutzten schon die Römischen Legionen den Hellweg als Militärstraße. Auf jeden Fall marschierten hier die fränkischen Heere vor mehr als 1.200 Jahren. Das fränkische Volk wie das sächsische gehörte zwar zu den German*innen, allerdings waren diese heutigen ethnischen Vereinfachungen und Zugehörigkeiten den sächsischen Siedler*innen, die in wenigen Gehöften in und um Unna wohnten ziemlich gleichgültig. Für sie waren die fränkischen Soldaten Eroberer, angsteinflößende Fremde. Sie kleideten sich ganz anders, sprachen eine unverständliche Sprache und vor allem: Sie glaubten an einen eigenartigen Gott – einen dünnen Mann, der tot an einem Kreuz hing und Jesus hieß – während sie doch schon immer starke und würdevolle Götter wie Wodan, Donar oder Freya verehrten.
Heere unter Karl dem Großen zogen über den Hellweg in und durch das Sachsengebiet und eroberten es. Ihnen folgten erneut seltsame Menschen, die gleich mehrere unverständliche Sprachen sprachen: christliche Missionare. In Unna bauten sie wohl ein kleine Holzkirche, ließen sich mit einigen anderen Siedler*innen nieder. Um sie zum Christentum zu bekehren? Ja, auch das. Aber die Menschen hier hatten attraktive Fertigkeiten – und auch Produkte: Salz zum Beispiel! Auch manche Einheimische siedelten nun an diesem Ort. So entstand ein ganz kleines Städtchen am Hellweg.

Der Hellweg hatte spätesten jetzt in der Zeit des Mittelalter zwei wichtige Funktionen: Erstens war er nun eine Verbindungsstraße zwischen zwei der wichtigsten königlichen Pfalzen: Nämlich Aachen im Westen und Paderborn im Osten. Die Könige reisten mit ihrem Gefolge und Heeren über den Hellweg zu diesen Pfalzstädten, daher auch „via regis“. So etwas wie eine Hauptstadt gab es damals nicht und so nannte man die Könige auch „Reisekönige“. Zuletzt war es König Karl IV., der 1377 auf dem Ostenhellweg in Dortmund einzog, geleitet von 200 Reitern, die ihm bis Unna, wo er Station machte, auf dem Hellweg entgegengeritten waren.
Zweitens konnten nun die großen und kleinen Städte am Hellweg zu Stationen eines reichen überregionalen Handels werden. Händerl*innen zogen nun durch die Stadt und machten Halt. Es wurde das in hiesigen Salinen erzeugte Salz gehandelt, aber auch Stoffe aus Flandern, Bernstein aus dem Baltikum und zum Beispiel Zinn. Damals ein ungemein teures Metall, denn es wurde zur Herstellung der wichtigen Bronze benötigt. Händler*innen zeigten die neueste Kleidermoden aus fernen Ländern, brachten Produkte mit, die bislang unbekannt waren. Fremde repräsentierten nun die spannenden Dinge und Ideen der weiten Welt. Ihre Geschichten, wenn man sie verstand, waren aufregend. Und aufregend war besonders der Profit, wenn man mit ihnen ins Handeln kam. Gute Geschäfte können feste Brücken bauen! Auch die Bürger*innen von Unna profitierten vom „kleinen“ Handel mit den Nachbarstädten wie Dortmund, Werl und Soest. Auf dem immer besser ausgebauten Hellweg brauchen die Menschen statt früher einen ganzen Tag nun nur noch sechs oder acht Stunden „Reisezeit“. So rückt die Welt näher zusammen. In der Zeit der Hanse ungemein wichtig.

Aber auch Pilger*innen nutzten den Hellweg. So manche übernachteten in einer Herberge in Unna und beteten in der Stadtkirche, um dann weiterzuziehen. Vielleicht nach Werl im Osten zum Marienbildnis (seit 1661) oder Richtung Westen nach Köln zum Dreikönigsschrein. Und hin und wieder waren auch Pilger*innen darunter, die eigenartige Muscheln umgehängt hatten und von einem fernen Santiago in Spanien sprachen oder sogar von Rom oder vom Heilgen Land.

Wir sehen an dieser Statioen sehr deutlich: Ohne Fremde Menschen gäbe es Unna gar nicht. Als Eroberer, als Händler*innen, Pilger*innen oder einfach als Reisende haben sie diese Stadt erst zu einer Stadt gemacht.

Übrigens: Warum der Hellweg eben „Hellweg“ heißt ist bis heute umstritten. Es gibt einige Deutungsversuche. Zum einen könnte das „Hell“ mit dem Wort „Hall“ zu tun haben, was modern mit „Salz“ übersetzt wird, das hier gewonnen und transportiert wurde. Möglich auch, das tatsächlich „hell“ gemeint ist im gegesatz zu „dunkel“. Der Hellweg war also ein breiter, gut ausgebauter, eben „heller“ Weg – im Gegensatz zu den sonst eher üblichen, schmalen und „dunklen“ Waldwegen. Auch Erklärungsversuche, den Weg mit der Altgermanischen Totengöttin „Hel“ in Verbindung bringen gibt es. Was wirklich stimmt mag – das bleibt verborgen im Dunkel der Geschichte.

Nr. 17 Stadtmauer und Stadttor

Gürtelstraße 11, 59423 Unna, DE

Die Stadtmauern schützten einst die Bewohner*innen von Unna. Vor Kriegsvolk und feindlichen Heeren? Ja, gewiss auch das. Aber das war eigentlich ihre Aufgabe nur bis ins hohe Mittelalter. Die erste mittelalterliche Stadtmauer erfüllte noch diese Aufgabe. Sie lag übrigens nicht an dieser Stelle, sondern bildete einen Ring weiter innen gelegen. Mit dem Aufkommen der Feuerwaffen, vor allem den Kanonen, büßten einfache Stadtmauern ohne zusätzliche Bollwerke und Schanzen (wie z.B. in Münster) ihre militärische Funktion ein. Unna war eine kleine Stadt, sie hatte solche neuartige Wehranlagen nicht.
Die Stadtmauer, deren Reste sie an dieser Station sehen, ist die weite, jüngere Mauer, errichtet zwischen dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Sie war bis ins 18. Jahrhundert „in Betrieb“. Die an dieser Stelle neu aufgemauerte „Pforte“ erinnert symbolisch an ein Stadttor. Die größeren, „echten“ Stadttore lagen einst aber an anderen Stellen in der Nähe: So an der Ausmündung der heutigen Massener Straße das „Massinger Thor“ und etwas weiter das „Herthinger Thor“. Diese Tore und zwei weitere wurden vor rund zweihundert Jahren komplett abgerissen. Sie erfüllten keinen Zweck mehr zu dieser Zeit.
Die Aufgabe dieser Stadtmauer, die auch im Stadtwappen mit den Farben der Märkischen Grafen abgebildet ist, war weniger eine militärische, sondern eine ganz andere. Sie markierte eine Grenze, die einfache Leute nicht überwinden konnten. Sie unterschieden zwischen einheimischen Bürger*innen in der sicheren Stadt und den „gefährlichen Fremden draußen vor dem Tor“. Das Tor signalisierte ganz pauschal: Wer hier hindurchgeht muss sich an die Gesetze, Regeln und Sitten, an Steuern und Abgaben der Stadt Unna halten – aufgestellt durch die Bürger*innenschaft. Wer dies vermutlich nicht tun wird, darf die Tore gar nicht erst passieren. Und wer gegen die Normen der Stadt verstößt… dieser Mensch fliegt raus!
Die Stadttore von Unna wurden rund um die Uhr von bewaffnete Stadtangestellte (ähnlich der heutigen Polizei) bewacht. Diese entschieden wer in die Stadt hineindurfte. Bürger*innen der Stadt und Angehörige des Märkischen Adels konnten ohne Weiteres passieren. Für alle anderen galt: Halt – und nicht weiter! Fremde brauchten nämlich einen Grund, hineingelassen zu werden. Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung sowie Händler*innen waren willkommen. Zumal an Markttagen. Sie hatten jedoch die Stadt bis „Toresschluss“ (daher auch das Sprichwort) zu Beginn der Dunkelheit wieder zu verlassen. Fernhändler*innen, vor allem, wenn sie der Hanse angehörten, konnten länger bleiben. Sie übernachteten in Gasthäusern oder bei Handelskolleg*innen. Verwandtenbesuche waren auch möglich. Die Unnaer Verwandtschaft musste dann aber die volle finanzielle Verantwortung für ihre Gäste übernehmen.
Abgewiesen wurden an den Toren viele Menschen: Stellungslose Knechte und Mägde, arbeitslose Handwerker*innen ohne festen Wohnsitz beispielsweise hatten schlechte Karten. Sie standen im Verdacht, sie könnten sich unerlaubt in Unna niederlassen. Angst vor Konkurrenz eben. Vor allem offensichtlich Kranke und Verkrüppelte sowie Arme und Bettler*innen wurden abgewiesen. Und das waren nicht wenige. In der frühen Neuzeit gehörte rund ein Viertel der Bevölkerung dazu. Zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges fast die Hälfte. Gleichwohl gehörte Betteln in Unna zum Alltag und war auch erlaubt – aber ausschließlich für die einheimischen Armen. Diese hatten tatsächlich eine „Lizenz zum Betteln“! Also auch hier: Konkurrenzangst – selbst bei Angehörigen schwächsten sozialen Schicht. Übrigens wohnten die meisten Bettler*innen der Stadt nicht weit von dieser Station entfernt in der heutigen Schulstraße. Diese hieß bis vor etwa hundert Jahren tatsächlich noch „Armenstraße“, bis der Name aus Pietätsgründen getilgt wurde. Zwar gab es keine Armen- und Waisenhäuser hier mehr, aber auf den stadtkleinsten Parzellen wohnten tatsächlich immer noch die ärmsten Bürger*innen in winzigen und teils baufälligen Holzhäusern, den sprichwörtlichen „Bruchbuden“.
Die Torwachen hatten meisten keine Schwierigkeiten Einheimische von Fremden zu unterscheiden: Sie kannten die meisten Stadtbürger*innen persönlich. Das war auch kein Kunststück, denn Unna hatte vom hohen Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nur zwischen 1.000 und 2.500 Einwohner. Im heutigen Verständnis war Unna also ein Dorf. Für die Unnaer*innen waren alle die nicht aus der Stadt oder nächsten dörflichen Umgebung kamen Fremde, im heutigen Sinne Ausländer*innen. Kaufleute, Wandergesellen, politische Gesandtschaften, Adlige und Kleriker führten oft Empfehlungs- oder Begleitschreiben oder auch Schutzbriefe mit sich. Mit diesen handgeschriebenen und gesiegelten Dokumenten konnten sie ihre Identitäten und Absichten nachweisen – und die Stadttore passieren. So etwas wie Ausweise oder Pässe, mit denen man eine Grenze „passieren“ konnte (daher stammt auch das Wort), gab es nicht. Diese wurden erst mit der Entwicklung von Nationalstaaten im 19. Jahrhundert „erfunden“.
Mit Eroberung Napoleons und der „Franzosenzeit“ und seit 1815 durch die Übernahme Westfalens durch die Preußen endete die Selbstständigkeit Unnas und der Grafen von der Mark. Unna und alle Städte der Umgebung verloren den größten Teil ihrer Freiheiten. Es galten nun allerorts die Gesetze und Regeln des preußischen Königsreichs, des ersten echten Flächenstaates in diese Region. Die Menschen in Unna waren nun keine „autonomen“ Unnaer*innen mehr, eine Märkische Grafschaft gab es auch nicht mehr. Und Ausländer*innen aus Dortmund, Essen, Münster oder Düsseldorf gab es auch keine mehr. Aus diesen einst Fremden wurde nun Nachbar*innen. Alle waren nunmehr preußische Staatsbürger*innen.
Die Stadttore verloren nun ihren Sinn und wurden abgebaut. Die Mauern standen noch um 1860, bis auch sie im Zuge der Stadterweiterungen bis auf wenige Reste überbaut oder abgerissen wurden.

Nr. 18 Café der Begegnung / VHS

Lindenplatz 1, 59423 Unna, DE

Café der Begegnung
Einmal im Monat treffen sich Migrantinnen und Migranten mit alteingesessenen Unnaer Bürger*innen, um sich kennenzulernen und sich auszutauschen. Das Angebot umfasst u. a. einen Treffpunkt zum Dialog und Austausch bei Kaffee und Kuchen.
Webseite: http://willkommen-in-unna.de/Veranstaltung/cafe-der-begegnung-2/
Adresse:
Lindenplatz 1
59423 Unna

Nr. 19 Berufskolleg der Werkstatt im Kreis Unna

Nordring 39, 59423 Unna, DE

Werkstatt-Berufskolleg Unna
Das Werkstatt-Berufskolleg wurde 2013 gegründet, um eine Lücke für benachteiligte Jugendliche zu füllen und insbesondere in der Berufsvorbereitung "aus einer Hand" arbeiten zu können.
Im Werkstatt-Berufskolleg Unna sind alle Menschen willkommen: Junge Menschen mit originellen Lebensbiographien, mit und ohne Abschlüsse, ältere Menschen, die in ihrer zweiten Lebensphase einen neuen Beruf erlernen wollen, mit und ohne Behinderungen, aus Förderschulen und zur Neuorientierung auch Menschen mit Lernschwierigkeiten. Als inklusive Schule lernen wir miteinander und gemeinsam. Alle Lehrerinnen und Lehrer haben neben ihrer pädagogischen Ausbildung auch andere Berufsausbildungen und kommen aus der freien Wirtschaft.
Seit dem 2. Dezember 2016 hat das Werkstatt-Berufskoleg die Urkunde "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage".

Nr. 20 Marktplatz

Markt 1, 59423 Unna, DE

Der Marktplatz im Stadtzentrum (Stichwort: Hanse)

Auf dem Marktplatz von Unna findet heutzutage dienstags und freitags Wochenmarkt statt. Ein Einkauf unter sonnigem Himmel von Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln, darunter viel Bio-Ware lokaler und regionaler Händler*innen, ist eine willkommene Abwechslung vom Alltags-Einkauf in Supermärkten und Shopping Malls – vom Online-Handel ganz zu schweigen. Ein Getränk und ein Schwätzchen in einem der Cafés am Markt sorgen im Anschluss für Entspannung.
Bis vor etwa 200 Jahren sah ein solcher Markttag ganz anders aus. Es ging war lebendiger und lauter zu als heute, denn hunderte von Menschen zogen durch die Stadt, zu Fuß oder mit Lasttieren und Fuhrwerken, um heranzuschaffen, was es zu verkaufen galt. Hier versorgten sich die Unnaer*innen mit den Dingen des Alltags und des gehobenen Lebensstils. Hier wurden Waren aus der Provinz feilgeboten und selbstverständlich auch anspruchsvollere Güter bis hin zu Luxusartikeln, die aus „dem Ausland“ kamen: Butter aus Holland, Stoffe aus Flandern und England, Pelze aus Russland, Wachs und Bernstein aus dem Baltikum, Wein vom Rhein oder aus Frankreich sowie Gewürze und anderes aus Ländern jenseits Europas.
Verantwortlich für das üppige Marktangebot von Waren aus so vielen entlegenen Ländern, von den die meisten Unnaer*innen kaum jemals gehört hatten, waren die Fernhändler*innen. Diese waren wohl schon im 14. Jahrhundert in der Hanse engagiert. Unna trat als Stadt erst etwa 1469 bei. Die Hanse war ein Nordeuropa umspannendes Handelsnetzwerk – von der englischen Kanalküste bis zum Ostseeraum im Baltikum. Zunächst waren es einzelne Kaufleute und ihre Familien, die sich zusammentaten, um gemeinsam die Risiken und die Profite im internationalen Handel zu teilen. Später traten ganze Städte zunächst vor allem an den Küsten der Hanse bei. Mit ihren Häfen förderten sie den Seehandel und mit bewaffneten Schiffsflotten schützten sie die Seewege vor Piraten. Der berühmt-berüchtigte Klaus Störtebeker war ein solcher Pirat, der Handelsschiffe plünderte und schließlich von bewaffneten Hanseschiffen vor Helgoland gefangen genommen wurde, um in der Hansestadt Hamburg anschließend hingerichtet zu werden.
Die Hanse verband Unna mit der Welt jenseits des westfälischen Tellerrandes. Die Unnaer Kaufleute exportierten die gefragten Waren aus der Gegend. Vor allem das Salz aus den Salinen von Königsborn war ein Handelsschlager. Aber auch Bier aus den örtlichen Brauereien spielte eine große Rolle – in Antwerpen zum Beispiel war „Onnaes Bier“ (also Unnaer Bier) bekannt und beliebt.
So wie die Unnaer Handelsleute in die nördliche Hanseregion reisten, um Geschäfte abzuschließen, so kamen auch Fernhändler*innen aus Holland, England, Schweden oder aus dem russischen Nowgorod nach Westfalen und auch nach Unna, um vor Ort Zeit-, Personal- und Finanzierungspläne aufzustellen und selbstverständlich auch um zu bezahlen oder zu kassieren. Auch wenn es in Unna keinen großen Handelskontor (eine Mischung aus Warenlager und Bürokomplex) gab, so waren die die kleinen „Handelshöfe“ der Unnaer Hansekaufleute in den Straßen rund um den Markt dennoch sehr ansehnlich. Dort residierten zum Beispiel die Familien Von Herne oder Von Büren, die auch im Rat der Stadt lange Zeit den Ton angaben. Sie waren das Ziel der fremden Kaufleute.
Wie können wir uns beispielsweise einen solchen Hansekaufmann aus dem Baltikum vorstellen? Nun, das Auffälligste an ihm: Er war vornehm gekleidet. Er trug ein farbenfrohes Wams und feinste Beinkleider aus seltenen und teuren Stoffen geschneidert (sprichwörtlich „gut betucht“) sowie eine aufwändig gestaltet Mütze. Bei Kälte kam ein Mantel aus Zobelfell hinzu, der so viel kostete wie heutzutage ein Kleinwagen. Seine Füße steckten in makellosen Schuhen aus bestem gefärbtem Leder (er hatte sprichwörtlich „Geld an den Füßen“). Die Finger waren geziert mit dem einen oder anderen Ring aus Gold und wahrscheinlich roch er nach irgendeinem Parfum (er war also sprichwörtlich „stinkreich“).
Dieser „Ausländer“, der eine slawische Sprache benutzte, mag für die meisten Leute in Unna ein wenig Angst einflößend gewesen sein, gleichzeitig aber auch ein Vorbild, ja, ein Idol – er war gebildet, hatte gute Manieren und er war unvorstellbar reich – reicher auch als die märkischen Grafen. Diese waren nämlich bei der Hansestadt Unna hochverschuldet. Wie gebildet der Mann war, konnten die Leute erfahren, wenn diese ihn ansprachen. Denn der Fernhändler konnte nicht nur in seiner Sprache antworten, sondern auch auf Englisch, Schwedisch und – geradezu ungeheuerlich – sich auch auf Niederdeutsch gut verständlich machen, also jener Sprache, die damals in Unna gesprochen wurde. Und zwar aus einem einfachen Grund: Niederdeutsch war die Handels- und Verkehrssprache der Hanse. Eine gemeinsame Sprache war also – anders als heute gedacht – nicht unbedingt eine Frage der Nationalität oder Volkszugehörigkeit, vielmehr eine Sache der sozialen Rolle.
Ein Zufallsfund im Jahre 1953 macht uns heute deutlich, wie reich die Unnaer Hansekaufleute und ihre „ausländischen“ Handelspartner waren. In diesem Jahr fand sich bei Bauarbeiten auf einem Grundstück an der Massener Straße – etwa 100 Meter vom Marktplatz entfernt - ein gewaltiger Goldschatz. Verborgen in einem Kellerfußboden kamen hunderte Goldmünzen aus dem 14. Jahrhundert ans Tageslicht: Einer der wertvollsten mittelalterlichen Schatzfunde in Europa überhaupt. Vermutlich hatte ihn ein Fernhändler dort deponiert. Das lässt sich daraus schließen, dass die Mehrzahl der Münzen nicht in Westfalen oder Deutschland, sondern in Frankreich und Flandern geprägt wurde. Wahrscheinlich gehörte die Frau oder eher der Mann zur Kaufmannsfamilie derer von Herne und war unerwartet auf eine Handelsreise verstorben – ohne seiner Sippe verraten zu haben, wo er die Barschaften zu verstecken pflegte. Nach heutigem Wert war dies ein Millionenvermögen und übertraf selbst die Einnahmen aller adligen Grundbesitzer der Gegend.
Zurück noch einmal zum Unnaer Marktplatz. Hier standen bis in die Neuzeit hinein die für Politik und Handel wichtigsten Gebäude. Am Südende befand sich das Rathaus, das bis 1833 in Funktion blieb, im Norden (zur Ecke Bahnhofstraße) lag das Gildenhaus, links daneben das Stadtweinhaus. Im Gildenhaus tagten die Zünfte aus dem Handwerk und berieten über Aufträge, Preise und vieles mehr. Im Stadtweinhaus lagerten die Weinvorräte der Stadt, die an die Bürger*innen verkauft wurden. Die Obersten der Stadt Unna kauften und verkauften zentral über die Hansekaufleute ein. Wein war zu dieser Zeit sehr wichtig. Er wurde zwar nicht in der Gegend produziert, wurde aber bis ins 16. Jahrhundert in Westfalen häufiger konsumiert als Bier. Keines von diesen Gebäuden existiert heute mehr. Und mit dem Handel nach der Blütezeit Unnas im 16. Jahrhundert ging es deutlich bergab.
Die Hanse verlor ihre Bedeutung. Mit den eher rustikalen Hansewaren ließ sich nur noch wenig verdienen. „Big Money“ wurde jetzt mit Waren aus Asien, Afrika oder der „Neuen Welt“ gemacht: Mit Tee, Kaffee, Kakao, Seide, Tabak, Reis, Zuckerrohr und auch mit Sklav*innen. Alles gestützt und geschützt durch die frühen Nationalstaaten England, Spanien, Portugal oder die Niederlande und finanziert durch Banken in London, Amsterdam oder Lissabon. Die genossenschaftlich orientierte Hanse konnte mit diesen neuen Verbindungen aus Macht und Kapital nicht mehr konkurrieren. Der letzte Hanse-Tag in Lübeck 1669 geriet zu einer bedeutungslosen Veranstaltung der letzten verbliebenden Mitglieder aus einigen deutschen Küstenstädte. Unna war zu diesem Zeitpunkt längst aus der Hanse ausgeschieden. Die einst so eleganten fremden Händler*innen blieben der Stadt fern.

Nr. 21 Erste Eisdiele in Unna

Markt 7, 59423 Unna, DE

Das Speiseeis, genau genommen die leckere Eiscreme aus unterschiedlichen Früchten oder Vanille und Schokolade, ist ohne Einwanderung praktisch undenkbar. Eiscreme ist eine italienische Erfindung. Und tatsächlich stimmt es, dass es Italienerinnen und Italiener waren, die es nach Deutschland brachten. Ein Vorurteil oder Mythos hingegen ist, dass es italienische Gasterbeiter waren, die ab den 1950er nach Deutschland kamen um im Bergbau oder Stahl zu arbeiteten und dann schließlich auf Eis »umsattelten«.
Tatsächlich kamen bereits in den 1920er und 1930er Jahren „Eismacher*innen“ aus Italien nach Deutschland, um ihre Produkte auch hier herzustellen und in kleinen Verkaufsbuden, Geschäften oder einfach aus dem heimischen „Fenster hinaus“ zu verkaufen. Vor allem Familien aus der italienischen Alpenregion, den Dolomiten, der Ursprungsregion der Eiscreme in Italien, wanderten ein und betrieben ihr traditionsreiches Handwerk. So ist es auch kein Wunder, dass sich bis heute etliche Eisdielen „Dolomiti“ nennen. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs und mit dem Ende des Bündnisses zwischen Nazideutschland und Mussolini-Italien kehrten die meisten der Eismacher*innen-Familien wieder zurück nach Italien, freiwillig oder durch Zwang, weil sie nun feindliche Ausländer*innen waren.
Erst zu Beginn der 1950er Jahre machten sie sich wieder auf den Weg nach Deutschland. Zunächst in viele Großstädte und besonders ins Ruhrgebiet. Und an dieser Stelle spielt das Thema »Gastarbeiter« tatsächlich wieder eine Rolle – denn eben jene waren auch in die Ruhrregion eingewanderten und stellten nun die ersten und verlässlichen Kund*innen dar, die – noch eher als Pizza oder Pasta – einen Teil der Kultur ihrer Heimat genießen wollten. Espresso oder eben auch Eis. Und auch das Gespräch auf Italienisch repräsentierte so ein »Stück Heimat« in der deutschen Fremde. Übrigens: Die Eisherstellung ist ein anspruchsvoller Lehrberuf und kein »Freizeitgewerbe«. In Italien ist der Beruf sehr angesehen und wer aus einer traditionellen Eismacher*innenfamilie stammt, geht noch heute nach Norditalien zurück, um dort den »Meister*innenbrief Eiskonditor*in« zu erwerben.
In Unna war die erste »Gelateria« noch kein Eiscafé im heutigen Verständnis, sondern eine „Eisdiele“. Sie befand sich in einer kleinen Gasse, die vom Markt ausging (Markt 7). Dort wurde aus einem Fenster heraus das Eis verkauft. Das war in den Anfangstagen der italienischen Eiscafés durchaus üblich: Damit die Kund*innen, vor allem Kinder, besser an das Eis herankamen, wurde ein Holzbrett (eine „Diele“) unter dem Fenster erhöht befestigt oder aufgestellt, auf die die Eishungrigen dann treten konnten… die „Eisdiele“ war also geboren.
Über die italienische Familie, die dort ihren Laden ab den frühen 1950er Jahren betrieb ist heute nichts mehr bekannt. Die Gasse zum Markt ist längst zugebaut und das Haus mit der „Eisdiele“ vor Jahrzehnten abgerissen.

Nr. 22 Türkisch Islamische Gemeinde zu Unna e. V.

Höingstraße 22, 59425 Unna, DE

Die „Türkisch Islamische Gemeinde zu Unna e. V.“ wendet sich an Menschen islamischen Glaubens, die hier Ansprechpartner*innen und in der Moschee einen Raum zum Gebet finden. Die Gemeinde setzt sich aktiv für den Austausch mit der Nachbarschaft und Menschen unterschiedlichen Glaubens ein.
Schon seit vielen Jahren veranstaltet die Gemeinde hier im Frühjahr eine Kermes, zu der Gemeindemitglieder, Nachbarn und alle Unnaer Bürger*innen geladen sind.
Adresse:
Höingstr. 20
59425 Unna

Nr. 23 Zentrale Wohneinrichtung für Geflüchtete

Höingstraße 24, 59425 Unna, DE

»Ich fühle mich jetzt so, dass ich neu geboren bin!«
Nazir (*) erzählt Euch seine Geschichte

Nazir Ahmad floh mit 16 Jahren Ende 2015 aus Afghanistan. Nazir ist Paschtune. Wie viele andere jungen Paschtunen auch wurde er von der Taliban gedrängt, diese zu unterstützen und ein Teil der Organisation zu werden. Nazir wollte das nicht. Mit Hilfe seines Vaters und seines Onkels verließ er Afghanistan und floh über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan nach Deutschland, wo er in München ankam.
In der weiteren »Verteilung« von Geflüchteten in Deutsch-land wurde er über Gießen in den Kreis Unna geschickt, wo er als sogenannter »umF« (unbegleiteter minderjähriger Flücht-ling) zunächst in Kamen in einer Jugendhilfeeinrichtung wohnte und betreut wurde. Später zog es ihn nach Unna. Nazir stelle einen Asylantrag. Erfolgreich – er besitzt einen Aufenthaltstitel.
Nazir schloss erfolgreich die Realschule ab. Eine zunächst begonnene Ausbildung als Hotelkaufmann entsprach schließlich nicht seinen Vorstellungen und er wechselte auf einen Ausbil-dungsplatz nach Dortmund, wo er sich nun zum Kaufmann für Büromanagement ausbilden lässt.
Europa war sein ausgewähltes Fluchtziel, ein besonderes Land hatte er nicht im Kopf – er wäre auch für »Italien und Schweden« dankbar gewesen. Dass es Deutschland geworden ist war nicht seine Entscheidung, sondern die, der Behörden, die ihn Im Dezember 2016 in den Kreis Unna schickten. Hier fühlt er sich »so normal, so wie andere Mitbürger in Deutschland. Ich habe mich jetzt halt integriert«, sagt er.
In Deutschland ist das Leben, wie in einer anderen Welt im Vergleich zu Afghanistan, vom dem er sagt, sie seien dort »30 Jahre zurück«. Und hier fühlt er sich auch zugehörig: »Ich fühle mich jetzt so, dass ich neu geboren bin! (…) Ich fühle mich so wie ein Deutscher oder wie einer, der hier geboren ist.« Nazir möchte nichts anderes, als ein normales Leben führen, eine Ausbildung machen, zur Arbeit gehen, eine Familie gründen.
Und er findet, dass die Menschen in Deutschland und in Un-na tolerant sind: »Jeder akzeptiert so jeden, wie er ist (…). Nicht so wie in Afghanistan wo sie sagen: Du bist Pashto, du bist Ha-zara, du bist Tadschike, du bist Usbeke...«.

(*) Auf Wunsch des Interviewten wurde der Name durch das Projekt geändert

Das komplette Interview können Sie hier hören oder lesen: https://www.fluchtwege-unna.de/flucht-aus-afghanistan

Nr. 24 Zwangsarbeiter*innen - Stellvertretender Ort für Industriebetriebe in Unn

Hellweg 31-33, 59423 Unna, DE

Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

Der zweite Beitrag an dieser Station widmet sich der Zwangsarbeit im deutschen Faschismus über die Grenzen Unnas hinaus. Dies mag an dieser Stelle wichtig sein, um sich die Dimension eines der schlimmsten Kapitel von kalkulierter Zwangsmigration der Menschheitsgeschichte, von millionenfacher Ausbeutung, von Leid und Tod, besser vorstellen zu können.
Zwischen 1939 und 1945 kamen viele Millionen Menschen mit ausländischer Herkunft in das faschistische Deutschland. Die Eroberungen der Wehrmacht waren auch eine „Eroberung“ von Menschen, Zivilist*innen und Kriegsgefangene, die aus den besetzten Ländern und Regionen ins Reichsgebiet deportiert wurden. Insgesamt waren es in diesem Kriegszeitraum etwa 14 Millionen! Zum „Stichtag“ 31. August 1944 waren es allein knapp 8 Millionen registrierte Kriegs- und KZ-Gefangene ausländischer Herkunft sowie zivile Sklavenarbeiter*innen. Die deutliche Diskrepanz der Gesamtzahlen im Krieg mit diesem Stichtag erklärt sich auf grausame Weise. Wurden die nicht mehr arbeitsfähigen Zwangsarbeiter*innen in ihre Heimatländer zurückgeschickt? Ja, das kam schon vor. Bei zivilen Kräften aus einigen westeuropäischen Staaten zum Beispiel gab es einen gewissen „Austausch“. Aber der Grund ist ein anderer: Vor allem die in den Reichsgrenzen befindlichen rund 2 Millionen sowjetische Kriegsgefangenen sowie die KZ-Gefangenen mussten sich im Sinne des Wortes „zu Tode arbeiten“. Sie bekamen nur unzureichend zu Essen und praktisch keine medizinische Versorgung. Sie verhungerten oder starben vorzeitig an Krankheiten, gegen die ihre ausgezehrten Körper nichts mehr entgegenzusetzen hatten – „Vernichtung durch Arbeit“ hieß das im Nazi-Jargon.
Der Anteil der zur Zwangsarbeit gepressten Menschen machte bis zu 30 Prozent der gesamten Arbeitsbevölkerung in Deutschland aus. In der Landwirtschaft war der Anteil sogar noch höher (hier waren etwa die Hälfte Mädchen und Frauen) als in der Industrie. Seit der Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert hatte es so etwas nicht mehr gegeben und dies bleibt bis heute weltweit einzigartig. Ohne diese Zwangsarbeit wären die Landwirtschafts- und Industrieproduktion und damit auch die gesamte Kriegswirtschaft der Nazis völlig zusammengebrochen. Sie ersetzten die Millionen gefallenen oder an der Front befindlichen deutschen Soldaten an ihren früheren Arbeitsplätzen und im weiteren Kriegsverlauf auch die die durch den Bombenkrieg getötete oder nicht mehr arbeitsfähige deutsche Zivilbevölkerung. Ein grausames Kalkül der NS-Politik.
An dieser Stelle muss jedoch das Kapitel der Zwangsarbeit noch einmal deutlich erweitert werden. Bislang ging es nämlich um die Deportation von Menschen ins das ehemalige deutsche Reichsgebiet. Die gesamte Zahl durch Zwangsarbeit entwurzelter Menschen ist aber weitaus höher! Es geht um weitere Millionen Menschen, die unter der Naziherrschaft von einem Land in ein anderes geschafft oder innerhalb ihres Heimatlandes verschleppt wurden. Allein über 22 Millionen gefangener Sowjets wurden innerhalb der eroberten Gebiete zur Zwangsarbeit deportiert und oder nach Polen, Rumänien oder ins Baltikum verschafft. Die meisten von ihnen überlebten die Torturen der Zwangsarbeit nicht.
Insgesamt war Nazideutschland verantwortlich für mindesten 45 Millionen Menschen, die für die Zwecke der Zwangsarbeit umgesiedelt oder deportiert wurden.
Mit der Befreiung von der Nazidiktatur im Mai 1945 hatte die Zwangsarbeit ein Ende. Das Leid der befreiten Überlebenden allerdings nicht. Viele blieben lebenslang traumatisiert und auch körperlich gezeichnet. Und mehr noch: Viele ehemaliger Zwangsarbeiter*innen hatten keine Heimat mehr. Ihre Städte waren zerstört, Länder verwüstet, die Familie umgekommen. Und etliche hatten keine Dokumente mehr, die ihre Staatszugehörigkeit hätte klären können. In die nun von den Sowjets kontrollierten Staaten wollten viele Zwangsarbeiter*innen auch oft nicht zurück. Zehntausende lebten für Monate und manchmal Jahre als „DP’s“ (Displaces Persons) eher widerwillig versorgt von den ehemaligen Siegermächten in den gleichen Lagern, in denen sie zuvor durch die Nazis eingesperrt worden waren. Um dieser Kasernierung zu umgehen zogen manche von Staat zu Staat durch Europa auf der Suche nach einem neuen Heim, nach Arbeit und Frieden. Besonders den überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen traf ein furchtbares Schicksal. Nach dem Jalta-Abkommen mussten diese wieder an die Sowjetunion übergeben werden – und dort wurden die meisten als »Kollaborateure« diskriminiert. Stalin deportierte sie ein weiteres Mal, nun in sibirische Lager, um sie durch erneute Zwangsarbeit eine vermeintliche „Schuld“ abarbeiten zu lassen. Die Mehrheit überlebte diese Tortur nicht.
Dieses Kapitel der Zwangsarbeit bis 1945 ist in Deutschland ist erst spät „aufgearbeitet“ worden. Vor allem Ehrenamtliche, Schulen, teilweise auch die Kirchen engagierten sich hier ab den 1980er Jahren und forschten nach, was vor Ort in den Kommunen und Unternehmen in der NS-Zeit geschah. In nicht wenigen Fällen gegen den Widerstand von Vertreter*innen der Lokalpolitik und von Wirtschaftsunternehmen. Der Grund liegt eigentlich auf der Hand: Niemand wollte Verantwortung übernehmen und seine eigene Schuld bekommen – stattdessen verwies man darauf, dass die Nazis dies ja alles „befohlen“ hätten und sie selbst ja in Wirklichkeit eher Nazigegner gewesen seien und Zwangsarbeiter*innen geholfen hätten. Nun, dies stimmt gelegentlich – in der Regel aber eben nicht. Vielmehr waren es in vielen Fällen die Industriebetriebe selbst, die Zwangsarbeiter*innen bei den Nazi-Behörden oder SS direkt anforderten. Und zwar oft mehr, als ihnen zustand. Betriebe bereicherten sich an der Zwangsarbeit. In großem Maßstab! Sie selbst waren verantwortlich für die unmenschlichen Lebensbedingungen in der Zwangsarbeit, für zu geringe Essensrationen, unterschlagene „Löhne“, rigide Strafen und vieles mehr.
Gab es nie eine Wiedergutmachung gegenüber den Opfern der Zwangsarbeit? Um es klar zu sagen: Seitens der Bundesrepublik durchaus – seitens der deutschen Wirtschaft: wenig bis kaum. Und wenn, dann gab es dazu einen besonderen Anlass. Und dieser hatte wenig mit freiwilliger Wiedergutmachung zu tun. Vielmehr hatten die Alliierten angeordnet, dass deutsche Handels- und Industrieunternehmen als ehemalige „Verbündete Hitlers“ keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang auf dem Weltmarkt haben dürften. Um dieses Verbot aufzuheben verhandelten einige Unternehmen mehr oder weniger geheim mit den USA und ausgewählten Opfervertreter*innen vergleichsweise lächerlichen Summen aus, mit denen sie sich dann „freikauften“. So konnten sie mit Milliardengeschäften als Global Player wieder „mitspielen“. Personen und Firmennamen, die auch für Unna hier eine Rolle gespielt haben, müssen aus rechtlichen Gründen hier entfallen.

Nr. 26 Flüchtlingsberatung des Caritasverband für den Kreis Unna

Höingstraße 5-7, 59425 Unna, DE

In der sozialen Beratung von Geflüchteten wird Menschen ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus geholfen.
Das Angebot umfasst vor allem folgende Hilfen:
- Klärung der individuellen Bedingungen und Fähigkeiten
- Beratung im Integrationsprozess / Klärung von Ansprüchen auf staatliche Hilfen
- Vermittlung zu Sprachkursen
- Begleitung von Initiativen von und für Flüchtlinge
- Vernetzung von Diensten
- Arbeit mit Ehrenamtlichen
- Unterstützung von Selbstorganisationen
- gemeinwesenorientierter Projektarbeit
Mehr Infos: https://www.caritas-unna.de/migration/temporaere-integration/temporaere-integration

Nr. 27 Café Weltoffen/Initiative Ehrenamt

Gerhart-Hauptmann-Straße 12, 59423 Unna, DE

Der Treffpunkt und das Café „WeltOffen“ ist eine Initiative von ehrenamtlichen Bürger*innen in Unna, die Geflüchteten die Integration in dieser Stadt erleichtern möchten. Die Ehrenamtlichen sind Deutsche bzw. deutschsprachige Menschen – genau so, wie Migrant*innen, die die Herkunftssprachen und Kulturen von Geflüchteten und Einwander*innen gut kennen.
Hier vor Ort treffen sich Menschen aus verschiedenen Kulturen zum Austausch. Es wird zusammen Kaffee und Tee getrunken, gemeinsam gespielt und sie einfach „ausgetauscht“ über aktuelle Probleme oder Alltagserfahrungen. Häufig sind Kinder im Café, die Spielkamerad*innen finden oder sich mit den „Großen“ beschäftigen.
Miteinander wächst eine Atmosphäre des Vertrauens und der Gemeinschaft. Zusammen finden die Ehrenamtlichen mit den Migrant*innen Lösungen für vielfältige Probleme oder vermitteln zu kompetenten Ansprechpartner*innen. Typische Themen sind: Hilfe beim Verstehen und Bearbeiten von offiziellen Schreiben, Kontakt zu Ämtern, Suche von Kindergartenplätzen oder Hilfe bei der Wohnraumsuche und Einrichtung von Küchen. Es wird individuell Hausaufgabenhilfe und Nachhilfe für Schüler*innen angeboten.
Viel Freude machen allen die besonderen Aktionen. Es gibt eine Gartengruppe mit einem großen Gemüsegarten. Es wird zusammen gekocht und ein Schwimmunterricht für Frauen angeboten. Dazu kommt der Spieletreff „Spiel mit“, in dem gemeinsam Gesellschaftsspiele gespielt werden und ein Treffen für Senioren aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen. Ausflüge, z.B. in Zoos oder Tierparks, werden geplant und angeboten. Erwachsene und Kinder werden durch die Ehrenamtlichen Helfer*innen unterstützt, um an den vielfältigen Angeboten in der Stadt Unna teilzunehmen und ein Überblick über deren Angebote gegeben wird. Die Eherenamtler*innen haben hier auch die Aufgabe der Vermittlung und Begleitung. So kann der Treffpunkt „Türöffner“ in die Stadtgesellschaft sein und die Integration von Geflüchteten bzw. Migrant*innen fördern. In Kooperation mit anderen Initiativen und Einrichtungen werden interkulturellen Veranstaltungen mitgestaltet und besucht.
Bei „WeltOffen“ sind alle willkommen und zu den Öffnungszeiten stets herzliche eingeladen. Der Text zu diesem Standort entstand in Zusammenarbeit von Fluchtwegen mit den Ehrenamtlichen dieser Inititaive.

Nr. 28 Asylverfahrensberatung unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Gerhart-Hauptmann-Straße 29, 59423 Unna, DE

An dieser Stelle muss mit einem Gerücht aufgeräumt werden. Immer wieder wird behauptet, dass viele Minderjährige, vor allem männliche Jugendliche, nach Deutschland geschickt werden, um von hier aus ihre Familie „nachzuholen“. Und mehr noch: Überdies seien minderjährige Unbegleitete auch für den deutschen Staat besonders teuer. So wird behauptet, dass ein einzelner minderjähriger Flüchtling in einer Betreuungseinrichtung „den Steuerzahler“ 100.000 Euro und mehr pro Jahr kosten würde.
Stimmt das? Nun, checken wir dazu die Fakten: Im Jahr 2015, zur Hochzeit der Flucht aus Syrien, Irak und Afghanistan kamen rund 95.000 unbegleitete Minderjährige – allerdings nach ganz Europa! Nach Deutschland kamen 14.000. Zum Vergleich: Das viel kleinere Schweden nahm 2015 über 35.000 von ihnen auf. Und noch ein Vergleich: Die meisten der minderjährigen Geflüchteten, nämlich über 90 Prozent, kamen und kommen in Begleitung ihrer Eltern oder eines Elternteils – sind also nicht gar nicht unbegleitet. Insgesamt nimmt die Anzahl der in Obhut genommenen jungen Geflüchteten in Deutschland seit 2015 aber kontinuierlich ab. 2019 waren es noch ca. 8.500, 2020 etwa 7.500, Tendenz weiter fallend.
Nur wenige Minderjährige können überdies von ihrem Recht Gebrauch machen, ein Elternteil und weitere Familienangehörige aus dem Herkunftsland nachziehen zu lassen. Bis Minderjährige ihre eigene Asylanerkennung bekommen, weitere Anträge gestellt und andere Vorbereitungen getroffen werden, vergehen Monate und oft Jahre. Zudem sind die gesetzlichen Voraussetzungen sehr streng und die Kosten für eine Familienzusammenführung, die die Betroffenen selbst aufbringen müssen, viel zu hoch, sodass überhaupt nur sehr wenige Väter oder Mütter aus den Heimatländern nach Deutschland reisen dürfen.
Es ist indes Richtig, dass fast 90 Prozent der in Obhut genommenen jungen Geflüchteten männlich sind. Warum? Dafür gibt es einen wesentlichen Grund: Die Mehrheit der geflüchteten Minderjährigen kam und kommt aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern wie Syrien, dem Irak, Afghanistan und Somalia. Dort werden junge Männer regelmäßig zum Kriegsdienst in eine Armee, Miliz, Rebellen- oder Terrortruppe gepresst. Wir müssen uns das so vorstellen: In Syrien beispielsweise kam an einem Tag die syrische Armee in die Wohnhäuser oder Schulen und verlangten die „Herausgabe“ der jungen Männer. Am nächsten Tag war es die al-Nusra-Front, am übernächsten der IS. Wollten die Familien ihre Söhne nicht ausliefern, mussten sie ein Lösegeld bezahlen. Immer und immer wieder. Wer kann es also den jungen Männern verdenken, lieber zu flüchten, als in einem mörderischen Bürgerkrieg für irgendeine der Parteien zu töten und getötet zu werden? Wer kann es den Eltern verdenken ihre Kinder zu schützen und außer Landes in Sicherheit zu bringen?
Zu den Kosten: Ein Platz in einer Jugendhilfeeinrichtung kostet zwischen 2.000 und 4.000 Euro im Monat, je nach Art und Intensität der Betreuung. Und einen Kostenunterschied zwischen geflüchteten und anderen Minderjährigen gibt es nicht. Allen steht das Gleiche zu. Das ist gesetzlich klar geregelt.

Nr. 33 Bahnhof Unna

Bahnhofstraße 74, 59423 Unna, DE

Nr. 35 Philia Deutsch-Griechischer Verein Unna e.V.

Massener Straße 14, 59423 Unna, DE

An dieser Station finden Sie den deutsch-griechischen Verein „Philia“. Das griechische Wort „Philia“ bedeutet so viel wie „Liebe, Zuneigung“ aber auch „Freundschaft“ – Liebe und Zuneigung also zum Heimatland und seiner Kultur, aber auch zu Deutschland und Unna – und Freundschaft eben zwischen den Menschen hier und dort. „Fluchtwege“ nimmt diese Station zum Anlass, hier die Geschichte der griechischen Einwanderung seit den 1960er Jahren zu erzählen und sich damit auch erneut dem Stichwort „Gastarbeiter“ zu widmen. Allerdings trifft dieser Begriff „Gastarbeiter“ für griechische Einwander*innen nur teilweise und in vielen Fällen überhaupt nicht zu. Der Grund dafür liegt in einem – leider weitgehend vergessenen oder verdrängten – Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte.
Aber zunächst tatsächlich zur Einwanderung von vorwiegend griechischen Männern in den frühen 1960er Jahren: Aufgrund des großen Arbeitskräftebedarf schloss die Bundesrepublik im Jahre 1960 mit Spanien und gleichzeitig mit der griechischen Regierung einen Anwerbeabkommen ab. Nach Italien (1955) waren somit Arbeitskräfte aus Griechenland mit die ersten neuen ausländischen Kolleg*innen hier vor Ort in Kohle, Stahl und Co. Bis 1962 kamen bis zu 80.000 vor allem aus den ländlichen Regionen des Landes: Aus Thessalien, Makedonien oder der Peloponnes. Allerdings setzte bereits kurze Zeit später eine enorme Rückwanderungswelle ein. Bis 1965-66 waren die meisten „Gastarbeiter“ aus Griechenland schon wieder ausgereist. Viele konnten sich mit den vorgefundenen Arbeits- und Lebensbedingungen und den oft deutlich zu niedrigen Löhnen nicht anfreunden. In Unna wohnten viele von ihnen in engen Werksunterkünften oder in unsanierten Altbauwohnungen in Massen, Königsborn oder in Zentrumsnähe. Umso überraschender aus heutiger Perspektive zog plötzlich ein Jahr später, nämlich 1967, die griechische Einwanderung nach Deutschland wieder enorm an. Auf Spitzenwerte mit bis zu 100.000 Menschen jährlich.
Waren dafür nun bessere Löhne in der hiesigen Industrie der Auslöser? Keineswegs. Verantwortlich war der Putsch einer Militärjunta 1967 in Griechenland. Die sogenannte „Obristen-Diktatur“ aus rechtsnationalen und antimodernistischen Militärs. Sie verhaftete Tausende Sozialist*innen, Liberale, Gewerkschafter*innen, Journalist*innen. Wer auch immer ihnen suspekt war, steckten die „Obristen“ in Lager und Gefängnisse. Viele wurden auch außer Landes gedrängt und ihre griechische Staatsbüger*innenschaft per Gesetz entzogen. Etwas, was übrigens in Deutschland nicht möglich ist. Die Demokratie, die in Griechenland ihre uralten Wurzeln hat, wurde abgeschafft.
Viele der vermeintlichen „Gastarbeiter“ ab 1967 waren in Wirklichkeit also eher politische Flüchtlinge, die aus Angst vor Verfolgung auswanderten oder nicht gemeinsame Sache mit einem unterdrückerischen Regime in ihrem Heimatland machen wollten. Und wer in der Heimat „politisch“ ist, der bleibt es auch oft in der „Fremde“. So wundert es auch kaum, dass es griechische Einwander*innen waren, die im Ruhrgebiet erste Kulturvereine gründeten, in denen man auch offen über die politischen Entwicklungen in Griechenland sprechen konnte. Dort war dies nämlich verboten. Und viele Griechinnen und Griechen beteiligten sich auch recht früh gesellschaftlich in Deutschland: Fast jede eine größere Firma im Ruhrgebiet und natürlich auch in Unna hatte griechische Betriebsräte oder Gewerkschafter*innen.
Die Rückwanderung von Griech*innen hielt sich zunächst in Grenzen. Diese begann erst verstärkt 1974 – dem Jahr, in dem die Militärjunta – nach einer blutigen Niederschlagung von Studierenden-Unruhen in Athen und einen Putschversuch auf Zypern – sich nicht mehr halten konnten und gestürzt wurde.
Das Thema „Gastarbeiter“ spielte in den 1960er und 1970er Jahren kaum eine Rolle. Die wenigsten Deutschen interessierten sich für deren Leben und begrüßten den Anwerbestopp im Jahre 1974 mehr oder weniger offen. „Integration“ spielte in Politik und Kulturbetrieb eine geringe Rolle. Daher überraschte es, als 1975 ein Musikprodukt die Spitzenplätze der Hitparaden stürmte: nämlich Udo Jürgens „Griechischer Wein“. Es war das erste Mal, dass sich die deutsche Populärkultur überhaupt mit „Gasterbeitern“ nennenswert beschäftigte. Das für damalige Verhältnisse sozialkritische Lied, das auch auf Griechisch veröffentlicht wurde, beschreibt die Sehnsucht und das Heimweh griechischer „Gastarbeiter“. Es wurde ein Riesenerfolg. Auch politisch! Und das besonders in Griechenland, das sich mit dem Schicksal ihrer Ausgewanderten in der Fremde immer beschäftigt hatte. Als besondere Ehrung dafür, dass sich Jürgens mit den Problemen der „Gastarbeiter“ auseinandergesetzt hatte, wurden er und sein Songtexter Michael Kunze nach Athen eingeladen. Durch Konstantinos Karamanlis, dem ersten nach der Diktatur demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Griechenlands.
Zurück in die Gegenwart: Auch heute noch wandern viele Menschen aus Griechenland nach Deutschland ein. Von „Gastarbeitern“ spricht niemand mehr. Wie viele in den letzten Jahren in die Region und nach Unna gekommen sind ist schwer zu sagen. Die sogenannte „EU-Migration“ lässt sich statistisch in den Kommunen nur unzureichend erfassen. Dabei ist die Auswanderung aus Griechenland dramatisch! Seit Beginn der Finanzkrise in Griechenland 2009/2010 haben rund zehn Prozent aller Griech*innen, vor allem junge Menschen, ihr Land verlassen. Mehr als 170.000 kamen nach Deutschland…. Zeit für einen neuen Song?

Nr. 36 Regionale Flüchtlingsberatung im Kreis Unna

Gerhart-Hauptmann-Straße 29, 59423 Unna, DE

Im Hause Gerhart-Hauptmannstraße 29 im Zentrum von Unna befindet sich die Regionale Flüchtlingsberatung der Werkstatt im Kreis Unna, einem Sozial- und Bildungsträger.
Die Kolleg*innen der Regionalen Beratung sind durch das NRW-Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration beauftragt, geflüchteten Menschen in jeder Hinsicht zu Helfen und sie bei rechtlichen, sozialen und auch lebenspraktischen Aspekten oder Problemen zu beraten und zu unterstützen.
An die Beratungsstelle wenden sich Geflüchtete aus vielen Fluchtnationen – aus afrikanischen Staaten, wie Guinea oder dem Kongo, aus dem Nahen Osten, hier zum Beispiel aus Syrien oder dem Irak oder auch aus Asien, wie z.B. Afghanistan oder Pakistan. Und selbstverständlich auch aus der Ukraine. Beraten werden alle. Ausgenommen sind Menschen, die nicht aus Fluchtnationen stammen, wie z.B. Bürger*innen der Europäischen Union.
Im Mittelpunkt der Beratungen stehen vor allem rechtliche und soziale Probleme, mit denen Flüchtlinge zu kämpfen haben: Von der Prüfung von Bescheiden des Bundesamtes für Migration und ihrer sozialen Leistungen, über die Aufarbeitung der Fluchtgeschichten bis zur Planung der nächsten Schritte der Schul-, Ausbildungs- und Berufskarriere, die im Zusammenhang mit dem Aufenthaltsrecht möglich ist. Hinzu kommen zum Beispiel die Planungen von Familienzusammenführungen aus dem Ausland, aber auch Hilfen bei der Beschaffung von ausländischen Dokumenten oder Pässen und beim Ausfüllen von Anträgen sowie die Erstellung von Einsprüchen und Klagen bei Ämtern und Gerichten.
Die Berater*innen stehen zusammen mit Geflüchteten in engen Kontakt mit deutschen oder ausländischen Ämtern, wie zum Beispiel der Ausländerbehörde und dem Jobcenter, aber auch mit Botschaften, Schulen, sozialen Einrichtungen, politischen Gremien, Anwält*innen, Richter*innen, Arbeitgeber*innen und vielen, vielen Ehrenamtlichen Helfer*innen. So vielfältig wie die Aufgaben der Berater*innen für und mit Geflüchteten sind, so vielfältig müssen auch deren Kenntnisse sein. In der Regel sprechen die Berater*innen neben Deutsch auch Englisch und Französisch – es können aber auch Dolmetscher*innen für andere Sprachen hinzugezogen werden. Und sie müssen im Sozial- und Ausländerrecht stets auf dem neuesten Stand sein und über ein gutes Netzwerk von professionellen und freiwilligen Expert*innen verfügen. Aber wissen und Kenntnisse allein genügen nicht, gefragt ist auch ein sensibler und respektvoller Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. Das ist notwendig und sehr wichtig! Im Grunde treffen die Geflüchteten auf Berater*innen die eine Art „Mischung“ aus Sozial- und Kulturexpert*innen und Rechtsberater*innen darstellen. Und genau wie Anwält*innen besitzen die Berater*innen die sogenannte „Rechtsauskunftsfähigkeit“.
Die Regionale Beratung kann von allen erwachsenen Geflüchteten aufgesucht werden. Minderjährige werden durch eine besonders ausgebildete Beratung betreut, die sich ebenfalls an diesem Standort befindet. Eine weitere Regionale Flüchtlingsberatung betreibt im Auftrag des Ministeriums die Caritas. Diese befindet sich bei Station 26 in der Höingstraße.

Ansprechperson:
Michael Koch
Telefon: 02303 9599043
mobil: +49 176 12805042
fluechtlingsberatung@werkstatt-im-kreis-unna.de

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